Abitur Bremen Deutsch 2024 · LK · Framing als Element öffentlicher Meinungsbildung
Aufgabe Deutsch aus dem IQB-Pool 2024, LK · Framing als Element öffentlicher Meinungsbildung: 2 Teilaufgaben mit Lösungen. Mit automatischer Korrektur.
Themen der Aufgabe: Analyse pragmatischer Texte · Erörterung pragmatischer Texte
Aufgabe 1 - Analyse pragmatischer Texte
Material
Gustav Seibt: Sire, geben Sie Begriffsfreiheit! 1 (2019)
Man kann den Mond am Nachthimmel mit einer halbierten Aspirintablette vergleichen oder mit
einer silbernen Rasierschale, die halb im schwarzen Wasser steckt. Man kann von Bäumen
sagen, dass sie vom Wind geschüttelt werden oder dass sie sich langsam wiegen wie gesittete
Tänzer auf einer vollen Tanzfläche. Man kann von einem Himbeermund sprechen oder
5 erklären, der Mund gleiche dem dunkelroten Siegel auf einem Brief, in dem nichts steht.
Metaphern!
Die drei auffälligsten der genannten stammen von Arno Schmidt 2 (Aspirintablette), Hilary
Mantel 3 (Tanzfläche) und Vladimir Nabokov 4 (Siegellack). Metaphern beschreiben die Welt
immer wieder neu, je überraschender, desto lustbringender. Der Aha-Effekt entsteht durchs
10 Wiedererkennen, durch den plötzlichen Funkenflug zwischen sehr entfernten Gegenständen,
etwa einem Gesicht und einem Brief, in dem nichts steht.
Warum beschäftigen wir uns mit Dichtung und Literatur? Unter anderem, um Abstand und
Freiheit von der Sprache zu gewinnen, um durch ungewöhnliche Formulierungen zu erfahren,
dass jede Rede die Welt von einer anderen Seite zeigt, ja sie immer wieder neu schaffen kann,
15 fast, als sähen wir sie zum ersten Mal.
Gerade wird viel über „Framing“ gesprochen, weil die ARD vor zwei Jahren ein
Diskussionspapier 5 erstellen ließ, in dem erklärt wird, wie sie sich der Öffentlichkeit, also den
Gebührenzahlern, durch Sprachregelungen angenehm machen kann. „Frames“, „Rahmen“,
sollen sprachliche, vor allem metaphorische Vorgaben und Zusammenhänge sein, die die
20 Wahrnehmungen und Weltauffassungen der Menschen steuern. Praktisch wird zum Beispiel
empfohlen, das Wort „Zwangsgebühr“ wegen seiner negativen Assoziationen unbedingt zu
meiden, sondern stattdessen von „unserer finanziellen Beteiligung“ zu sprechen.
Damit soll suggeriert werden, wir Gebührenzahler hätten Anteile an den öffentlich-rechtlichen
Rundfunkanstalten erworben, denn „die ARD ist von uns, mit uns und für uns geschaffen“, und
25 das unterscheide sie von „medienkapitalistischen Heuschrecken“ 6. „Heuschrecken“, das ist
fast schon ein poetisches Bild, wenn auch ein abgegriffenes, es assoziiert ursprünglich
Kahlfraß, im kapitalismuskritischen Rahmen aber feindliche Übernahmen durch börsennotierte
Unternehmen.
Die Theorie des Framings glaubt nun, solche Sprachmanöver hätten eine unfehlbare,
30 zwangsläufige Wirkung, jedenfalls wenn man sie lange und konsequent genug betreibe.
Sprache wirkt, heißt das, und zwar vorrational, unbewusst, direkt über das Gehirn und seine
Neuronen. Der Mensch habe nämlich einen kognitiven Apparat (auch so eine Metapher), der
es ihm erlaube, die Welt nur innerhalb solcher Rahmungen aufzufassen. Einmal ist der
Rundfunk eine Art genossenschaftliches Unternehmen mit uns als Teilhabern, das andere Mal
35 ein „profitwirtschaftlicher Sender“.
Nun könnte man sagen, dergleichen müsste sich überprüfen lassen, man könnte ja
Finanzierungsquellen und Geschäftsmodelle vergleichen. Doch so denkt die Framingtheorie
nicht. An der vielleicht schrillsten Stelle des ARD-„Manuals“ schreibt die Verfasserin Elisabeth
Wehling: „Entgegen dem gängigen Mythos entscheidet der Mensch sich nicht ‚rein rational‘
40 und aufgrund einer ‚objektiven‘ Abwägung von Fakten für oder gegen Dinge, denn objektives,
faktenbegründetes und rationales Denken gibt es nicht, zumindest nicht in der Form, in der es
der Aufklärungsgedanke suggeriert. Jedes Verarbeiten von Fakten findet innerhalb von
Frames statt.“ Und dann kommt das berühmte Beispiel vom Glas Wasser, das entweder halb
voll oder halb leer sei: „Eine Frage des Framings.“
45 „Rationales Denken gibt es nicht.“ Die Framing-Forschung zeige nämlich „eindeutig, dass
Menschen sich in ihren Entscheidungen von Frames anleiten lassen – ohne dies zu merken.
Eine Margarine mit ‚nur 3 Prozent Fett‘ etwa regt weniger zum Kauf an als eine, die ‚97 Prozent
fettfrei‘ ist.“ Ohne dies zu merken: Da liegt der Clou, der heiße Kern dieses Denkens. Der
Mensch der Framing-Forschung ist eine bewusstlose Beute solcher Rahmungen oder
50 Stimmungsmarker, er ist abhängig von Sprachbildern, er wägt nicht ab, sondern er reagiert, er
antwortet auf Reize, nicht auf Fakten und Argumente.
Dahinter stecken krude kognitionswissenschaftliche und linguistische Modelle, die allesamt
auf eine Naturalisierung 7 des menschlichen Geistes hinauslaufen, als sei dieser in
physiologischen Reaktionsmustern gefangen. Da wird Gehirnforschung bemüht, da werden
55 statistische Erhebungen und Befragungen durchgeführt, die immer das beweisen, was schon
vorausgesetzt war. Wenn es um das Denken geht, ist vorzugsweise die Rede von „Gehirn“.
Das zweite Argument lautet, dass es gar nicht möglich sei, nicht zu framen. Es wird auch von
Verteidigern des ARD-Papiers wie Stefan Niggemeier 8 vorgebracht, die sich womöglich
Wehlings kognitionspsychologische Voraussetzungen sonst gar nicht zu eigen machen. Jede
60 Weltwahrnehmung, jedes Sprechen könne immer nur einen bestimmten Aspekt der Welt
aufgreifen, isolierte Fakten gebe es ohnehin nicht, alles sei von Voraussetzungen abhängig
und nur in Kontexten verständlich.
Dies ist nun einerseits unbestreitbar. Doch schon die Feststellung, dass es unmöglich sei,
nicht zu framen, tritt einen Schritt zurück und beschreibt den Mechanismus von außen,
65 übrigens selbst auf metaphorische Weise. Warum sollte es unmöglich sein, die
Beeinflussbarkeit eigener Wahrnehmungen und Entscheidungen von Frames zu reflektieren?
Die Framing-Forscherin, die das behauptet und mit Befragungen untermauert, muss solche
Abhängigkeit ja wohl bemerkt haben. Wenn angeblich „jedes“ Verarbeiten von Fakten in
Frames stattfindet, dann lässt sich doch immerhin feststellen, dass diese im Plural stehen, sich
70 also wechseln lassen. Sonst wäre ein Framing-Manual ja auch überflüssig. [...]
Nun belehrt schon die Alltagsbeobachtung im politischen Streit gerade dieser Jahre, dass
Framing kein Schicksal ist. Die Leute wussten ja, was sie sagten, als sie sich über eine
„Zwangsgebühr“ aufregten und den vorübergehend ins Spiel gebrachten Ausdruck
„Demokratie-Abgabe“ verhöhnten. Aktuelles politisch unkorrektes Sprechen lebt sogar
75 besonders stark vom Re- oder Umframen anders gemeinter Sprechweisen. „Fachkräfte“ ist in
Teilen eines bösartigen Diskurses längst zum Synonym für nicht ausgebildete
„Wirtschaftsflüchtlinge“ oder gar für „Vergewaltiger“ geworden. 9 Gerade peinlich vermiedene
Ausdrücke lugen unter ihren Ersatzwörtern besonders hartnäckig hervor. Der Ausdruck
bestimmt in solchen Fällen eben nicht das Denken, und das war schon immer so.
80 Sklavensprache ist eine Überanpassung, die das Gegenteil meint, nämlich den Aufstand.
Die Freiheit gegenüber der Sprache, die Dichtung und Literatur lehren, das poetische Spiel
mit Metaphern, die sich wechseln und gegeneinander stellen lassen, ist nur die
höchstentwickelte Form von Möglichkeiten, die im Sprechen und Verstehen schon immer
geläufig waren. Poesie ist, so lautet eine grundlegende Einsicht, Entautomatisierung von
85 Sprache; sie wendet die Aufmerksamkeit auf die Instrumente der Weltwahrnehmung und des
sozialen Umgangs, mit dem Ziel, beides zu beleben: den Blick auf die Welt und die
Möglichkeiten, sich in ihr zu bewegen. So bedeutet sie einen elementaren Einspruch gegen
die Behauptung von der Unausweichlichkeit sprachlicher Vorgaben jeder Art.
Doch peinlicher noch als die Selbstwidersprüchlichkeiten des Framing-Denkens ist ein anderer
90 Aspekt. Es teilt die Menschen nämlich in unterschiedliche Klassen ein, in die, die das Framen
aktiv und bewusst betreiben, sprachliche Vorgaben untersuchen und setzen, und in die
anderen, die sich angeblich „ohne dies zu merken“ bei ihren Entscheidungen von vorrationalen
Frames leiten lassen. Es soll also Grade des Wissens geben: eine kleine Gruppe von
Wissenden, die Sozial- und Gefühlstechnologie betreiben, und eine bestenfalls halbbewusst
95 dämmernde Masse, die davon bestimmt wird. Damit wird Politik zu Propaganda, zur
Werbeindustrie oder zum permanenten Wahlkampf, oder sie wird zur Beute der Ängste, der
Wut und des Hasses.
Dass es dies als Tendenz gibt, dass Spindoktoren 10 und Wahlkampfmanager,
Produktdesigner und Kommunikationsberater oft so denken und sich danach ausrichten, ist
100 nicht zu bestreiten. Doch was bedeutet es für eine Demokratie und vor allem für ein
Medienunternehmen, sich dies programmatisch zu eigen zu machen, und zwar auf so plumpe
und menschenverachtende Weise? Wenn man diese Theorien ernst nimmt und zu Ende
denkt, laufen sie auf die Leugnung der staatsbürgerlichen Gleichheit und damit der
republikanischen Verfassung hinaus.
105 Es gehört zu den oft erörterten welthistorischen Grundtatsachen, dass bei den Griechen die
demokratische Polis 11 gleichzeitig mit dem Theater und der Rhetorik entstand. Das Theater
führte den Kampf entgegenstehender Positionen modellhaft vor, die Rhetorik war die
Wissenschaft von den Mitteln solchen Streits. Beides versorgte das Leben in der Polis mit der
Selbstreflexion, ohne die gewaltfreie Politik nicht möglich ist. Wenn es einen Auftrag öffentlich-
110 rechtlicher Medien gibt, dann liegt er in der Nachfolge dieser Errungenschaften.
1 Sire, geben Sie Begriffsfreiheit: Anspielung auf das Zitat „Geben Sie Gedankenfreiheit!“ aus Friedrich Schillers Drama „Don Karlos“. Mit diesem Ausspruch wird in dem Stück Gedanken- bzw. Meinungsfreiheit gegenüber der Obrigkeit gefordert.
2 Arno Schmidt (1914–1979): deutscher Schriftsteller.
3 Hilary Mantel (1952–2022): britische Schriftstellerin.
4 Vladimir Nabokov (1899–1977): russisch-amerikanischer Schriftsteller und Literaturwissenschaftler.
5 Die ARD hat sich von der Sprach- und Kognitionswissenschaftlerin Elisabeth Wehling (*1981) beraten lassen, wie sich der Sender durch Erkenntnisse der Framing-Theorie besser darstellen kann. Diese ursprünglich nur für interne Zwecke gedachten Ergebnisse gelangten 2019 an die Öffentlichkeit.
6 medienkapitalistische Heuschrecken: Gemeint sind hier z. B. Privatsender wie RTL.
7 Naturalisierung: hier: Vorstellung, dass das menschliche Denken auf rein biologische Vorgänge reduziert werden könne.
8 Stefan Niggemeier (*1969): Medienjournalist.
9 Menschen, die 2015 in großer Zahl nach Deutschland flüchteten, wurden von der politischen Mitte eher als potenzielle Fachkräfte bezeichnet, während insbesondere rechtspopulistische Kreise diese als „Wirtschaftsflüchtlinge“ oder gar als „Vergewaltiger“ titulierten und von „Fachkräften“ nur in zynischem Tonfall sprachen.
10 Spindoktor: eher abwertend gemeinter Begriff für einen politischen Berater, der vornehmlich für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist.
11 Polis: altgriechischer Stadtstaat; wird als Ursprung der Demokratie angesehen.
Seibt, Gustav: Sire, geben Sie Begriffsfreiheit! In: Süddeutsche Zeitung (23./24.02.2019), S. 17.
Gustav Seibt (*1959) ist Literaturkritiker, Essayist und Historiker.
Sprachliche Fehler in der Textvorlage wurden entsprechend der geltenden Norm korrigiert.
Aufgabenstellung
1. Analysieren Sie den Text von Gustav Seibt. Berücksichtigen Sie dabei den Gedankengang, die sprachlich-stilistische Gestaltung sowie die Intention des Textes. [ca. 70 %]
Aufgabe 2 - Erörterung pragmatischer Texte
Material
Gustav Seibt: Sire, geben Sie Begriffsfreiheit! 1 (2019)
Man kann den Mond am Nachthimmel mit einer halbierten Aspirintablette vergleichen oder mit
einer silbernen Rasierschale, die halb im schwarzen Wasser steckt. Man kann von Bäumen
sagen, dass sie vom Wind geschüttelt werden oder dass sie sich langsam wiegen wie gesittete
Tänzer auf einer vollen Tanzfläche. Man kann von einem Himbeermund sprechen oder
5 erklären, der Mund gleiche dem dunkelroten Siegel auf einem Brief, in dem nichts steht.
Metaphern!
Die drei auffälligsten der genannten stammen von Arno Schmidt 2 (Aspirintablette), Hilary
Mantel 3 (Tanzfläche) und Vladimir Nabokov 4 (Siegellack). Metaphern beschreiben die Welt
immer wieder neu, je überraschender, desto lustbringender. Der Aha-Effekt entsteht durchs
10 Wiedererkennen, durch den plötzlichen Funkenflug zwischen sehr entfernten Gegenständen,
etwa einem Gesicht und einem Brief, in dem nichts steht.
Warum beschäftigen wir uns mit Dichtung und Literatur? Unter anderem, um Abstand und
Freiheit von der Sprache zu gewinnen, um durch ungewöhnliche Formulierungen zu erfahren,
dass jede Rede die Welt von einer anderen Seite zeigt, ja sie immer wieder neu schaffen kann,
15 fast, als sähen wir sie zum ersten Mal.
Gerade wird viel über „Framing“ gesprochen, weil die ARD vor zwei Jahren ein
Diskussionspapier 5 erstellen ließ, in dem erklärt wird, wie sie sich der Öffentlichkeit, also den
Gebührenzahlern, durch Sprachregelungen angenehm machen kann. „Frames“, „Rahmen“,
sollen sprachliche, vor allem metaphorische Vorgaben und Zusammenhänge sein, die die
20 Wahrnehmungen und Weltauffassungen der Menschen steuern. Praktisch wird zum Beispiel
empfohlen, das Wort „Zwangsgebühr“ wegen seiner negativen Assoziationen unbedingt zu
meiden, sondern stattdessen von „unserer finanziellen Beteiligung“ zu sprechen.
Damit soll suggeriert werden, wir Gebührenzahler hätten Anteile an den öffentlich-rechtlichen
Rundfunkanstalten erworben, denn „die ARD ist von uns, mit uns und für uns geschaffen“, und
25 das unterscheide sie von „medienkapitalistischen Heuschrecken“ 6. „Heuschrecken“, das ist
fast schon ein poetisches Bild, wenn auch ein abgegriffenes, es assoziiert ursprünglich
Kahlfraß, im kapitalismuskritischen Rahmen aber feindliche Übernahmen durch börsennotierte
Unternehmen.
Die Theorie des Framings glaubt nun, solche Sprachmanöver hätten eine unfehlbare,
30 zwangsläufige Wirkung, jedenfalls wenn man sie lange und konsequent genug betreibe.
Sprache wirkt, heißt das, und zwar vorrational, unbewusst, direkt über das Gehirn und seine
Neuronen. Der Mensch habe nämlich einen kognitiven Apparat (auch so eine Metapher), der
es ihm erlaube, die Welt nur innerhalb solcher Rahmungen aufzufassen. Einmal ist der
Rundfunk eine Art genossenschaftliches Unternehmen mit uns als Teilhabern, das andere Mal
35 ein „profitwirtschaftlicher Sender“.
Nun könnte man sagen, dergleichen müsste sich überprüfen lassen, man könnte ja
Finanzierungsquellen und Geschäftsmodelle vergleichen. Doch so denkt die Framingtheorie
nicht. An der vielleicht schrillsten Stelle des ARD-„Manuals“ schreibt die Verfasserin Elisabeth
Wehling: „Entgegen dem gängigen Mythos entscheidet der Mensch sich nicht ‚rein rational‘
40 und aufgrund einer ‚objektiven‘ Abwägung von Fakten für oder gegen Dinge, denn objektives,
faktenbegründetes und rationales Denken gibt es nicht, zumindest nicht in der Form, in der es
der Aufklärungsgedanke suggeriert. Jedes Verarbeiten von Fakten findet innerhalb von
Frames statt.“ Und dann kommt das berühmte Beispiel vom Glas Wasser, das entweder halb
voll oder halb leer sei: „Eine Frage des Framings.“
45 „Rationales Denken gibt es nicht.“ Die Framing-Forschung zeige nämlich „eindeutig, dass
Menschen sich in ihren Entscheidungen von Frames anleiten lassen – ohne dies zu merken.
Eine Margarine mit ‚nur 3 Prozent Fett‘ etwa regt weniger zum Kauf an als eine, die ‚97 Prozent
fettfrei‘ ist.“ Ohne dies zu merken: Da liegt der Clou, der heiße Kern dieses Denkens. Der
Mensch der Framing-Forschung ist eine bewusstlose Beute solcher Rahmungen oder
50 Stimmungsmarker, er ist abhängig von Sprachbildern, er wägt nicht ab, sondern er reagiert, er
antwortet auf Reize, nicht auf Fakten und Argumente.
Dahinter stecken krude kognitionswissenschaftliche und linguistische Modelle, die allesamt
auf eine Naturalisierung 7 des menschlichen Geistes hinauslaufen, als sei dieser in
physiologischen Reaktionsmustern gefangen. Da wird Gehirnforschung bemüht, da werden
55 statistische Erhebungen und Befragungen durchgeführt, die immer das beweisen, was schon
vorausgesetzt war. Wenn es um das Denken geht, ist vorzugsweise die Rede von „Gehirn“.
Das zweite Argument lautet, dass es gar nicht möglich sei, nicht zu framen. Es wird auch von
Verteidigern des ARD-Papiers wie Stefan Niggemeier 8 vorgebracht, die sich womöglich
Wehlings kognitionspsychologische Voraussetzungen sonst gar nicht zu eigen machen. Jede
60 Weltwahrnehmung, jedes Sprechen könne immer nur einen bestimmten Aspekt der Welt
aufgreifen, isolierte Fakten gebe es ohnehin nicht, alles sei von Voraussetzungen abhängig
und nur in Kontexten verständlich.
Dies ist nun einerseits unbestreitbar. Doch schon die Feststellung, dass es unmöglich sei,
nicht zu framen, tritt einen Schritt zurück und beschreibt den Mechanismus von außen,
65 übrigens selbst auf metaphorische Weise. Warum sollte es unmöglich sein, die
Beeinflussbarkeit eigener Wahrnehmungen und Entscheidungen von Frames zu reflektieren?
Die Framing-Forscherin, die das behauptet und mit Befragungen untermauert, muss solche
Abhängigkeit ja wohl bemerkt haben. Wenn angeblich „jedes“ Verarbeiten von Fakten in
Frames stattfindet, dann lässt sich doch immerhin feststellen, dass diese im Plural stehen, sich
70 also wechseln lassen. Sonst wäre ein Framing-Manual ja auch überflüssig. [...]
Nun belehrt schon die Alltagsbeobachtung im politischen Streit gerade dieser Jahre, dass
Framing kein Schicksal ist. Die Leute wussten ja, was sie sagten, als sie sich über eine
„Zwangsgebühr“ aufregten und den vorübergehend ins Spiel gebrachten Ausdruck
„Demokratie-Abgabe“ verhöhnten. Aktuelles politisch unkorrektes Sprechen lebt sogar
75 besonders stark vom Re- oder Umframen anders gemeinter Sprechweisen. „Fachkräfte“ ist in
Teilen eines bösartigen Diskurses längst zum Synonym für nicht ausgebildete
„Wirtschaftsflüchtlinge“ oder gar für „Vergewaltiger“ geworden. 9 Gerade peinlich vermiedene
Ausdrücke lugen unter ihren Ersatzwörtern besonders hartnäckig hervor. Der Ausdruck
bestimmt in solchen Fällen eben nicht das Denken, und das war schon immer so.
80 Sklavensprache ist eine Überanpassung, die das Gegenteil meint, nämlich den Aufstand.
Die Freiheit gegenüber der Sprache, die Dichtung und Literatur lehren, das poetische Spiel
mit Metaphern, die sich wechseln und gegeneinander stellen lassen, ist nur die
höchstentwickelte Form von Möglichkeiten, die im Sprechen und Verstehen schon immer
geläufig waren. Poesie ist, so lautet eine grundlegende Einsicht, Entautomatisierung von
85 Sprache; sie wendet die Aufmerksamkeit auf die Instrumente der Weltwahrnehmung und des
sozialen Umgangs, mit dem Ziel, beides zu beleben: den Blick auf die Welt und die
Möglichkeiten, sich in ihr zu bewegen. So bedeutet sie einen elementaren Einspruch gegen
die Behauptung von der Unausweichlichkeit sprachlicher Vorgaben jeder Art.
Doch peinlicher noch als die Selbstwidersprüchlichkeiten des Framing-Denkens ist ein anderer
90 Aspekt. Es teilt die Menschen nämlich in unterschiedliche Klassen ein, in die, die das Framen
aktiv und bewusst betreiben, sprachliche Vorgaben untersuchen und setzen, und in die
anderen, die sich angeblich „ohne dies zu merken“ bei ihren Entscheidungen von vorrationalen
Frames leiten lassen. Es soll also Grade des Wissens geben: eine kleine Gruppe von
Wissenden, die Sozial- und Gefühlstechnologie betreiben, und eine bestenfalls halbbewusst
95 dämmernde Masse, die davon bestimmt wird. Damit wird Politik zu Propaganda, zur
Werbeindustrie oder zum permanenten Wahlkampf, oder sie wird zur Beute der Ängste, der
Wut und des Hasses.
Dass es dies als Tendenz gibt, dass Spindoktoren 10 und Wahlkampfmanager,
Produktdesigner und Kommunikationsberater oft so denken und sich danach ausrichten, ist
100 nicht zu bestreiten. Doch was bedeutet es für eine Demokratie und vor allem für ein
Medienunternehmen, sich dies programmatisch zu eigen zu machen, und zwar auf so plumpe
und menschenverachtende Weise? Wenn man diese Theorien ernst nimmt und zu Ende
denkt, laufen sie auf die Leugnung der staatsbürgerlichen Gleichheit und damit der
republikanischen Verfassung hinaus.
105 Es gehört zu den oft erörterten welthistorischen Grundtatsachen, dass bei den Griechen die
demokratische Polis 11 gleichzeitig mit dem Theater und der Rhetorik entstand. Das Theater
führte den Kampf entgegenstehender Positionen modellhaft vor, die Rhetorik war die
Wissenschaft von den Mitteln solchen Streits. Beides versorgte das Leben in der Polis mit der
Selbstreflexion, ohne die gewaltfreie Politik nicht möglich ist. Wenn es einen Auftrag öffentlich-
110 rechtlicher Medien gibt, dann liegt er in der Nachfolge dieser Errungenschaften.
1 Sire, geben Sie Begriffsfreiheit: Anspielung auf das Zitat „Geben Sie Gedankenfreiheit!“ aus Friedrich Schillers Drama „Don Karlos“. Mit diesem Ausspruch wird in dem Stück Gedanken- bzw. Meinungsfreiheit gegenüber der Obrigkeit gefordert.
2 Arno Schmidt (1914–1979): deutscher Schriftsteller.
3 Hilary Mantel (1952–2022): britische Schriftstellerin.
4 Vladimir Nabokov (1899–1977): russisch-amerikanischer Schriftsteller und Literaturwissenschaftler.
5 Die ARD hat sich von der Sprach- und Kognitionswissenschaftlerin Elisabeth Wehling (*1981) beraten lassen, wie sich der Sender durch Erkenntnisse der Framing-Theorie besser darstellen kann. Diese ursprünglich nur für interne Zwecke gedachten Ergebnisse gelangten 2019 an die Öffentlichkeit.
6 medienkapitalistische Heuschrecken: Gemeint sind hier z. B. Privatsender wie RTL.
7 Naturalisierung: hier: Vorstellung, dass das menschliche Denken auf rein biologische Vorgänge reduziert werden könne.
8 Stefan Niggemeier (*1969): Medienjournalist.
9 Menschen, die 2015 in großer Zahl nach Deutschland flüchteten, wurden von der politischen Mitte eher als potenzielle Fachkräfte bezeichnet, während insbesondere rechtspopulistische Kreise diese als „Wirtschaftsflüchtlinge“ oder gar als „Vergewaltiger“ titulierten und von „Fachkräften“ nur in zynischem Tonfall sprachen.
10 Spindoktor: eher abwertend gemeinter Begriff für einen politischen Berater, der vornehmlich für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist.
11 Polis: altgriechischer Stadtstaat; wird als Ursprung der Demokratie angesehen.
Seibt, Gustav: Sire, geben Sie Begriffsfreiheit! In: Süddeutsche Zeitung (23./24.02.2019), S. 17.
Gustav Seibt (*1959) ist Literaturkritiker, Essayist und Historiker.
Sprachliche Fehler in der Textvorlage wurden entsprechend der geltenden Norm korrigiert.
Aufgabenstellung
2. Nehmen Sie begründet Stellung zu Seibts Position zum Framing als Element öffentlicher Meinungsbildung. [ca. 30 %]
Du kannst auch nach Themen lernen
Übe ein Thema mit gemischten Teilaufgaben aus den Aufgaben des IQB-Pools aller Jahre.
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