Aufgabe Vorschlag D - Teil II Aufgabe 4 · Abitur Hessen Altgriechisch LK 2021
Thema: Homer: Ilias und Odyssee (Gesellschaft, Götter, Zorn) · Aus der Prüfung LK (2021)
Aufgabenstellung
Material 1
Vorbemerkung
In dem folgenden Text aus der Odyssee beantwortet Zeus die Frage nach dem Ursprung menschlichen Leidens unter Bezug auf das Denken und Handeln Aigisths:
[...] Οἱ δὲ δὴ ἄλλοι
2 Ζηνὸς ἐνὶ μεγάροισιν Ὀλυμπίου ἁθρόοι ἦσαν.
τοῖσι δὲ μύθων ἦρχε πατὴρ ἀνδρῶν τε θεῶν τε·
4 μνήσατο γὰρ κατὰ θυμὸν ἀμύμονος Αἰγίσθοιο,
τόν ῥ’ Ἀγαμεμνονίδης τηλεκλυτὸς ἔκταν’ Ὀρέστης·
6 τοῦ ὅ γ’ ἐπιμνησθεὶς ἔπε’ ἀθανάτοισι μετηύδα·
„ὢ πόποι, οἷον δή νυ θεοὺς βροτοὶ αἰτιόωνται.
8 ἐξ ἡμέων γάρ φασι κάκ’ ἔμμεναι· οἱ δὲ καὶ αὐτοὶ
σφῇσιν ἀτασθαλίῃσιν ὑπὲρ μόρον ἄλγε’ ἔχουσιν,
10 ὡς καὶ νῦν Αἴγισθος ὑπὲρ μόρον Ἀτρεΐδαο
γῆμ’ ἄλοχον μνηστήν, τὸν δ’ ἔκτανε νοστήσαντα,
12 εἰδὼς αἰπὺν ὄλεθρον, ἐπεὶ πρό οἱ εἴπομεν ἡμεῖς,
Ἑρμείαν πέμψαντες, ἐύσκοπον Ἀργεϊφόντην,
14 μήτ’ αὐτὸν κτείνειν μήτε μνάασθαι ἄκοιτιν·
ἐκ γὰρ Ὀρέσταο τίσις ἔσσεται Ἀτρεΐδαο,
16 ὁππότ’ ἂν ἡβήσῃ τε καὶ ἧς ἱμείρεται αἴης.
ὣς ἔφαθ’ Ἑρμείας, ἀλλ’ οὐ φρένας Αἰγίσθοιο
18 πεῖθ’ ἀγαθὰ φρονέων· νῦν δ’ ἁθρόα πάντ’ ἀπέτεισε.“
τὸν δ’ ἠμείβετ’ ἔπειτα θεὰ γλαυκῶπις Ἀθήνη·
20 „ὦ πάτερ ἡμέτερε Κρονίδη, ὕπατε κρειόντων,
καὶ λίην κεῖνός γε ἐοικότι κεῖται ὀλέθρῳ,
22 ὡς ἀπόλοιτο καὶ ἄλλος, ὅτις τοιαῦτά γε ῥέζοι.
ἀλλά μοι ἀμφ’ Ὀδυσῆϊ δαΐφρονι δαίεται ἦτορ,
24 δύσμορῳ, ὃς δὴ δηθὰ φίλων ἄπο πήματα πάσχει
νήσῳ ἐν ἀμφιρύτῃ, ὅθι τ’ ὀμφαλός ἐστι θαλάσσης [...].“
(174 Wörter)
Übersetzungshilfen
V. 1 · οἱ [...] ἄλλοι – ergänze: θεοί
V. 2 · Ζηνὸς [...] Ὀλυμπίου – des Olympischen Zeus
ἁθρόος, -η, -ον – versammelt, zusammen, auf einmal
V. 3 · μύθων ἄρχω – die Reden/das Gespräch beginnen
V. 4 · μνάομαι m. Gen. – jmds. gedenken, sich an jmdn. erinnern
ἀμύμων, -ον – untadelig (ungewöhnliches Beiwort für Aigisth, der sonst bei Homer nur tadelnde Beiwörter wie ἄναλκις [feige] und δολόμητις [hinterlistig] erhält)
V. 5 · ῥ[α] – hier: nämlich
ὁ Ἀγαμεμνονίδης, -ου – der Agamemnon-Sohn
τηλεκλυτός, -όν – weithin berühmt
ἔκταν[ε] – 3. Sg. Ind. Aor. Akt. von κτείνω (töten)
V. 6 · ἐπιμιμνήσκομαι m. Gen. – jmds. gedenken, sich an jmdn. erinnern
μεταυδάω m. Akk. u. Dat. – etw. im Beisein von jmdm. sagen
V. 7 · ὢ πόποι, οἷον δή νυ [...] – ach, wie doch jetzt [...]
αἰτιόωνται – 3. Pl. Ind. Präs. Med. von αἰτιάομαι (beschuldigen)
V. 8 · ἐξ [...] ἔμμεναι – lies:
  [οἱ] γάρ [βρότοι] φασὶ
  [τὰ] κακ[ὰ] ἐξ ἡμέων [= ἐκ τῶν θεῶν] ἔμμεναι [= εἶναι]
V. 9 · σφῇσιν ἀτασθαλίῃσιν – durch ihre eigenen Freveltaten
ὑπὲρ μόρον – über das zugeteilte [Maß] hinaus
V. 10 · ὡς – (genauso) wie
[τοῦ] Ἀτρεΐδαο – Gen. von ὁ Ἀτρεΐδης (der Atreus-Sohn [Agamemnon]), hier Attribut zu ἄλοχον μνηστήν (V. 11)
V. 11 · γῆμ[ε] – 3. Sg. Ind. Aor. Akt. von γαμέω (heiraten)
ἄλοχον μνηστήν – die rechtmäßig angetraute Ehefrau (Akk.)
ἔκταν[ε] – siehe oben V. 5
νοστέω – heimkehren
V. 12 · εἰδὼς – Nom. Sg. mask. Part. Perf. Akt. von οἶδα (wissen), Sinnrichtung: konzessiv
πρό Adv. – davor, vorher, vorab
οἱ = αὐτῷ
V. 13 · ὁ Ἑρμείας, -ου – [der Gott] Hermes
ἐύσκοπος, -ον – scharf spähend, gut zielend, gut treffend
ὁ Ἀργεϊφόντης, -ου – der Argostöter (Beiwort des Hermes)
V. 14 · μνάομαι m. Akk. – etw. erstreben, jmdn. umwerben
ἡ ἄκοιτις, -ιος = ἡ ἄλοχος, -ου (V. 11)
V. 15 · [τοῦ] Ἀτρεΐδαο – Gen. von ὁ Ἀτρεΐδης (der Atreus-Sohn [Agamemnon]), hier Attribut zu τίσις (V. 15)
ἔσσεται – Fut. von ἐστίν (V. 15/16 sind als direkte Rede des Hermes zu verstehen)
V. 16 · ἡβάω – heranwachsen (Orest war als Kind aus seiner Heimat verbannt worden)
ἧ αἶα – sein Land (Orest war der rechtmäßige Erbe seines Vaters Agamemnon)
ἱμείρεται = ἱμείρηται – 3. Sg. Konj. Präs. Med. von ἱμείρομαι (m. Gen.: sich nach etw. sehnen)
V. 18 · ἀγαθὰ φρονέων – Sinnrichtung: konzessiv
ἁθρόος, -η, -ον – siehe oben V. 2
ἀπέτεισε – 3. Sg. Ind. Aor. Akt. von ἀποτίνω (abbüßen), ergänze als Subjekt: Aigisth
V. 20 · ὁ Κρονίδης, -ου – der Kronos-Sohn [Zeus]
ὁ ὕπατος, -ου – der Höchste
ὁ κρείων, -οντος – der Herrschende
V. 21 · καὶ λίην Adv. – und zwar sehr
ἐοικότι – Dat. Sg. mask. von ἐοικώς, -υῖα, -κός (verdient, angemessen)
κεῖμαι – erlegen sein, [verachtet] daliegen
V. 22 · ὡς – siehe oben V. 10
ἀπόλοιτο – 3. Sg. Opt. Aor. Med. von ἀπόλλυμαι (zugrunde gehen), übers. als Wunsch
ῥέζοι – 3. Sg. Opt. Präs. Akt. von ῥέζω (machen, tun), übers. mit Indikativ
V. 23 · ἀμφί m. Dat. – um jmdn. herum, auf jmdn. bezogen
δαΐφρων, -ον – klug denkend
δαίεται ἦτορ – das Herz wird zerrissen
V. 24 · δύσμορος, -ον – unglückselig
δηθά Adv. – lange
φίλων ἄπο = ἀπὸ φίλων – fern von Freunden
V. 25 · ἀμφίρυτος, -η, -ον – rings umströmt/umflossen
ὅθι τ[ε] – wo auch
ὁ ὀμφαλος, -ου – der Nabel, der Mittelpunkt
Arbeitsübersetzung
Die anderen aber waren in den Hallen des Olympiers Zeus versammelt.
Und unter ihnen begann die Reden der Vater der Menschen und der Götter, denn er gedachte in seinem Sinn des untadligen Aigisthos, den der Agamemnon-Sohn, der weitberühmte Orest, erschlagen hatte. Dessen gedachte er und sprach unter den Unsterblichen die Worte:
„Nein! Wie die Sterblichen doch die Götter beschuldigen! Von uns her, sagen sie, sei das Schlimme! Und schaffen doch auch selbst durch eigene Freveltaten, über ihr Teil hinaus, sich Schmerzen! So hat auch jetzt Aigisthos, über sein Teil hinaus, des Atreus-Sohnes eheliche Gattin zur Frau genommen und ihn erschlagen, als er heimkam. Und wusste doch um das jähe Verderben! Denn offen hatten wir ihm kundgetan, indem wir ihm Hermes, den gutspähenden Argostöter, schickten: dass er ihn nicht erschlagen und nicht seine Gattin freien sollte. Denn von Orestes werde Vergeltung kommen für den Atriden, wenn er [= Orestes] herangewachsen sei und nach seinem Land verlangen werde. So sagte Hermes, doch er konnte den Sinn des Aigisthos nicht bereden, so Gutes er im Sinne trug. Nun hat er [= Aigisthos] alles auf einmal gebüßt.“
Da antwortete ihm die Göttin, die helläugige Athene:
„Unser Vater, Kronide, Höchster derer, die da herrschen! Ja, jener ist freilich dem verdienten Verderben erlegen. So möge auch jeder andere zugrunde gehen, wer so etwas tut! Mir aber ist um den Odysseus, den klug gesonnenen, das Herz zerrissen, den Unglückseligen, der schon lange, entfernt von den Seinen, Leiden leidet auf der umströmten Insel, wo der Nabel des Meeres ist. [...]“
Übersetzung nach Wolfgang Schadewaldt.
II Interpretation
4 Überprüfen Sie – unter Bezugnahme auf selbst gewählte Beispiele aus der Ilias (Lektürekenntnisse) –, ob Zeus den Ursprung menschlichen Leidens angemessen erklärt (Material 1 und Arbeitsübersetzung). (30 BE)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
4 Überprüfen Sie – unter Bezugnahme auf selbst gewählte Beispiele aus der Ilias (Lektürekenntnisse) –, ob Zeus den Ursprung menschlichen Leidens angemessen erklärt (Material 1 und Arbeitsübersetzung). (30 BE)
Lösung: In der *Ilias* wird Aigisth nicht einmal namentlich erwähnt. An seiner Person kann die These des Zeus also nicht überprüft werden. Stattdessen kann dies z.B. an Agamemnon erfolgen: - Konfrontiert mit einer katastrophalen Niederlage, die er durch eine eklatante Fehlplanung verursacht hat, setzt Agamemnon genau den Vorwurf, von dem Zeus in Material 1 berichtet, zu seiner Verteidigung ein: Oft bereits hätten die Griechen ihn getadelt; er aber sei nicht schuldig, sondern Zeus und die Moira und die Erinys und die Ate, d.h. mit anderen Worten: die Götter [*Ilias* 19]. - Tatsächlich kann man ihm zugutehalten, dass Zeus ihm keinen wohlmeinenden Hermes geschickt hatte, um ihm seine verhängnisvollen Pläne auszureden, sondern einen unheilstiftenden Traum, der ihm diese überhaupt erst nahegelegt und schmackhaft gemacht hatte. - Man kann ihm aber auch entgegenhalten, dass er erstens dieser Versuchung nicht hätte erliegen müssen und zweitens auch gar nicht erst in Versuchung geführt worden wäre, wenn er die Voraussetzungen dafür nicht in eigener Verantwortung geschaffen hätte. Er bewirkte aber Ersteres, indem er einen ichbezogenen, macht- und ehrsüchtigen, aufbrausenden und unbesonnenen Charakter ausprägte, den der Traum nur noch ausnutzen musste, und Letzteres, indem er ein zu diesem Charakter passendes Verhalten an den Tag legte. Man darf nämlich nicht vergessen, dass sein oben erwähntes Scheitern dem Plan des Zeus zur Rehabilitierung Achills entsprach. Verfolgt man die Ereigniskette von diesem Scheitern aus zurück, dann gelangt man über die Brüskierung des Helden Achill und die Beschimpfung des Sehers Kalchas bis zur Beleidigung des Priesters Chryses durch einen geltungsbedürftigen und geringschätzigen, jähzornigen und hochfahrenden, kurzsichtigen und unbelehrbaren Fürsten Agamemnon. - Daher kann man durchaus sagen, dass Agamemnon durch seine eigenen Freveltaten über das Maß hinaus Leiden erlitt, und anfügen, dass er dies durch die Fehltendenzen seines Charakters selbst verschuldete. Doch obwohl man viele ähnliche Beispiele findet, die belegen, dass die homerischen Menschen sich nicht als bloße Schachfiguren der Götter begriffen, sondern sich eine (realistisch begrenzte) Freiheit und damit auch Verantwortung für ihr Schicksal zuschrieben – etwa Patroklos, der durch Hektor fällt, nachdem Apoll ihn durch einen Schlag gegen den Schild geschwächt hat, der aber vorher aus eigenem Übermut die Warnungen Achills missachtet hat; oder Hektor, der durch Achill fällt, nachdem Athene ihrem Schützling eine fehlgeschossene Lanze zurückgegeben hat, der aber vorher aus eigenem Übermut die Warnungen des Polydamas missachtet hat –, wird man sich mit der Erklärung des Zeus für den Ursprung menschlichen Leidens nicht zufriedengeben wollen. Diese erfasst nämlich nicht: - das Leiden der vielen „kleinen Kämpfer“, die an den Entscheidungen der Könige unbeteiligt waren und dennoch die schlimmen Folgen tragen mussten; die vielleicht sogar bereit gewesen waren, den Priester zu ehren, und dennoch an der Pest starben, die vielleicht sogar erfreut gewesen wären, die Heimfahrt anzutreten, und dennoch in der Schlacht fielen; - das Leiden der vielen Nicht-Kombattanten, v.a. der trojanischen Mädchen und Frauen, Kinder und Greise, die sich scheinbar endlos verschiedenen Stufen und Formen von Gewalt (Belagerung, Zerstörung, Plünderung, Verschleppung, Misshandlung, Verwundung, Ermordung ...) ausgeliefert sahen, sowie der griechischen Familien, die zu Hause voller Angst auf ihre Männer warten mussten. All dieses Leid kann nicht durch die eigenen Freveltaten der Leidenden erklärt werden. Das Problem, dass Menschen ohne ein persönliches Verschulden leiden, bleibt bei Zeus’ Erklärung ungelöst.
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