Abitur Sachsen-Anhalt Deutsch 2021 · LK · Framing

Aufgabe Deutsch aus dem IQB-Pool 2021, LK · Framing: 1 Teilaufgabe mit Lösungen. Themen: Materialgestütztes Verfassen von Texten. Mit automatischer Korrektur.

Themen der Aufgabe: Materialgestütztes Verfassen von Texten

Aufgabe

An Ihrer Schule erscheint regelmäßig eine Zeitschrift, in der über aktuelle gesellschaftliche, kulturelle und wissenschaftliche Themen informiert und diskutiert wird. Die Zielgruppe umfasst Schülerinnen und Schüler der gymnasialen Oberstufe, Eltern sowie Lehrkräfte. Die kommende Ausgabe soll sich dem Thema „Die Macht der Sprache“ widmen.

Verfassen Sie für dieses Heft einen informierenden Text zum Thema „Framing“ auf der Basis der Materialien (M1 – M7). Berücksichtigen Sie dabei den Zusammenhang von Sprache, Denken und Handeln. Gehen Sie dabei auch auf die gesellschaftliche Relevanz des Themas ein.

Nutzen Sie auch im Unterricht erworbenes Wissen, um Zusammenhänge zu verdeutlichen.

Formulieren Sie eine geeignete Überschrift.

Ihr Text sollte etwa 1000 Wörter umfassen.

Material 1: Elisabeth Wehling: Politisches Framing (2016)

Menschen sind rationale Wesen. Sie können vernunftgesteuert handeln. Legt man nur alle relevanten Fakten auf den Tisch, können sie diese objektiv gegeneinander abwägen und entscheiden, was zu tun ist – ob beispielsweise ein politisches Vorhaben unterstützt werden soll oder nicht. So denken viele Menschen, so haben wir es gelernt – und so geistert es noch heute über die Flure der Parteizentralen und Medienredaktionen. Doch mit dieser Vorstellung hinken wir den Erkenntnissen der Neuro- und Kognitionsforschung hinterher und verfehlen die Chance, einen wirklich transparenten demokratischen Diskurs zu führen. Wieso?

Weil in politischen Debatten nicht Fakten an und für sich entscheidend sind, sondern gedankliche Deutungsrahmen, in der kognitiven Wissenschaft Frames genannt.

Frames werden durch Sprache im Gehirn aktiviert. Sie sind es, die Fakten erst eine Bedeutung verleihen, und zwar, indem sie Informationen im Verhältnis zu unseren körperlichen Erfahrungen und unserem abgespeicherten Wissen über die Welt einordnen. Dabei sind Frames immer selektiv. Sie heben bestimmte Fakten und Realitäten hervor und lassen andere unter den Tisch fallen. Frames bewerten und interpretieren also. Und sind sie erst einmal über Sprache – etwa jener in öffentlichen Debatten – in unseren Köpfen aktiviert, so leiten sie unser Denken und Handeln an, und zwar ohne dass wir es merken.

Wehling, Elisabeth: Politisches Framing. Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht. Edition Medienpraxis. Köln: Halem Verlag 2016, S. 17 f.

Elisabeth Wehling (*1981) ist Sprach- und Kognitionswissenschaftlerin und leitet das Berkeley International Framing Institute in Berlin.

Material 2: Auszug aus einem Interview der Süddeutschen Zeitung (SZ) mit Elisabeth Wehling (2019)

Elisabeth Wehling: […] In der Framing-Arbeit geht es darum zu zeigen: Was steckt hinter Wörtern? Was macht Sprache mit dem Denken? Sagt man immer das, was man meint? Nehmen wir ein ganz anderes Thema: Steuern. Manche finden Steuern eher schädlich, andere wollen mehr Steuern. Sie wenden also unterschiedliche Bewertungen auf den Fakt „Steuern“ an. Aber dies spiegelt sich in der Sprache nicht wider. Man spricht, über die Bank hinweg, von „Steuerlast“ oder „steuerfrei“. Eine Last ist etwas Negatives, und befreit werden kann man auch nur aus einer negativen Lage. „Geldfrei“ würde keiner sagen. So suggerieren alle, dass Steuern etwas Schädliches sind. Man sollte jedoch dafür sorgen, seine Sicht der Fakten für seine Mitmenschen begreifbar zu machen. „Steuerlast“ sollten jene sagen, die Steuern als Last empfinden. Wer das nicht tut, sollte es auch nicht über seine Sprache suggerieren. Und eben anders sprechen. […] Es geht darum, dass sich gedankliche Vielfalt zu ein und denselben Fakten in sprachlicher Vielfalt spiegeln sollte. Anders gesagt: Was man denkt, sollte man auch sagen. Nur so können wir konstruktiv streiten.

[SZ]: Ihre Grundthese, rein an Fakten orientiertes Denken gebe es nicht. Dazu schrieb uns ein Leser, der in der Forschung und Entwicklung arbeitet: Dort sei es gelebte Realität, allein nach genauer Bewertung der Fakten zu entscheiden.

[Elisabeth Wehling:] Ich verstehe das Bestreben. Aber hätte Ihr Leser Recht, würde dies bedeuten, dass alle Menschen aus denselben Fakten dieselben Schlüsse zögen. Dass dies nicht so ist, erleben wir doch jeden Tag. Permanent werden Fakten wertend eingeordnet. Es ist ein Fakt, dass am Nordpol Eis schmilzt. Auf der Grundlage kann ich zwar von „Klimawandel“ sprechen. Ein Wandel kann aber positiv oder negativ sein. Will ich indes zum Ausdruck bringen, dass dies gefährlich ist, sage ich besser „Klimakrise“. Damit ordne ich das Faktum ein.

[SZ]: Der Leser überschätzt sich also?

[Elisabeth Wehling:] Das nicht. Aber die Vorstellung, dass wir die Welt rein objektiv begreifen können, ist durch breite Forschung widerlegt. In einer Studie hat man einmal Probanden in zwei Gruppen aufgeteilt. Der Gruppe A wurde gesagt, bei einer bestimmten Operation betrage die Überlebensrate 90 Prozent. Der Gruppe B wurde gesagt, das Sterberisiko betrage zehn Prozent. In beiden Fällen wurde also unbewusst ein Frame gesetzt – ohne den man ja auch nicht kommunizieren kann. Fragen Sie Ihren Leser, wie es ohne die Wörter „Überleben“ oder „Sterben“ hätte gehen sollen. Nur: Mit der Wahl des Wortes geben Sie den Denkrahmen vor. Und Sie können sich denken, in welcher der beiden Gruppen die Zustimmung zu der OP höher war.

Esslinger, Detlef (27.02.2019): Interview mit Elisabeth Wehling: „Ich habe noch nie einem Kunden vorgeschrieben, was er sagen soll“ <https://www.sueddeutsche.de/medien/elisabeth-wehling-framing-ard-linguistik-sprachwissenschaft-1.4346478>. 02.03.2020

Material 3: Wie Wörter unsere Gedanken steuern (2019) – Titelbild eines Podcasts des Bayerischen Rundfunks

Bayerischer Rundfunk (20.03.2019): Framing oder die Macht der Sprache: Wie Wörter unsere Gedanken steuern. <https://www.br.de/radio/bayern2/framing-sprache-steuert-gedanken-100.html>. 02.03.2020

Material 4: Jakob Biazza: Framing-Check: „Flächenfraß“. Wenn die Gier sich wie eine Krankheit in die Natur frisst (2018)

In einer losen Serie analysiert die SZ das Framing politisch oder gesellschaftlich relevanter Begriffe. Diesmal: Flächenfraß. […]

Was der Begriff suggeriert:

Zunächst vor allem Gier und Maßlosigkeit. Und auf der zweiten Ebene Endgültigkeit. Besonnene, kultivierte Wesen „essen“ schließlich einfach – und zwar häppchenweise, was ihnen die Zeit gibt, zu merken, ab wann sie satt sind. Menschen ohne Maß (und Tiere) „fressen“, was, etwas weiter zugespitzt, eigentlich sagen soll, dass sie blindwütig verschlingen, was immer sich vor ihnen ausbreitet. Und damit dessen Existenz endgültig beenden. Ist etwas gefressen, ist es schließlich für immer verschwunden, verdaut und höchstens in Fäkalform ausgeschieden.

Da es beim „Flächen-“ oder „Landfraß“ zudem laut der gleichnamigen Umweltinitiative „Betonfluten“ (ebenfalls ein stark framender Begriff) sind, die die grüne Landschaft verschlingen, bekommt der Begriff auch noch eine latent entmenschlichte Komponente: Betonlandschaften wirken wie eine Naturgewalt. Oder, noch etwas freier assoziiert, wie ein sich unkontrolliert ausbreitendes Krebsgeschwür.

Wie das die Wahrnehmung steuert:

Naturgewalten müssen, wenn irgendwie möglich, gestoppt, Krebsgeschwüre behandelt oder gar herausoperiert werden, um weitere, nachhaltigere Schäden zu vermeiden. Man denke nur an Flutkatastrophen und Schutzwälle. „Flächenfraß“ ist damit deutlich alarmistisch. Der suggerierte Handlungsbedarf ist hoch und drängend.

Der Begriff führt zudem zumindest in Teilen etwas in die Irre: Die für Wohnungen, Gewerbe und Straßen bebaute Fläche ist schließlich nicht weg oder „verbraucht“. Menschen nutzen sie nur für etwas anderes (im Einzelfall durchaus Sinnvolles). Zudem wird suggeriert, die landwirtschaftliche Nutzung sei natürlicher und damit quasi zwangsläufig besser. Dabei kann auch sie Böden auslaugen und, je nach Betrieb, zu schweren Umweltproblemen führen. Ob, wie es vor allem die „Betonflut“ nahelegt, das Landschaftsbild zerstört wird, ist in Teilen Geschmackssache. Wie viele Menschen ein Gewerbegebiet einem Wald oder weiten Feldern und Wiesenflächen tatsächlich ästhetisch vorziehen, müssten Umfragen zeigen.

Richtig ist hingegen, dass der „natürliche“ Lebensraum durch die Bebauung verschwindet – und zwar in aller Regel unwiederbringlich. Einmal bebaute Flächen werden nur sehr selten renaturiert. Unstrittig ist auch, dass damit Lebensraum für viele Tiere für immer zerstört wird, nicht nur unmittelbar, sondern auch mittelbar: Straßen teilen etwa zusammenhängende Biotope, womit mögliche Probleme sich weit über die reine Nutzungsfläche erstrecken. Auch der erhöhte Verkehr ist für Menschen und Umwelt unbestritten belastend.

Was ein weniger framender Begriff wäre:

„Landverbrauch“ ist zumindest emotional weniger besetzt – und lenkt die Debatte damit ganz so eindeutig. Der Zusatz „Verbrauch“ unterstellt allerdings immer noch pauschal, dass die Ressource anschließend erschöpft ist, dabei könnte beispielsweise Wohnraum ja wenigstens theoretisch eine sinnvolle Nutzung sein. Relativ neutral wäre wohl „Flächenbebauung“ oder der sehr technische Terminus „Flächeninanspruchnahme“. Der ebenfalls manchmal zu lesende Begriff „Flächenumnutzung“ verschleiert bereits die damit verbundene Naturzerstörung.

Biazza, Jakob (17.07.2018): Framing-Check: „Flächenfraß“. Wenn die Gier sich wie eine Krankheit in die Natur frisst <https://www.sueddeutsche.de/kultur/framing-check-flaechenfrass-wenn-die-gier-sich-wie-eine-krankheit-in-die-natur-frisst-1.4058256>. 02.03.2020

Jakob Biazza (*1981) ist Musiker und freier Journalist.

Material 5: Claudia Wüstenhagen: Die Macht der Worte (2012)

Es gibt die offensichtliche Wirkung der Worte: Wer einen Roman aufschlägt, eine Liebeserklärung bekommt oder in einen heftigen Streit gerät, der spürt, wie Sprache berührt. Worte können trösten oder tief verletzen, manche hängen einem tage- oder gar jahrelang nach. Auch unsere eigenen Worte wirken auf uns. Wenn wir etwa ein Tabuwort aussprechen, kann das bei uns selbst körperlich messbare Stresssymptome hervorrufen.

Oft jedoch bekommen wir den Einfluss der Worte gar nicht mit. Deshalb kann man uns so gut manipulieren, mit Marketing zum Beispiel. Studien ergaben, dass allein die Beschreibung von Lebensmitteln das Geschmackserlebnis beeinflussen kann: Gebäck schmeckt besser, wenn es laut Speisekarte nach einem „Rezept der Großmutter“ gebacken oder „traditionell“ erzeugt wurde. Ein exotischer Name verleiht Getränken ein frischeres Aroma, ergaben Tests. Unsere Wahrnehmung ist also alles andere als objektiv, sie lässt sich von Begriffen leiten.

Worte können als Heuristiken dienen, mit deren Hilfe wir Informationen schnell einordnen können. Ihre Kraft liegt in den Assoziationen, die sie wecken. Das gilt vor allem für Metaphern. Sie übertragen eine konkrete Erfahrung auf ein abstraktes Konzept. Da muss eine Idee verdaut, eine Theorie untermauert, ein Argument geschärft werden. Metaphern stehen an der Schnittstelle zwischen Wahrnehmen und Handeln auf der einen und Denken auf der anderen Seite. Und sie sind damit weit mehr als rhetorische Figuren und poetischer Zuckerguss, als die sie uns im Deutschunterricht begegnen.

Wüstenhagen, Claudia (09.10.2012): Die Macht der Worte. <https://www.zeit.de/zeit-wissen/2012/06/Sprache-Worte-Wahrnehmungkomplettansicht>. 02.03.2020

Claudia Wüstenhagen ist Journalistin. Sie arbeitet als Redakteurin beim Magazin ZEIT Wissen.

Material 6: Thorsten Eitz: Begriffe besetzen oder das Ringen um Wörter (2010)

Neue Mitte, Chancengleichheit, soziale Gerechtigkeit: Wer Wörter besetzt und mit eigenen Inhalten füllt, hat gute Chancen, seine Ideen und Konzepte im öffentlichen Bewusstsein zu verankern und durchzusetzen. Welche Taktiken im Kampf um Wörter gibt es?

Seit 1973 gibt es die plakative, vom damaligen Generalsekretär der CDU, Kurt Biedenkopf, geprägte Formel vom „Besetzen der Begriffe“. Gemeint war damit, dass sich in der politischen Auseinandersetzung derjenige durchsetzt, der Problem- oder Sachverhalte seiner Sichtweise entsprechend benennt und dadurch interpretiert und der seine Argumente sprachlich am besten entwickelt und vermittelt. Diese Formel und die in der Folge eingerichtete „Projektgruppe Semantik“ der CDU verdeutlichen, welch hohen Stellenwert die Politik der Rolle der Sprache zumisst.

Nun wird nicht erst seit 1973 um das „Besetzen von Begriffen“ gerungen, sondern es geht in der politischen Kommunikation grundsätzlich darum, wer über die Definitionshoheit zentraler politischer Orientierungsvokabeln verfügt. In derartigen Konflikten gibt es verschiedene sprachliche Strategien, mit denen um Wörter gestritten wird. […]

Eine besonders eingängige Form der Wortprägung ist die Metapher. Metaphern, also Wörter oder Wendungen mit bildhafter, übertragener Bedeutung, sind deshalb so attraktiv, weil sie komplexe Sach- und Problemverhalte vereinfachend und verständlich darstellen. Sie machen den jeweiligen Sach- oder Problemverhalt buchstäblich „begreifbar“ und enthalten darüber hinaus oft noch versteckte Argumentationen und Handlungsanweisungen. In den Auseinandersetzungen über die Einwanderungspolitik wurde z. B. mit Ausdrücken wie Ausländer- bzw. Asylantenflut, -schwemme, -strom, -welle, -lawine etc. der suggestive Eindruck hervorgerufen, als handele es sich bei diesen Zuwanderern um eine ungeheuer große, jedenfalls eine viel größere als die tatsächliche Anzahl von Menschen. Zugleich enthielt schon das gewählte Bild die als notwendig betrachtete politische bzw. gesetzgeberische Gegenmaßnahme, nämlich dass gegen die ungewollte, vermeintlich massenhafte Zuwanderung Dämme errichtet werden müssten, also die Einwanderung zu beschränken bzw. das Asylrecht einzuschränken sei. Im „Dritten Reich“ trug die stereotype Titulierung der Juden als Parasiten am deutschen Volkskörper, Schädlinge, Blutsauger, Pest, Bazillen etc., die zu bekämpfen bzw. auszurotten oder auszutilgen seien, dazu bei, die jüdische Bevölkerung zu stigmatisieren und auszugrenzen. Diese sprachlichen Bilder, also Krankheiten, die zu heilen, Parasiten, die zu entfernen seien, sollten die von den Nationalsozialisten beabsichtigte Verdrängung der Juden aus dem öffentlichen Leben, ihre Verfolgung und schließlich ihre Ausrottung schlüssig begründen. […]

Eine weitere Strategie ist die Ausbeutung von Konnotationen, also Nebenbedeutungen eines Wortes. Indem man die eigene Position mit Ausdrücken beschreibt, die positive Assoziationen hervorrufen (z. B. Freiheit, Sicherheit, soziale Gerechtigkeit, Solidarität, Zukunft etc.), hofft man, dass diese positiven Konnotationen auf den eigenen Sprachgebrauch sozusagen „abfärben“.

Eitz, Thorsten (15.07.2010): Begriffe besetzen oder das Ringen um Wörter. <http://www.bpb.de/politik/grundfragen/sprache-und-politik/42715/begriffe-besetzen?p=all>. 02.03.2020

Thorsten Eitz (*1967) ist Sprachwissenschaftler.

Material 7: Victor Klemperer: LTI. Notizbuch eines Philologen (1947)

Was war das stärkste Propagandamittel der Hitlerei? Waren es Hitlers und Goebbels' Einzelreden, ihre Ausführungen zu dem und jenem Gegenstand, ihre Hetze gegen das Judentum, gegen den Bolschewismus?

Fraglos nicht, denn vieles blieb von der Masse unverstanden oder langweilte sie in seinen ewigen Wiederholungen. […]

Nein, die stärkste Wirkung wurde nicht durch Einzelreden ausgeübt, auch nicht durch Artikel oder Flugblätter, durch Plakate oder Fahnen, sie wurde durch nichts erzielt, was man mit bewusstem Denken oder bewusstem Fühlen in sich aufnehmen mußte.

Sondern der Nazismus glitt in Fleisch und Blut der Menge über durch die Einzelworte, die Redewendungen, die Satzformen, die er ihr in millionenfachen Wiederholungen aufzwang, und die mechanisch und unbewußt übernommen wurden. […]

Worte können sein wie winzige Arsendosen: sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da. Wenn einer lange genug für heldisch und tugendhaft: fanatisch sagt, glaubt er schließlich wirklich, ein Fanatiker sei ein tugendhafter Held, und ohne Fanatismus könne man kein Held sein.

Klemperer, Victor: LTI. Notizbuch eines Philologen. Nach der Ausgabe letzter Hand herausgegeben und kommentiert von Elke Fröhlich. Stuttgart: Reclam 2018, S. 25 f.

Victor Klemperer (1881-1960) war ein deutscher Romanist, der von den Nationalsozialisten verfolgt wurde und sich in seiner Abhandlung LTI. Notizbuch eines Philologen mit der Sprache des Nationalsozialismus (Lingua Tertii Imperii = Sprache des Dritten Reichs) befasst.

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