Aufgabe Vorschlag D - Teil II Aufgabe 2 · Abitur Hessen Altgriechisch LK 2021

Thema: Inhaltswiedergabe mit griechischen Textbelegen · Aus der Prüfung LK (2021)

Aufgabenstellung

Material 1

Vorbemerkung

In dem folgenden Text aus der Odyssee beantwortet Zeus die Frage nach dem Ursprung menschlichen Leidens unter Bezug auf das Denken und Handeln Aigisths:

[...] Οἱ δὲ δὴ ἄλλοι

2 Ζηνὸς ἐνὶ μεγάροισιν Ὀλυμπίου ἁθρόοι ἦσαν.

τοῖσι δὲ μύθων ἦρχε πατὴρ ἀνδρῶν τε θεῶν τε·

4 μνήσατο γὰρ κατὰ θυμὸν ἀμύμονος Αἰγίσθοιο,

τόν ῥ’ Ἀγαμεμνονίδης τηλεκλυτὸς ἔκταν’ Ὀρέστης·

6 τοῦ ὅ γ’ ἐπιμνησθεὶς ἔπε’ ἀθανάτοισι μετηύδα·

„ὢ πόποι, οἷον δή νυ θεοὺς βροτοὶ αἰτιόωνται.

8 ἐξ ἡμέων γάρ φασι κάκ’ ἔμμεναι· οἱ δὲ καὶ αὐτοὶ

σφῇσιν ἀτασθαλίῃσιν ὑπὲρ μόρον ἄλγε’ ἔχουσιν,

10 ὡς καὶ νῦν Αἴγισθος ὑπὲρ μόρον Ἀτρεΐδαο

γῆμ’ ἄλοχον μνηστήν, τὸν δ’ ἔκτανε νοστήσαντα,

12 εἰδὼς αἰπὺν ὄλεθρον, ἐπεὶ πρό οἱ εἴπομεν ἡμεῖς,

Ἑρμείαν πέμψαντες, ἐύσκοπον Ἀργεϊφόντην,

14 μήτ’ αὐτὸν κτείνειν μήτε μνάασθαι ἄκοιτιν·

ἐκ γὰρ Ὀρέσταο τίσις ἔσσεται Ἀτρεΐδαο,

16 ὁππότ’ ἂν ἡβήσῃ τε καὶ ἧς ἱμείρεται αἴης.

ὣς ἔφαθ’ Ἑρμείας, ἀλλ’ οὐ φρένας Αἰγίσθοιο

18 πεῖθ’ ἀγαθὰ φρονέων· νῦν δ’ ἁθρόα πάντ’ ἀπέτεισε.“

τὸν δ’ ἠμείβετ’ ἔπειτα θεὰ γλαυκῶπις Ἀθήνη·

20 „ὦ πάτερ ἡμέτερε Κρονίδη, ὕπατε κρειόντων,

καὶ λίην κεῖνός γε ἐοικότι κεῖται ὀλέθρῳ,

22 ὡς ἀπόλοιτο καὶ ἄλλος, ὅτις τοιαῦτά γε ῥέζοι.

ἀλλά μοι ἀμφ’ Ὀδυσῆϊ δαΐφρονι δαίεται ἦτορ,

24 δύσμορῳ, ὃς δὴ δηθὰ φίλων ἄπο πήματα πάσχει

νήσῳ ἐν ἀμφιρύτῃ, ὅθι τ’ ὀμφαλός ἐστι θαλάσσης [...].“

(174 Wörter)

Übersetzungshilfen

V. 1 · οἱ [...] ἄλλοι – ergänze: θεοί

V. 2 · Ζηνὸς [...] Ὀλυμπίου – des Olympischen Zeus

ἁθρόος, -η, -ον – versammelt, zusammen, auf einmal

V. 3 · μύθων ἄρχω – die Reden/das Gespräch beginnen

V. 4 · μνάομαι m. Gen. – jmds. gedenken, sich an jmdn. erinnern

ἀμύμων, -ον – untadelig (ungewöhnliches Beiwort für Aigisth, der sonst bei Homer nur tadelnde Beiwörter wie ἄναλκις [feige] und δολόμητις [hinterlistig] erhält)

V. 5 · ῥ[α] – hier: nämlich

ὁ Ἀγαμεμνονίδης, -ου – der Agamemnon-Sohn

τηλεκλυτός, -όν – weithin berühmt

ἔκταν[ε] – 3. Sg. Ind. Aor. Akt. von κτείνω (töten)

V. 6 · ἐπιμιμνήσκομαι m. Gen. – jmds. gedenken, sich an jmdn. erinnern

μεταυδάω m. Akk. u. Dat. – etw. im Beisein von jmdm. sagen

V. 7 · ὢ πόποι, οἷον δή νυ [...] – ach, wie doch jetzt [...]

αἰτιόωνται – 3. Pl. Ind. Präs. Med. von αἰτιάομαι (beschuldigen)

V. 8 · ἐξ [...] ἔμμεναι – lies:

  [οἱ] γάρ [βρότοι] φασὶ

  [τὰ] κακ[ὰ] ἐξ ἡμέων [= ἐκ τῶν θεῶν] ἔμμεναι [= εἶναι]

V. 9 · σφῇσιν ἀτασθαλίῃσιν – durch ihre eigenen Freveltaten

ὑπὲρ μόρον – über das zugeteilte [Maß] hinaus

V. 10 · ὡς – (genauso) wie

[τοῦ] Ἀτρεΐδαο – Gen. von ὁ Ἀτρεΐδης (der Atreus-Sohn [Agamemnon]), hier Attribut zu ἄλοχον μνηστήν (V. 11)

V. 11 · γῆμ[ε] – 3. Sg. Ind. Aor. Akt. von γαμέω (heiraten)

ἄλοχον μνηστήν – die rechtmäßig angetraute Ehefrau (Akk.)

ἔκταν[ε] – siehe oben V. 5

νοστέω – heimkehren

V. 12 · εἰδὼς – Nom. Sg. mask. Part. Perf. Akt. von οἶδα (wissen), Sinnrichtung: konzessiv

πρό Adv. – davor, vorher, vorab

οἱ = αὐτῷ

V. 13 · ὁ Ἑρμείας, -ου – [der Gott] Hermes

ἐύσκοπος, -ον – scharf spähend, gut zielend, gut treffend

ὁ Ἀργεϊφόντης, -ου – der Argostöter (Beiwort des Hermes)

V. 14 · μνάομαι m. Akk. – etw. erstreben, jmdn. umwerben

ἡ ἄκοιτις, -ιος = ἡ ἄλοχος, -ου (V. 11)

V. 15 · [τοῦ] Ἀτρεΐδαο – Gen. von ὁ Ἀτρεΐδης (der Atreus-Sohn [Agamemnon]), hier Attribut zu τίσις (V. 15)

ἔσσεται – Fut. von ἐστίν (V. 15/16 sind als direkte Rede des Hermes zu verstehen)

V. 16 · ἡβάω – heranwachsen (Orest war als Kind aus seiner Heimat verbannt worden)

ἧ αἶα – sein Land (Orest war der rechtmäßige Erbe seines Vaters Agamemnon)

ἱμείρεται = ἱμείρηται – 3. Sg. Konj. Präs. Med. von ἱμείρομαι (m. Gen.: sich nach etw. sehnen)

V. 18 · ἀγαθὰ φρονέων – Sinnrichtung: konzessiv

ἁθρόος, -η, -ον – siehe oben V. 2

ἀπέτεισε – 3. Sg. Ind. Aor. Akt. von ἀποτίνω (abbüßen), ergänze als Subjekt: Aigisth

V. 20 · ὁ Κρονίδης, -ου – der Kronos-Sohn [Zeus]

ὁ ὕπατος, -ου – der Höchste

ὁ κρείων, -οντος – der Herrschende

V. 21 · καὶ λίην Adv. – und zwar sehr

ἐοικότι – Dat. Sg. mask. von ἐοικώς, -υῖα, -κός (verdient, angemessen)

κεῖμαι – erlegen sein, [verachtet] daliegen

V. 22 · ὡς – siehe oben V. 10

ἀπόλοιτο – 3. Sg. Opt. Aor. Med. von ἀπόλλυμαι (zugrunde gehen), übers. als Wunsch

ῥέζοι – 3. Sg. Opt. Präs. Akt. von ῥέζω (machen, tun), übers. mit Indikativ

V. 23 · ἀμφί m. Dat. – um jmdn. herum, auf jmdn. bezogen

δαΐφρων, -ον – klug denkend

δαίεται ἦτορ – das Herz wird zerrissen

V. 24 · δύσμορος, -ον – unglückselig

δηθά Adv. – lange

φίλων ἄπο = ἀπὸ φίλων – fern von Freunden

V. 25 · ἀμφίρυτος, -η, -ον – rings umströmt/umflossen

ὅθι τ[ε] – wo auch

ὁ ὀμφαλος, -ου – der Nabel, der Mittelpunkt

Arbeitsübersetzung

Die anderen aber waren in den Hallen des Olympiers Zeus versammelt.

Und unter ihnen begann die Reden der Vater der Menschen und der Götter, denn er gedachte in seinem Sinn des untadligen Aigisthos, den der Agamemnon-Sohn, der weitberühmte Orest, erschlagen hatte. Dessen gedachte er und sprach unter den Unsterblichen die Worte:

„Nein! Wie die Sterblichen doch die Götter beschuldigen! Von uns her, sagen sie, sei das Schlimme! Und schaffen doch auch selbst durch eigene Freveltaten, über ihr Teil hinaus, sich Schmerzen! So hat auch jetzt Aigisthos, über sein Teil hinaus, des Atreus-Sohnes eheliche Gattin zur Frau genommen und ihn erschlagen, als er heimkam. Und wusste doch um das jähe Verderben! Denn offen hatten wir ihm kundgetan, indem wir ihm Hermes, den gutspähenden Argostöter, schickten: dass er ihn nicht erschlagen und nicht seine Gattin freien sollte. Denn von Orestes werde Vergeltung kommen für den Atriden, wenn er [= Orestes] herangewachsen sei und nach seinem Land verlangen werde. So sagte Hermes, doch er konnte den Sinn des Aigisthos nicht bereden, so Gutes er im Sinne trug. Nun hat er [= Aigisthos] alles auf einmal gebüßt.“

Da antwortete ihm die Göttin, die helläugige Athene:

„Unser Vater, Kronide, Höchster derer, die da herrschen! Ja, jener ist freilich dem verdienten Verderben erlegen. So möge auch jeder andere zugrunde gehen, wer so etwas tut! Mir aber ist um den Odysseus, den klug gesonnenen, das Herz zerrissen, den Unglückseligen, der schon lange, entfernt von den Seinen, Leiden leidet auf der umströmten Insel, wo der Nabel des Meeres ist. [...]“

Übersetzung nach Wolfgang Schadewaldt.

II Interpretation

2 Geben Sie – unter Anführung griechischer Textbelege (Material 1 und Arbeitsübersetzung) – wieder, wie Zeus am Beispiel Aigisths den Ursprung menschlichen Leidens erklärt. (20 BE)

Aufgabenstellung: Aufgabe Vorschlag D - Teil II Aufgabe 2 · Abitur Hessen Altgriechisch LK 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

2 Geben Sie – unter Anführung griechischer Textbelege (Material 1 und Arbeitsübersetzung) – wieder, wie Zeus am Beispiel Aigisths den Ursprung menschlichen Leidens erklärt. (20 BE)

Lösung: In einer Einleitung sollten Angaben zu Autor, Werk und Thema gemacht werden: Im vorliegenden Textauszug aus Homers Odyssee widerlegt Zeus die Behauptung, am Leiden der Menschen seien die Götter schuld, indem er das selbstverschuldete Leiden Aigisths als Gegenbeweis anführt. - Kopfschüttelnd (ὢ πόποι) berichtet Zeus den anderen Göttern, sie würden zurzeit von den Menschen angeklagt (οἷον δή νυ θεοὺς βροτοὶ αἰτιόωνται), deren Unglück verschuldet zu haben (ἐξ ἡμέων γάρ φασι κάκ’ ἔμμεναι). - Doch die wirklich Schuldigen seien die Ankläger selbst. Wenn ein Mensch über sein schicksalbestimmtes Maß hinaus Unglück erleide, dann allein aufgrund seiner eigenen Freveltaten (οἱ δὲ καὶ αὐτοὶ / σφῇσιν ἀτασθαλίῃσιν ὑπὲρ μόρον ἄλγε’ ἔχουσιν). - Man sehe das z.B. an Aigisth. Dessen Tötung durch Orest sei ausschließlich auf die Frevel, die er aus freiem Willen und in eigener Verantwortung begangen habe, zurückzuführen. Die Götter könnten schon deshalb nicht dafür verantwortlich sein, weil sie ja sogar noch versucht hätten, ihn von seinen schändlichen Plänen abzubringen (ἐπεὶ πρό οἱ εἴπομεν ἡμεῖς [...], μήτ’ αὐτὸν κτείνειν μήτε μνάασθαι ἄκοιτιν). Ein von ihnen eigens abgesandter Warner, der Götterbote Hermes (Ἑρμείαν πέμψαντες), habe ihm die Folgen seiner Frevel in bester Absicht (ἀγαθὰ φρονέων) und unmissverständlich vor Augen geführt (ἐκ γὰρ Ὀρέσταο τίσις ἔσσεται Ἀτρεΐδαο [...]). Er jedoch habe alle Warnungen in den Wind geschlagen und an seinen verwerflichen Vorhaben festgehalten (ἀλλ’ οὐ φρένας Αἰγίσθοιο / πεῖθ’). Dieser uneinsichtige Starrsinn habe natürlich dazu geführt, dass ihn nach einer gewissen Zeit, in der er scheinbar folgenlos morden und ehebrechen konnte, mit einem Schlag die Strafe für all seine Frevel (νῦν δ’ ἁθρόα πάντ’ ἀπέτεισε) und somit ein jähes Verderben (αἰπὺν ὄλεθρον) ereilt habe. Aigisth sei also wissentlich (εἰδώς) in sein Unglück gerannt und keineswegs als arg- und wehrloses Opfer der Götter unschuldig hineingeraten.

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