Abitur Thüringen Deutsch 2025 · GK · Kriegsmetaphorik im Wortschatz der deutschen Sprache
Aufgabe Deutsch aus dem IQB-Pool 2025, GK · Kriegsmetaphorik im Wortschatz der deutschen Sprache: 2 Teilaufgaben mit Lösungen. Mit automatischer Korrektur.
Themen der Aufgabe: Analyse pragmatischer Texte · Erörterung pragmatischer Texte
Aufgabe 1 - Analyse
Material
Max Fellmann: Ein Wortschatz wie ein Waffenschrank (2022)
Alle Vögel sind schon da 1,
alle Vögel, alle.
Welch ein Singen, Musiziern,
Pfeifen, Zwitschern, Tiriliern!
5 Frühling will nun einmarschiern...
Schluck.
Einmarschieren. Plötzlich dieses Wort. Vom Tirili zur Ukraine in nur einer Zeile. Dass der
Frühling eigentlich noch „mit Sang und Schalle“ kommt, will man dann schon gar nicht mehr
singen. Alles falsch. Alles schrecklich.
10 Da draußen ist Krieg. Und die grausigen Nachrichten aus Kiew und Mariupol 2, die immer
neuen Bilder und Meldungen machen einem auf einmal übel bewusst, was man da eigentlich
gedankenlos für eine Sprache spricht, tagaus, tagein. Es bleiben einem jetzt ständig die Worte
im Hals stecken. Die Freundin, die nach einem arbeitsreichen Tag sagt, den Einkauf habe sie
im Eifer des Gefechts vergessen – und im selben Moment betreten schluckt. Der Kollege, der
15 in der Konferenz seufzt, er habe sein Pulver verschossen – und sich erschrocken den Mund
zuhält. Der Nachbar, der nicht mehr lächeln kann, wenn die Schwiegermutter sagt, bei euch
sieht’s ja aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen.
Reden wir wirklich so? Ist unsere Sprache voller Krieg und Gewalt und Blut? Tja: Ja. Aus
unseren Worten spricht der Krieg, selbst wenn wir gar nicht daran denken. Der eine hat eine
20 Hustenattacke, die andere steht mit der Gartenarbeit auf Kriegsfuß, der Dritte streckt wegen
zu viel Arbeit die Waffen, seine Kollegin hält die Fahne hoch. Wir kämpfen (Pandemie,
Inflation, Klima) gleichzeitig an allen Fronten. Und abends übergibt die Nachrichtensprecherin
an ihren Kollegen: Na, dann schieß mal los mit dem Wetter.
Bei vielen dieser Ausdrücke konnte man auch früher schon zusammenzucken, aber seit der
25 Krieg direkt vor der Tür steht, seit Menschen auf der Flucht an unseren Bahnhöfen ankommen,
seit täglich über Aufrüstung und Verteidigungsbereitschaft debattiert wird, ist die Sprache ein
noch viel heikleres Gelände geworden. (Gut möglich, dass man vor ein paar Wochen noch
gesagt hätte: ein Minenfeld.)
Und wie wir reden, erinnert ja nicht nur an den Krieg, es wirkt sich auch auf unsere Gedanken
30 und Gefühle aus. „Wenn das Denken die Sprache korrumpiert 3, korrumpiert die Sprache auch
das Denken“, hat George Orwell 4 schon 1946 notiert. Mit dieser Prämisse arbeitet auch die
Psychotherapie. Der Coach Sebastian Mauritz sagt: „Wenn wir ständig Kriegsmetaphern
benutzen, gewöhnen wir uns an die Denkweise. Das Leben wird damit zu einem dauerhaften
inneren Kampf. Und ständiges Kämpfen strengt den Geist und den Körper an. Wir reagieren
35 mit Stress, um die Bedrohung zu beseitigen oder ihr zu entgehen. Dabei verstärken wir diese
durch unsere Sprachwahl um ein Vielfaches.“ Wer im Beruf von Angriff, Verteidigung,
Frontlinien und Durchstößen redet, sitzt halt irgendwann auch mit emotionalem Stahlhelm in
der Konferenz.
Sprache formt Denken. Zum Beleg (und zur Erholung) kurz ein ganz unkriegerisches Beispiel:
40 An der Hochschule Harz gab es mal eine Testreihe mit Tees. Hieß ein Tee „Tropical Feeling“,
wurde er von Probanden als exotisch und erfrischend beschrieben. Stand auf der Verpackung
der Name „Vor dem Kamin“, fielen die Bewertungen gegenteilig aus. Die Pointe, man kann es
sich schon denken: In den Tassen war jedes Mal der gleiche Tee.
So, wie sich Tee mit entsprechenden Namen gezielter vermarkten lässt, wollen sich auch
45 Menschen durch die Wahl ihrer Worte verkaufen. Stichwort Angriffslust. Wer den „Krieg gegen
die Drogen“ ausruft (Richard Nixons 5 „War on Drugs“ in den frühen Siebzigerjahren), will härter
erscheinen als jemand, der bloß von einem „Drogenproblem“ redet. Wer einem Virus den Krieg
erklärt (Donald Trump 6), hofft, stärker zu wirken als jemand, der bloß von Heilung spricht. Als
Olaf Scholz im März 2020, damals noch Finanzminister unter Angela Merkel 7, die
50 milliardenschweren Corona-Hilfen der Bundesregierung vorstellte, sagte er: „Das ist die
Bazooka, mit der wir das Notwendige jetzt tun.“ Bei vielen kam das zwar tatsächlich an wie:
Guter Mann, der geht das energisch an. Aber zur Einordnung – eine Bazooka, offizieller Begriff
„Antitank Rocket Launcher“, ist eine Panzerabwehrwaffe, die Soldaten auf der Schulter
abfeuern. Ein brutal effizientes Tötungsgerät.
55 Kampfbereitschaft per Kampfmetaphorik, so funktioniert es nun mal. Vor allem im Deutschen.
Ein Wortschatz wie ein Waffenschrank. Dominik Hetjens, Linguist an der Technischen
Universität Dresden, befasst sich seit Jahren mit dem Thema Sprache und Krieg, er sagt:
„Wenn wir betrachten, wie sich der deutsche Wortschatz gewandelt hat, dann finden wir
besonders große Veränderungen im Kontext des Ersten und Zweiten Weltkriegs. Das lässt
60 sich in quantitativen Untersuchungen eindeutig nachvollziehen. Militär spielte außerdem
grundsätzlich eine wichtige Rolle in der deutschen Geschichte. Im alten Preußen war es
allgegenwärtig, man hat sogar Kinder auf Familienfotos in Uniformen abgelichtet.“ Und so war
die Soldatensprache nicht nur ein Einfluss unter vielen, sondern tatsächlich das eine prägende
Kulturparadigma.
65 Bis heute reden wir in Formulierungen, bei denen man mitunter kaum noch darauf kommt,
dass sie eigentlich vom Krieg erzählen. Reiß dich am Riemen? Bezog sich auf den
Uniformgürtel, der exakt zu sitzen hatte, als Zeichen der Einsatzbereitschaft.
Auf der Fahrt haben wir uns total verfranzt? Kommt nicht von „ausfransen“ – „Franz“ wurden
im Ersten Weltkrieg die Co-Piloten genannt, die für die Navigation zuständig waren. Wenn der
70 Franz sich bei der Routenplanung irrte, verfranzte er sich.
Wir müssten den Laden mal auf Vordermann bringen? Rekruten, die sich ordentlich
aufstellten, mussten exakt in einer Linie mit den Soldaten vor ihnen stehen – falls nicht, brachte
sie der Ausbilder auf Vordermann.
Das hat übrigens nicht nur mit der militärischen Vergangenheit zu tun, sondern auch mit einer
75 Sprachlücke. „Die Grundfrage ist: Wie sprechen wir über abstrakte Dinge?“, sagt der Linguist
Dominik Hetjens. Begriff kommt von begreifen, also anfassen. Bei Gefühlen, Stimmungen oder
dem Verhältnis zu unserer Umwelt fehlen die greifbaren Worte. „Für unkörperliche Themen
bleibt uns oft nur der Umweg über die Metapher“, sagt Hetjens. Und aus welcher konkreten
Welt nimmt man diese Metaphern? In Ländern wie Spanien und Italien wählen die Menschen
80 zum Beispiel gern Formulierungen aus dem Kirchenleben. In der Geschichte Deutschlands
aber war das stärkste Bezugsfeld eben jahrhundertelang der Krieg.
Preußen ist lange her, Ukraine ist jetzt. Sollen wir nun mit unserer Sprache anders umgehen?
Man muss ja nicht gleich so weit gehen wie im Golfkrieg 8 oder nach dem 11. September 2001 9,
als US-Radiosender reihenweise bestimmte Lieder aus ihren Programmlisten strichen. Das
85 größte Radionetzwerk der USA untersagte damals etwa das Abspielen von Shot Down In
Flames (AC/DC), Crash Into Me (Dave Matthews Band), Burning Down The House (Talking
Heads) und sogar Knockin’ On Heaven’s Door (Bob Dylan) 10.
„Man muss keine Liste von Unwörtern machen“, meint der Linguist Hetjens. „Aber wenn
Menschen jetzt über ihre Alltagssprache erschrecken, zeigt das ja, dass sich etwas verändert.“
90 Man könnte sich in einem Gespräch oder beim Schreiben einer Mail kurz überlegen: Was für
eine Stimmung erzeuge ich, wenn ich von „Waffen“ oder „Angriff“ rede? Was für ein Weltbild
schwingt da mit? Es kann nie schaden, sich Gedanken über aufgeladene Rhetorik zu machen.
Siehe auch andere Entwicklungen in den vergangenen Jahren: Menschen stolpern über das
generische Maskulinum, lassen „Bürgerinnen“ nicht mehr automatisch bei „Bürgern“ mitlaufen.
95 Und bei Formulierungen mit Rassismusgefahr wie „schwarzsehen“ gilt inzwischen ebenfalls
eine verstärkte Behutsamkeit.
Und wenn es nun im Kinderzimmer aussieht, als hätte eine Bombe eingeschlagen – dann
könnte man auch mal wieder die altväterliche Formulierung bemühen: Hier sieht’s ja aus wie
bei Hempels unterm Sofa. Wo das herkommt? Die Hempels waren angeblich eine
100 Schaustellerfamilie, die mit dem Circus Hagenbeck reiste und bei jedem Gastspiel ihren Müll
einfach unter den Wagen kehrte. Auch diese Redewendung ist 100 Jahre alt. Aber herrlich
weit weg vom Krieg.
Fellmann, Max (31.03.2022): Ein Wortschatz wie ein Waffenschrank.
<https://sz-magazin.sueddeutsche.de/sprache/kriegerische-sprache-deutsch-91384>. 10.02.2023
Max Fellmann (*1970) ist Journalist und Redakteur des Magazins der Süddeutschen Zeitung.
Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Textquelle.
Anmerkungen: Alle Vögel sind schon da: bekanntes Frühlings- und Kinderlied (Text 1835, Vertonung 1837).
Kiew und Mariupol: Städte in der Ukraine.
Korrumpieren: hier: beeinflussen, manipulieren.
George Orwell (1903–1950) war ein Schriftsteller, Essayist und Journalist.
Richard Nixon (1913–1994) war von 1969 bis 1974 Präsident der USA. Der von Nixon geprägte und hier zitierte Begriff bezeichnete Maßnahmen im Rahmen der US-Anti-Drogenpolitik.
Donald Trump (*1946) war bereits von 2017 bis 2021 Präsident der USA. Im Kontext der Corona-Pandemie inszenierte er sich als eine Art Oberbefehlshaber in einem Krieg gegen das Virus.
Angela Merkel (*1954) war von 2005 bis 2021 Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland.
Golfkrieg: Bezeichnung für Kriege zwischen und in Anliegerstaaten des Persischen Golfes, z. B. Kriege zwischen einer US-geführten Militärkoalition und Irak in den Jahren 1990/91 und 2003.
11. September 2001: Tag der koordinierten Entführung von Flugzeugen durch islamistische Terroristen und deren Steuerung in das World Trade Center in New York und den Sitz des Verteidigungsministeriums in den USA.
Shot Down In Flames: Lied über die Verdrängung eines Freiers durch einen Konkurrenten; Crash Into Me: Lied, in dem zur Erwiderung einer leidenschaftlichen Liebe aufgefordert wird; Burning Down The House: Lied, das dazu aufruft, Veränderungen zu begrüßen, Risiken einzugehen und Grenzen zu überschreiten; Knockin’ On Heaven’s Door: Lied, in dem die Gefühle eines alternden Sheriffs dargestellt werden, der angeschossen wurde und den Tod erwartet.
Aufgabenstellung
1. Analysieren Sie den Text „Ein Wortschatz wie ein Waffenschrank“ von Max Fellmann. Berücksichtigen Sie dabei den Gedankengang, die sprachlich-stilistische Gestaltung sowie die Intention des Textes.
ca. 70 %
Aufgabe 2 - Erörterung
Material
Max Fellmann: Ein Wortschatz wie ein Waffenschrank (2022)
Alle Vögel sind schon da 1,
alle Vögel, alle.
Welch ein Singen, Musiziern,
Pfeifen, Zwitschern, Tiriliern!
5 Frühling will nun einmarschiern...
Schluck.
Einmarschieren. Plötzlich dieses Wort. Vom Tirili zur Ukraine in nur einer Zeile. Dass der
Frühling eigentlich noch „mit Sang und Schalle“ kommt, will man dann schon gar nicht mehr
singen. Alles falsch. Alles schrecklich.
10 Da draußen ist Krieg. Und die grausigen Nachrichten aus Kiew und Mariupol 2, die immer
neuen Bilder und Meldungen machen einem auf einmal übel bewusst, was man da eigentlich
gedankenlos für eine Sprache spricht, tagaus, tagein. Es bleiben einem jetzt ständig die Worte
im Hals stecken. Die Freundin, die nach einem arbeitsreichen Tag sagt, den Einkauf habe sie
im Eifer des Gefechts vergessen – und im selben Moment betreten schluckt. Der Kollege, der
15 in der Konferenz seufzt, er habe sein Pulver verschossen – und sich erschrocken den Mund
zuhält. Der Nachbar, der nicht mehr lächeln kann, wenn die Schwiegermutter sagt, bei euch
sieht’s ja aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen.
Reden wir wirklich so? Ist unsere Sprache voller Krieg und Gewalt und Blut? Tja: Ja. Aus
unseren Worten spricht der Krieg, selbst wenn wir gar nicht daran denken. Der eine hat eine
20 Hustenattacke, die andere steht mit der Gartenarbeit auf Kriegsfuß, der Dritte streckt wegen
zu viel Arbeit die Waffen, seine Kollegin hält die Fahne hoch. Wir kämpfen (Pandemie,
Inflation, Klima) gleichzeitig an allen Fronten. Und abends übergibt die Nachrichtensprecherin
an ihren Kollegen: Na, dann schieß mal los mit dem Wetter.
Bei vielen dieser Ausdrücke konnte man auch früher schon zusammenzucken, aber seit der
25 Krieg direkt vor der Tür steht, seit Menschen auf der Flucht an unseren Bahnhöfen ankommen,
seit täglich über Aufrüstung und Verteidigungsbereitschaft debattiert wird, ist die Sprache ein
noch viel heikleres Gelände geworden. (Gut möglich, dass man vor ein paar Wochen noch
gesagt hätte: ein Minenfeld.)
Und wie wir reden, erinnert ja nicht nur an den Krieg, es wirkt sich auch auf unsere Gedanken
30 und Gefühle aus. „Wenn das Denken die Sprache korrumpiert 3, korrumpiert die Sprache auch
das Denken“, hat George Orwell 4 schon 1946 notiert. Mit dieser Prämisse arbeitet auch die
Psychotherapie. Der Coach Sebastian Mauritz sagt: „Wenn wir ständig Kriegsmetaphern
benutzen, gewöhnen wir uns an die Denkweise. Das Leben wird damit zu einem dauerhaften
inneren Kampf. Und ständiges Kämpfen strengt den Geist und den Körper an. Wir reagieren
35 mit Stress, um die Bedrohung zu beseitigen oder ihr zu entgehen. Dabei verstärken wir diese
durch unsere Sprachwahl um ein Vielfaches.“ Wer im Beruf von Angriff, Verteidigung,
Frontlinien und Durchstößen redet, sitzt halt irgendwann auch mit emotionalem Stahlhelm in
der Konferenz.
Sprache formt Denken. Zum Beleg (und zur Erholung) kurz ein ganz unkriegerisches Beispiel:
40 An der Hochschule Harz gab es mal eine Testreihe mit Tees. Hieß ein Tee „Tropical Feeling“,
wurde er von Probanden als exotisch und erfrischend beschrieben. Stand auf der Verpackung
der Name „Vor dem Kamin“, fielen die Bewertungen gegenteilig aus. Die Pointe, man kann es
sich schon denken: In den Tassen war jedes Mal der gleiche Tee.
So, wie sich Tee mit entsprechenden Namen gezielter vermarkten lässt, wollen sich auch
45 Menschen durch die Wahl ihrer Worte verkaufen. Stichwort Angriffslust. Wer den „Krieg gegen
die Drogen“ ausruft (Richard Nixons 5 „War on Drugs“ in den frühen Siebzigerjahren), will härter
erscheinen als jemand, der bloß von einem „Drogenproblem“ redet. Wer einem Virus den Krieg
erklärt (Donald Trump 6), hofft, stärker zu wirken als jemand, der bloß von Heilung spricht. Als
Olaf Scholz im März 2020, damals noch Finanzminister unter Angela Merkel 7, die
50 milliardenschweren Corona-Hilfen der Bundesregierung vorstellte, sagte er: „Das ist die
Bazooka, mit der wir das Notwendige jetzt tun.“ Bei vielen kam das zwar tatsächlich an wie:
Guter Mann, der geht das energisch an. Aber zur Einordnung – eine Bazooka, offizieller Begriff
„Antitank Rocket Launcher“, ist eine Panzerabwehrwaffe, die Soldaten auf der Schulter
abfeuern. Ein brutal effizientes Tötungsgerät.
55 Kampfbereitschaft per Kampfmetaphorik, so funktioniert es nun mal. Vor allem im Deutschen.
Ein Wortschatz wie ein Waffenschrank. Dominik Hetjens, Linguist an der Technischen
Universität Dresden, befasst sich seit Jahren mit dem Thema Sprache und Krieg, er sagt:
„Wenn wir betrachten, wie sich der deutsche Wortschatz gewandelt hat, dann finden wir
besonders große Veränderungen im Kontext des Ersten und Zweiten Weltkriegs. Das lässt
60 sich in quantitativen Untersuchungen eindeutig nachvollziehen. Militär spielte außerdem
grundsätzlich eine wichtige Rolle in der deutschen Geschichte. Im alten Preußen war es
allgegenwärtig, man hat sogar Kinder auf Familienfotos in Uniformen abgelichtet.“ Und so war
die Soldatensprache nicht nur ein Einfluss unter vielen, sondern tatsächlich das eine prägende
Kulturparadigma.
65 Bis heute reden wir in Formulierungen, bei denen man mitunter kaum noch darauf kommt,
dass sie eigentlich vom Krieg erzählen. Reiß dich am Riemen? Bezog sich auf den
Uniformgürtel, der exakt zu sitzen hatte, als Zeichen der Einsatzbereitschaft.
Auf der Fahrt haben wir uns total verfranzt? Kommt nicht von „ausfransen“ – „Franz“ wurden
im Ersten Weltkrieg die Co-Piloten genannt, die für die Navigation zuständig waren. Wenn der
70 Franz sich bei der Routenplanung irrte, verfranzte er sich.
Wir müssten den Laden mal auf Vordermann bringen? Rekruten, die sich ordentlich
aufstellten, mussten exakt in einer Linie mit den Soldaten vor ihnen stehen – falls nicht, brachte
sie der Ausbilder auf Vordermann.
Das hat übrigens nicht nur mit der militärischen Vergangenheit zu tun, sondern auch mit einer
75 Sprachlücke. „Die Grundfrage ist: Wie sprechen wir über abstrakte Dinge?“, sagt der Linguist
Dominik Hetjens. Begriff kommt von begreifen, also anfassen. Bei Gefühlen, Stimmungen oder
dem Verhältnis zu unserer Umwelt fehlen die greifbaren Worte. „Für unkörperliche Themen
bleibt uns oft nur der Umweg über die Metapher“, sagt Hetjens. Und aus welcher konkreten
Welt nimmt man diese Metaphern? In Ländern wie Spanien und Italien wählen die Menschen
80 zum Beispiel gern Formulierungen aus dem Kirchenleben. In der Geschichte Deutschlands
aber war das stärkste Bezugsfeld eben jahrhundertelang der Krieg.
Preußen ist lange her, Ukraine ist jetzt. Sollen wir nun mit unserer Sprache anders umgehen?
Man muss ja nicht gleich so weit gehen wie im Golfkrieg 8 oder nach dem 11. September 2001 9,
als US-Radiosender reihenweise bestimmte Lieder aus ihren Programmlisten strichen. Das
85 größte Radionetzwerk der USA untersagte damals etwa das Abspielen von Shot Down In
Flames (AC/DC), Crash Into Me (Dave Matthews Band), Burning Down The House (Talking
Heads) und sogar Knockin’ On Heaven’s Door (Bob Dylan) 10.
„Man muss keine Liste von Unwörtern machen“, meint der Linguist Hetjens. „Aber wenn
Menschen jetzt über ihre Alltagssprache erschrecken, zeigt das ja, dass sich etwas verändert.“
90 Man könnte sich in einem Gespräch oder beim Schreiben einer Mail kurz überlegen: Was für
eine Stimmung erzeuge ich, wenn ich von „Waffen“ oder „Angriff“ rede? Was für ein Weltbild
schwingt da mit? Es kann nie schaden, sich Gedanken über aufgeladene Rhetorik zu machen.
Siehe auch andere Entwicklungen in den vergangenen Jahren: Menschen stolpern über das
generische Maskulinum, lassen „Bürgerinnen“ nicht mehr automatisch bei „Bürgern“ mitlaufen.
95 Und bei Formulierungen mit Rassismusgefahr wie „schwarzsehen“ gilt inzwischen ebenfalls
eine verstärkte Behutsamkeit.
Und wenn es nun im Kinderzimmer aussieht, als hätte eine Bombe eingeschlagen – dann
könnte man auch mal wieder die altväterliche Formulierung bemühen: Hier sieht’s ja aus wie
bei Hempels unterm Sofa. Wo das herkommt? Die Hempels waren angeblich eine
100 Schaustellerfamilie, die mit dem Circus Hagenbeck reiste und bei jedem Gastspiel ihren Müll
einfach unter den Wagen kehrte. Auch diese Redewendung ist 100 Jahre alt. Aber herrlich
weit weg vom Krieg.
Fellmann, Max (31.03.2022): Ein Wortschatz wie ein Waffenschrank.
<https://sz-magazin.sueddeutsche.de/sprache/kriegerische-sprache-deutsch-91384>. 10.02.2023
Max Fellmann (*1970) ist Journalist und Redakteur des Magazins der Süddeutschen Zeitung.
Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Textquelle.
Anmerkungen: Alle Vögel sind schon da: bekanntes Frühlings- und Kinderlied (Text 1835, Vertonung 1837).
Kiew und Mariupol: Städte in der Ukraine.
Korrumpieren: hier: beeinflussen, manipulieren.
George Orwell (1903–1950) war ein Schriftsteller, Essayist und Journalist.
Richard Nixon (1913–1994) war von 1969 bis 1974 Präsident der USA. Der von Nixon geprägte und hier zitierte Begriff bezeichnete Maßnahmen im Rahmen der US-Anti-Drogenpolitik.
Donald Trump (*1946) war bereits von 2017 bis 2021 Präsident der USA. Im Kontext der Corona-Pandemie inszenierte er sich als eine Art Oberbefehlshaber in einem Krieg gegen das Virus.
Angela Merkel (*1954) war von 2005 bis 2021 Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland.
Golfkrieg: Bezeichnung für Kriege zwischen und in Anliegerstaaten des Persischen Golfes, z. B. Kriege zwischen einer US-geführten Militärkoalition und Irak in den Jahren 1990/91 und 2003.
11. September 2001: Tag der koordinierten Entführung von Flugzeugen durch islamistische Terroristen und deren Steuerung in das World Trade Center in New York und den Sitz des Verteidigungsministeriums in den USA.
Shot Down In Flames: Lied über die Verdrängung eines Freiers durch einen Konkurrenten; Crash Into Me: Lied, in dem zur Erwiderung einer leidenschaftlichen Liebe aufgefordert wird; Burning Down The House: Lied, das dazu aufruft, Veränderungen zu begrüßen, Risiken einzugehen und Grenzen zu überschreiten; Knockin’ On Heaven’s Door: Lied, in dem die Gefühle eines alternden Sheriffs dargestellt werden, der angeschossen wurde und den Tod erwartet.
Aufgabenstellung
2. Setzen Sie sich mit der Position des Autors zum Umgang mit militärisch geprägten Ausdrücken im öffentlichen und privaten Sprachgebrauch auseinander.
ca. 30 %
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