Abitur Sachsen Deutsch 2021 · LK · Hesse: Der Maler

Aufgabe Deutsch aus dem IQB-Pool 2021, LK · Hesse: Der Maler: 1 Teilaufgabe mit Lösungen. Themen: Interpretation epischer Texte. Mit automatischer Korrektur.

Themen der Aufgabe: Interpretation epischer Texte

Aufgabe

Aufgabenstellung

Interpretieren Sie die Erzählung von Hermann Hesse. Berücksichtigen Sie dabei, welches Verständnis von Künstlertum im Text entwickelt wird.

Material

Hermann Hesse (1877-1962): Der Maler (1918)

1 Ein Maler namens Albert konnte in seinen jungen Jahren mit den Bildern, die er malte, den

Erfolg und die Wirkung nicht erreichen, nach denen er begehrte. Er zog sich zurück und

beschloß, sich selbst genug zu sein. Das versuchte er jahrelang. Aber es zeigte sich mehr und

mehr, daß er sich nicht selbst genug war. Er saß und malte an einem Heldenbild, und während

5 dem Malen fiel ihm je und je wieder der Gedanke ein: „Ist es eigentlich nötig, das zu tun, was

du tust? Müssen eigentlich diese Bilder wirklich gemalt sein? Wäre es nicht für dich und für

jedermann ebenso gut, wenn du bloß spazierengehen oder Wein trinken würdest? Tust du

eigentlich für dich selbst etwas anderes mit deinem Malen, als daß du dich ein wenig betäubst,

ein wenig vergißt, dir die Zeit ein wenig vertreibst?“

10 Diese Gedanken waren der Arbeit nicht förderlich. Mit der Zeit hörte Alberts Malerei fast ganz

auf. Er ging spazieren, er trank Wein, er las Bücher, er machte Reisen. Aber zufrieden war er

auch bei diesen Dingen nicht.

Oft mußte er darüber nachdenken, mit welchen Wünschen und Hoffnungen er einst die Malerei

begonnen hatte. Er erinnerte sich: sein Gefühl und Wunsch war gewesen, daß zwischen ihm

15 und der Welt eine schöne, starke Beziehung und Strömung entstehe, daß zwischen ihm und

der Welt etwas Starkes und Inniges beständig schwinge und leise musiziere. Mit seinen

Helden und heroischen Landschaften hatte er sein Inneres ausdrücken und befriedigen wollen,

damit es ihm von außen her, im Urteil und Dank der Betrachter seiner Bilder, wieder lebendig

und dankbar entgegenkomme und strahle.

20 Ja, das hatte er also nicht gefunden. Das war ein Traum gewesen, und auch der Traum war

so allmählich schwach und dünn geworden. Jetzt, wo Albert durch die Welt schweifte, oder an

entlegenen Orten einsam hauste, auf Schiffen fuhr oder über Gebirgspässe wanderte, jetzt

kam der Traum häufiger und häufiger wieder, anders als früher, aber ebenso schön, ebenso

mächtig lockend, ebenso begehrend und strahlend in junger Wunschkraft.

25 O, wie sehnte er sich oft danach – Schwingung zu fühlen zwischen sich und allen Dingen der

Welt! Zu fühlen, daß sein Atem und der Atem der Winde und Meere derselbe sei, daß

Brüderschaft und Verwandtschaft, daß Liebe und Nähe, daß Klang und Harmonie zwischen

ihm und allem sei!

Er begehrte nicht mehr Bilder zu malen, in denen er selbst und seine Sehnsucht dargestellt

30 wären, welche ihm Verständnis und Liebe bringen, ihn erklären, rechtfertigen und rühmen

sollten. Er dachte an keine Helden und Aufzüge mehr, die als Bild und Rauch sein eigenes

Wesen ausdrücken und umschreiben sollten. Er begehrte nur nach dem Fühlen jener

Schwingungen, jenes Kraftstroms, jener heimlichen Innigkeit, in der er selbst zu nichts werden

und untergehen, sterben und wiedergeboren werden würde. Schon der neue Traum davon,

35 schon die neue, erstarkte Sehnsucht danach machte das Leben erträglich, brachte etwas wie

Sinn hinein, verklärte, erlöste.

Die Freunde Alberts, soweit er noch welche hatte, begriffen diese Phantasien nicht gut. Sie

sahen bloß, dass dieser Mensch mehr und mehr in sich hinein lebte, daß er stiller und

sonderbarer sprach und lächelte, daß er so viel fort war, und daß er keinen Teil an dem hatte,

40 was anderen Leuten lieb und wichtig ist, nicht an Politik noch Handel, nicht an Schützenfest

und Ball, nicht an klugen Gesprächen über die Kunst, und an nichts von dem, woran sie eine

Freude fanden. Er war ein Sonderling und halber Narr geworden. Er lief durch eine graue kühle

Winterluft und atmete hingegeben die Farben und Gerüche dieser Lüfte, er lief einem kleinen

Kinde nach, das Lala vor sich hin sang, er starrte stundenlang in ein grünes Wasser, auf ein

45 Blumenbeet, oder er versank, wie ein Leser in sein Buch, in die Linien, die er in einem

durchschnittenen Stückchen Holz, in einer Wurzel oder Rübe fand.

Es kümmerte sich niemand mehr um ihn. Er lebte damals in einer kleinen ausländischen Stadt,

und dort ging er eines Morgens durch eine Allee, und sah von da zwischen den Stämmen auf

einen kleinen trägen Fluß, auf ein steiles, gelbes, lehmiges Ufer, wo über Erdrutschen und

50 mineralischer Kahlheit Gebüsch und Dorngekräut sich staubig verzweigten. Da klang etwas in

ihm auf, er blieb stehen, er fühlte in seiner Seele ein altes Lied aus sagenhaften Zeiten wieder

angestimmt. Lehmgelb und staubiges Grün, oder träger Fluß und jähe Ufersteile, irgendein

Verhältnis der Farben oder Linien, irgendein Klang, eine Besonderheit in dem zufälligen Bilde

war schön, war unglaublich schön, rührend und erschütternd, sprach zu ihm, war ihm

55 verwandt. Und er fühlte Schwingung und innigste Beziehung zwischen Wald und Fluß,

zwischen Fluß und ihm selbst, zwischen Himmel, Erde und Gewächs, alles schien einzig und

allein da zu sein, um in dieser Stunde so vereinigt in seinem Auge und Herzen sich zu spiegeln,

sich zu treffen und zu begrüßen. Sein Herz war der Ort, wo Fluß und Kraut, Baum und Luft

zueinander kommen, einswerden, sich aneinander steigern und Liebesfeste feiern konnten.

60 Als dieses herrliche Erlebnis sich wenigemal wiederholt hatte, umgab den Maler ein herrliches

Glücksgefühl, dicht und voll wie ein Abendgold oder ein Gartenduft. Er kostete es, es war süß

und schwer, aber er konnte es nicht lange dabei aushalten, es war zu reich, es wurde in ihm

zu Fülle und Spannung, zu Erregung und beinahe zu Angst und Wut. Es war stärker als er, es

nahm ihn hin, riß ihn weg, er fürchtete, darin unterzusinken. Und das wollte er nicht. Er wollte

65 leben, eine Ewigkeit leben! Nie, nie hatte er so innig zu leben gewünscht wie jetzt!

Wie nach einem Rausche fand er sich eines Tages still und allein in einer Kammer. Er hatte

einen Kasten mit Farbe vor sich stehen und ein Stückchen Karton ausgespannt – nach Jahren

saß er nun wieder und malte.

Und dabei blieb es. Der Gedanke „Warum tue ich das?“ kam nicht wieder. Er malte. Er tat

70 nichts mehr als sehen und malen. Entweder ging er draußen an die Bilder der Welt verloren

oder er saß in seiner Kammer und ließ die Fülle wieder abströmen. Bild um Bild dichtete er auf

seine kleinen Kartons, einen Regenhimmel mit Weiden, eine Gartenmauer, eine Bank im

Walde, eine Landstraße, auch Menschen und Tiere, und Dinge, die er nie gesehen hatte,

vielleicht Helden oder Engel, die aber waren und lebten wie Mauer und Wald.

75 Als er wieder zu Menschen kam, wurde es bekannt, daß er wieder male. Man fand ihn ziemlich

verrückt, aber man war neugierig, seine Bilder zu sehen. Er wollte sie niemand zeigen. Aber

man ließ ihm keine Ruhe, man plagte ihn und zwang ihn. Da gab er einem Bekannten die

Schlüssel zu seinem Zimmer, er selber aber reiste weg und wollte nicht dabei sein, wenn

andere Leute seine Bilder ansahen.

80 Die Leute kamen, und es entstand ein großes Geschrei, man habe ein Mordsgenie von einem

Maler entdeckt, einen Sonderling zwar, aber einen von Gottes Gnaden, und wie die Sprüche

der Kenner und Redner alle heißen.

Der Maler Albert war inzwischen in einem Dorfe abgestiegen, hatte ein Zimmer bei Bauern

gemietet und seine Farben und Pinsel ausgepackt. Wieder ging er beglückt durch Tal und

85 Berge, und strahlte später in seine Bilder zurück, was er erlebt und gefühlt hatte.

Da erfuhr er durch eine Zeitung davon, daß alle Welt zu Hause seine Bilder angesehen habe.

Im Wirtshause bei einem Glas Wein las er einen langen, schönen Artikel in der Zeitung der

Hauptstadt. Sein Name stand dick gedruckt darüber, und überall troffen feiste Lobwörter aus

den Spalten. Aber je weiter er las, desto seltsamer wurde ihm.

90 „Wie herrlich leuchtet in dem Bild mit der blauen Dame das Gelb des Hintergrundes – eine

neue, unerhört kühne, bezaubernde Harmonie!“

„Wunderbar ist auch die Plastik des Ausdrucks in dem Rosenstilleben. – Und gar die Reihe

der Selbstbildnisse! Wir dürfen sie den besten Meisterwerken psychologischer Porträtkunst an

die Seite stellen.“

95 Sonderbar, sonderbar! Er konnte sich nicht erinnern, je ein Rosenstilleben gemalt zu haben,

noch eine blaue Dame, und nie hatte er seines Wissens ein Selbstporträt gemacht. Dagegen

fand er weder das Lehmufer noch die Engel, weder den Regenhimmel noch die anderen ihm

so lieben Bilder erwähnt.

Albert reiste in die Stadt zurück. Im Reisekleid ging er nach seiner Wohnung, die Leute gingen

100 dort aus und ein. Ein Mann saß unter der Tür, und Albert musste eine Karte lösen, um eintreten

zu dürfen.

Da waren seine Bilder, wohlbekannt. Jemand aber hatte Zettel an sie gehängt, auf denen

stand allerlei, wovon Albert nichts gewußt hatte.,Selbstbildnis‘ stand auf manchen und andere

Titel. Eine Weile stand er nachdenklich vor den Bildern und ihren unbekannten Namen. Er sah,

105 man konnte diese Bilder auch ganz anders nennen, als er es getan hatte. Er sah, in der

Gartenmauer hatte er etwas erzählt, was anderen eine Wolke schien, und die Klüfte seiner

Steinlandschaft konnten für andere auch ein Menschengesicht bedeuten.

Schließlich lag nicht viel daran. Aber Albert zog es doch vor, still wieder fortzugehen und

abzureisen und nicht mehr in diese Stadt zurückzukehren. Er malte noch viele Bilder und gab

110 ihnen noch viele Namen, und war glücklich dabei; aber er zeigte sie niemandem.

Hesse, Hermann: Gesammelte Erzählungen. Bd. 5. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1996, S.150-154.

Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Textquelle.

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