Sujet 2 - Partie 1 : Synthèse · Bac Allemand Métropole 2024

Thème : Socialisation et sociabilité : espaces et enjeux · Tiré du sujet Métropole France (2024)

Énoncé

SUJET 2

Thématique: Formes et fondements des liens sociaux dans l'espace germanophone

Axe d'étude: Socialisation et sociabilité: espaces et enjeux

Partie 1: Synthèse du dossier (16 points)

Gehen Sie auf die folgenden Punkte in einem zusammenhängenden Text ein (ca. 500 Wörter):

Geben Sie den thematischen und zeitlichen Hintergrund dieses Dossiers wieder.

Erklären Sie, inwiefern das Verhalten der Mutter in der Materialvorlage A den Platz und die Rolle der Kinder in den Familien und die Erziehungsmethoden des frühen 20. Jahrhunderts beschreibt.

Erörtern Sie, was die Gesellschaft in Deutschland heute von der Erziehung von Kindern erwartet.

DOCUMENT A

Als Sohn einer spanisch-jüdischen Familie aus Bulgarien spricht Elias Canetti Spanisch und Bulgarisch. Seine Eltern ziehen dann nach Manchester um, wo er Englisch lernt. Nach dem frühen Tod seines Vaters nimmt ihn seine Mutter nach Wien mit. Um aber die deutsche Schule besuchen zu können, muss er Deutsch lernen. Die Mutter geht in eine Buchhandlung, kauft das erstbeste Buch und fängt sofort damit an, dem jungen Elias Deutsch beizubringen.

Sie las mir einen Satz Deutsch vor und ließ mich ihn wiederholen. Da ihr meine Aussprache missfiel, wiederholte ich ihn ein paar Mal, bis er ihr erträglich schien. Das geschah aber nicht oft, denn sie verhöhnte mich für meine Aussprache, und da ich um nichts in der Welt ihren Hohn ertrug, gab ich mir Mühe und sprach es bald richtig. Dann erst sagte sie mir, was der Satz auf Englisch bedeute. Das aber wiederholte sie nie, das musste ich mir sofort ein für alle Mal merken. Dann ging sie rasch zum nächsten Satz über, es kam zur selben Prozedur; sobald ich ihn richtig ausgesprochen hatte, übersetzte sie ihn, sah mich gebieterisch an, dass ich mir's merke, und war schon beim nächsten.

Ich weiß nicht, wieviel Sätze sie mir das erste Mal zumutete, sagen wir bescheiden: einige; ich fürchte, es waren viele. Sie entließ mich, sagte: „Wiederhole dir das für dich. Du darfst keinen Satz vergessen. Nicht einen einzigen. Morgen machen wir weiter.“ Sie behielt das Buch, ich war ratlos mir selber überlassen. Ich hatte keine Hilfe, Miss Bray sprach nur Englisch, und während des übrigen Tages weigerte sich die Mutter, mir die Sätze vorzusprechen.

Am nächsten Tag saß ich wieder am selben Platz, das offene Fenster vor mir, den See und die Segel. Sie nahm die Sätze vom Vortag wieder her, ließ mich einen nachsprechen und fragte, was er bedeute. Mein Unglück wollte es, dass ich mir seinen Sinn gemerkt hatte, und sie sagte zufrieden: „Ich sehe, es geht so!“ Aber dann kam die Katastrophe und ich wusste nichts mehr, außer dem ersten hatte ich mir keinen einzigen Satz gemerkt. Ich sprach sie nach, sie sah mich erwartungsvoll an, ich stotterte und verstummte. Als es bei einigen so weiterging, wurde sie zornig und sagte: „Du hast dir doch den ersten gemerkt, also kannst du. Du willst nicht. Du willst in Lausanne bleiben. Ich lasse dich allein in Lausanne zurück. Ich fahre nach Wien, und Miss Bray und die Kleinen nehme ich mit. Du kannst allein in Lausanne bleiben!“

Ich glaube, dass ich das weniger fürchtete als ihren Hohn. Denn wenn sie besonders ungeduldig wurde, schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen und rief: „Ich habe einen Idioten zum Sohn! Das habe ich nicht gewusst, dass ich einen Idioten zum Sohn habe!“ oder „Dein Vater hat doch auch Deutsch gekonnt, was würde dein Vater dazu sagen!“

Aus: Elias CANETTI, Die gerettete Zunge. Geschichte einer Jugend 1905-1921.

DOCUMENT B

Expertinnen verraten: So gelingt Erziehen ohne Schimpfen

Berlin. Kinder wollen, dass Eltern wenig schimpfen, schreien, drohen. Eltern wünschen sich, dass ihre Kinder sie nicht auf die Palme bringen. Beiden kann geholfen werden, sagt Nicola Schmidt. Die Wissenschaftsjournalistin und Bestsellerautorin ist Befürworterin einer gewaltfreien Kommunikation in der Erziehung.

„Schimpfen funktioniert einfach nicht, das ist vielfach in wissenschaftlichen Studien belegt worden“, sagt Schmidt. Weder Schreien noch Strafen halte Kinder davon ab, Verbotenes zu tun. Vielmehr würden sie dadurch lernen, negatives Verhalten zu verbergen oder darüber zu lügen.

Erziehen ohne Schimpfen: Was Eltern wissen sollten

Was aber, wenn Sohn oder Tochter nicht hören wollen, Unsinn machen und gutes Zureden nicht hilft? Viele Eltern befürchten, ohne Schimpfen tyrannische oder verwöhnte Kinder heranzuziehen, die einem auf der Nase herumtanzen. Schmidt rät dann zu Sanftmut und Achtsamkeit – auch gegen sich selbst.

„Eltern müssen freundlich zu sich selbst sein und mit Herz und Verstand an die Erziehung herangehen. Dafür, dass Kinder mich nicht ernst nehmen, wenn ich nicht streng und äußerst konsequent bin, gibt es keine wissenschaftliche Grundlage“, erklärt Schmidt. Die Forschung zeige vielmehr, dass eine Erziehung, die das Kind respektiere, kooperative und teamfähige Menschen hervorbringe.

Dass Eltern immer tun müssten, was ihre Kinder wollten, sei damit nicht gemeint. Mutter und Vater müssten und könnten nicht alle Bedürfnisse erfüllen, sollten aber die Kinder immer anhören und ihnen signalisieren, dass sie ihre Bedürfnisse verstehen und ernst nehmen.

Dahinter steht der Gedanke: Es sind immer die Eltern, die Verantwortung für das Verhalten ihrer Kinder tragen. Für Schmidt sei es die Aufgabe der Eltern, die Kinder dazu zu bringen, kooperieren zu können. „Wenn Kinder nur etwas tun, weil es von ihnen verlangt wird, tun sie es zwar, lassen es aber sofort wieder bleiben, wenn der Druck weg ist.“ Der Nutzen fürs Leben: null.

Gewaltfreie Kommunikation mit dem Kind: Das ist oberste Devise

Die oberste Prämisse der gewaltfreien Kommunikation in der Erziehung lautet: Schreien Sie Ihr Kind nicht an – auch wenn es ein Desaster hinterlassen hat, etwa auf der Terrasse im Garten. Anstatt laut „Was für eine Schweinerei, wie konntest du nur?“ zu sagen, sei es besser ruhig zu bleiben. Wenn Eltern ihre eigenen Gefühle ausdrücken könnten, lerne das Kind Empathie.

Nach: Stefan RIPPLER, www.abendblatt.de, Mai 2022

DOCUMENT C

verzogen: gâté (ici)

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Corrigé

Corrigé proposé par AprenAI (non officiel)

Gehen Sie auf die folgenden Punkte in einem zusammenhängenden Text ein (ca. 500 Wörter): Geben Sie den thematischen und zeitlichen Hintergrund dieses Dossiers wieder; Erklären Sie, inwiefern das Verhalten der Mutter in der Materialvorlage A den Platz und die Rolle der Kinder in den Familien und die Erziehungsmethoden des frühen 20. Jahrhunderts beschreibt; Erörtern Sie, was die Gesellschaft in Deutschland heute von der Erziehung von Kindern erwartet.

Réponse : Musterlösung für die Synthese (ca. 500 Wörter): Das vorliegende Dossier thematisiert den Wandel von Erziehungsmethoden, familiären Beziehungen und gesellschaftlichen Erwartungen an Kinder vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die heutige Zeit. Es umfasst drei Dokumente: einen autobiografischen Auszug aus Elias Canettis *Die gerettete Zunge. Geschichte einer Jugend 1905–1921*, einen zeitgenössischen Presseartikel von Stefan Rippler (*Hamburger Abendblatt*, Mai 2022) sowie das Titelbild des Nachrichtenmagazins *Der Spiegel* vom Oktober 2022 mit dem Titel „Gut verzogen – Wie streng muss Erziehung heute sein?“. Historisch betrachtet veranschaulicht Dokument A eine typische strenge, autoritäre Erziehungspraxis des frühen 20. Jahrhunderts. Das Kind hat in diesem Modell keinen Raum für Schwächen oder Selbstbestimmung. Als Canettis Mutter versucht, ihrem Sohn unter Zeitdruck Deutsch beizubringen, wendet sie Methoden an, die auf absolutem Gehorsam, Druck und seelischer Härte beruhen. Sie verhöhnt ihn, verlangt fehlerloses Auswendiglernen ohne jede Hilfe und droht sogar, ihn allein in Lausanne zurückzulassen, wenn er ihren Erwartungen nicht entspricht. Das Kind wird nicht als eigenständiges Individuum mit eigenen Bedürfnissen wahrgenommen, sondern muss bedingungslos funktionieren und den Ansprüchen der Familie gerecht werden („was würde dein Vater dazu sagen!“). Angst und Scham dienen dabei als wichtigste pädagogische Hebel. Im krassen Gegensatz dazu steht der heutige Diskurs in Deutschland, wie er in den Dokumenten B und C beleuchtet wird. Im 21. Jahrhundert hat sich das pädagogische Paradigma grundlegend gewandelt: Nicht mehr Gehorsam durch Zwang, sondern gewaltfreie Kommunikation, Achtsamkeit und Respekt vor der kindlichen Persönlichkeit gelten heute als Ideal. Wie die Wissenschaftsjournalistin Nicola Schmidt in Dokument B betont, führen Schreien und Strafen lediglich dazu, dass Kinder lügen oder Fehlverhalten verbergen. Eine moderne Erziehung soll hingegen Kooperations- und Teamfähigkeit sowie Empathie fördern. Eltern tragen die Verantwortung dafür, die Bedürfnisse der Kinder ernst zu nehmen und Konflikte ruhig zu lösen, ohne jedoch jeden Wunsch zu erfüllen. Allerdings zeigt Dokument C die Kehrseite und die aktuelle Verunsicherung der Gesellschaft: Das schreiende Kind auf dem Cover des *Spiegel* visualisiert die Sorge vor „verzogenen“, verwöhnten Kindern. Schon in Dokument B wird erwähnt, dass viele Eltern befürchten, ohne Strenge tyrannische Kinder heranzuziehen, die ihnen „auf der Nase herumtanzen“. Daher debattiert die deutsche Gesellschaft intensiv über das richtige Maß. Einerseits verlangt man heute zu Recht den Verzicht auf jegliche physische und psychische Gewalt. Andererseits erwartet man, dass Eltern klare Orientierung und verbindliche Regeln bieten, ohne in alte autoritäre Muster zurückzufallen. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass sich die Rolle des Kindes stark gewandelt hat. Im frühen 20. Jahrhundert war es ein untergeordneter Befehlsempfänger, heute gilt es als respektierter Partner, dessen Bedürfnisse ernst genommen werden. Die Frage, wie viel Strenge eine liebevolle Erziehung braucht, bleibt jedoch auch heute umstritten.

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