Abitur Hamburg Deutsch 2023 · GK · Sinnhaftigkeit und Umsetzungsmöglichkeiten von diskriminierungsfreiem Schimpfen und Fluchen
Aufgabe Deutsch aus dem IQB-Pool 2023, GK · Sinnhaftigkeit und Umsetzungsmöglichkeiten von diskriminierungsfreiem Schimpfen und Fluchen: 2 Teilaufgaben mit…
Themen der Aufgabe: Analyse pragmatischer Texte · Erörterung pragmatischer Texte
Aufgabe 1 - Analyse pragmatischer Texte
Material
Şeyda Kurt (*1992): Wie man politisch korrekt beleidigt und flucht (2020)
Der erste Fluchende der Geschichte, glauben wir zumindest dem Alten Testament, ist Gott.
„Weil du solches getan hast, seist du verflucht vor allem Vieh und vor allen Tieren auf dem
Felde“, spricht er zu der Schlange, die Eva dazu verführte, die verbotene Frucht zu essen,
„Auf deinem Bauche sollst du gehen und Erde essen dein Leben lang.“
5 Wenn wir als Sterbliche (ver)fluchen und beleidigen, heben wir zwar nicht die Welt aus den
Angeln. Dennoch haben die Worte, die wir hervorknirschen, eine reale Wirkung: Wir bauen
Frust und Schmerzen ab. Ich kann etwa keinen Text schreiben, ohne zu fluchen. Allein bis zu
dieser Zeile tat ich es bereits fünf Mal. Scheiße.
Die Pain-Overlap-Theorie behauptet, dass körperliche und emotionale Schmerzen dasselbe
10 Verarbeitungssystem im Gehirn teilen. Fluchen und beleidigen wir, versetzen wir unseren
Körper in eine physische Stresssituation. Adrenalin, Cortisol und Endorphine werden
ausgeschüttet. All das lindert das soziale und somit auch körperliche Schmerzempfinden, wie
neuseeländische Wissenschaftler*innen herausfanden.
Fluchen ist gesund. Und irgendwie auch schön. Unter dem Namen Malediktologie widmet sich
15 eine gesamte Forschungsrichtung dieser Praxis. Der Schimpfwortbereich ist einer der
kreativsten überhaupt innerhalb der Sprache, er bedient sich verschiedener Soziolekte und
Dialekte. Und er ist demokratisch! Alle können mitfluchen, mit oder ohne Uni-Abschluss.
Doch unsere Worte formen nicht nur unsere Wirklichkeit, sondern auch die unseres
Gegenübers, an das sie vielleicht gerichtet sind. Wir würdigen herab und kränken. Wir
20 provozieren Scham, Wut, Ohnmacht, im schlimmsten Falle Depressionen. Doch nicht nur das:
Die Begriffe, die wir benutzen, verraten viel über unser gesellschaftliches Selbstverständnis.
Welche Eigenschaften und gar Menschengruppen dienen kollektiv als Schimpfvorlage? Wer
wird abgewertet? Auf welchen Schimpfkanon greifen wir zurück? Und wie hängt dieser mit
historisch gewachsenen, strukturellen, politischen Diskriminierungen zusammen? Auch wenn
25 wir ohne konkrete Adressat*innen sprechen (und fluchen), tun wir dies niemals in einem
luftleeren Raum. Andere hören mit. Abwertungen werden normalisiert. Fluchen und Beleidigen
ist höchst politisch.
Ein Blick in den Bundestag: Laut Recherche des Magazins Vice beleidigen Abgeordnete in
ihren Reden am liebsten mit dem Begriff „Idiot“, der mitsamt Abwandlungen in 70 Jahren
30 Parlamentsgeschichte 114 Mal genannt wurde. Und auch in meinem Freund*innenkreis erfreut
er sich großer Beliebtheit, gerade weil er im Gegensatz zu anderen vulgären Beschimpfungen
so harmlos daher zu kommen scheint. Doch ist das wirklich so?
In der griechischen Antike bezeichnete der Begriff (altgriechisch: idiotes) noch gewöhnliche
Bürger oder Menschen, die als politisch ungebildet oder als ignorant den öffentlichen
35 Angelegenheiten gegenüber galten. Bis ins 18. Jahrhundert behielt der Begriff zumindest im
Deutschen diese Konnotation bei. Das änderte sich jedoch im 19. Jahrhundert durch den
Einfluss aus dem Englischen: Ein Idiot war und ist verrückt oder schwachsinnig.
Diese Zuschreibungen sind saneistisch. Das bedeutet: Sie werten Menschen systematisch ab,
die nicht einer vermeintlich neuronalen Norm oder dem, was unter mentaler Gesundheit
40 verstanden wird, entsprechen. Menschen werden als psychisch gestört, als Verrückte
gebrandmarkt. Genauso wie Rassismus oder Sexismus haben auch Diskriminierungsformen
wie Saneismus oder der verwandte Ableismus (der sich allgemein gegen be*hinderte
Menschen richtet) politische Konsequenzen. Das zeigt der Blick in die Geschichte.
Der Begriff Idiot war fester Teil der NS-Propaganda. Er diente dazu, die systematische
45 Ermordung von Menschen mit unterschiedlichen neuronalen Seinsweisen und anderen
Menschen, die angeblich von körperlichen oder geistigen Normen abwichen, zu rechtfertigen.
Wer „Idiot“ brüllt, reiht sich selbstverständlich nicht gleich in die Tradition der Nazis ein. Doch
mit dieser Beleidigung wird ein Kanon der Gewalt fortgeschrieben, der Menschen mit
psychischen Erkrankungen bis heute als minderwertig markiert.
50 Was also tun? Die Frage habe ich mir im Sommer 2019 gestellt. Nicht nur, weil ich
leidenschaftlich gerne fluche, sondern weil die Themen Anti-Diskriminierung und
Gerechtigkeit, auch im Bereich der Sprache, mich seit Jahren als Journalistin beschäftigen.
Also habe ich den Workshop Fluchen und Beleidigen ohne sexistisch, rassistisch, klassistisch
oder ableistisch zu sein ins Leben gerufen.
55 Das Motto ist: Fluchen und beleidigen, immer gerne! Aber dann in diskriminierungsfreier
Sprache. Dazu kläre ich mit den Teilnehmenden im ersten Schritt die Grundlagen: Welche
Geschichte und Zuschreibungen stecken hinter Rassismus, Sexismus und anderen
Diskriminierungsformen? Dann ordnen wir gemeinsam gängige Beleidigungen ein: „Penner“ =
klassistisch, weil das Wort arme, wohnungslose Menschen herabwürdigt; „Schlampe“ =
60 sexistisch, weil – ist doch klar; „Affe“ = kolonialrassistisch, klassistisch und gegebenenfalls
sexistisch, weil der Begriff mitunter dazu dient, schwarze Menschen zu animalisieren,
sexualisieren und auszubeuten. Genauso wie Diskriminierungsformen sich überlappen
können, bedienen auch sprachliche Zuschreibungen unterschiedliche historische und
politische Codes, je nach Sprecher*in und je nach Adressat*in. Klingt kompliziert? Ja, ist es.
65 Und genau deswegen hilft es, darüber zu sprechen.
Die Wissenschaftlerin Madita Oeming fragte kürzlich auf Twitter ihre Follower*innen nach
Inspirationen für Beleidigungen, „ohne dabei klassistisch, ableistisch, rassistisch,
homofeindlich, body shamend oder sonst in irgend einer Form eklig diskriminierend zu sein“.
Das Ergebnis war ein herrlich kreativer und lehrreicher Thread. Schriftsteller Saša Stanišić
70 tobte sich poetisch aus: „Möge an jedem Tag Deiner Harz-Wanderung Nieselregen sein.“
Andere hatten praktischere Empfehlungen: „Knalltüte“ oder „Flachkopfnieten“.
Auf neutrale Bereiche unserer Sprache zurückzugreifen, ist bei Fluchneuschöpfungen
tatsächlich eine beliebte Option. Es können Gebrauchsgegenstände sein oder auch Gemüse.
„Du Schimmelbrokkoli!“, zum Beispiel. Oder ich kann auf Eigenschaften zurückgreifen, die alle
75 Menschen gemeinsam haben und keine explizit marginalisierte Gruppe herabsetzen,
„Arschloch“ etwa. Ich empfehle außerdem mit verstärkenden Adjektiven zu arbeiten: „Du
scheiß/verdammter Schleimkopf“ kommt jedenfalls brutaler daher als ganz ohne Anhängsel.
Problem gelöst? Das Ganze hat einen Haken. Die meisten Teilnehmenden in meinen
Workshops etwa verspüren bei „Du Stinkekäse“ nicht annähernd dieselbe körperliche
80 Befriedigung, wie wenn sie einem anderen Menschen „Bastard“ entgegenschmettern.
Wahrscheinlich geht es vielen so, ich manchmal eingeschlossen. Da merken wir, mit welcher
Macht sich der Schimpfkanon in unseren Körper eingeschrieben hat. Vielleicht wird uns das
überraschen, denn eigentlich würden wir uns feministisch und aufgeklärt nennen. Und doch
merken wir entsetzt, dass uns der Tabubruch reizt.
85 Und selbst Gemüse ist nicht vollständig unbelastet. Eine Zeit lang gebrauchte ich häufig das
Schimpfwort „Lauch“, bis eine Kollegin erwähnte, den Begriff empfinde sie als sexistisch, da
er in der Regel an Männer gerichtet werde, die nicht Männlichkeitsnormen von Stärke und
Durchsetzungskraft entsprachen. Also strich ich auch „Lauch“ aus meinem Wortschatz.
Heute weiß ich: Es gibt kein absolut diskriminierungsfreies Schimpfen. Unsere Sprache ist
90 immer durchzogen von Auf- und Abwertungen, versteckten Konnotationen und Traumata.
Solange unsere Gesellschaft eine diskriminierende ist, gibt es immer nur eine Annäherung an
diskriminierungsfreies Sprechen. Und diese ist nur eine Momentaufnahme, bis wir eines
Besseren belehrt werden. Bedeutet dies, wir sollten das Kapitel einfach schließen? Nein, ganz
im Gegenteil.
95 Diskriminierungsfreie Sprache und diskriminierungsfreies Schimpfen ist zwar harte Kopf- und
Körperarbeit. Doch jede Annäherung ist ein Versuch wert, wenn wir Ungerechtigkeiten nicht
fortschreiben wollen. Die Arbeit zwingt uns, uns mit unseren eigenen verinnerlichten Auf- und
Abwertungen auseinander zu setzen. Und im besten Fall erwächst daraus ein politisches
Bewusstsein, das uns dazu antreibt, die gesellschaftlichen Umstände, die zu diesen
100 Kategorien führen, zu verändern.
Fluchen und beleidigen in diskriminierungsfreier(er) Sprache zwingt uns, kreativ zu sein, mit
Freund*innen zu diskutieren und daran zu wachsen. Vor einigen Monaten bekam ich aus dem
Nichts eine Textnachricht von einer Freundin, von der ich lange nichts gehört hatte. Darin
stand: „Mein neues diskriminierungsfreies Lieblings-Schimpfwort: Arschtasche.“
Kurt, Şeyda (01.09.2020): Wie man politisch korrekt beleidigt und flucht. <https://www.jetzt.de/politik/beleidigen-fluchen-politisch-korrekt>. 24.02.2021
Şeyda Kurt ist Kulturjournalistin und leitet Workshops zu diskriminierungsfreiem Sprachgebrauch.
Sprachliche Fehler in der Textvorlage wurden entsprechend der geltenden Norm korrigiert.
1.
Analysieren Sie Şeyda Kurts Text „Wie man politisch korrekt beleidigt und flucht“. Berücksichtigen Sie dabei den Aufbau der Argumentation, die sprachlich-stilistische Gestaltung und die Intention. ca. 70 %
Aufgabe 2 - Erörterung pragmatischer Texte
Material
Şeyda Kurt (*1992): Wie man politisch korrekt beleidigt und flucht (2020)
Der erste Fluchende der Geschichte, glauben wir zumindest dem Alten Testament, ist Gott.
„Weil du solches getan hast, seist du verflucht vor allem Vieh und vor allen Tieren auf dem
Felde“, spricht er zu der Schlange, die Eva dazu verführte, die verbotene Frucht zu essen,
„Auf deinem Bauche sollst du gehen und Erde essen dein Leben lang.“
5 Wenn wir als Sterbliche (ver)fluchen und beleidigen, heben wir zwar nicht die Welt aus den
Angeln. Dennoch haben die Worte, die wir hervorknirschen, eine reale Wirkung: Wir bauen
Frust und Schmerzen ab. Ich kann etwa keinen Text schreiben, ohne zu fluchen. Allein bis zu
dieser Zeile tat ich es bereits fünf Mal. Scheiße.
Die Pain-Overlap-Theorie behauptet, dass körperliche und emotionale Schmerzen dasselbe
10 Verarbeitungssystem im Gehirn teilen. Fluchen und beleidigen wir, versetzen wir unseren
Körper in eine physische Stresssituation. Adrenalin, Cortisol und Endorphine werden
ausgeschüttet. All das lindert das soziale und somit auch körperliche Schmerzempfinden, wie
neuseeländische Wissenschaftler*innen herausfanden.
Fluchen ist gesund. Und irgendwie auch schön. Unter dem Namen Malediktologie widmet sich
15 eine gesamte Forschungsrichtung dieser Praxis. Der Schimpfwortbereich ist einer der
kreativsten überhaupt innerhalb der Sprache, er bedient sich verschiedener Soziolekte und
Dialekte. Und er ist demokratisch! Alle können mitfluchen, mit oder ohne Uni-Abschluss.
Doch unsere Worte formen nicht nur unsere Wirklichkeit, sondern auch die unseres
Gegenübers, an das sie vielleicht gerichtet sind. Wir würdigen herab und kränken. Wir
20 provozieren Scham, Wut, Ohnmacht, im schlimmsten Falle Depressionen. Doch nicht nur das:
Die Begriffe, die wir benutzen, verraten viel über unser gesellschaftliches Selbstverständnis.
Welche Eigenschaften und gar Menschengruppen dienen kollektiv als Schimpfvorlage? Wer
wird abgewertet? Auf welchen Schimpfkanon greifen wir zurück? Und wie hängt dieser mit
historisch gewachsenen, strukturellen, politischen Diskriminierungen zusammen? Auch wenn
25 wir ohne konkrete Adressat*innen sprechen (und fluchen), tun wir dies niemals in einem
luftleeren Raum. Andere hören mit. Abwertungen werden normalisiert. Fluchen und Beleidigen
ist höchst politisch.
Ein Blick in den Bundestag: Laut Recherche des Magazins Vice beleidigen Abgeordnete in
ihren Reden am liebsten mit dem Begriff „Idiot“, der mitsamt Abwandlungen in 70 Jahren
30 Parlamentsgeschichte 114 Mal genannt wurde. Und auch in meinem Freund*innenkreis erfreut
er sich großer Beliebtheit, gerade weil er im Gegensatz zu anderen vulgären Beschimpfungen
so harmlos daher zu kommen scheint. Doch ist das wirklich so?
In der griechischen Antike bezeichnete der Begriff (altgriechisch: idiotes) noch gewöhnliche
Bürger oder Menschen, die als politisch ungebildet oder als ignorant den öffentlichen
35 Angelegenheiten gegenüber galten. Bis ins 18. Jahrhundert behielt der Begriff zumindest im
Deutschen diese Konnotation bei. Das änderte sich jedoch im 19. Jahrhundert durch den
Einfluss aus dem Englischen: Ein Idiot war und ist verrückt oder schwachsinnig.
Diese Zuschreibungen sind saneistisch. Das bedeutet: Sie werten Menschen systematisch ab,
die nicht einer vermeintlich neuronalen Norm oder dem, was unter mentaler Gesundheit
40 verstanden wird, entsprechen. Menschen werden als psychisch gestört, als Verrückte
gebrandmarkt. Genauso wie Rassismus oder Sexismus haben auch Diskriminierungsformen
wie Saneismus oder der verwandte Ableismus (der sich allgemein gegen be*hinderte
Menschen richtet) politische Konsequenzen. Das zeigt der Blick in die Geschichte.
Der Begriff Idiot war fester Teil der NS-Propaganda. Er diente dazu, die systematische
45 Ermordung von Menschen mit unterschiedlichen neuronalen Seinsweisen und anderen
Menschen, die angeblich von körperlichen oder geistigen Normen abwichen, zu rechtfertigen.
Wer „Idiot“ brüllt, reiht sich selbstverständlich nicht gleich in die Tradition der Nazis ein. Doch
mit dieser Beleidigung wird ein Kanon der Gewalt fortgeschrieben, der Menschen mit
psychischen Erkrankungen bis heute als minderwertig markiert.
50 Was also tun? Die Frage habe ich mir im Sommer 2019 gestellt. Nicht nur, weil ich
leidenschaftlich gerne fluche, sondern weil die Themen Anti-Diskriminierung und
Gerechtigkeit, auch im Bereich der Sprache, mich seit Jahren als Journalistin beschäftigen.
Also habe ich den Workshop Fluchen und Beleidigen ohne sexistisch, rassistisch, klassistisch
oder ableistisch zu sein ins Leben gerufen.
55 Das Motto ist: Fluchen und beleidigen, immer gerne! Aber dann in diskriminierungsfreier
Sprache. Dazu kläre ich mit den Teilnehmenden im ersten Schritt die Grundlagen: Welche
Geschichte und Zuschreibungen stecken hinter Rassismus, Sexismus und anderen
Diskriminierungsformen? Dann ordnen wir gemeinsam gängige Beleidigungen ein: „Penner“ =
klassistisch, weil das Wort arme, wohnungslose Menschen herabwürdigt; „Schlampe“ =
60 sexistisch, weil – ist doch klar; „Affe“ = kolonialrassistisch, klassistisch und gegebenenfalls
sexistisch, weil der Begriff mitunter dazu dient, schwarze Menschen zu animalisieren,
sexualisieren und auszubeuten. Genauso wie Diskriminierungsformen sich überlappen
können, bedienen auch sprachliche Zuschreibungen unterschiedliche historische und
politische Codes, je nach Sprecher*in und je nach Adressat*in. Klingt kompliziert? Ja, ist es.
65 Und genau deswegen hilft es, darüber zu sprechen.
Die Wissenschaftlerin Madita Oeming fragte kürzlich auf Twitter ihre Follower*innen nach
Inspirationen für Beleidigungen, „ohne dabei klassistisch, ableistisch, rassistisch,
homofeindlich, body shamend oder sonst in irgend einer Form eklig diskriminierend zu sein“.
Das Ergebnis war ein herrlich kreativer und lehrreicher Thread. Schriftsteller Saša Stanišić
70 tobte sich poetisch aus: „Möge an jedem Tag Deiner Harz-Wanderung Nieselregen sein.“
Andere hatten praktischere Empfehlungen: „Knalltüte“ oder „Flachkopfnieten“.
Auf neutrale Bereiche unserer Sprache zurückzugreifen, ist bei Fluchneuschöpfungen
tatsächlich eine beliebte Option. Es können Gebrauchsgegenstände sein oder auch Gemüse.
„Du Schimmelbrokkoli!“, zum Beispiel. Oder ich kann auf Eigenschaften zurückgreifen, die alle
75 Menschen gemeinsam haben und keine explizit marginalisierte Gruppe herabsetzen,
„Arschloch“ etwa. Ich empfehle außerdem mit verstärkenden Adjektiven zu arbeiten: „Du
scheiß/verdammter Schleimkopf“ kommt jedenfalls brutaler daher als ganz ohne Anhängsel.
Problem gelöst? Das Ganze hat einen Haken. Die meisten Teilnehmenden in meinen
Workshops etwa verspüren bei „Du Stinkekäse“ nicht annähernd dieselbe körperliche
80 Befriedigung, wie wenn sie einem anderen Menschen „Bastard“ entgegenschmettern.
Wahrscheinlich geht es vielen so, ich manchmal eingeschlossen. Da merken wir, mit welcher
Macht sich der Schimpfkanon in unseren Körper eingeschrieben hat. Vielleicht wird uns das
überraschen, denn eigentlich würden wir uns feministisch und aufgeklärt nennen. Und doch
merken wir entsetzt, dass uns der Tabubruch reizt.
85 Und selbst Gemüse ist nicht vollständig unbelastet. Eine Zeit lang gebrauchte ich häufig das
Schimpfwort „Lauch“, bis eine Kollegin erwähnte, den Begriff empfinde sie als sexistisch, da
er in der Regel an Männer gerichtet werde, die nicht Männlichkeitsnormen von Stärke und
Durchsetzungskraft entsprachen. Also strich ich auch „Lauch“ aus meinem Wortschatz.
Heute weiß ich: Es gibt kein absolut diskriminierungsfreies Schimpfen. Unsere Sprache ist
90 immer durchzogen von Auf- und Abwertungen, versteckten Konnotationen und Traumata.
Solange unsere Gesellschaft eine diskriminierende ist, gibt es immer nur eine Annäherung an
diskriminierungsfreies Sprechen. Und diese ist nur eine Momentaufnahme, bis wir eines
Besseren belehrt werden. Bedeutet dies, wir sollten das Kapitel einfach schließen? Nein, ganz
im Gegenteil.
95 Diskriminierungsfreie Sprache und diskriminierungsfreies Schimpfen ist zwar harte Kopf- und
Körperarbeit. Doch jede Annäherung ist ein Versuch wert, wenn wir Ungerechtigkeiten nicht
fortschreiben wollen. Die Arbeit zwingt uns, uns mit unseren eigenen verinnerlichten Auf- und
Abwertungen auseinander zu setzen. Und im besten Fall erwächst daraus ein politisches
Bewusstsein, das uns dazu antreibt, die gesellschaftlichen Umstände, die zu diesen
100 Kategorien führen, zu verändern.
Fluchen und beleidigen in diskriminierungsfreier(er) Sprache zwingt uns, kreativ zu sein, mit
Freund*innen zu diskutieren und daran zu wachsen. Vor einigen Monaten bekam ich aus dem
Nichts eine Textnachricht von einer Freundin, von der ich lange nichts gehört hatte. Darin
stand: „Mein neues diskriminierungsfreies Lieblings-Schimpfwort: Arschtasche.“
Kurt, Şeyda (01.09.2020): Wie man politisch korrekt beleidigt und flucht. <https://www.jetzt.de/politik/beleidigen-fluchen-politisch-korrekt>. 24.02.2021
Şeyda Kurt ist Kulturjournalistin und leitet Workshops zu diskriminierungsfreiem Sprachgebrauch.
Sprachliche Fehler in der Textvorlage wurden entsprechend der geltenden Norm korrigiert.
2.
Beurteilen Sie, inwieweit der Text dazu anregt, den eigenen Sprach- und Fluchgebrauch zu reflektieren und zu verändern. ca. 30 %
Du kannst auch nach Themen lernen
Übe ein Thema mit gemischten Teilaufgaben aus den Aufgaben des IQB-Pools aller Jahre.
- Analyse pragmatischer Texte · 31 Teilaufgaben · 35 % Wahrscheinlichkeit
- Erörterung pragmatischer Texte · 30 Teilaufgaben · 35 % Wahrscheinlichkeit
- Interpretation lyrischer Texte · 21 Teilaufgaben · 25 % Wahrscheinlichkeit
- Interpretation epischer Texte · 16 Teilaufgaben · 20 % Wahrscheinlichkeit
- Literarische Erörterung und Pflichtlektüre · 7 Teilaufgaben · 10 % Wahrscheinlichkeit
- Materialgestütztes Verfassen von Texten · 7 Teilaufgaben · 10 % Wahrscheinlichkeit
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