Abitur Sachsen Deutsch 2024 · LK · Aufgabe von Literatur und Literaturschaffenden
Aufgabe Deutsch aus dem IQB-Pool 2024, LK · Aufgabe von Literatur und Literaturschaffenden: 2 Teilaufgaben mit Lösungen. Themen: Analyse pragmatischer Texte.
Themen der Aufgabe: Analyse pragmatischer Texte · Erörterung pragmatischer Texte
Aufgabe 1 - Analyse pragmatischer Texte
Material
Hilmar Klute: Es ist uns kein Anliegen (2021)
Das Reden über Literatur ist seit einiger Zeit wieder aufgeregt und aufgeladen, einerseits weil alles nur noch aufgeregt und aufgeladen ist, andererseits: weil einige Menschen derzeit wieder vieles von der Literatur fordern. Die einen möchten, dass literarische Texte mit der Sprache eine Gerechtigkeit herstellen, die wünschenswert ist, die es in der Wirklichkeit aber leider nicht immer gibt. Andere wünschen sich, dass Autoren möglichst rasch und eindeutig die Karten auf den Tisch legen, wie sie zur Genderfrage stehen, welche Kerben die Corona-Maßnahmen in ihren inneren Bildschirm geschlagen haben und ob sie auch auf die Lieferung der sortenreinen Edelhölzer für den Kamin in ihrer Schreibhütte warten oder etwa nicht. Dringend erwartet wird unterdessen auch endlich der Roman zum Klimawandel.
Zuletzt angemahnt wurde dieser Roman in der Zeit, wo Bernd Ulrich 1 immer wieder nervös auf die Uhr schaut, auf der es aber immer noch fünf vor zwölf ist. Höchste Zeit, dass die deutschen Autorinnen und Autoren sich jetzt mal sputen. Wie kann es sein, dass sich die deutschen Schriftsteller so störrisch geben und den Roman über unser wichtigstes Anliegen, den Klimaschutz, verweigern? Wissen sie denn nicht: Erst wenn auch die erzählende Literatur klimaneutral ist, kann der CO 2 -Ausstoß um das notwendige Drittel gesenkt werden.
Ist nicht aber andererseits das Schöne an der schönen Literatur zum Beispiel dieses Herbstes der Umstand, dass sie so gut wie nichts über das blöde Coronavirus und dessen Folgen für Mensch, Wohnung und Katze bereitgestellt hat? Es gibt, jedenfalls gilt das für die in den Feuilletons besprochenen Bücher, bis jetzt noch keinen Roman über Autos, die auf schmutzigen Fluten durch Häusergassen treiben 2, keinen über dösige Impfverweigerer wie Kimmich 3. Es erschien nicht einmal eine satirische Novelle, in der ein maliziös lächelnder, gespenstisch lässiger Sozialdemokrat vorkommt, den noch ein paar Wochen vor der Wahl alle ausgelacht haben für seine bizarre Kanzlerkandidatur, und der jetzt Bundeskanzler wird, was wirklich noch vor wenigen Minuten kein einziger Zukunftsforscher, geschweige denn die Qualitätspresse oder Bernd Ulrich für möglich gehalten hätte, nicht wahr?
Viele Bücher dieses Herbstes handeln stattdessen auf eindringliche oder sogar besonders schöne Weise von unserer Gegenwart, von den Geistern, die seit Jahrhunderten in uns hocken und uns daran erinnern, wie sehr wir auch Kinder der Geschichte unserer Mütter und Väter sind – Henning Ahrens etwa erzählt davon in seiner überhellen realistischen Art in seinem neuen Roman „Mitgift“ (Klett-Cotta).
Es gibt im – vor allem deutschen – Kulturbetrieb die seltsame Neigung, Schriftsteller entweder gering zu schätzen oder sie gleich zu Orakeln zu erklären. Wann gab es je so viele Statements, offene Briefe, Unterschriftenlisten von Autoren zu sämtlichen tagesaktuellen Anliegen? Und warum noch mal brauchen wir Schriftsteller, wie es in der Zeit heißt, gerade jetzt so dringend? Wieso nicht gestern? Oder morgen?
Schriftsteller haben eigentlich die nur von sich selbst an sich selbst gestellte Aufgabe, Bücher zu schreiben. Dass sie sich jenseits davon in Debatten einmischen oder Bücher zu aktuellen Debatten schreiben müssten, ist ein gelernter Anspruch der spätmodernen Konsumgesellschaft, die weiß, dass es für jeden Blödsinn, den sie macht, auch einen verlässlichen Kritiker gibt. In der alten Bundesrepublik haben Schriftsteller diese Kritikerrolle gerne gespielt, weil sie auch Teilhabe an der politischen Macht bedeuten konnte, selbst wenn sich diese Autoren im Widerspruch zur Macht begriffen haben oder eben der SPD-Unterstützer Günter Grass 4 mit seinen ständigen unbequemen Einmischungen seinem Helden Willy Brandt 5 in Wahrheit massiv auf die Nerven ging. Nicolas Born, der ein wichtiger Autor der 70er-Jahre war, stellt in einem Aufsatz irgendwann entnervt die Frage, ob die Literatur eigentlich auf die Misere abonniert sei.
Born bejaht die Frage und erinnert daran, dass ein Autor, der zur Realität nichts weiter als den passenden Realismus zu bieten hat, in der poetischen Falle sitzt. Der gesellschaftskritische Autor, schreibt er, „kann nicht verhindern, dass er zum Gewohnheitskritiker wird und zum kritischen Partner der Macht“. Natürlich sind dies Kämpfe vergangener Zeiten.
Aber man könnte die Forderung nach einer Klimakrisen-Literatur spaßeshalber ja ernst nehmen und sich dann vorstellen, welche Art von Erzählung eigentlich dabei herumkommen soll. Es würde, wenn es nach dem Begleitmusik-Wunsch der Aktivisten geht, tatsächlich eine Literatur der Misere entstehen, jeder Roman müsste doch ein hoffnungsloses Endzeit-Panorama entfalten, in der Klimadiskussion sind Utopien nicht sehr populär – und gerade eben erfahren wir, dass wir sogar im Pandemiejahr 2020 hoffnungslos viel Treibhausgas ausgestoßen haben, wie soll das erst werden, wenn die Leute alle wieder in den Urlaub fliegen und an Bord Fleisch essen? Ein Autor, der dagegen eine Welt beschriebe, in der sich Menschen den veränderten Klimabedingungen angepasst haben und – mag sein mit großen Schwierigkeiten – trotzdem ein Leben führen, wird sich aus dem Leugnungsvorwurf nur mühsam winden können.
Wer mit der Autorität des Kulturplatzanweisers fordert, die Literatur möge sich bitte auf das kaprizieren, was im Augenblick die Welt (also: ihn) bewegt – ahnt er denn noch das komplizierte Gewebe, aus dem literarische Texte gemacht sind? Ein Roman ist das Produkt von sehr unterschiedlichen, mitunter einander widerstrebenden Energien, von soziologischen Umständen, biografischen Zwängen und poetologischen Positionen. Wer nun, zum Beispiel, aus Christa Wolfs „Störfall“ 6 allen Ernstes einzig eine Kritik an der Atomindustrie liest, der tut Christa Wolf wirklich böse Unrecht.
Der Wunsch, die Literatur möge einem großen Ganzen dienen, einem höheren Interesse, zum Wohle aller, ist nicht neu, und er erfüllte sich auch regelmäßig in der Gestalt sogenannter engagierter Autoren. Im Jahr 1930 führte der große Lyriker und unglückliche Hautarzt Gottfried Benn, der den reinen Kunstanspruch an die Literatur erhob und deshalb leider wegen Elite- und Auslesewahnsinn kurzzeitig an die Nazis geriet, ein Gespräch mit dem parteidienerischen kommunistischen Lyriker Johannes R. Becher 7. Benn fragte mit seiner raffiniert hinterfotzigen 8 Sprechstundenstimme Becher, was dieser mit seiner Literatur denn eigentlich erreichen wolle. Becher: „Ich diene mit meinen Dichtungen ausschließlich der geschichtlichen Bewegung, von deren Durchbruch in der Zukunft das Schicksal der gesamten Menschheit abhängt.“ Nicht dass Benn als moralisches Vorbild taugt. Aber aus Becher ist literarisch gleich mal nichts mehr geworden. Einfluss hatte er nur noch als Kulturminister der DDR 9, seine Gedichte waren nichts als Kaderkitsch 10 und leere Rhetorik.
Übrigens liegt im bebenden Pathos der Klimaaktivisten, das ja immer auch die Rührung am eigenen Zutun mit sich trägt, womöglich mehr Literatur als in der Vorstellung der Welt als Wüste aus Sand und Meer. Dieses Pathos, schöne Buchidee …
Klute, Hilmar (26.10.2021): Es ist uns kein Anliegen. <https://www.sueddeutsche.de/kultur/literatur-klimawandel-schriftsteller-buch-1.5449649>. 13.02.2022
Hilmar Klute (*1967) ist Journalist und Schriftsteller.
Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Textquelle.
Worterläuterungen: 1 Bernd Ulrich (*1960): stellvertretender Chefredakteur der Wochenzeitung „Die Zeit“. Der Autor spricht hier den Artikel Ulrichs „Warum zur Hölle. Literatur und Klimawandel“ in der Zeit-Ausgabe vom 24.10.2021 an, dessen Titel sich auf die Frage bezieht: „Warum schlägt sich diese fundamentale Krise so wenig in der Literatur nieder?“
2 Im Juli 2021 wurde das Ahrtal (Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz) nach starken Regenfällen von einer verheerenden Flutkatastrophe heimgesucht.
3 Joshua Kimmich (*1995): deutscher Profifußballer, der im Jahr 2021 zeitweise im Mittelpunkt des medialen Interesses stand, weil er sich öffentlich dazu bekannte, eine Impfung gegen SARS-CoV-2 vorerst verweigern zu wollen.
4 Günter Grass (1927–2015): deutscher Schriftsteller, der sich für die SPD engagierte und seine Popularität für öffentliche Stellungnahmen zum politischen und gesellschaftlichen Tagesgeschehen nutzte.
5 Willy Brandt (1913–1992): Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland (SPD) von 1969 bis 1974.
6 Christa Wolfs „Störfall“: In der Erzählung „Störfall. Nachrichten eines Tages“ beschäftigt sich die Schriftstellerin Christa Wolf (1929–2011) mit dem Einbruch des Unfassbaren in das Leben der Menschen, ausgehend von der Auseinandersetzung mit dem Reaktorunfall in Tschernobyl (1986) und der riskanten Gehirnoperation des Bruders der Erzählerin.
7 Die Schriftsteller Gottfried Benn (1886–1956) und Johannes R. Becher (1891–1958), die im Expressionismus schriftstellerisch aktiv wurden und sich zeitlebens respektierten, führten Ende der 20er Jahre eine Debatte über die Frage, ob und inwieweit Schriftsteller parteilich sein sollten.
8 hinterfotzig: (ugs.) hinterhältig, hinterlistig, unaufrichtig.
9 Johannes R. Becher lebte von 1933 bis 1945 im Exil. Nach seiner Rückkehr setzte er sich für eine Wiederbelebung der deutschen Kultur und Kunst auf antifaschistischer Grundlage ein und versuchte, zahlreiche Schriftsteller zur Rückkehr aus dem Exil zu bewegen. Anlässlich der Gründung der DDR schrieb er den Text zu deren Nationalhymne. Er gründete den Aufbau-Verlag und wirkte an der Entstehung der Akademie der Künste sowie mehrerer kulturpolitischer und literarischer Zeitschriften mit. Von 1954 bis 1958 war er Kulturminister der DDR.
10 Kaderkitsch: hier: geschmackloses Kunstprodukt, das den Erwartungen der DDR-Staatsführung entsprach.
Aufgabenstellung
1. Analysieren Sie den Text „Es ist uns kein Anliegen“ von Hilmar Klute. Berücksichtigen Sie dabei den Argumentationsgang, die sprachlich-stilistische Gestaltung sowie die Intention des Textes. ca. 80 %
Aufgabe 2 - Erörterung pragmatischer Texte
Material
Hilmar Klute: Es ist uns kein Anliegen (2021)
Das Reden über Literatur ist seit einiger Zeit wieder aufgeregt und aufgeladen, einerseits weil alles nur noch aufgeregt und aufgeladen ist, andererseits: weil einige Menschen derzeit wieder vieles von der Literatur fordern. Die einen möchten, dass literarische Texte mit der Sprache eine Gerechtigkeit herstellen, die wünschenswert ist, die es in der Wirklichkeit aber leider nicht immer gibt. Andere wünschen sich, dass Autoren möglichst rasch und eindeutig die Karten auf den Tisch legen, wie sie zur Genderfrage stehen, welche Kerben die Corona-Maßnahmen in ihren inneren Bildschirm geschlagen haben und ob sie auch auf die Lieferung der sortenreinen Edelhölzer für den Kamin in ihrer Schreibhütte warten oder etwa nicht. Dringend erwartet wird unterdessen auch endlich der Roman zum Klimawandel.
Zuletzt angemahnt wurde dieser Roman in der Zeit, wo Bernd Ulrich 1 immer wieder nervös auf die Uhr schaut, auf der es aber immer noch fünf vor zwölf ist. Höchste Zeit, dass die deutschen Autorinnen und Autoren sich jetzt mal sputen. Wie kann es sein, dass sich die deutschen Schriftsteller so störrisch geben und den Roman über unser wichtigstes Anliegen, den Klimaschutz, verweigern? Wissen sie denn nicht: Erst wenn auch die erzählende Literatur klimaneutral ist, kann der CO 2 -Ausstoß um das notwendige Drittel gesenkt werden.
Ist nicht aber andererseits das Schöne an der schönen Literatur zum Beispiel dieses Herbstes der Umstand, dass sie so gut wie nichts über das blöde Coronavirus und dessen Folgen für Mensch, Wohnung und Katze bereitgestellt hat? Es gibt, jedenfalls gilt das für die in den Feuilletons besprochenen Bücher, bis jetzt noch keinen Roman über Autos, die auf schmutzigen Fluten durch Häusergassen treiben 2, keinen über dösige Impfverweigerer wie Kimmich 3. Es erschien nicht einmal eine satirische Novelle, in der ein maliziös lächelnder, gespenstisch lässiger Sozialdemokrat vorkommt, den noch ein paar Wochen vor der Wahl alle ausgelacht haben für seine bizarre Kanzlerkandidatur, und der jetzt Bundeskanzler wird, was wirklich noch vor wenigen Minuten kein einziger Zukunftsforscher, geschweige denn die Qualitätspresse oder Bernd Ulrich für möglich gehalten hätte, nicht wahr?
Viele Bücher dieses Herbstes handeln stattdessen auf eindringliche oder sogar besonders schöne Weise von unserer Gegenwart, von den Geistern, die seit Jahrhunderten in uns hocken und uns daran erinnern, wie sehr wir auch Kinder der Geschichte unserer Mütter und Väter sind – Henning Ahrens etwa erzählt davon in seiner überhellen realistischen Art in seinem neuen Roman „Mitgift“ (Klett-Cotta).
Es gibt im – vor allem deutschen – Kulturbetrieb die seltsame Neigung, Schriftsteller entweder gering zu schätzen oder sie gleich zu Orakeln zu erklären. Wann gab es je so viele Statements, offene Briefe, Unterschriftenlisten von Autoren zu sämtlichen tagesaktuellen Anliegen? Und warum noch mal brauchen wir Schriftsteller, wie es in der Zeit heißt, gerade jetzt so dringend? Wieso nicht gestern? Oder morgen?
Schriftsteller haben eigentlich die nur von sich selbst an sich selbst gestellte Aufgabe, Bücher zu schreiben. Dass sie sich jenseits davon in Debatten einmischen oder Bücher zu aktuellen Debatten schreiben müssten, ist ein gelernter Anspruch der spätmodernen Konsumgesellschaft, die weiß, dass es für jeden Blödsinn, den sie macht, auch einen verlässlichen Kritiker gibt. In der alten Bundesrepublik haben Schriftsteller diese Kritikerrolle gerne gespielt, weil sie auch Teilhabe an der politischen Macht bedeuten konnte, selbst wenn sich diese Autoren im Widerspruch zur Macht begriffen haben oder eben der SPD-Unterstützer Günter Grass 4 mit seinen ständigen unbequemen Einmischungen seinem Helden Willy Brandt 5 in Wahrheit massiv auf die Nerven ging. Nicolas Born, der ein wichtiger Autor der 70er-Jahre war, stellt in einem Aufsatz irgendwann entnervt die Frage, ob die Literatur eigentlich auf die Misere abonniert sei.
Born bejaht die Frage und erinnert daran, dass ein Autor, der zur Realität nichts weiter als den passenden Realismus zu bieten hat, in der poetischen Falle sitzt. Der gesellschaftskritische Autor, schreibt er, „kann nicht verhindern, dass er zum Gewohnheitskritiker wird und zum kritischen Partner der Macht“. Natürlich sind dies Kämpfe vergangener Zeiten.
Aber man könnte die Forderung nach einer Klimakrisen-Literatur spaßeshalber ja ernst nehmen und sich dann vorstellen, welche Art von Erzählung eigentlich dabei herumkommen soll. Es würde, wenn es nach dem Begleitmusik-Wunsch der Aktivisten geht, tatsächlich eine Literatur der Misere entstehen, jeder Roman müsste doch ein hoffnungsloses Endzeit-Panorama entfalten, in der Klimadiskussion sind Utopien nicht sehr populär – und gerade eben erfahren wir, dass wir sogar im Pandemiejahr 2020 hoffnungslos viel Treibhausgas ausgestoßen haben, wie soll das erst werden, wenn die Leute alle wieder in den Urlaub fliegen und an Bord Fleisch essen? Ein Autor, der dagegen eine Welt beschriebe, in der sich Menschen den veränderten Klimabedingungen angepasst haben und – mag sein mit großen Schwierigkeiten – trotzdem ein Leben führen, wird sich aus dem Leugnungsvorwurf nur mühsam winden können.
Wer mit der Autorität des Kulturplatzanweisers fordert, die Literatur möge sich bitte auf das kaprizieren, was im Augenblick die Welt (also: ihn) bewegt – ahnt er denn noch das komplizierte Gewebe, aus dem literarische Texte gemacht sind? Ein Roman ist das Produkt von sehr unterschiedlichen, mitunter einander widerstrebenden Energien, von soziologischen Umständen, biografischen Zwängen und poetologischen Positionen. Wer nun, zum Beispiel, aus Christa Wolfs „Störfall“ 6 allen Ernstes einzig eine Kritik an der Atomindustrie liest, der tut Christa Wolf wirklich böse Unrecht.
Der Wunsch, die Literatur möge einem großen Ganzen dienen, einem höheren Interesse, zum Wohle aller, ist nicht neu, und er erfüllte sich auch regelmäßig in der Gestalt sogenannter engagierter Autoren. Im Jahr 1930 führte der große Lyriker und unglückliche Hautarzt Gottfried Benn, der den reinen Kunstanspruch an die Literatur erhob und deshalb leider wegen Elite- und Auslesewahnsinn kurzzeitig an die Nazis geriet, ein Gespräch mit dem parteidienerischen kommunistischen Lyriker Johannes R. Becher 7. Benn fragte mit seiner raffiniert hinterfotzigen 8 Sprechstundenstimme Becher, was dieser mit seiner Literatur denn eigentlich erreichen wolle. Becher: „Ich diene mit meinen Dichtungen ausschließlich der geschichtlichen Bewegung, von deren Durchbruch in der Zukunft das Schicksal der gesamten Menschheit abhängt.“ Nicht dass Benn als moralisches Vorbild taugt. Aber aus Becher ist literarisch gleich mal nichts mehr geworden. Einfluss hatte er nur noch als Kulturminister der DDR 9, seine Gedichte waren nichts als Kaderkitsch 10 und leere Rhetorik.
Übrigens liegt im bebenden Pathos der Klimaaktivisten, das ja immer auch die Rührung am eigenen Zutun mit sich trägt, womöglich mehr Literatur als in der Vorstellung der Welt als Wüste aus Sand und Meer. Dieses Pathos, schöne Buchidee …
Klute, Hilmar (26.10.2021): Es ist uns kein Anliegen. <https://www.sueddeutsche.de/kultur/literatur-klimawandel-schriftsteller-buch-1.5449649>. 13.02.2022
Hilmar Klute (*1967) ist Journalist und Schriftsteller.
Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Textquelle.
Worterläuterungen: 1 Bernd Ulrich (*1960): stellvertretender Chefredakteur der Wochenzeitung „Die Zeit“. Der Autor spricht hier den Artikel Ulrichs „Warum zur Hölle. Literatur und Klimawandel“ in der Zeit-Ausgabe vom 24.10.2021 an, dessen Titel sich auf die Frage bezieht: „Warum schlägt sich diese fundamentale Krise so wenig in der Literatur nieder?“
2 Im Juli 2021 wurde das Ahrtal (Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz) nach starken Regenfällen von einer verheerenden Flutkatastrophe heimgesucht.
3 Joshua Kimmich (*1995): deutscher Profifußballer, der im Jahr 2021 zeitweise im Mittelpunkt des medialen Interesses stand, weil er sich öffentlich dazu bekannte, eine Impfung gegen SARS-CoV-2 vorerst verweigern zu wollen.
4 Günter Grass (1927–2015): deutscher Schriftsteller, der sich für die SPD engagierte und seine Popularität für öffentliche Stellungnahmen zum politischen und gesellschaftlichen Tagesgeschehen nutzte.
5 Willy Brandt (1913–1992): Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland (SPD) von 1969 bis 1974.
6 Christa Wolfs „Störfall“: In der Erzählung „Störfall. Nachrichten eines Tages“ beschäftigt sich die Schriftstellerin Christa Wolf (1929–2011) mit dem Einbruch des Unfassbaren in das Leben der Menschen, ausgehend von der Auseinandersetzung mit dem Reaktorunfall in Tschernobyl (1986) und der riskanten Gehirnoperation des Bruders der Erzählerin.
7 Die Schriftsteller Gottfried Benn (1886–1956) und Johannes R. Becher (1891–1958), die im Expressionismus schriftstellerisch aktiv wurden und sich zeitlebens respektierten, führten Ende der 20er Jahre eine Debatte über die Frage, ob und inwieweit Schriftsteller parteilich sein sollten.
8 hinterfotzig: (ugs.) hinterhältig, hinterlistig, unaufrichtig.
9 Johannes R. Becher lebte von 1933 bis 1945 im Exil. Nach seiner Rückkehr setzte er sich für eine Wiederbelebung der deutschen Kultur und Kunst auf antifaschistischer Grundlage ein und versuchte, zahlreiche Schriftsteller zur Rückkehr aus dem Exil zu bewegen. Anlässlich der Gründung der DDR schrieb er den Text zu deren Nationalhymne. Er gründete den Aufbau-Verlag und wirkte an der Entstehung der Akademie der Künste sowie mehrerer kulturpolitischer und literarischer Zeitschriften mit. Von 1954 bis 1958 war er Kulturminister der DDR.
10 Kaderkitsch: hier: geschmackloses Kunstprodukt, das den Erwartungen der DDR-Staatsführung entsprach.
Aufgabenstellung
2. Beurteilen Sie die Überzeugungskraft der Argumentation Hilmar Klutes. ca. 20 %
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