Abitur Sachsen Englisch 2021 · LK · Heuer: „Die Uhr tickt”

Aufgabe Englisch aus dem IQB-Pool 2021, LK · Heuer: „Die Uhr tickt”: 1 Teilaufgabe mit Lösungen. Themen: Sprachmittlung Deutsch → Englisch (Mediation).

Themen der Aufgabe: Sprachmittlung Deutsch → Englisch (Mediation)

Aufgabe 1

1 Aufgabe

Aufgabenstellung

As an intern at the Society for Computer Science you have been asked to contribute a blog entry to the society's website.

Write a blog entry in which you sum up the information on Richard Socher's career and his assessment of Europe's technological competitiveness in the field of artificial intelligence (AI).

Material

Interview: „Die Uhr tickt” (2019)

von Steffan Heuer

brand eins: Herr Socher, Sie arbeiten als Chefwissenschaftler für den Unternehmenssoftware-Anbieter Salesforce im Silicon Valley. Ihr Weg von Leipzig über Saarbrücken nach Kalifornien ist ein Beispiel für die Abwanderung von Talenten. Warum gab es für einen Hoffnungsträger auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz (KI) wie Sie keinen Platz in Deutschland?

Richard Socher: Das liegt an meinen Forschungsinteressen. Ich habe mir die besten Informatik-Studiengänge der Welt angesehen und verglichen, wo die meistzitierten Aufsätze zum Thema Sprachverarbeitung entstanden sind. Leider waren die klügsten Köpfe mit wenigen Ausnahmen in den USA, an den Universitäten Stanford, MIT, Carnegie-Mellon oder Berkeley. Ich wollte meinen Doktortitel dort erwerben, wo sich Neues und Großes tut. Nach dem Studium kontaktierten mich Risikokapitalgeber, die mir für die Vermarktung meiner Arbeit Geld geben wollten. Eine solche Gelegenheit lässt man sich nicht entgehen.

Mit einem Doktortitel von der Universität Stanford in der Tasche – hätten Sie Ihre Firma nicht auch in Europa gründen können?

Leider nicht. Ohne einen Business-Plan hätte mir niemand ein paar Millionen Dollar gegeben, selbst wenn ich an demselben Thema geforscht hätte. Das ist das größte Problem: Doktoranden und Professoren sind in Europa nicht eng genug verbunden mit der Start-up-Szene und Geldgebern.

Kürzlich haben Experten unter Leitung der Universität Stanford zum zweiten Mal den „AI Index Report” veröffentlicht, eine jährliche Bilanz zum Thema künstliche Intelligenz. Das Fazit: KI-Forschung und ihre Kommerzialisierung nehmen weltweit zu. Ist das ein echter Boom oder nur ein Hype?

Wir machen in der Tat auf breiter Front Fortschritte. Systeme können Beachtliches beim Deep Learning leisten und damit die Handlungen von Software-Agenten steuern. Sogar bei der Verarbeitung von Bildern sind sie in den vergangenen Monaten sehr viel besser geworden. Die KI-Forschung läuft seit mehr als 50 Jahren, aber jetzt haben wir eine Schwelle überschritten, weil es nicht mehr nur spannende, aber eigentlich nutzlose Forschungsprojekte gibt, sondern immer mehr praktische Anwendungen.

Jede Region, jedes Land hat seine Stärken, und die USA sind nach wie vor der beste Standort, wenn es um die ehrgeizigsten Projekte geht. Wenn einzelnen Forschern oder Teams ein Durchbruch gelingt, werden sie von jemandem in den USA eingekauft. Bei der Weiterentwicklung und Kommerzialisierung spannender KI-Ideen liegt das Silicon Valley vorn, weil Unternehmen wie Amazon, Facebook oder Google die Grenzen des Machbaren verschieben wollen. Das muss nicht so bleiben, denn es gibt besorgniserregende Entwicklungen. Es ist schwieriger geworden, ein Visum zu bekommen, und die Zahl ausländischer Studenten in den USA geht zurück. Obendrein gibt China beim Thema KI Vollgas, etwa was die Automation bei der Fertigung angeht. China, so scheint es, setzt bestehende Forschungsergebnisse sehr geschickt und sehr schnell um, sodass seine Gründer-Szene boomt.

China hat nach Meinung vieler Fachleute einen großen Vorteil, weil es seine KI-Systeme auf die Daten von Hunderten Millionen Menschen ansetzt, um etwa Fotos und Videos nach Gesichtern auszuwerten. Doch die Tatsache, dass kein anderes Land diesem bei der Überwachungstechnologie das Wasser reichen kann, heißt noch lange nicht, dass China auch in allen anderen Anwendungsgebieten von KI führend sein wird, etwa in der Medizintechnik oder beim Transportwesen.

Wenn man sich andere Disziplinen anschaut, dann müssen sich die USA und Europa keineswegs verstecken. Bei der Medizintechnik tut sich in Amerika jede Menge, unter anderem weil es ein so großer und lukrativer Markt ist. Und Europa hat einen wichtigen Wettbewerbsvorteil, weil man sich dort besser und gründlicher mit den ethischen Folgen von Algorithmen und dem Datenschutz beschäftigt. Das mag Europas KI-Erfolg am Anfang etwas bremsen, wird aber am Ende zu besseren Ergebnissen führen, weil es uns zum Nachdenken zwingt und damit innovativer macht.

Ist noch Zeit, um Europa für diesen Wettbewerb fit zu machen?

Die Uhr tickt. Wachstum hängt davon ab, ob ich meine Volkswirtschaft effizienter machen kann. Und künstliche Intelligenz wird der entscheidende Faktor dafür sein. Ihr wirtschaftliches Potenzial ist noch viel größer als das des Internets oder von Smartphones. Die Fertigung ist traditionell eine von Deutschlands Stärken, doch auch da lässt sich mit KI viel bewerkstelligen. Insofern ist es ermutigend, dass Deutschland, Frankreich und Großbritannien strategische Visionen für künstliche Intelligenz formuliert haben.

Wie kann man verhindern, dass weiterhin kluge Köpfe in die USA auswandern?

Als Professor in Deutschland ist mein Einkommen ziemlich gedeckelt, sodass etwa die Ankündigung, 100 neue Lehrstellen für KI zu schaffen, schnell auf die Realitäten des globalen Talent-Wettbewerbs prallt. Wenn ich eine Koryphäe bin, kann ich in anderen Ländern ein Wahnsinnsgeld verdienen. Das soll nicht heißen, dass ich in Europa oder Deutschland keine gute Forschung betreiben und ein tolles Forschungslabor aufbauen kann, aber wenn ich dieselbe Arbeit woanders verrichten und das Zehn- oder Fünfzigfache verdienen kann, ist das natürlich sehr verlockend.

Wie könnte man Gründer, die auf KI setzen, gezielt fördern?

Man sollte sich einmal die Geschichte des Silicon Valley genauer ansehen. Einiges ist organisch gewachsen, und diesen Erfolg kann man schlecht durch Regulierungen herbeizaubern. Aber man sollte Gründern das Leben leichter machen – angefangen bei den Vorschriften in Sachen Personal. Wenn ich noch in der Phase bin, in der ich mein Geschäftsmodell entwickle und justiere, muss ich in der Lage sein, meine Belegschaft flexibel anzupassen.

Was man auch nicht vergessen sollte, sind die Standortvorteile, die Deutschland in Sachen KI hat. Das Land verfügt über ein sehr gutes Gesundheitswesen. Warum kann man nicht eine landesweite, anonymisierte Datenbank anlegen, in die zum Beispiel alle Gehirn-Computertomografien eingespeist werden. Das wäre ein enorm wertvoller Datensatz, um Systeme für maschinelles Lernen zu trainieren und zu verbessern. Damit wären diese Daten eine Art öffentliches Gut, mit deren Hilfe die Bundesrepublik zu einem Weltmarktführer für Medizin-KI werden könnte, weil sich anhand dieser Datensätze hervorragende Algorithmen entwickeln lassen. Das könnte die Basis für ein ganzes Ökosystem von Start-ups werden.

Heuer, S. (2019, März). „Die Uhr tickt”. brand eins.

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