Aufgabe Vorschlag B - Teil II Aufgabe 4 · Abitur Hessen Altgriechisch LK 2021

Thema: Werkübergreifend: Zorn, Rache, Götter und Gerechtigkeit · Aus der Prüfung LK (2021)

Aufgabenstellung

II Interpretation

4

Diskutieren Sie, inwieweit Aristoteles’ Aussagen zur Entstehung und zu den Auswirkungen von Zorn auf Achill in der Ilias und auf Elektra in Euripides’ gleichnamiger Tragödie zutreffen (Material 4). [30 BE]

Material 4: Zorn und seine Auswirkungen

Vorbemerkung: In seiner Abhandlung Nikomachische Ethik erläutert Aristoteles unter anderem verschiedene Arten und Auswirkungen von Zorn:

1 Wer da zürnt, wo der Anlass und die Personen den Zorn rechtfertigen, wer in der rechten Weise, zur

2 rechten Zeit und die rechte Zeitdauer hindurch zürnt, dessen Verhalten findet Billigung; […] das

3 bedeutet, dass man sich nicht aufregen, von der Leidenschaft sich nicht hinreißen lässt, sondern in der

4 Weise seinem Zorn Raum gibt, wie rechte Vernunft es gebietet, bei dem gegebenen Anlass und die

5 rechte Zeitdauer hindurch. […] Verbittert ist der schwer zu Versöhnende, der lange den Zorn festhält;

6 er verschließt die Erregung in seinem Innern und hört damit erst auf, wenn er Vergeltung geübt hat.

7 Denn geübte Vergeltung beschwichtigt die Erregung, indem sie das Gefühl des Schmerzes durch ein

8 Gefühl der Befriedigung ersetzt. Geschieht das nicht, so wirkt der Druck weiter. Denn da die Erregung

9 nicht offen heraustritt, so kann einem solchen auch keiner gut zureden […]. Diese Art von Menschen

10 ist sich selbst und den vertrautesten Freunden die schwerste Last.

Aristoteles, Nikomachische Ethik, 1125 b 31 – 1126 a 26, Übersetzung nach Adolf Lasson.

Aufgabenstellung: Aufgabe Vorschlag B - Teil II Aufgabe 4 · Abitur Hessen Altgriechisch LK 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

Diskutieren Sie, inwieweit Aristoteles’ Aussagen zur Entstehung und zu den Auswirkungen von Zorn auf Achill in der Ilias und auf Elektra in Euripides’ gleichnamiger Tragödie zutreffen (Material 4).

Lösung: Eine vollständige Diskussion umfasst: - Einleitende Zusammenfassung der aristotelischen Zorn-Theorie (gebilligter/vernunftgeleiteter Zorn vs. verbitterter, destruktiver Zorn, der nach Vergeltung strebt). - Diskussion bezüglich Achill: Anlass und Kränkung sind begründet, aber Maßlosigkeit und Dauer sprengen die Vernunft; Festhalten am Groll wird zur Last für ihn selbst und seine Freunde (Verluste der Achaier, Tod des Patroklos); Vergeltung an Hektor beschwichtigt den Zorn zunächst nicht vollständig, sondern erst die Versöhnung mit Priamos. - Diskussion bezüglich Elektra: Verbitterung durch Ermordung des Vaters und soziale Erniedrigung; planvolle, unerbittliche Rache an Klytaimnestra; die Vergeltung führt zur Befriedigung des Rachebedürfnisses, jedoch nicht zur inneren Katharsis ohne schwere Schuld/Erregung. - Fazit: Beide Figuren verkörpern den leidenschaftlich entfesselten, verbitterten Zorn, nicht den von rechter Vernunft beherrschten.

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