Abitur Hamburg Deutsch 2023 · LK · Seethaler: Der letzte Satz
Aufgabe Deutsch aus dem IQB-Pool 2023, LK · Seethaler: Der letzte Satz: 1 Teilaufgabe mit Lösungen. Themen: Interpretation epischer Texte. Kostenlos.
Themen der Aufgabe: Interpretation epischer Texte
Aufgabe
Lesen Sie den folgenden Romananfang aufmerksam.
1 Den Kopf gesenkt, den Körper in eine warme Wolldecke gewickelt, saß Gustav Mahler auf dem eigens für ihn abgetrennten Teil des Sonnendecks der Amerika und wartete auf den Schiffsjungen. Das Meer lag grau und träge im Morgenlicht. Nichts war zu sehen außer dem Tang, der in schlierigen Inseln an der Oberfläche schwamm, und einem überaus merkwürdigen Schimmern am Horizont, das aber, wie ihm der Kapitän versichert hatte, absolut nichts bedeutete. Er saß auf einer Kiste aus Stahl, mit dem Rücken an die Wand eines Deckcontainers gelehnt, und spürte das dumpfe, gleichmäßige Hämmern der Schiffsmotoren unter sich. Auf der Kiste lag eine Rolle Tau, aus der ein Eisenhaken ragte. Der Haken war an der Spitze angerostet, das Tau ausgefranst und schwarz vom Öl. Jemand hatte ihm vom Duft des Meeres erzählt, aber es roch nach nichts. Hier draußen gab es nur den Geruch von Stahl und Maschinenöl und den Wind, der von Norden kam und sich nie zu drehen schien. Mahler mochte den Wind. Er hatte den Eindruck, er wehe ihm dumme Gedanken aus dem Kopf.
Vom Hinterdeck kam der Junge mit dem Tee. Er balancierte das Tablett auf einer Hand und ließ die andere über die Reling gleiten. Mahler sah zu, wie er Kanne und Tasse, beide aus feinem, blauweißem Porzellan, sowie einen Zuckerstreuer und ein Silbertellerchen mit Keksen auf der Kiste drapierte. Die Bewegungen des Jungen waren steif und verhalten wie die eines alten Mannes, doch sein Gesicht war kindlich und glatt.
„Wie lange fährst du schon zur See?“, fragte Mahler.
„Es ist mein erstes Jahr, Herr Direktor“, antwortete der Junge.
„Ich bin kein Direktor, also lass das“, sagte Mahler. „Und nimm die Kekse wieder mit!“
Der Junge nickte.
„Wenn Sie mich jetzt nicht mehr brauchen.“
Mahler schüttelte den Kopf, und der Junge ging. In der Kanne schwammen winzige dunkle Blättchen, dabei hatte er russischen Weißen bestellt. Irgendjemand hatte ihm erzählt, dass weißer Tee die Seele beruhige. Das war natürlich Unsinn, doch manchmal war es nützlich, an solche Dinge zu glauben.
Der Tee war heiß und er trank langsam. Das war das Einzige, was er heute zu sich nehmen würde. Er fühlte schon lange keinen Hunger mehr, vielleicht würde er morgen wieder essen.
Der stählerne Rumpf unter ihm knarrte und die Griffläufe an der Reling vibrierten. Er glaubte, den Schrei einer Möwe zu hören. Aber das kann nicht sein, dachte er. Sechs Tage auf hoher See und weit und breit kein Land. Oder doch? Er würde später den Kapitän fragen oder den Jungen.
Einmal hatte er eine einzelne Möwe weiß und klein auf den Wellen schaukeln gesehen. Das war im Hafen von New York gewesen, er saß in einer grell ausgeleuchteten Baracke der Zollbehörde, und während die Beamten ihn über Zweck und Dauer seines Aufenthaltes befragten, blickte er immer wieder aus dem verstaubten Fenster über den Hafen hinaus. Zum Schluss wurde er gezwungen, einen ganzen Stoß Papiere zu unterschreiben, und als er danach wieder hinaussah, war die Möwe verschwunden.
Er musste an den Sommer vor drei Jahren denken. Eines Nachmittags war er von den Dielen hochgesprungen, auf denen er zwei Stunden lang still gelegen und den pulsierenden, in allen Farben leuchtenden Schmerz in seinem Kopf beobachtet hatte. Einige Sekunden stand er wankend im Raum, ehe er zum Schreibtisch taumelte, eines der von ihm eigenhändig mit Linien bemalten Notenblätter aus der Schublade riss und hastig zu kritzeln begann. Ein Vogel hatte gerufen, in der Fichte hinter dem Komponierhäuschen. Sicher einer dieser kleinen rotbraunen, die man kaum je zu Gesicht bekam und die von den Einheimischen Abholer genannt wurden, weil sie angeblich die Seelen der Gestorbenen heimbrachten. Der Ruf bestand aus drei einzelnen Tönen, die im Gegensatz zum Äußeren des Vogels nichts Fröhliches oder Liebliches hatten, sondern einfach nur gemein klangen. Spöttisch, heiser und abgerissen – aber eben genau richtig. Es waren die Töne, die er so lange vermisst hatte, ohne sie eigentlich je zu suchen. Jetzt waren sie da. Er musste sie bloß festhalten. Eine große Quart und eine kleine Terz aufwärts. Spöttisch und gemein. Dann Abbruch. Und noch einmal. Und noch einmal. Was folgte, war klar: abwärts und wieder hoch und weiter und immer so weiter. Er hätte mehr von der amerikanischen Tinte mitnehmen sollen, dachte er. Die hiesige taugte nichts. Sie war zu dünn und tropfte von der Federspitze, ehe diese noch das Blatt berührte. Aber egal, Tropfen, Flecke, das ganze Geschmiere, er würde es sowieso ins Reine schreiben müssen, später, am Abend, in der Nacht, jetzt hieß es dranbleiben. Was zählte, war der Vogelruf, sonst nichts.
Er schrieb schnell, es fühlte sich gut und leicht an. Himmelherrgott, dachte er, lass es nicht aufhören. Nicht, ehe es zu Ende ist.
Nach drei Stunden fiel ihm die Feder aus der Hand, sein Nacken war steif, und in der Schulter saß ein stechender Schmerz, der wie eine hart gespannte Geigensaite bis in die Fingerspitzen zog. Ich wünschte, ich könnte noch eine Weile weitermachen, dachte er. Wer weiß, ob es wiederkommt, man kann es niemals wissen. Doch für diesmal war es vorbei.
Er sah auf und war erstaunt, wie hell es war. Durchs Fenster schien die Sonne und legte Lichtbalken voller schwebender Stäubchen in den Raum. Seine Augen brannten, er blinzelte. Vor ihm lag ein Haufen beschriebener Notenpapiere. Das würde er sich abends am Klavier ansehen oder morgen, vielleicht konnte man es gebrauchen. Doch auch das war nicht sicher.
Er stieß sich mit beiden Händen von der Stuhllehne ab und ging zum Tisch, auf dem eine Karaffe mit Wasser stehen sollte, aber eben nicht stand. Alles wie immer, dachte er. Unachtsam, vergesslich, vertrottelt, die Bauersleute, Alma, das Mädchen, er selbst. Ich hätte die Karaffe schon am Morgen füllen sollen, dachte er. Oder gestern Abend. Das Wasser wäre jetzt warm und abgestanden, aber wenigstens gäbe es welches.
Er warf noch einen letzten Blick auf das Durcheinander auf der Schreibtischplatte, zögerte einen Moment, dann trat er ins Freie.
Draußen war es heiß, der Himmel strahlte in wolkenlosem Blau, aber erst in der Nacht hatte es geregnet und die Wiesen und Wälder standen in saftigem Grün. Die Luft war erfüllt vom Geschwirr der Insekten. Eine Kuh brüllte. Sicher die schwangere, die mit dem schwarzen Stern an der Stirn, dachte er. Vielleicht war es heute so weit. Auf der Straße nach Toblach rannten Kinder. Ihre Füße wirbelten Staub auf und ihr Lachen und Kreischen war bis hierher zu hören.
Auf dem Schlüsselbrett, das ihm ein Mann aus dem Dorf an den Türstock genagelt hatte und auf dem für gewöhnlich der Schlüssel, manchmal auch ein Telegramm oder eine Nachricht aus dem Haus lagen, saß eine Heuschrecke und zitterte mit den Flügeln.
Noch heute, fast drei Jahre später, sah er das Bild des Tieres vor sich: seine mit Knoten und Haaren besetzten Beine, den Nackenpanzer und den Kopf mit den glänzenden, starren Augen.
Die Stimme des Bootsmannes riss ihn aus den Gedanken. Jeden Morgen rief er auf dem Achterdeck seine Matrosen zum Appell und gab Befehle. Sein abgehacktes Geschrei ging eine Weile, dann war wieder nur das gleichmäßige Pochen der Motoren und das Rauschen der Bugwellen zu hören.
Mahler lehnte den Kopf zurück. Er war durstig, sein Mund war trocken und seine Zunge fühlte sich an wie ein Stück Holz, doch er wusste, der Tee würde den Durst nicht stillen.
Es muss schrecklich sein, zu verdursten, dachte er. Aber jedes Sterben ist schrecklich. Wie hättest du es gerne? […]
Seethaler, Robert: Der letzte Satz. München: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG ²2020, S. 7–13, mit freundlicher Genehmigung von Carl Hanser Verlag.
Interpretieren Sie den Romananfang. Berücksichtigen Sie dabei besonders die Einführung des Protagonisten und die Darstellung seiner inneren Befindlichkeit.
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