Abitur Saarland Deutsch 2022 · GK · negative Auswirkungen der Digitalisierung auf Gesellschaft und Individuum
Aufgabe Deutsch aus dem IQB-Pool 2022, GK · negative Auswirkungen der Digitalisierung auf Gesellschaft und Individuum: 2 Teilaufgaben mit Lösungen. Kostenlos.
Themen der Aufgabe: Analyse pragmatischer Texte · Erörterung pragmatischer Texte
Teilaufgabe 1 - Analyse
Material
Andre Wilkens: Wir müssen Small Data werden (2015)
Ich dachte lange, ich fühl mich gut, ich steh' auf Digital. Mir gefällt die Geschichte der Tech-
Hippies, die eine digitale Revolution mit Zahlen, Spaß und Anarchie gestartet haben. Ich
kann mir eine Zukunft vorstellen, in der Technologie und Weltverbesserung Hand in Hand
gehen und in der ich einen digitalen Assistenten mit der Stimme von Scarlett Johansson 1
5 habe, der mich sanft und smart durchs Leben manövriert.
Smarte Energie könnte den Klimawandel besiegen, smarte Sicherheit uns vor Terroristen
und Schulmassakern schützen, smarte Menschen könnten nie mehr krank werden. Bald
schon würden wir, so lauteten viele der rosaroten Zukunftsszenarien, alle glücklich mit
Rundumbetreuung auf googleartigen Campussen arbeiten. Alles schien möglich und war
10 doch auch gut so. Aber längst hat Digital seine Unschuld verloren.
Unübersehbar ist inzwischen die Ausbeutung der digitalen Ideen für staatliche Kontroll- und
private Profitinteressen, die scheinbar freundliche Übernahme unseres Lebens durch
Maschinen, die uns smart durch die Gegend schubsen. Wir sind abhängig. Wir wollen die
digitale Superdroge, aber ohne Nebenwirkungen. So sind wir. Dialektisch, definitely and
15 maybe 2.
Edward Snowden 3 hat uns gezeigt, dass unsere schöne neue digitale Welt auch böse sein
kann, dass, wer in ihr lebt, mit unerwünschten Risiken und Nebenwirkungen zu rechnen hat.
Und nicht nur mich hat er dazu gebracht, Fragen zu stellen und Antworten zu suchen.
Die meisten Wundermittel haben Nebenwirkungen, gerade die synthetisch hergestellten. Das
20 Wundermittel Digital kann auch eine Droge sein, die in Überdosis konsumiert zu
Kontrollverlust, Unselbstständigkeit, Verfettung, Arbeitsplatzverlust, gar Selbstzerstörung
führt.
Legale Medikamente haben eine Packungsbeilage, die uns die Heil bringenden Wirkungen
erklärt, ohne uns die möglichen Nebenwirkungen vorzuenthalten. Und sie weist darauf hin,
25 an wen wir uns bei Fragen und Problemen wenden können. Wo ist die Packungsbeilage für
Digital und wer ist der Arzt oder Apotheker, an den wir uns wenden können?
Digital macht uns ganz wirr. Die meisten folgen trotzdem weiter dem Herdentrieb und hoffen,
dass am Ende doch alles gut werde. Wer will schon als technophober, rückwärtsgewandter
Algorithmenstürmer dastehen? Die Mehrheit will immer noch zur ganz großen Wer-das-liest-
30 liest-auch-das-Gemeinschaft gehören. Hauptsache, kein digitaler Spaßverderber sein.
Das Elixier von Digital ist die Kopierbarkeit. Wenn alles reproduzierbar ist, wird das Original
wichtiger, wertvoller, fand Walter Benjamin 4 schon 1935. Heute kann der Einzelne und das
Einzelne in einem unendlichen Meer von Daten eine ganz neue Bedeutung gewinnen. Darin
liegt doch eine Chance, die Chance, dass die datengetriebene Vergemeinschaftung
35 letztendlich zu einer größeren Wertschätzung von Individualität führen kann. Das wäre doch
ein interessanter Twist und ein schönes Happy End für die Digitalisierung.
Die Grenzen von Digital sind nicht quantitativ, Digital ist gut in allem, was Masse, was riesige
Datenmengen angeht. Die Grenzen von Digital sind qualitativ. Es sind Dinge wie physische
Orte und Haptik, die Digital nicht kann, und die Dinge, die dort und dadurch entstehen, wie
40 Überraschungseffekte, die Aha-Effekte, Geistesblitze. Umwerfend Neues kommt selten aus
einem linearen Planungsprozess. Es braucht einen Raum für Unordnung und Imperfektes.
Und im Imperfekten sind Menschen Digital weit überlegen.
Es lohnt sich, einen Blick zurück zur Entstehung der Bio-Bewegung zu werfen. Die
agroindustrielle Revolution im letzten Jahrhundert hat Hunger unnötig gemacht und unser
45 ganzes Leben durchgreifend beeinflusst. Aber sie hat auch zu Machtkonzentration,
Manipulation, Epidemien, Krankheiten und Umweltzerstörung geführt.
Eine Antwort darauf war die Bio-Bewegung, die auf naturnahe, nachhaltige Landwirtschaft
setzt als Alternative zur technologischen Aufrüstung der Natur, zur Massentierhaltung und
De-Regionalisierung. Obwohl sich der Anteil von Bioprodukten in den letzten 15 Jahren
50 verdreifacht hat, ist Bio immer noch eine Nische und macht nur knapp vier Prozent des
Lebensmittelumsatzes in Deutschland aus.
Trotzdem fordert die Bio-Nische die moderne Landwirtschaft permanent heraus und hilft da-
mit, bessere Lebensmittel-, Anbau und Tierhaltungsstandards durchzusetzen, die für uns alle
gut sind, selbst für die, die nicht Bio kaufen. Bio war keine Revolution. Eher eine kleine
55 Konterrevolution gegen die industrielle Agrarrevolution. Dabei stürzte und stürzt Bio nicht das
System an sich, sondern ändert es von innen.
Am Beispiel von Bio kann man sehen, wie wichtig Nischen für Veränderungsprozesse sind
und wie es Nischen schaffen können, auf einen dominierenden gesellschaftlichen und
technologischen Trend einzuwirken. So wie Bio eine Antwort auf die industrielle
60 Massenproduktion von Lebensmitteln ist und diese nun beeinflusst, kann Analog eine Ant-
wort auf die industrielle Massenproduktion und Verarbeitung von Daten sein und auch diese
Entwicklung beeinflussen. Analog steht dabei als Kurzform für unvernetzt, das Gegenteil der
Vernetzung von großen Datenmengen, von Big Data. Man könnte auch Small Data dazu
sagen.
65 So wie Bio ist auch Analog nicht nur eine ökonomisch begründete Entwicklung. Analog ist
nicht nur keine Überwachung, kein digitaler Konsumterror, kein automatisierter Staat mit
automatisierten Bürgern, sondern Analog steht auch für eine selbstbestimmte Lebensqualität
und Lebenskultur. Vielleicht auch einfach für Glück.
So, was tun? Digital muss Instrument bleiben und darf sich nicht verselbstständigen.
70 Menschen müssen weiter selbst denken und entscheiden können. Wir wollen eine progressi-
ve digitale Gesellschaft, die uns Menschen mehr nutzt als schadet, in der die Nebenwirkun-
gen kontrollierbar bleiben, in der wir die Hoheit über Digital behalten und sich diese Bezie-
hung nicht schleichend umdreht. Manche würden weiter gehen und sagen, es geht um die
Zukunftsfähigkeit der Spezies Mensch.
75 Dafür müssen wir etwas tun. Im Großen und im Kleinen. Beim großen Ganzen geht es um
die Gesellschaft, die bestmögliche Nutzung von Digital, um Regeln, um smarte Fesseln, um
die Zähmung von Digital durch den Menschen. Beim großen Kleinen geht es um den Einzel-
nen. Wir können etwas erreichen, indem wir die digitale Welt austricksen, indem wir nur das
Notwendige digital machen. Und wenn dies genug Menschen tun, werden wir damit, als
80 analoges Netz sozusagen, auch digitale Standards beeinflussen.
So wie bei Bio. Die industrielle Landwirtschaft wurde durch Standards und Gesetze gezähmt
und sicherer gemacht. Und Bio hat eine Nische geschaffen, die den
Landwirtschaftsmainstream dauernd herausfordert, dabei alte Lebensqualität erhält und
neue schafft. Und so ist das permanente Hinterfragen und Infragestellen aus der analogen
85 Nische für die Entwicklung des digitalen Mainstreams genauso wichtig wie die Erkenntnis,
dass es auch Dinge gibt, die analog glücklich machen, ohne Netzanschluss und Wi-Fi, und
auch ohne permanent unsere persönlichen Daten in die Welt zu streuen, wo sie staatliche
und private Akteure dann dazu nutzen, uns ohne unser Wissen oder unsere Zustimmung
fremdzusteuern.
90 Spricht man über Analog, wird man schnell in die Ecke der Nostalgiker gestellt, nicht
unsympathische Typen, aber von gestern. Manufactum 5 eben. Wirklich? Ein bisschen
vorweggenommene Nostalgie mag ja dabei sein. Aber ist es schon Nostalgie, wenn man
lieber mit Menschen redet als mit Maschinen, wenn man lieber selber Fehler macht als
fehlerlos von Algorithmen durchs Leben gelenkt zu werden? Wenn das so ist, bin ich auch
95 gern Analog-Nostalgiker. Mein Lebensziel war ja bisher auch nicht die totale Effizienz, oder
eine immer effizientere Maschine zu werden. Oder hab ich da was falsch verstanden?
Es geht nicht um die Abschaffung von Digital, und zurück zu Analog, sondern um eine
humane Gesellschaft, die digital und analog ist.
Ist Analog der Aufruf zur Konterrevolution? Nein. Oder vielleicht ein bisschen. Es ist der Auf-
100 ruf, das menschliche Leben nicht wegzudigitalisieren. Analog ist der Aufruf, analoge
Gemeinschaftsgüter wie Theater, Bibliotheken, Museen wertzuschätzen und zu schützen.
Analog ist nicht passiver Ausstieg, sondern aktives Weiter- und Andersmachen. Denn die
Welt ist mehr als Digital. Und ja, Analog kann man auch als subversiven Akt der Datenver-
weigerung verstehen.
105 Und vielleicht wird ja auch eine Bewegung draus, wie bei Bio. Oder eine Partei, wie bei den
Grünen. Ausschließen würde ich es nicht.
Wilkens, Andre (25.03.2015): Wir müssen Small Data werden. <http://www.zeit.de/kultur/2015-03/analog-digital-bio-essay>. 20.03.2020
Andre Wilkens ist der Autor des Sachbuchs „Analog ist das neue Bio“, das im März 2015 im Metrolit Verlag erschienen ist.
Sprachliche Fehler in der Textvorlage wurden entsprechend der geltenden Norm korrigiert.
1 Scarlett Johansson (geb. 1984) ist eine US-amerikanische Schauspielerin und Sängerin; Anspielung auf den 2013 erschienenen Science-Fiction-Film „Her“ von Spike Jonze.
2 definitely and maybe: bestimmt und vielleicht; Anspielung auf Albumtitel der britischen Rockband Oasis.
3 Edward Snowden (geb. 1983) ist ein US-amerikanischer Whistleblower und ehemaliger CIA-Mitarbeiter. Seine Enthüllungen gaben Einblicke in das Ausmaß der weltweiten Überwachungs- und Spionagepraktiken von Geheimdiensten.
4 Walter Benjamin (1892-1940) war ein deutscher Philosoph und Kulturkritiker.
5 Manufactum: Anspielung auf das Versandhaus Manufactum GmbH & Co. KG, das mit dem Wert traditionell hergestellter Güter wirbt.
Aufgabenstellung
1.
Analysieren Sie den vorliegenden Text „Wir müssen Small Data werden“ von Andre Wilkens. Berücksichtigen Sie dabei den Argumentationsgang, die sprachlich-stilistische Gestaltung und die Intention des Textes.
ca. 80 %
Teilaufgabe 2 - Beurteilung
Material
Andre Wilkens: Wir müssen Small Data werden (2015)
Ich dachte lange, ich fühl mich gut, ich steh' auf Digital. Mir gefällt die Geschichte der Tech-
Hippies, die eine digitale Revolution mit Zahlen, Spaß und Anarchie gestartet haben. Ich
kann mir eine Zukunft vorstellen, in der Technologie und Weltverbesserung Hand in Hand
gehen und in der ich einen digitalen Assistenten mit der Stimme von Scarlett Johansson 1
5 habe, der mich sanft und smart durchs Leben manövriert.
Smarte Energie könnte den Klimawandel besiegen, smarte Sicherheit uns vor Terroristen
und Schulmassakern schützen, smarte Menschen könnten nie mehr krank werden. Bald
schon würden wir, so lauteten viele der rosaroten Zukunftsszenarien, alle glücklich mit
Rundumbetreuung auf googleartigen Campussen arbeiten. Alles schien möglich und war
10 doch auch gut so. Aber längst hat Digital seine Unschuld verloren.
Unübersehbar ist inzwischen die Ausbeutung der digitalen Ideen für staatliche Kontroll- und
private Profitinteressen, die scheinbar freundliche Übernahme unseres Lebens durch
Maschinen, die uns smart durch die Gegend schubsen. Wir sind abhängig. Wir wollen die
digitale Superdroge, aber ohne Nebenwirkungen. So sind wir. Dialektisch, definitely and
15 maybe 2.
Edward Snowden 3 hat uns gezeigt, dass unsere schöne neue digitale Welt auch böse sein
kann, dass, wer in ihr lebt, mit unerwünschten Risiken und Nebenwirkungen zu rechnen hat.
Und nicht nur mich hat er dazu gebracht, Fragen zu stellen und Antworten zu suchen.
Die meisten Wundermittel haben Nebenwirkungen, gerade die synthetisch hergestellten. Das
20 Wundermittel Digital kann auch eine Droge sein, die in Überdosis konsumiert zu
Kontrollverlust, Unselbstständigkeit, Verfettung, Arbeitsplatzverlust, gar Selbstzerstörung
führt.
Legale Medikamente haben eine Packungsbeilage, die uns die Heil bringenden Wirkungen
erklärt, ohne uns die möglichen Nebenwirkungen vorzuenthalten. Und sie weist darauf hin,
25 an wen wir uns bei Fragen und Problemen wenden können. Wo ist die Packungsbeilage für
Digital und wer ist der Arzt oder Apotheker, an den wir uns wenden können?
Digital macht uns ganz wirr. Die meisten folgen trotzdem weiter dem Herdentrieb und hoffen,
dass am Ende doch alles gut werde. Wer will schon als technophober, rückwärtsgewandter
Algorithmenstürmer dastehen? Die Mehrheit will immer noch zur ganz großen Wer-das-liest-
30 liest-auch-das-Gemeinschaft gehören. Hauptsache, kein digitaler Spaßverderber sein.
Das Elixier von Digital ist die Kopierbarkeit. Wenn alles reproduzierbar ist, wird das Original
wichtiger, wertvoller, fand Walter Benjamin 4 schon 1935. Heute kann der Einzelne und das
Einzelne in einem unendlichen Meer von Daten eine ganz neue Bedeutung gewinnen. Darin
liegt doch eine Chance, die Chance, dass die datengetriebene Vergemeinschaftung
35 letztendlich zu einer größeren Wertschätzung von Individualität führen kann. Das wäre doch
ein interessanter Twist und ein schönes Happy End für die Digitalisierung.
Die Grenzen von Digital sind nicht quantitativ, Digital ist gut in allem, was Masse, was riesige
Datenmengen angeht. Die Grenzen von Digital sind qualitativ. Es sind Dinge wie physische
Orte und Haptik, die Digital nicht kann, und die Dinge, die dort und dadurch entstehen, wie
40 Überraschungseffekte, die Aha-Effekte, Geistesblitze. Umwerfend Neues kommt selten aus
einem linearen Planungsprozess. Es braucht einen Raum für Unordnung und Imperfektes.
Und im Imperfekten sind Menschen Digital weit überlegen.
Es lohnt sich, einen Blick zurück zur Entstehung der Bio-Bewegung zu werfen. Die
agroindustrielle Revolution im letzten Jahrhundert hat Hunger unnötig gemacht und unser
45 ganzes Leben durchgreifend beeinflusst. Aber sie hat auch zu Machtkonzentration,
Manipulation, Epidemien, Krankheiten und Umweltzerstörung geführt.
Eine Antwort darauf war die Bio-Bewegung, die auf naturnahe, nachhaltige Landwirtschaft
setzt als Alternative zur technologischen Aufrüstung der Natur, zur Massentierhaltung und
De-Regionalisierung. Obwohl sich der Anteil von Bioprodukten in den letzten 15 Jahren
50 verdreifacht hat, ist Bio immer noch eine Nische und macht nur knapp vier Prozent des
Lebensmittelumsatzes in Deutschland aus.
Trotzdem fordert die Bio-Nische die moderne Landwirtschaft permanent heraus und hilft da-
mit, bessere Lebensmittel-, Anbau und Tierhaltungsstandards durchzusetzen, die für uns alle
gut sind, selbst für die, die nicht Bio kaufen. Bio war keine Revolution. Eher eine kleine
55 Konterrevolution gegen die industrielle Agrarrevolution. Dabei stürzte und stürzt Bio nicht das
System an sich, sondern ändert es von innen.
Am Beispiel von Bio kann man sehen, wie wichtig Nischen für Veränderungsprozesse sind
und wie es Nischen schaffen können, auf einen dominierenden gesellschaftlichen und
technologischen Trend einzuwirken. So wie Bio eine Antwort auf die industrielle
60 Massenproduktion von Lebensmitteln ist und diese nun beeinflusst, kann Analog eine Ant-
wort auf die industrielle Massenproduktion und Verarbeitung von Daten sein und auch diese
Entwicklung beeinflussen. Analog steht dabei als Kurzform für unvernetzt, das Gegenteil der
Vernetzung von großen Datenmengen, von Big Data. Man könnte auch Small Data dazu
sagen.
65 So wie Bio ist auch Analog nicht nur eine ökonomisch begründete Entwicklung. Analog ist
nicht nur keine Überwachung, kein digitaler Konsumterror, kein automatisierter Staat mit
automatisierten Bürgern, sondern Analog steht auch für eine selbstbestimmte Lebensqualität
und Lebenskultur. Vielleicht auch einfach für Glück.
So, was tun? Digital muss Instrument bleiben und darf sich nicht verselbstständigen.
70 Menschen müssen weiter selbst denken und entscheiden können. Wir wollen eine progressi-
ve digitale Gesellschaft, die uns Menschen mehr nutzt als schadet, in der die Nebenwirkun-
gen kontrollierbar bleiben, in der wir die Hoheit über Digital behalten und sich diese Bezie-
hung nicht schleichend umdreht. Manche würden weiter gehen und sagen, es geht um die
Zukunftsfähigkeit der Spezies Mensch.
75 Dafür müssen wir etwas tun. Im Großen und im Kleinen. Beim großen Ganzen geht es um
die Gesellschaft, die bestmögliche Nutzung von Digital, um Regeln, um smarte Fesseln, um
die Zähmung von Digital durch den Menschen. Beim großen Kleinen geht es um den Einzel-
nen. Wir können etwas erreichen, indem wir die digitale Welt austricksen, indem wir nur das
Notwendige digital machen. Und wenn dies genug Menschen tun, werden wir damit, als
80 analoges Netz sozusagen, auch digitale Standards beeinflussen.
So wie bei Bio. Die industrielle Landwirtschaft wurde durch Standards und Gesetze gezähmt
und sicherer gemacht. Und Bio hat eine Nische geschaffen, die den
Landwirtschaftsmainstream dauernd herausfordert, dabei alte Lebensqualität erhält und
neue schafft. Und so ist das permanente Hinterfragen und Infragestellen aus der analogen
85 Nische für die Entwicklung des digitalen Mainstreams genauso wichtig wie die Erkenntnis,
dass es auch Dinge gibt, die analog glücklich machen, ohne Netzanschluss und Wi-Fi, und
auch ohne permanent unsere persönlichen Daten in die Welt zu streuen, wo sie staatliche
und private Akteure dann dazu nutzen, uns ohne unser Wissen oder unsere Zustimmung
fremdzusteuern.
90 Spricht man über Analog, wird man schnell in die Ecke der Nostalgiker gestellt, nicht
unsympathische Typen, aber von gestern. Manufactum 5 eben. Wirklich? Ein bisschen
vorweggenommene Nostalgie mag ja dabei sein. Aber ist es schon Nostalgie, wenn man
lieber mit Menschen redet als mit Maschinen, wenn man lieber selber Fehler macht als
fehlerlos von Algorithmen durchs Leben gelenkt zu werden? Wenn das so ist, bin ich auch
95 gern Analog-Nostalgiker. Mein Lebensziel war ja bisher auch nicht die totale Effizienz, oder
eine immer effizientere Maschine zu werden. Oder hab ich da was falsch verstanden?
Es geht nicht um die Abschaffung von Digital, und zurück zu Analog, sondern um eine
humane Gesellschaft, die digital und analog ist.
Ist Analog der Aufruf zur Konterrevolution? Nein. Oder vielleicht ein bisschen. Es ist der Auf-
100 ruf, das menschliche Leben nicht wegzudigitalisieren. Analog ist der Aufruf, analoge
Gemeinschaftsgüter wie Theater, Bibliotheken, Museen wertzuschätzen und zu schützen.
Analog ist nicht passiver Ausstieg, sondern aktives Weiter- und Andersmachen. Denn die
Welt ist mehr als Digital. Und ja, Analog kann man auch als subversiven Akt der Datenver-
weigerung verstehen.
105 Und vielleicht wird ja auch eine Bewegung draus, wie bei Bio. Oder eine Partei, wie bei den
Grünen. Ausschließen würde ich es nicht.
Wilkens, Andre (25.03.2015): Wir müssen Small Data werden. <http://www.zeit.de/kultur/2015-03/analog-digital-bio-essay>. 20.03.2020
Andre Wilkens ist der Autor des Sachbuchs „Analog ist das neue Bio“, das im März 2015 im Metrolit Verlag erschienen ist.
Sprachliche Fehler in der Textvorlage wurden entsprechend der geltenden Norm korrigiert.
1 Scarlett Johansson (geb. 1984) ist eine US-amerikanische Schauspielerin und Sängerin; Anspielung auf den 2013 erschienenen Science-Fiction-Film „Her“ von Spike Jonze.
2 definitely and maybe: bestimmt und vielleicht; Anspielung auf Albumtitel der britischen Rockband Oasis.
3 Edward Snowden (geb. 1983) ist ein US-amerikanischer Whistleblower und ehemaliger CIA-Mitarbeiter. Seine Enthüllungen gaben Einblicke in das Ausmaß der weltweiten Überwachungs- und Spionagepraktiken von Geheimdiensten.
4 Walter Benjamin (1892-1940) war ein deutscher Philosoph und Kulturkritiker.
5 Manufactum: Anspielung auf das Versandhaus Manufactum GmbH & Co. KG, das mit dem Wert traditionell hergestellter Güter wirbt.
Aufgabenstellung
2.
Beurteilen Sie die Wirksamkeit der Textgestaltung im Hinblick auf die Intention des Textes.
ca. 20 %
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