Abitur Thüringen Deutsch 2021 · LK · Motiv der Großstadt in der Literatur der frühen Moderne am Beispiel Berlins

Aufgabe Deutsch aus dem IQB-Pool 2021, LK · Motiv der Großstadt in der Literatur der frühen Moderne am Beispiel Berlins: 1 Teilaufgabe mit Lösungen.

Themen der Aufgabe: Materialgestütztes Verfassen von Texten

Aufgabe

An Ihrer Schule findet ein fächerübergreifendes Projekt zum Thema „Großstadt" statt. Die Ergebnisse sollen in einem Themenheft für interessierte Schülerinnen und Schüler, Eltern und Lehrkräfte veröffentlicht werden. Ihr Deutschkurs befasst sich mit dem Motiv der Großstadt in der Literatur der frühen Moderne am Beispiel Berlins.

Verfassen Sie einen informierenden Text, der in diese Thematik einführt und in besonderer Weise die Strömungen des Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit berücksichtigt.

Nutzen Sie dazu die Materialien M1 bis M7 sowie Ihr unterrichtliches Wissen. Das beigefügte Bildmaterial M4 kann bei Bedarf zusammen mit Ihrem Text veröffentlicht werden.

Formulieren Sie eine geeignete Überschrift.

Ihr Text sollte etwa 1000 Wörter umfassen.

Material

Material 1: Katharina Kirsch: Mensch und Metropole – Die Rolle der Großstadt im Roman der Neuen Sachlichkeit (2004) Die für eine Veröffentlichung erforderlichen Nutzungsrechte wurden für Material 1 nicht erteilt. Der Textauszug kann über folgenden Link abgerufen werden: <https://www.grin.com/document/30186> 11.12.2019

Material 2: Kurt Pinthus: Die Überfülle des Erlebens (1925) Welch ein Trommelfeuer von bisher ungeahnten Ungeheuerlichkeiten prasselt seit einem Jahrzehnt auf unsere Nerven nieder! [...] Man male sich zum Vergleich nur aus, wie ein Zeitgenosse Goethes oder ein Mensch des Biedermeier seinen Tag in Stille verbrachte, und durch welche Mengen von Lärm, Erregungen, Anregungen heute jeder Durchschnittsmensch täglich sich durchzukämpfen hat, mit der Hin- und Rückfahrt zur Arbeitsstätte, mit dem gefährlichen Tumult der von Verkehrsmitteln wimmelnden Straßen, mit Telephon, Lichtreklame, tausendfachen Geräuschen und Aufmerksamkeitsablenkungen. [...] Wie ungeheuer hat sich der Bewußtseinskreis jedes einzelnen erweitert durch die Erschließung der Erdoberfläche und die neuen Mitteilungsmöglichkeiten: Schnellpresse, Kino, Radio, Grammophon, Funktelegraphie. [...]

Pinthus, Kurt: Die Überfülle des Erlebens, zitiert nach: Silvio Vietta und Hans-Georg Kemper. Expressionismus. München: Wilhelm Fink Verlag ⁴1990, S. 11.

Material 3: Elisabeth Frenzel: Motive der Weltliteratur (2008) [...] Die expressive Stadtlyrik unterscheidet sich von der naturalistischen durch eine wesentlich andere Sehweise. Den Expressionisten galt nicht die Registrierung der Wirklichkeit, die treffende Milieuschilderung und auch nicht das soziale Mitgefühl mit der Unterschicht als entscheidend, bei ihnen stand das eigene Ich mit seiner Existenzangst im Mittelpunkt, das die Stadt visionär als Inbegriff der Zerstörung, des Untergangs, der tödlichen Bedrohung erlebte und damit zugleich eine Menschheitsangst zum Ausdruck brachte. [...] Entscheidender für die deutsche Großstadtliteratur als diese Werke Brechts, die als Dramen infolge ihrer Raumkonzentration und Dialogtechnik das massen-bestimmte Großstadt-Motiv nicht ausschöpfen konnten, wurde der gleichzeitig mit Mahagonny erschienene Roman Berlin Alexanderplatz (1929) von A. DÖBLIN, der seit 1880 in der deutschen Literatur erarbeitete Großstadt-Motivik zusammenfaßte. Berlin ist wieder die Hure Babylon, ein Zentrum der Gestrauchelten und Kriminellen, ein Moloch, dem sich der entlassene Strafgefangene Franz Biberkopf kaum entziehen kann. Er ist einer von vielen in einem Kollektiv, in dem es kein Einzelschicksal zu geben scheint, aber er kennt auch keine Welt außerhalb dieser Stadt. Die Vielen sind in diesem Kollektiv zusammengepfercht, ineinander verschachtelt und nicht herauslösbar wie die Häuser und Grundstücke um den Alexanderplatz. [...] Verwandt mit der Haltung gegenüber der Großstadt in Döblins Roman ist die deutsche Großstadt-Lyrik der späten 1920er Jahre, die ihrem Thema gegenüber eine abgekühlte, untendenziöse, der „Neuen Sachlichkeit" entsprechende Einstellung zeigt und hauptsächlich einzelne Erscheinungsformen und Örtlichkeiten großstädtischen Lebens, darunter auch dessen „mondäne" Seiten, herausgreift. [...] Entgegen dem Pathos des Expressionismus herrscht hier ein salopper oder leicht ironischer Ton vor, der auch Alltagssprache und Jargon einsetzt. [...]

Frenzel, Elisabeth: Motive der Weltliteratur. Ein Lexikon dichtungsgeschichtlicher Längsschnitte. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag ⁶2008, S. 663-667.

Material 4: Zeitgenössische künstlerische Wahrnehmungen des neuen Phänomens der Großstadt (1918 und 1920) Sowohl Meidners expressionistische Zeichnung des Potsdamer Platzes in Berlin als auch Grosz' Gemälde als Werk der Neuen Sachlichkeit greifen typische Großstadtmotive auf.

Material 5: Angelika Corbineau-Hoffmann: Kleine Literaturgeschichte der Großstadt (2003) [...] Die moderne Großstadt und die Literatur sind im Verständnis der Moderne gleichsam Geschwister, hervorgegangen aus der Emanzipationsbewegung der europäischen Aufklärung, beide mit neuer Freiheit versehen, mit deren Reiz und deren Risiko. Eine aus den traditionellen Schemata befreite Literatur fand sich mit einem Gegenstand konfrontiert, für den es Darstellungsmodelle ohnehin nicht gab – ein weites Experimentierfeld, dessen Wandelbarkeit der modernen Erfahrung von Fortschritt und Beschleunigung bestens entsprach [...] In Döblins klassischem Großstadtroman, dem ersten in Deutschland, der dieses Etikett verdient, tritt die Stadt nur partiell in Erscheinung. Nicht allein deshalb, weil, titelgebend, der Alexanderplatz im Zentrum steht (des Textes ebenso wie der Stadt), sondern auch vor dem Hintergrund der Personenkonstellationen. Berlin Alexanderplatz ist in demselben Maße ein Sozialroman wie ein Großstadtroman, denn seine Welt ist die Welt der kleinen Leute, die sich mit ihrer jeweiligen Sprache, ihrem Dialekt und Idiolekt, direkt artikulieren. Weniger ein Roman der Bilder als ein Roman der Stimmen, ist Berlin Alexanderplatz Ausdruck jenes Innenlebens benachteiligter (und hier sogar: mit dem Gesetz in Konflikt kommender) Schichten, das nur schwer zur Sprache findet. Deren Sprechen am Rande des Schweigens wird mit einer Vielzahl anderer Stimmen durchsetzt, in denen man die Diskurse der Moderne, wie sie sich in den Metropolen entäußern, wiedererkennt: die Sprache der Behörden und der Tagespresse, der Diskurs der Wissenschaften, einen fremdartigen Akzent setzend, [...] und zu alldem auch noch die Stimme des Erzählers, der seine stammelnden Figuren nicht allein lässt, sondern ihnen, kommentierend, jenen Sinn entlockt, den sie selbst kaum auszudrücken vermögen. [...] [Z]um Inhalt des Romans [...] Berlin Alexanderplatz erzählt die Geschichte von Franz Biberkopf, der wegen Totschlags inhaftiert war und am Anfang des Textes das Gefängnis verlässt, entschlossen, nunmehr ein anständiges Leben zu führen. Der Entschluss dazu ist leichter gefasst als die konkrete Umsetzung realisiert, denn Biberkopf, der sich mit Gelegenheitsarbeiten durchschlägt, kommt mit dem kriminellen Milieu in Kontakt, wird in Einbrüche verwickelt, verliert durch einen Racheakt seiner Mittäter einen Arm und wird schließlich des Mordes an seiner Geliebten, einer ehemaligen Prostituierten, angeklagt. Obwohl er freigesprochen wird, ist ihm dennoch das Gefährliche seiner mit verbrecherischen Kreisen verbundenen Existenz zum Bewusstsein gekommen, so dass er nun endgültig beschließt, ehrlich durchs Leben zu gehen, und diesen Entschluss auch in die Tat umsetzt. [...] Über weite Teile reproduziert der Roman, in personaler Rede, die Sprache seines Protagonisten und kombiniert sie wie in einem Konzert verschiedener Stimmen mit den „Sprachen" der Stadt – ein polyphoner Roman, der freilich auch, in vielfacher Kombinatorik, Bilder abrollen lässt wie in den Sequenzen eines Films und der die Schnitttechnik dieses Mediums nutzt für die schockartige Kontrastierung des Verschiedenen, das seinen Ort hat in der unüberschaubaren, dem Einzelnen keine Heimstatt bietenden Metropole Berlin. [...]

Corbineau-Hoffmann, Angelika: Kleine Literaturgeschichte der Großstadt. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2003, S. 10 und S. 154 f.

Material 6: Christoph Perels: Vom Rand der Stadt ins Dickicht der Städte (1983) Weit eher denn als Raum eines selbstvergessenen Technik- und Massenrausches wird [im deutschen Expressionismus] die Großstadt als Ort des Verderbens aufgenommen. [...] In der Stadt wird alles klein und gewöhnlich und grau, dieses Motiv kehrt mannigfach variiert auch in der Heymschen Poesie wieder. Nur die Stadt selbst, der solche Macht innewohnt, wird zum ungeheuren, vernichtenden Dämon gesteigert, zum „Gott der Stadt", dem nichts widersteht. Heyms Gott der Stadt trägt schon die Züge seines etwas später gedichteten Kriegs-Dämons, der ebenfalls in der Stadt heraufsteigt und der am Schluß Pech und Feuer auf die Stadt Gomorrha wirft [...]. Die apokalyptischen Untergangsbilder gipfeln im Untergang nicht einer Stadt, sondern der Stadt, die die bewohnte Welt selbst repräsentiert.

Heyms Großstadtgedichte sind [...] aus dem Innern der Stadt gesprochen. Ringsum treffen die Augen auf Mauern, Straßen, Stadtleben. Aber auch wenn sich der Blick nach oben richtet, gewahrt er am Himmel wiederum nichts als Stadtkonturen. So beispielsweise in [s]einem Die Stadt überschriebenen Gedicht:

„Sehr weit ist diese Nacht. Und Wolkenschein

Zerreißet vor des Mondes Untergang.

Und tausend Fenster stehn die Nacht entlang

Und blinzeln mit den Lidern, rot und klein.

Wie Aderwerk gehn Straßen durch die Stadt,

Unzählig Menschen schwemmen aus und ein.

Und ewig stumpfer Ton von stumpfem Sein

Eintönig kommt heraus in Stille matt.

Gebären, Tod, gewirktes Einerlei,

Lallen der Wehen, langer Sterbeschrei,

Im blinden Wechsel geht es dumpf vorbei.

Und Schein und Feuer, Fackeln rot und Brand,

Die drohn im Weiten mit gezückter Hand

Und scheinen hoch von dunkler Wolkenwand."

[...] In der Großstadtlyrik des Expressionismus erobert sich die Stadt die Erde, ja den Kosmos: überall ist Stadt, eine Unterscheidung von Räumen in Stadt und Nichtstadt gilt nurmehr auf Widerruf. Und so wenig wie es ein Jenseits der Stadt im topographischen Sinne gibt, so wenig gibt es eine Flucht vor der Stadt ins Innere des Ich. [...]

Perels, Christoph: Vom Rand der Stadt ins Dickicht der Städte. Wege der deutschen Großstadtliteratur zwischen Liliencron und Brecht. In: Die Stadt in der Literatur. Hg. von Cord Mecksper und Elisabeth Schraut. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1983, S. 71 und 72.

Material 7: Irmgard Keun: Das kunstseidene Mädchen (1932) Der für die literarische Strömung der Neuen Sachlichkeit als exemplarisch geltende Roman spielt im Jahr 1931. Die 18-jährige Doris zieht in die Großstadt Berlin. Als Landkind träumt sie von einem mondänen Leben in der Metropole. In Form eines Tagebuches erzählt sie über mehrere Monate lang aus der Ich-Perspektive über ihre Erlebnisse, Beobachtungen und Erfahrungen in der Großstadt.

Ich bin in Berlin. Seit ein paar Tagen. Mit einer Nachtfahrt und noch neunzig Mark übrig. Damit muß ich leben, bis sich mir Geldquellen bieten. Ich habe Maßloses erlebt. Berlin senkte sich auf mich wie eine Steppdecke mit feurigen Blumen. Der Westen ist vornehm mit hochprozentigem Licht – wie fabelhafte Steine ganz teuer und mit so gestempelter Einfassung. Wir haben hier ganz übermäßige Lichtreklame. Um mich war ein Gefunkel. Und ich mit dem Feh. Und schicke Männer wie Mädchenhändler, ohne daß sie gerade mit Mädchen handeln, was es ja nicht mehr gibt - aber sie sehen danach aus, weil sie es tun würden, wenn was bei rauskäme. Sehr viel glänzende schwarze Haare und Nachtaugen so tief im Kopf. Aufregend. Auf dem Kurfürstendamm sind viele Frauen. Die gehen nur. Sie haben gleiche Gesichter und viel Maulwurfpelze – also nicht ganz erste Klasse – aber doch schick – so mit hochmütigen Beinen und viel Hauch um sich. Es gibt eine Untergrundbahn, die ist wie ein beleuchteter Sarg auf Schienen – unter der Erde und muffig, und man wird gequetscht. Damit fahre ich. Es ist sehr interessant und geht schnell. Und ich wohne bei Tilli Scherer in der Münzstraße, das ist beim Alexanderplatz, da sind nur Arbeitslose ohne Hemd und furchtbar viele. [...]

Keun, Irmgard: Das kunstseidene Mädchen. Stuttgart: © Ernst Klett Verlag GmbH 1981, S. 42.

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