Abitur Schleswig-Holstein Deutsch 2023 · LK · Verständnis und Funktionen von Literatur

Aufgabe Deutsch aus dem IQB-Pool 2023, LK · Verständnis und Funktionen von Literatur: 2 Teilaufgaben mit Lösungen. Themen: Analyse pragmatischer Texte.

Themen der Aufgabe: Analyse pragmatischer Texte · Erörterung pragmatischer Texte

Aufgabe 1 - Analyse pragmatischer Texte

Iris Radisch (*1959): Dankrede zur Verleihung des Johann-Heinrich-Merck-Preises (2020)

Jeder Mensch hat einen Moment, in dem alles beginnt. Versuche ich herauszufinden, was es

war, das mich dazu gebracht hat, mein Leben zum allergrößten Teil lesend zu verbringen und

mich für Romane, Erzählungen und Gedichte mehr zu interessieren als für die meisten

anderen Dinge auf der Welt – wenn ich also an den Anfang meines Lebens als Leserin und

5 Literaturkritikerin zurückkehre, ist dort nicht viel.

Der Zweite Weltkrieg war, als ich geboren wurde, seit 14 Jahren vorüber. Mein Vater hatte zu

Hitlers letzten Kindersoldaten gehört, das Berliner Elternhaus meiner Mutter war das einzige,

das in der Straße vom Bombenkrieg verschont geblieben war. In der Neubauwohnung in der

Kreuzberger Otto-Suhr-Siedlung, in die meine Eltern zogen, gab es für sie zum ersten Mal im

10 Leben fließendes warmes Wasser und Zentralheizung. Bücher gab es nicht. Bücher spielten

in der auf den Trümmerfeldern errichteten Siedlung nicht die geringste Rolle. [...] Die Otto-

Suhr-Siedlung grenzte direkt an die Berliner Mauer. Keine 500 Meter hinter meinem

Kinderzimmer galt der Schießbefehl. Aus dem Fenster unserer Wohnung konnte man den

Todesstreifen beobachten, auf dem irgendjemand jeden Tag auf einer Leine frische Wäsche

15 aufhängte, die im Wind flatterte. Man ist für immer ein Kind seiner Zeit. Ich bin davon über-

zeugt, dass meine spätere Hinwendung zur Pariser Theorie 1 von der Absurdität des Daseins

auch etwas mit diesem Wohnzimmerausblick zu tun hat.

Wenn ich also zu erforschen versuche, warum die Literatur für mich und viele andere der

Kriegsenkel-Boomer 2 so viel bedeutet, lande ich nicht in den gut gefüllten Buchregalen eines

20 kunstsinnigen deutschen Nachkriegshaushaltes. Meine Liebe zur Literatur kam nicht aus der

Literatur, was vielleicht gar keine großartige Erkenntnis ist, denn wer lässt sich schon mit

Büchern zu Büchern bekehren. Ich glaube, es war in meinem Fall eher so, dass ich gar nicht

zur Literatur bekehrt werden musste, weil die – und jetzt kommt ein Wort von Wilhelm Ge-

nazino 3, in dem ich mein frühestes Lebensgefühl gut (und vielleicht sogar ein bisschen zu gut)

25 unterbringen kann –, weil die Gesamtmerkwürdigkeit des Daseins in der deutschen Frontstadt

bereits literarisches Urmaterial war, hochprozentige atmosphärische Absurdität, die überall zu

spüren war und sich in der Stille der wild wuchernden Unkrautfelder unmittelbar vor der Mauer

nur noch einmal verdichtete.

Als ich später las, wie Albert Camus im Mythos des Sisyphos 4 das Einbrechen des Absurden

30 in das Leben beschrieben hat, kam mir das vollkommen vertraut vor. Man steht auf, man trinkt

Kaffee, duscht, liest die Zeitung, fährt zur Arbeit, und plötzlich sieht man sich dabei zu und

versteht nicht mehr, warum man tut, was man tut. Das Nachdenken beginnt in diesem Fall

nicht mit dem Eintauchen in die majestätische Tradition kultureller Kostbarkeiten, sondern mit

dem Staunen über ihre Sinnlosigkeit. Der absurde Mensch rechnet nicht mit der Zukunft,

35 sondern mit dem Tod. Er betrachtet jeden langweiligen Tag, jeden banalen Nachmittag am

Wohnzimmerfenster mit dem Blick auf die flatternde Wäsche im Todesstreifen, als wäre es

sein letzter, und kann sich über dessen Kläglichkeit nicht hinwegtrösten im urchristlichen

Vertrauen darauf, dass man für alles irgendwann entschädigt wird: Das richtige Leben beginnt,

wenn ich endlich reich bin, Ferien habe, in Rente gehe. Oder, falls auch das wieder nicht

40 klappt: wenn ich in den Himmel komme.

Der Ursprung des Schreibens und des Lesens und vielleicht auch des Schreibens über Lite-

ratur, das mein Beruf wurde, war also eher ein Fremdheitsgefühl als die Vertrautheit mit was

auch immer. Dieser ästhetische Existenzialismus wächst sich nie mehr ganz aus. Bis heute

denke ich, dass Literatur und Poesie nichts ist, was dem Leben hinzugefügt werden muss, im

45 Sinne eines erzählenden Überbaus, dessen Bauleiter sein Expertenwissen mit Fleiß und

Ausdauer in entsprechenden Ausbildungsstätten erworben hat. Natürlich stehen wir alle auf

den Schultern unserer Vorgänger und Vorgängerinnen, aber wenn es um meine Vorlieben

geht, misstraue ich dem Poeta doctus 5, der sich vollmundig als Miteigentümer des großen

abendländischen Kanons in Szene setzt. In meiner inneren Bibliothek stehen vor allem Auto-

50 ren und Autorinnen, die sich dem Staunen anvertraut haben. Albert Camus, Imre Kertész,

Péter Nádas, Andrzej Stasiuk, Peter Handke, Ilse Aichinger, Friederike Mayröcker, Ingeborg

Bachmann, Sarah Kirsch, Marguerite Duras, Nathalie Sarraute, Ágota Kristóf, Olga Tokarczuk,

Eugène Ionesco, Sascha Sokolow und, für mich eine sehr späte Entdeckung, auch der

norwegische Eigenbrötler Dag Solstad. 6 Es ist nicht zu übersehen: Die Autoren und Autorinnen

55 dieser inneren Bibliothek kennen sich bestens aus in den Schuttbergen des 20. Jahrhunderts

und sind umso mehr bei sich, desto weniger sie sich selbst vertrauen.

Die erhebliche Einseitigkeit dieser Liste erklärt sich daraus, dass die Avantgarde 7 für mich und

viele meiner Generation nie nur eine Kunstepoche unter anderen, sondern so etwas wie eine

unsichere Heimat war, die zu der Zeit passte, in der die Normalität für uns ihr Normalsein

60 verloren hatte – eine Erfahrung, die man sicherlich jederzeit und überall und auch jetzt wieder

machen kann. Bis heute habe ich oft das Gefühl, wenn ich den Leuten im Zug oder sonst wo

zuhöre, als würden die Sprechenden nicht selbst sprechen, sondern ihren Text irgendwo

ablesen, von einer Texttafel oder einem inneren Bildschirm, den sie vor Augen haben. Dann

kommt es mir vor, als sei das Gesprochene nicht selbst erlebt und erdacht, sondern nur zitiert

65 und wiederholt, so wie eine Schallplattenaufnahme, von der niemand zu sagen weiß, wann sie

stattgefunden hat und wer damals der Dirigent war. [...]

Und weil der schöne Anlass einer Dankesrede für einen großartigen Preis für literarische Kritik

und Essay mich zu persönlichen Bekenntnissen herausfordert, muss ich nun von der inneren

Stimme sprechen, die mich als rettendes Gegengift zum kollektiven Sprachbetrieb von jeher

70 so fasziniert. Ich bin davon überzeugt, dass das Hörbarwerden der inneren Stimme darüber

entscheidet, ob man es bei einem Text mit großer Literatur zu tun hat. Und ich glaube, dass

das aufmerksame Gespür für die innere Stimme eines Textes die Literaturkritik von der

inhaltistischen Nacherzählung von Romanhandlungen unterscheidet, die bedauerlicherweise

ebenfalls unter dem Etikett Literaturkritik im Angebot ist.

75 Aber woran erkennt man die eigene Stimme? Und gibt es sie überhaupt? Oder handelt es sich

dabei nur um einen kindischen und zivilisationsmüden Traum von einer unbefleckten Sprache,

die die Schriftsteller und Schriftstellerinnen pfingstwunderhaft aus der Masse der sprachlich

Dressierten und Gehirngewaschenen hervorhebt und sie vor der, ich zitiere Martin Walser 8,

„Macht des Vorgesagten“ schützt, das alle anderen bereits „geistigseelisch stubenrein“

80 gemacht hat?

Ich glaube, dass es diese unverstellte Stimme gibt und dass sie jeder Mensch unter dem

Sprachmüll im Briefkasten seines Inneren finden kann, auch wenn es schwer ist, sie genau zu

bestimmen, denn es gibt für sie weder ein Anforderungsprofil noch eine Herstellungsanleitung.

Deswegen kann ich jetzt auch nicht einfach eine Hörprobe einspielen, obwohl ich viele Sätze

85 im Ohr habe, in denen ich die unverstellte Stimme gehört zu haben meine, Sätze über Abende,

an denen man bei grauem Licht mit dem Fahrrad in ein Wäldchen hineinradelt, oder über

Menschen, die abends im Pyjama noch einen Blick in die Löschwasserfässer mit dem

blühenden Wasser in ihrem Garten werfen. Aber solche Sätze beweisen gar nichts. Viel besser

kann man sagen, was die innere Stimme nicht tut. Sie hütet sich davor, den allgemeinen

90 Standard und das Gewohnte schon für das Universale zu halten. Sie misstraut der Homoge-

nität, sie befreit von Illusionen und Beschwichtigungen. Für Albert Camus war sie die „Quelle

im tiefsten Inneren jedes Künstlers, die sein Leben lang speist, was er ist und was er sagt“.

Und für seinen Lieblingskritiker Roland Barthes war sie eine neue, von Mode und Meinungen

unberührte Schreibweise, die so elementar und stark ist, dass sie es sich erlauben kann, auf

95 das „komplexe System unsichtbarer Anführungszeichen“ zu verzichten.

Wenn ich mir von der Literaturkritik etwas wünschen darf, dann wünsche ich mir, dass sie den

zahllosen inneren Stimmen mehr Aufmerksamkeit schenkt als den abertausend Storys, die die

Kritiker und Kritikerinnen in der übernächsten Woche selbst wieder vergessen haben, weil

viele dieser angeblich unfassbar relevanten Geschichten in einer der handelsüblichen

100 Konfektionssprachen erzählt wurden.

Auf die Gefahr hin, ein bisschen zu pathetisch zu werden, würde ich gerne hinzufügen: Die

eigene Stimme ist kein Dekorartikel der Literatur, für den eine höfliche Kritikerfloskel, im Vor-

beigehen fallen gelassen, schon ausreicht, um sich gleich wieder dem gewichtigen Hauptge-

schäft der Romanhandlung zuzuwenden, deren Bedeutsamkeit doch nur ausgeliehen wird bei

105 den Debatten der Gegenwart. Obwohl eigentlich die eigene Stimme der Stoff ist, aus dem alles

andere kommt: eine Art Urschrei des Schreibens.

Für mich war die Entdeckung der starken literarischen Stimmen der Augenblick, der mir ein

zweites Leben geschenkt hat, das mir oft sogar lebendiger und intensiver zu sein scheint als

das erste. Denn die Sätze, die solche starken Stimmen hervorbringen, fallen nicht leblos zu

110 Boden und vermüllen anschließend die inneren Speicherplätze, sondern sie wirken nach und

enthüllen Wahrheiten, die man nicht lehren, sondern nur erfahren kann. So wie man nach einer

schweren Krankheit zu einem zweiten, demütigeren Leben kommen kann, in dem die

Gesundheit nicht mehr selbstverständlich ist, sieht man nach der Lektüre großer Bücher klarer

und erträgt die Zerbrechlichkeit und Absurdität des Lebens gelassener. [...]

1 Pariser Theorie: Die maßgeblich vom französischen Schriftsteller und Philosophen Albert Camus geprägte Philosophie des Absurden bezieht sich auf den Konflikt zwischen der menschlichen Neigung, eine Erklärung und einen Sinn des Lebens zu suchen, und der menschlichen Unfähigkeit, irgendeine Bedeutung zu finden. Camus wird dem Existenzialismus zugerechnet.

2 Kriegsenkel-Boomer: Generation der geburtenstarken Jahrgänge der 1960er Jahre.

3 Wilhelm Genazino (1943-2018): deutscher Schriftsteller.

4 Mythos des Sisyphos: philosophischer Essay von Albert Camus aus dem Jahr 1942.

5 Poeta doctus: lateinisch für „gelehrter Dichter“; Fachbegriff für einen Dichter, der in seinen Werken die Kenntnis der Literatur seiner Vorgänger voraussetzt und darauf Bezug nimmt.

6 Albert Camus, Imre Kertész, … Dag Solstad: Europäische Autorinnen und Autoren des 20. und 21. Jahrhunderts, die für eine experimentelle, avantgardistische oder existenzialistische Literatur stehen und einen spezifischen, persönlichen Kanon der Verfasserin abbilden.

7 Avantgarde: Bezeichnung für eine künstlerische Haltung, die auf das Aufbrechen von Traditionen und Konventionen in Sprache, Stil und Form abzielt, um den Weg für eine völlig neuartige Literatur zu ebnen.

8 Martin Walser (*1927): deutscher Schriftsteller.

Radisch, Iris (31.10.2020): Dankrede zur Verleihung des Johann-Heinrich-Merck-Preises. https://www.deutscheakademie.de/de/auszeichnungen/johann-heinrich-merck-preis/iris-radisch/dankrede.

Iris Radisch ist Literaturkritikerin, Journalistin und Buchautorin. Sie erhielt 2020 den Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Textquelle.

Aufgabenstellung

1.

Analysieren Sie den Text „Dankrede zur Verleihung des Johann-Heinrich-Merck-Preises“ von Iris Radisch.

ca. 70 %

Aufgabe 2 - Erörterung pragmatischer Texte

Iris Radisch (*1959): Dankrede zur Verleihung des Johann-Heinrich-Merck-Preises (2020)

Jeder Mensch hat einen Moment, in dem alles beginnt. Versuche ich herauszufinden, was es

war, das mich dazu gebracht hat, mein Leben zum allergrößten Teil lesend zu verbringen und

mich für Romane, Erzählungen und Gedichte mehr zu interessieren als für die meisten

anderen Dinge auf der Welt – wenn ich also an den Anfang meines Lebens als Leserin und

5 Literaturkritikerin zurückkehre, ist dort nicht viel.

Der Zweite Weltkrieg war, als ich geboren wurde, seit 14 Jahren vorüber. Mein Vater hatte zu

Hitlers letzten Kindersoldaten gehört, das Berliner Elternhaus meiner Mutter war das einzige,

das in der Straße vom Bombenkrieg verschont geblieben war. In der Neubauwohnung in der

Kreuzberger Otto-Suhr-Siedlung, in die meine Eltern zogen, gab es für sie zum ersten Mal im

10 Leben fließendes warmes Wasser und Zentralheizung. Bücher gab es nicht. Bücher spielten

in der auf den Trümmerfeldern errichteten Siedlung nicht die geringste Rolle. [...] Die Otto-

Suhr-Siedlung grenzte direkt an die Berliner Mauer. Keine 500 Meter hinter meinem

Kinderzimmer galt der Schießbefehl. Aus dem Fenster unserer Wohnung konnte man den

Todesstreifen beobachten, auf dem irgendjemand jeden Tag auf einer Leine frische Wäsche

15 aufhängte, die im Wind flatterte. Man ist für immer ein Kind seiner Zeit. Ich bin davon über-

zeugt, dass meine spätere Hinwendung zur Pariser Theorie 1 von der Absurdität des Daseins

auch etwas mit diesem Wohnzimmerausblick zu tun hat.

Wenn ich also zu erforschen versuche, warum die Literatur für mich und viele andere der

Kriegsenkel-Boomer 2 so viel bedeutet, lande ich nicht in den gut gefüllten Buchregalen eines

20 kunstsinnigen deutschen Nachkriegshaushaltes. Meine Liebe zur Literatur kam nicht aus der

Literatur, was vielleicht gar keine großartige Erkenntnis ist, denn wer lässt sich schon mit

Büchern zu Büchern bekehren. Ich glaube, es war in meinem Fall eher so, dass ich gar nicht

zur Literatur bekehrt werden musste, weil die – und jetzt kommt ein Wort von Wilhelm Ge-

nazino 3, in dem ich mein frühestes Lebensgefühl gut (und vielleicht sogar ein bisschen zu gut)

25 unterbringen kann –, weil die Gesamtmerkwürdigkeit des Daseins in der deutschen Frontstadt

bereits literarisches Urmaterial war, hochprozentige atmosphärische Absurdität, die überall zu

spüren war und sich in der Stille der wild wuchernden Unkrautfelder unmittelbar vor der Mauer

nur noch einmal verdichtete.

Als ich später las, wie Albert Camus im Mythos des Sisyphos 4 das Einbrechen des Absurden

30 in das Leben beschrieben hat, kam mir das vollkommen vertraut vor. Man steht auf, man trinkt

Kaffee, duscht, liest die Zeitung, fährt zur Arbeit, und plötzlich sieht man sich dabei zu und

versteht nicht mehr, warum man tut, was man tut. Das Nachdenken beginnt in diesem Fall

nicht mit dem Eintauchen in die majestätische Tradition kultureller Kostbarkeiten, sondern mit

dem Staunen über ihre Sinnlosigkeit. Der absurde Mensch rechnet nicht mit der Zukunft,

35 sondern mit dem Tod. Er betrachtet jeden langweiligen Tag, jeden banalen Nachmittag am

Wohnzimmerfenster mit dem Blick auf die flatternde Wäsche im Todesstreifen, als wäre es

sein letzter, und kann sich über dessen Kläglichkeit nicht hinwegtrösten im urchristlichen

Vertrauen darauf, dass man für alles irgendwann entschädigt wird: Das richtige Leben beginnt,

wenn ich endlich reich bin, Ferien habe, in Rente gehe. Oder, falls auch das wieder nicht

40 klappt: wenn ich in den Himmel komme.

Der Ursprung des Schreibens und des Lesens und vielleicht auch des Schreibens über Lite-

ratur, das mein Beruf wurde, war also eher ein Fremdheitsgefühl als die Vertrautheit mit was

auch immer. Dieser ästhetische Existenzialismus wächst sich nie mehr ganz aus. Bis heute

denke ich, dass Literatur und Poesie nichts ist, was dem Leben hinzugefügt werden muss, im

45 Sinne eines erzählenden Überbaus, dessen Bauleiter sein Expertenwissen mit Fleiß und

Ausdauer in entsprechenden Ausbildungsstätten erworben hat. Natürlich stehen wir alle auf

den Schultern unserer Vorgänger und Vorgängerinnen, aber wenn es um meine Vorlieben

geht, misstraue ich dem Poeta doctus 5, der sich vollmundig als Miteigentümer des großen

abendländischen Kanons in Szene setzt. In meiner inneren Bibliothek stehen vor allem Auto-

50 ren und Autorinnen, die sich dem Staunen anvertraut haben. Albert Camus, Imre Kertész,

Péter Nádas, Andrzej Stasiuk, Peter Handke, Ilse Aichinger, Friederike Mayröcker, Ingeborg

Bachmann, Sarah Kirsch, Marguerite Duras, Nathalie Sarraute, Ágota Kristóf, Olga Tokarczuk,

Eugène Ionesco, Sascha Sokolow und, für mich eine sehr späte Entdeckung, auch der

norwegische Eigenbrötler Dag Solstad. 6 Es ist nicht zu übersehen: Die Autoren und Autorinnen

55 dieser inneren Bibliothek kennen sich bestens aus in den Schuttbergen des 20. Jahrhunderts

und sind umso mehr bei sich, desto weniger sie sich selbst vertrauen.

Die erhebliche Einseitigkeit dieser Liste erklärt sich daraus, dass die Avantgarde 7 für mich und

viele meiner Generation nie nur eine Kunstepoche unter anderen, sondern so etwas wie eine

unsichere Heimat war, die zu der Zeit passte, in der die Normalität für uns ihr Normalsein

60 verloren hatte – eine Erfahrung, die man sicherlich jederzeit und überall und auch jetzt wieder

machen kann. Bis heute habe ich oft das Gefühl, wenn ich den Leuten im Zug oder sonst wo

zuhöre, als würden die Sprechenden nicht selbst sprechen, sondern ihren Text irgendwo

ablesen, von einer Texttafel oder einem inneren Bildschirm, den sie vor Augen haben. Dann

kommt es mir vor, als sei das Gesprochene nicht selbst erlebt und erdacht, sondern nur zitiert

65 und wiederholt, so wie eine Schallplattenaufnahme, von der niemand zu sagen weiß, wann sie

stattgefunden hat und wer damals der Dirigent war. [...]

Und weil der schöne Anlass einer Dankesrede für einen großartigen Preis für literarische Kritik

und Essay mich zu persönlichen Bekenntnissen herausfordert, muss ich nun von der inneren

Stimme sprechen, die mich als rettendes Gegengift zum kollektiven Sprachbetrieb von jeher

70 so fasziniert. Ich bin davon überzeugt, dass das Hörbarwerden der inneren Stimme darüber

entscheidet, ob man es bei einem Text mit großer Literatur zu tun hat. Und ich glaube, dass

das aufmerksame Gespür für die innere Stimme eines Textes die Literaturkritik von der

inhaltistischen Nacherzählung von Romanhandlungen unterscheidet, die bedauerlicherweise

ebenfalls unter dem Etikett Literaturkritik im Angebot ist.

75 Aber woran erkennt man die eigene Stimme? Und gibt es sie überhaupt? Oder handelt es sich

dabei nur um einen kindischen und zivilisationsmüden Traum von einer unbefleckten Sprache,

die die Schriftsteller und Schriftstellerinnen pfingstwunderhaft aus der Masse der sprachlich

Dressierten und Gehirngewaschenen hervorhebt und sie vor der, ich zitiere Martin Walser 8,

„Macht des Vorgesagten“ schützt, das alle anderen bereits „geistigseelisch stubenrein“

80 gemacht hat?

Ich glaube, dass es diese unverstellte Stimme gibt und dass sie jeder Mensch unter dem

Sprachmüll im Briefkasten seines Inneren finden kann, auch wenn es schwer ist, sie genau zu

bestimmen, denn es gibt für sie weder ein Anforderungsprofil noch eine Herstellungsanleitung.

Deswegen kann ich jetzt auch nicht einfach eine Hörprobe einspielen, obwohl ich viele Sätze

85 im Ohr habe, in denen ich die unverstellte Stimme gehört zu haben meine, Sätze über Abende,

an denen man bei grauem Licht mit dem Fahrrad in ein Wäldchen hineinradelt, oder über

Menschen, die abends im Pyjama noch einen Blick in die Löschwasserfässer mit dem

blühenden Wasser in ihrem Garten werfen. Aber solche Sätze beweisen gar nichts. Viel besser

kann man sagen, was die innere Stimme nicht tut. Sie hütet sich davor, den allgemeinen

90 Standard und das Gewohnte schon für das Universale zu halten. Sie misstraut der Homoge-

nität, sie befreit von Illusionen und Beschwichtigungen. Für Albert Camus war sie die „Quelle

im tiefsten Inneren jedes Künstlers, die sein Leben lang speist, was er ist und was er sagt“.

Und für seinen Lieblingskritiker Roland Barthes war sie eine neue, von Mode und Meinungen

unberührte Schreibweise, die so elementar und stark ist, dass sie es sich erlauben kann, auf

95 das „komplexe System unsichtbarer Anführungszeichen“ zu verzichten.

Wenn ich mir von der Literaturkritik etwas wünschen darf, dann wünsche ich mir, dass sie den

zahllosen inneren Stimmen mehr Aufmerksamkeit schenkt als den abertausend Storys, die die

Kritiker und Kritikerinnen in der übernächsten Woche selbst wieder vergessen haben, weil

viele dieser angeblich unfassbar relevanten Geschichten in einer der handelsüblichen

100 Konfektionssprachen erzählt wurden.

Auf die Gefahr hin, ein bisschen zu pathetisch zu werden, würde ich gerne hinzufügen: Die

eigene Stimme ist kein Dekorartikel der Literatur, für den eine höfliche Kritikerfloskel, im Vor-

beigehen fallen gelassen, schon ausreicht, um sich gleich wieder dem gewichtigen Hauptge-

schäft der Romanhandlung zuzuwenden, deren Bedeutsamkeit doch nur ausgeliehen wird bei

105 den Debatten der Gegenwart. Obwohl eigentlich die eigene Stimme der Stoff ist, aus dem alles

andere kommt: eine Art Urschrei des Schreibens.

Für mich war die Entdeckung der starken literarischen Stimmen der Augenblick, der mir ein

zweites Leben geschenkt hat, das mir oft sogar lebendiger und intensiver zu sein scheint als

das erste. Denn die Sätze, die solche starken Stimmen hervorbringen, fallen nicht leblos zu

110 Boden und vermüllen anschließend die inneren Speicherplätze, sondern sie wirken nach und

enthüllen Wahrheiten, die man nicht lehren, sondern nur erfahren kann. So wie man nach einer

schweren Krankheit zu einem zweiten, demütigeren Leben kommen kann, in dem die

Gesundheit nicht mehr selbstverständlich ist, sieht man nach der Lektüre großer Bücher klarer

und erträgt die Zerbrechlichkeit und Absurdität des Lebens gelassener. [...]

1 Pariser Theorie: Die maßgeblich vom französischen Schriftsteller und Philosophen Albert Camus geprägte Philosophie des Absurden bezieht sich auf den Konflikt zwischen der menschlichen Neigung, eine Erklärung und einen Sinn des Lebens zu suchen, und der menschlichen Unfähigkeit, irgendeine Bedeutung zu finden. Camus wird dem Existenzialismus zugerechnet.

2 Kriegsenkel-Boomer: Generation der geburtenstarken Jahrgänge der 1960er Jahre.

3 Wilhelm Genazino (1943-2018): deutscher Schriftsteller.

4 Mythos des Sisyphos: philosophischer Essay von Albert Camus aus dem Jahr 1942.

5 Poeta doctus: lateinisch für „gelehrter Dichter“; Fachbegriff für einen Dichter, der in seinen Werken die Kenntnis der Literatur seiner Vorgänger voraussetzt und darauf Bezug nimmt.

6 Albert Camus, Imre Kertész, … Dag Solstad: Europäische Autorinnen und Autoren des 20. und 21. Jahrhunderts, die für eine experimentelle, avantgardistische oder existenzialistische Literatur stehen und einen spezifischen, persönlichen Kanon der Verfasserin abbilden.

7 Avantgarde: Bezeichnung für eine künstlerische Haltung, die auf das Aufbrechen von Traditionen und Konventionen in Sprache, Stil und Form abzielt, um den Weg für eine völlig neuartige Literatur zu ebnen.

8 Martin Walser (*1927): deutscher Schriftsteller.

Radisch, Iris (31.10.2020): Dankrede zur Verleihung des Johann-Heinrich-Merck-Preises. https://www.deutscheakademie.de/de/auszeichnungen/johann-heinrich-merck-preis/iris-radisch/dankrede.

Iris Radisch ist Literaturkritikerin, Journalistin und Buchautorin. Sie erhielt 2020 den Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Textquelle.

Aufgabenstellung

2.

Setzen Sie sich mit Iris Radischs Verständnis von Literatur auseinander. Berücksichtigen Sie dabei Ihr unterrichtliches Wissen über Funktionen von Literatur.

ca. 30 %

Du kannst auch nach Themen lernen

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