Aufgabe Vorschlag C - Teil II.2 · Abitur Hessen Altgriechisch GK 2022

Thema: Platon, Symposion: Eros, Seele und Tugend · Aus der Prüfung GK (2022)

Aufgabenstellung

Material

Vorbemerkung

Alkibiades hält eine Lobrede auf Sokrates' Schönheit. Sein Äußeres habe, so sagt er, zwar mehr Ähnlichkeit mit einem Satyr, aber die wahre Schönheit strahle aus dem Inneren. Genau wie der Satyr Marsyas die Welt mit seiner Musik verzaubere, so beeindrucke Sokrates durch seine Worte:

1 Ὅταν γὰρ ἀκούω, [...] ἥ τε καρδία πηδᾷ καὶ δάκρυα ἐκχεῖται ὑπὸ τῶν λόγων τῶν

2 τούτου, ὁρῶ δὲ καὶ ἄλλους παμπόλλους τὰ αὐτὰ πάσχοντας. Περικλέους δὲ

3 ἀκούων καὶ ἄλλων ἀγαθῶν ῥητόρων εὖ μὲν ἡγούμην λέγειν, τοιοῦτον δ’ οὐδὲν

4 ἔπασχον· οὐδ’ ἐτεθορύβητό μου ἡ ψυχὴ οὐδ’ ἠγανάκτει ὡς ἀνδραποδωδῶς

5 διακειμένου, ἀλλ’ ὑπὸ τουτουῒ τοῦ Μαρσύου πολλάκις δὴ οὕτω διετέθην, ὥστε

6 μοι δόξαι μὴ βιωτὸν εἶναι ἔχοντι ὡς ἔχω. καὶ ταῦτα, ὦ Σώκρατες, οὐκ ἐρεῖς, ὡς

7 οὐκ ἀληθῆ. καὶ ἔτι γε νῦν σύνοιδ’ ἐμαυτῷ, ὅτι, εἰ ἐθέλοιμι παρέχειν τὰ ὦτα, οὐκ

8 ἂν καρτερήσαιμι, ἀλλὰ ταὐτὰ ἂν πάσχοιμι. ἀναγκάζει γάρ με ὁμολογεῖν, ὅτι

9 πολλοῦ ἐνδεὴς ὢν αὐτὸς ἔτι ἐμαυτοῦ μὲν ἀμελῶ, τὰ δ’ Ἀθηναίων πράττω. βίᾳ

10 οὖν ὥσπερ ἀπὸ τῶν Σειρήνων ἐπισχόμενος τὰ ὦτα οἴχομαι φεύγων, ἵνα μὴ αὐτοῦ

11 καθήμενος παρὰ τούτῳ καταγηράσω. πέπονθα δὲ πρὸς τοῦτον μόνον ἀνθρώπων

12 [...] τὸ αἰσχύνεσθαι ὁντινοῦν· ἐγὼ δὲ τοῦτον μόνον αἰσχύνομαι.

Übersetzungshilfen

Z. 1 · ὅταν – jedesmal wenn

ἀκούω m. Gen. – jmdn./etw. hören, ergänze als Objekt: τοῦ Σωκράτους

πηδάω – hüpfen, pochen

δάκρυα ἐκχεῖται – Tränen werden hervorgelockt ( ὑπό m. Gen.: von etw.)

Z. 2 · τούτου = τοῦ Σωκράτους

ὁράω m. AcP – sehen, dass

παμπόλλους = πολλούς

ὁ Περικλῆς, -έους – Perikles ( berühmter athenischer Staatsmann und Redner)

Z. 3 · ἀκούων – Nom. Sg. mask. Part. Präs. Akt. von ἀκούω (siehe oben Z. 1), ergänze als Objekte: [τοῦ] Περικλέους [...] καὶ ἄλλων ἀγαθῶν ῥητόρων ( Z. 2/3)

εὖ μὲν ἡγούμην λέγειν = ἡγούμην μὲν [αὐτοὺς] εὖ λέγειν

ἡγούμην – 1. Sg. Ind. Impf. Med. von ἡγέομαι (m. AcI: glauben, dass)

τοιοῦτον = τοιοῦτο ( bezieht sich auf die in Z. 1/2 beschriebene Wirkung des Sokrates)

Z. 4 · οὐδ’ ἐτεθορύβητό [...] οὐδ’ ἠγανάκτει – ordne:

οὐδ’ ἐτεθορύβητο οὐδ’ ἠγανάκτει ἡ ψυχή μου

ἐτεθορύβητο – 3. Sg. Ind. Plpf. Pass. von θορυβέομαι (hier: aufgewühlt werden)

ἠγανάκτει – 3. Sg. Ind. Impf. Akt. von ἀγανακτέω (betrübt sein)

Z. 4/5 · ὡς ἀνδραποδωδῶς διακειμένου – in der Meinung, dass ich mich in einem sklavischen Zustand befände

Z. 5 · τουτουῒ = verstärktes τούτου

ὁ Μαρσύας, -ου – Marsyas ( ein Satyr oder Silen, der im musikalischen Wettstreit den Gott Apoll besiegte; gemeint ist Sokrates)

οὕτω διετέθην – ich wurde in einen solchen Zustand versetzt

Z. 5/6 · ὥστε [...] ὡς ἔχω – dass es mir schien, dass ich kein lebenswertes Leben führte, wenn es um mich so stehe, wie es steht

Z. 6 · ταῦτα – Accusativus Graecus

ἐρεῖς, ὡς – du wirst sagen, dass

Z. 7 · ἀληθῆ – ergänze: ἐστίν

σύνοιδ[α] ἐμαυτῷ – ich bin mir bewusst

παρέχειν τὰ ὦτα – Gehör schenken, ergänze als Objekt: τῷ Σωκράτει

Z. 8 · καρτερέω – stark sein, standhaft aushalten

ταὐτά = τὰ αὐτά ( gemeint ist die in Z. 1/2 beschriebene Wirkung des Sokrates, die erneut eintritt)

ἀναγκάζει – ergänze als Subjekt: ὁ Σωκράτης

Z. 9 · ἐνδεής, -ές m. Gen. – an etw. Mangel habend

ἀμελέω m. Gen. – jmdn. vernachlässigen

τά – hier: die Angelegenheiten

βίᾳ – hier: nur mit Mühe

Z. 10 · ὥσπερ [...] τὰ ὦτα – als würde ich [wie Odysseus] die Ohren vor [dem Gesang] der Sirenen verschließen

οἴχομαι φεύγων – schnell fliehen

αὐτοῦ Adv. – an derselben Stelle

Z. 11 · παρὰ τούτῳ = παρὰ τῷ Σωκράτει

καταγηράω – alt werden

πέπονθα – 1. Sg. Ind. Perf. Akt. von πάσχω (erleiden, erleben)

πρός m. Akk. – im Hinblick auf jmdn.

Z. 12 · τὸ αἰσχύνεσθαι ὁντινοῦν – mich vor irgendjemandem zu schämen

αἰσχύνομαι m. Akk. – sich vor jmdm. schämen

Arbeitsübersetzung

Denn wenn ich Sokrates’ Worte höre, [...] dann pocht mir das Herz und Tränen werden von den Worten dieses Mannes hervorgelockt, und ich sehe, wie auch sehr viele andere dasselbe erfahren. Wenn ich dagegen den Perikles hörte und andere gute Redner, glaubte ich zwar, dass sie gut redeten, erlebte aber nichts Derartiges: Weder war meine Seele aufgewühlt noch war sie betrübt in der Meinung, dass ich mich in einem sklavischen Zustand befände. Aber von diesem Marsyas wurde ich schon oft in so einen Zustand versetzt, dass es mir schien, dass ich kein lebenswertes Leben führe, wenn es um mich so steht, wie es steht. Und davon, Sokrates, wirst du nicht sagen, dass es nicht wahr ist. Und auch selbst jetzt noch bin ich mir bewusst, dass ich, wenn ich ihm Gehör schenken wollte, es nicht aushalten könnte, sondern dass ich dasselbe erleben würde. Denn er zwingt mich zuzustimmen, dass ich mich selbst zwar noch vernachlässige, obwohl mir selbst vieles fehlt, die Angelegenheiten der Athener aber betreibe. Mit Mühe also, wie vor den Sirenen die Ohren verstopfend, fliehe ich schnell, damit ich nicht dort bei ihm sitzen bleibend alt werde. Ich habe aber im Hinblick auf diesen als einzigen von den Menschen erlebt, dass ich mich vor irgendjemandem schäme: Ich aber schäme mich vor diesem allein.

II Interpretation

2

Erläutern Sie unter Berücksichtigung von Platons Seelenlehre, inwiefern sich in der Faszination, die Sokrates auf Alkibiades ausübt, die von Diotima im Symposion formulierte Vorstellung vom Eros widerspiegelt (Material und Arbeitsübersetzung, Lektürekenntnisse). (40 BE)

Aufgabenstellung: Aufgabe Vorschlag C - Teil II.2 · Abitur Hessen Altgriechisch GK 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

Erläutern Sie unter Berücksichtigung von Platons Seelenlehre, inwiefern sich in der Faszination, die Sokrates auf Alkibiades ausübt, die von Diotima im Symposion formulierte Vorstellung vom Eros widerspiegelt (Material und Arbeitsübersetzung, Lektürekenntnisse).

Lösung: Erläuterung der Widerspiegelung von Diotimas Eros-Lehre und Platons Seelenlehre im Verhalten des Alkibiades: - Diotimas Eros-Lehre: - Im *Symposion* führt Eros die Menschen auf verschiedenen Stufen zur Liebe bzw. Erkenntnis des Schönen und Guten, woran die Menschen Anteil haben wollen, und ermöglicht ihnen damit die Teilhabe an der Unsterblichkeit. - Die niedrigste Stufe ist die Liebe zum körperlich Schönen (Zeugung von Nachkommen). - Auf der nächsten Stufe steht die Liebe zur geistigen und seelischen Schönheit im Einzelnen. - Die höchste Stufe, die nur dem *logistikon* zugänglich ist, erreicht die Erkenntnis des intelligiblen Schönen und der Idee des Schönen und Guten an sich. - Bezug zu Alkibiades und Platons Seelenlehre: - Alkibiades merkt in seiner Rede mehrfach an, dass er sich Sokrates und dessen Gesprächen kaum entziehen kann (Fluchtgedanke, Ohrenzuhalten vor den Sirenengesängen). - Alkibiades erweist sich in gewisser Weise als philosophischer Mensch: Dass Sokrates ihn in seinen Bann zieht und er dessen Nähe sucht, zeigt Empfänglichkeit für geistige Schönheit und Erkenntnis. Er schämt sich seiner Unzulänglichkeiten vor Sokrates, zieht jedoch seine Machtposition im Staat der eigenen Selbstvervollkommnung vor. - Alkibiades scheut die Konsequenzen der Selbsterkenntnis und ist zu einer tatsächlichen Lebensänderung nicht bereit. - Er befindet sich mithin auf einer mittleren Stufe der seelischen Entwicklung: Er erfasst Schönheit und Gutes über das Physische hinaus (im Reden, Handeln und Wesen des Sokrates), nutzt diese Erkenntnis aber nicht praktisch. Die treibende Kraft seines Strebens nach politischer Macht und Ruhm ist sein *thymoeides* (muthafter Seelenteil), das die Oberhand über sein *logistikon* behält.

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