Abitur Saarland Deutsch 2021 · LK · gesellschaftliche und sprachpraktische Auswirkungen einer genderneutralen Sprachverwendung

Aufgabe Deutsch aus dem IQB-Pool 2021, LK · gesellschaftliche und sprachpraktische Auswirkungen einer genderneutralen Sprachverwendung: 2 Teilaufgaben mit…

Themen der Aufgabe: Analyse pragmatischer Texte · Erörterung pragmatischer Texte

Aufgabe 1 - Analyse pragmatischer Texte

Material

Claudia Fromme: Ja und? Lann Hornscheidt will weder Frau noch Mann sein und die deutsche Sprache neutralisieren. Vielen ist das zu viel (2017)

[...] Hornscheidt, 51, will weder Mann noch Frau sein und gehört damit zu einer wachsenden

Zahl von Menschen in Deutschland, die sich zu keinem Geschlecht bekennen wollen, obwohl

bei der Geburt eindeutig eines festgestellt wurde. Mehr als 30 Jahre lang trug Hornscheidt den

Vornamen Antje. Dann fiel die Entscheidung: „Ich wusste, ich kann mich mit dem, was

5 Weiblichkeit ausmacht, nicht identifizieren. Mit Männlichkeit aber ganz klar auch nicht.“ Im

Ausweis steht nun „Lann“, aber weiter „weiblich“, so fordert es das Personenstandsgesetz.

Nur wer nicht eindeutige körperliche Geschlechtsmerkmale hat, also intersexuell ist, hat seit

2013 das Recht, auf den Eintrag zu verzichten. Hornscheidt klagt dagegen, als erster Mensch

in Deutschland: „Im Pass soll gar kein Geschlecht stehen, dafür kämpfe ich, wenn es sein

10 muss, auch vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.“

Geschlecht ist mehr als Chromosomen und Hormone, es ist als Identität im Gehirn verankert

und kann von den körperlichen Geschlechtsmerkmalen abweichen. Oder gar keine

Entsprechung finden. Sagt die Forschung. Aber ob es die Gesellschaft zulässt, die Welt nicht

mehr in Mann und Frau einzuteilen, ist eine andere Sache. Lann Hornscheidt sagt: die

15 „heteronormative 1 Welt“. Die Spielregeln machen jene, die dem tradierten Bild entsprechen.

Wie stark unser Leben vom Schema Mann/Frau bestimmt ist, merkt man oft erst dann, wenn

man auf Menschen trifft, die dieses anzweifeln. Es ist eine Herausforderung, mit oder über

Lann Hornscheidt zu reden, ohne ein „er“ oder ein „sie“ zu verwenden, ein „die“ oder „der“.

Welche Anrede ist die beste? „Lann Hornscheidt, so heiße ich, so steht es auch in meinem

20 Pass.“ Welche Grußformel in Mails oder Briefen möchten Sie? „Warum denn nicht ‚Hallo‘?

Reicht doch.“ Und wenn ich über Sie rede oder schreibe? „Schreiben Sie: die Person. Was hat

es mit meinem Geschlecht zu tun, wenn es um den Menschen generell geht?“

Wenn Lann Hornscheidt nicht geschlechtsneutral angesprochen wird, was von Amts Seiten

oder im Alltag passiert, sei es wie ein Schlag ins Gesicht: „Ich empfinde es als Akt der Gewalt,

25 als ‚Frau Hornscheidt‘ angesprochen zu werden.“ Aber wenn das Gegenüber es doch nicht

besser weiß? „Ich gehe nicht davon aus, dass eine Person mir willentlich Böses will, ich

empfinde es aber als strukturelle Gewalt 2.“[...]

Es ist kompliziert. Das hat auch mit der Profession zu tun. Hornscheidt lebt davon, Sprache

infrage zu stellen, insbesondere jene, die sich auf das Geschlecht bezieht. Einfach gesagt:

30 dass Studentenwerke auch Studierendenwerke heißen können. Dass es LeserInnen,

Leser*innen oder Leser_innen geben kann oder die neutrale Konstruktion: Menschen, die

lesen. Die Duden-Sprachberatung meldet sich manchmal, um zu fragen, wie man Dinge

geschlechtergerecht formuliert.

Lann Hornscheidt hatte zehn Jahre lang eine Professur für Gender Studies und Sprachanalyse

35 am Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt-Universität zu Berlin. Das

Vokabular der Fakultät ist sperrig, Hornscheidt drechselt weiter, verwendet Wortkreationen wie

„entgendern“ (von geschlechtlichen Bezügen befreien), „frauisiert“ (eine Frau wird dazu

gemacht oder macht sich dazu), „typisiert“ (die Männervariante). Wenn Männer das Maß aller

Dinge sind, ist das „Androgenderung“. Wer sein Geburtsgeschlecht gut findet, ist „Cis-Mann“

40 oder „Cis-Frau“.

Es ist ein Vokabular aus dem Labor, das selbst unter Geschlechterforschern umstritten ist.

Gerade erschien in Emma 3 ein Frontalangriff auf Menschen wie namentlich Lann Hornscheidt,

die sinngemäß durch verquaste Wortwahl und absurde Forschungen zum Sargnagel der

Gender Studies würden, die originär eine wichtige Funktion hätten. Draußen ist die Rede von

45 „Gender-Gaga“ oder „Genderwahn“.

Man kann es gaga finden, wenn Forscher sich Blasenvokabular zulegen. Man kann sich aber

auch wundern, welch irre Sprengkraft es haben kann, wenn jemand an der Gewissheit der

Geschlechter rüttelt.

Das ist die Gemengelage, in der Lann Hornscheidt im April 2014 auf der Webseite des

50 Lehrstuhls darum bittet, neutral angesprochen zu werden. Die Folge war etwas, das auf der

nach oben offenen Shitstormskala in sozialen Netzwerken durch die Decke ging. Seither ist

Hornscheidt bekannt, weit über taz 4 und Emma hinaus.

Auf der Webseite steht: „Bitte vermeiden Sie zweigendernde Ansprache wie ‚Herr‘, ‚Frau‘,

‚Lieber‘ oder ‚Liebe‘.“ Bis vor einer Weile stand da noch, dass man „Sehr geehrtx. Profx. Lann

55 Hornscheidt“ schreiben solle. In Ermangelung eines offiziellen neutralen Titels hatte

Hornscheidt einen erfunden, den man so ausspricht: Professiks. Das x soll für „exit Gender“

stehen, den Ausstieg aus der Geschlechterdefinition. Um die Verwirrung noch größer zu

machen, änderte Hornscheidt später das -x zum -ecs, was damit zu tun hat, dass neben den

Rechten auch die Linken einen Shitstorm angezettelt haben. Es sei die weiße Übernahme

60 eines Namensteils des schwarzen Bürgerrechtlers Malcolm X, so die Kritik. Nun spricht

Prof.ecs also von „Lesecs“, meint damit Leserinnen und Leser, vom „Freundecskreis“. Das

Pronomen ist ecs. [...]

„Ich habe mich entschieden, mit Leuten zu arbeiten, die Lust haben, sich herausfordern zu

lassen.“ Menschen, die offen sind für die Idee, dass es nicht nur das biologische Geschlecht

65 gibt („sex“) und das soziale („gender“), sondern gar keines („exit gender“). Selbst an der

Hochschule wollen viele dem Konzept nicht folgen. „Ich merkte, dass es da nicht weitergeht

für mich, fachlich und persönlich nicht.“ [...] Heute gibt Hornscheidt Workshops, hält Vorträge,

arbeitet bei „w_orten und meer“, einem „Verlag für antidiskriminierendes Handeln“ und lebt gut

davon.

70 Ist es nicht müßig, wenn man etwas verändern will, nur auf Leute zu treffen, die einem

zustimmen? „Ich will Menschen nicht verändern, ich will bewegen, Differenzen können da auch

stehen bleiben. Das aber fordert viele heraus.“ [...]

Was ist von einer Person zu halten, die weder Mann noch Frau sein will? Die Romane liest

und dabei das Buch neutralisiert, indem sie Vornamen abkürzt, und sich selbst einen

75 Fantasienamen gibt? Oder zum Widerstand gegen das „cis-männliche Patriarchat“ aufruft?

Das kann man wirr finden. Oder unter Vielfalt einsortieren.

Lann Hornscheidt zuckt mit den Schultern: „Es gibt eine große Genderverunsicherung in der

Gesellschaft.“ Die Geschlechterrollen lösten sich immer weiter auf, Frauen gingen in

Aufsichtsräte, Männer in Elternzeit. „In einer Welt, in der alles sich verändert, ist für viele die

80 klare Geschlechtertrennung die letzte Gewissheit. Wenn ich jetzt noch einen Schritt

weitergehe und sage: Vielleicht ist Zweigeschlechtlichkeit an sich eine Konstruktion, dann

irritiert das Menschen. Weil sie nicht irritiert werden wollen oder Angst haben, sagen sie: Die

Person, die das vorschlägt, ist doch krank!“ Die Reaktionen hätten viel mehr mit den Leuten

zu tun als mit dem Auslöser. [...] Was Hornscheidt letztendlich sagen will: Wer sich provoziert

85 fühlt, hat wohl Probleme mit der eigenen Sexualität.

[...] „Viele vergessen, dass Sprache eine unglaubliche Macht hat, Wirklichkeit herzustellen.

Alle glauben: Sprache ist einfach da, genauso wie das Geschlecht einfach da ist. Beides

stimmt nicht.“ Sprache sei eine politische Handlungsform. Die Debatte, auch um einzelne

Wörter, zeige doch, wie stark der Beharrungswille einer Gesellschaft sei, alte Rollen zu

90 erhalten.

Es ist nicht so, dass Lann Hornscheidt selbsttherapeutisch forscht. Das Time-Magazine

schrieb unlängst, dass bis zu 20 Prozent der Millennials 5 sich nicht auf ein Geschlecht

festlegen wollen. Facebook stellt 60 Geschlechteridentitäten zur Auswahl, deren Grundlage

auch ist, dass manche Menschen liquid gender sind, zu wechselnden Teilen Mann und Frau.

95 Die niederländische Bahn kündigte diese Woche an, geschlechterneutrale Sprache benutzen

zu wollen. Als „Beste reizigers“, als „liebe Reisende“, wird der Schaffner bald Fahrgäste

begrüßen, nicht mehr als „Dames en heren“. Jeder solle sich willkommen fühlen. In Schweden

wurde 2015 hen eingeführt, als drittes geschlechtsneutrales Pronomen neben han („er“) und

hon („sie“). In Großbritannien und den USA gibt es seit zwei Jahren neben Mr, Mrs. und Ms.

100 auch das neutrale Mx, ausgesprochen „miks“ oder „muks“. Banken, Hochschulen und

Behörden haben die Anrede teils übernommen. [...]

Hornscheidt will nerven, um den Blick zu öffnen. „Wie spannend könnte es sein, wenn wir

sagen würden: Das Leben ist vielfältiger, als wir gedacht haben. Kann ich Menschen

begegnen, ohne ihnen sofort etwas zuzuschreiben?“ Also vergessen, dass es eine Frau ist,

105 die man trifft. Oder einen Menschen im Rollstuhl oder einen Schwarzen. Man könnte eine

Person endlich nur noch als Menschen wahrnehmen. „Einfach versuchen“, rät Lann

Hornscheidt. Eine Stunde lang, einen Tag. Es sei eine extreme Herausforderung – und ein

Gewinn.

1 heteronormativ: die Festsetzung der Heterosexualität als Norm.

2 strukturelle Gewalt: Vorstellung, dass bestimmte Gewaltformen nicht durch einzelne Täter, sondern durch gesellschaftliche Strukturen verursacht werden.

3 Emma: feministische deutschsprachige Zweimonatszeitschrift.

4 taz: Abkürzung für die überregionale Zeitung „die tageszeitung“.

5 Millennials: Bezeichnung für die um die Jahrtausendwende geborene Generation.

Fromme, Claudia: Ja und? Lann Hornscheidt will weder Frau noch Mann sein und die deutsche Sprache neutralisieren. Vielen ist das zu viel. In: Süddeutsche Zeitung 179 (5./6.8.2017), S. 43.

Claudia Fromme (*1972) ist Redakteurin bei der überregionalen Tageszeitung „Süddeutsche Zeitung“.

Aufgabenstellung

1. Stellen Sie den Gedankengang des vorliegenden Textes von Claudia Fromme dar und erläutern Sie die Intention des Textes. ca. 30 %

Aufgabe 2 - Erörterung pragmatischer Texte

Material

Claudia Fromme: Ja und? Lann Hornscheidt will weder Frau noch Mann sein und die deutsche Sprache neutralisieren. Vielen ist das zu viel (2017)

[...] Hornscheidt, 51, will weder Mann noch Frau sein und gehört damit zu einer wachsenden

Zahl von Menschen in Deutschland, die sich zu keinem Geschlecht bekennen wollen, obwohl

bei der Geburt eindeutig eines festgestellt wurde. Mehr als 30 Jahre lang trug Hornscheidt den

Vornamen Antje. Dann fiel die Entscheidung: „Ich wusste, ich kann mich mit dem, was

5 Weiblichkeit ausmacht, nicht identifizieren. Mit Männlichkeit aber ganz klar auch nicht.“ Im

Ausweis steht nun „Lann“, aber weiter „weiblich“, so fordert es das Personenstandsgesetz.

Nur wer nicht eindeutige körperliche Geschlechtsmerkmale hat, also intersexuell ist, hat seit

2013 das Recht, auf den Eintrag zu verzichten. Hornscheidt klagt dagegen, als erster Mensch

in Deutschland: „Im Pass soll gar kein Geschlecht stehen, dafür kämpfe ich, wenn es sein

10 muss, auch vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.“

Geschlecht ist mehr als Chromosomen und Hormone, es ist als Identität im Gehirn verankert

und kann von den körperlichen Geschlechtsmerkmalen abweichen. Oder gar keine

Entsprechung finden. Sagt die Forschung. Aber ob es die Gesellschaft zulässt, die Welt nicht

mehr in Mann und Frau einzuteilen, ist eine andere Sache. Lann Hornscheidt sagt: die

15 „heteronormative 1 Welt“. Die Spielregeln machen jene, die dem tradierten Bild entsprechen.

Wie stark unser Leben vom Schema Mann/Frau bestimmt ist, merkt man oft erst dann, wenn

man auf Menschen trifft, die dieses anzweifeln. Es ist eine Herausforderung, mit oder über

Lann Hornscheidt zu reden, ohne ein „er“ oder ein „sie“ zu verwenden, ein „die“ oder „der“.

Welche Anrede ist die beste? „Lann Hornscheidt, so heiße ich, so steht es auch in meinem

20 Pass.“ Welche Grußformel in Mails oder Briefen möchten Sie? „Warum denn nicht ‚Hallo‘?

Reicht doch.“ Und wenn ich über Sie rede oder schreibe? „Schreiben Sie: die Person. Was hat

es mit meinem Geschlecht zu tun, wenn es um den Menschen generell geht?“

Wenn Lann Hornscheidt nicht geschlechtsneutral angesprochen wird, was von Amts Seiten

oder im Alltag passiert, sei es wie ein Schlag ins Gesicht: „Ich empfinde es als Akt der Gewalt,

25 als ‚Frau Hornscheidt‘ angesprochen zu werden.“ Aber wenn das Gegenüber es doch nicht

besser weiß? „Ich gehe nicht davon aus, dass eine Person mir willentlich Böses will, ich

empfinde es aber als strukturelle Gewalt 2.“[...]

Es ist kompliziert. Das hat auch mit der Profession zu tun. Hornscheidt lebt davon, Sprache

infrage zu stellen, insbesondere jene, die sich auf das Geschlecht bezieht. Einfach gesagt:

30 dass Studentenwerke auch Studierendenwerke heißen können. Dass es LeserInnen,

Leser*innen oder Leser_innen geben kann oder die neutrale Konstruktion: Menschen, die

lesen. Die Duden-Sprachberatung meldet sich manchmal, um zu fragen, wie man Dinge

geschlechtergerecht formuliert.

Lann Hornscheidt hatte zehn Jahre lang eine Professur für Gender Studies und Sprachanalyse

35 am Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt-Universität zu Berlin. Das

Vokabular der Fakultät ist sperrig, Hornscheidt drechselt weiter, verwendet Wortkreationen wie

„entgendern“ (von geschlechtlichen Bezügen befreien), „frauisiert“ (eine Frau wird dazu

gemacht oder macht sich dazu), „typisiert“ (die Männervariante). Wenn Männer das Maß aller

Dinge sind, ist das „Androgenderung“. Wer sein Geburtsgeschlecht gut findet, ist „Cis-Mann“

40 oder „Cis-Frau“.

Es ist ein Vokabular aus dem Labor, das selbst unter Geschlechterforschern umstritten ist.

Gerade erschien in Emma 3 ein Frontalangriff auf Menschen wie namentlich Lann Hornscheidt,

die sinngemäß durch verquaste Wortwahl und absurde Forschungen zum Sargnagel der

Gender Studies würden, die originär eine wichtige Funktion hätten. Draußen ist die Rede von

45 „Gender-Gaga“ oder „Genderwahn“.

Man kann es gaga finden, wenn Forscher sich Blasenvokabular zulegen. Man kann sich aber

auch wundern, welch irre Sprengkraft es haben kann, wenn jemand an der Gewissheit der

Geschlechter rüttelt.

Das ist die Gemengelage, in der Lann Hornscheidt im April 2014 auf der Webseite des

50 Lehrstuhls darum bittet, neutral angesprochen zu werden. Die Folge war etwas, das auf der

nach oben offenen Shitstormskala in sozialen Netzwerken durch die Decke ging. Seither ist

Hornscheidt bekannt, weit über taz 4 und Emma hinaus.

Auf der Webseite steht: „Bitte vermeiden Sie zweigendernde Ansprache wie ‚Herr‘, ‚Frau‘,

‚Lieber‘ oder ‚Liebe‘.“ Bis vor einer Weile stand da noch, dass man „Sehr geehrtx. Profx. Lann

55 Hornscheidt“ schreiben solle. In Ermangelung eines offiziellen neutralen Titels hatte

Hornscheidt einen erfunden, den man so ausspricht: Professiks. Das x soll für „exit Gender“

stehen, den Ausstieg aus der Geschlechterdefinition. Um die Verwirrung noch größer zu

machen, änderte Hornscheidt später das -x zum -ecs, was damit zu tun hat, dass neben den

Rechten auch die Linken einen Shitstorm angezettelt haben. Es sei die weiße Übernahme

60 eines Namensteils des schwarzen Bürgerrechtlers Malcolm X, so die Kritik. Nun spricht

Prof.ecs also von „Lesecs“, meint damit Leserinnen und Leser, vom „Freundecskreis“. Das

Pronomen ist ecs. [...]

„Ich habe mich entschieden, mit Leuten zu arbeiten, die Lust haben, sich herausfordern zu

lassen.“ Menschen, die offen sind für die Idee, dass es nicht nur das biologische Geschlecht

65 gibt („sex“) und das soziale („gender“), sondern gar keines („exit gender“). Selbst an der

Hochschule wollen viele dem Konzept nicht folgen. „Ich merkte, dass es da nicht weitergeht

für mich, fachlich und persönlich nicht.“ [...] Heute gibt Hornscheidt Workshops, hält Vorträge,

arbeitet bei „w_orten und meer“, einem „Verlag für antidiskriminierendes Handeln“ und lebt gut

davon.

70 Ist es nicht müßig, wenn man etwas verändern will, nur auf Leute zu treffen, die einem

zustimmen? „Ich will Menschen nicht verändern, ich will bewegen, Differenzen können da auch

stehen bleiben. Das aber fordert viele heraus.“ [...]

Was ist von einer Person zu halten, die weder Mann noch Frau sein will? Die Romane liest

und dabei das Buch neutralisiert, indem sie Vornamen abkürzt, und sich selbst einen

75 Fantasienamen gibt? Oder zum Widerstand gegen das „cis-männliche Patriarchat“ aufruft?

Das kann man wirr finden. Oder unter Vielfalt einsortieren.

Lann Hornscheidt zuckt mit den Schultern: „Es gibt eine große Genderverunsicherung in der

Gesellschaft.“ Die Geschlechterrollen lösten sich immer weiter auf, Frauen gingen in

Aufsichtsräte, Männer in Elternzeit. „In einer Welt, in der alles sich verändert, ist für viele die

80 klare Geschlechtertrennung die letzte Gewissheit. Wenn ich jetzt noch einen Schritt

weitergehe und sage: Vielleicht ist Zweigeschlechtlichkeit an sich eine Konstruktion, dann

irritiert das Menschen. Weil sie nicht irritiert werden wollen oder Angst haben, sagen sie: Die

Person, die das vorschlägt, ist doch krank!“ Die Reaktionen hätten viel mehr mit den Leuten

zu tun als mit dem Auslöser. [...] Was Hornscheidt letztendlich sagen will: Wer sich provoziert

85 fühlt, hat wohl Probleme mit der eigenen Sexualität.

[...] „Viele vergessen, dass Sprache eine unglaubliche Macht hat, Wirklichkeit herzustellen.

Alle glauben: Sprache ist einfach da, genauso wie das Geschlecht einfach da ist. Beides

stimmt nicht.“ Sprache sei eine politische Handlungsform. Die Debatte, auch um einzelne

Wörter, zeige doch, wie stark der Beharrungswille einer Gesellschaft sei, alte Rollen zu

90 erhalten.

Es ist nicht so, dass Lann Hornscheidt selbsttherapeutisch forscht. Das Time-Magazine

schrieb unlängst, dass bis zu 20 Prozent der Millennials 5 sich nicht auf ein Geschlecht

festlegen wollen. Facebook stellt 60 Geschlechteridentitäten zur Auswahl, deren Grundlage

auch ist, dass manche Menschen liquid gender sind, zu wechselnden Teilen Mann und Frau.

95 Die niederländische Bahn kündigte diese Woche an, geschlechterneutrale Sprache benutzen

zu wollen. Als „Beste reizigers“, als „liebe Reisende“, wird der Schaffner bald Fahrgäste

begrüßen, nicht mehr als „Dames en heren“. Jeder solle sich willkommen fühlen. In Schweden

wurde 2015 hen eingeführt, als drittes geschlechtsneutrales Pronomen neben han („er“) und

hon („sie“). In Großbritannien und den USA gibt es seit zwei Jahren neben Mr, Mrs. und Ms.

100 auch das neutrale Mx, ausgesprochen „miks“ oder „muks“. Banken, Hochschulen und

Behörden haben die Anrede teils übernommen. [...]

Hornscheidt will nerven, um den Blick zu öffnen. „Wie spannend könnte es sein, wenn wir

sagen würden: Das Leben ist vielfältiger, als wir gedacht haben. Kann ich Menschen

begegnen, ohne ihnen sofort etwas zuzuschreiben?“ Also vergessen, dass es eine Frau ist,

105 die man trifft. Oder einen Menschen im Rollstuhl oder einen Schwarzen. Man könnte eine

Person endlich nur noch als Menschen wahrnehmen. „Einfach versuchen“, rät Lann

Hornscheidt. Eine Stunde lang, einen Tag. Es sei eine extreme Herausforderung – und ein

Gewinn.

1 heteronormativ: die Festsetzung der Heterosexualität als Norm.

2 strukturelle Gewalt: Vorstellung, dass bestimmte Gewaltformen nicht durch einzelne Täter, sondern durch gesellschaftliche Strukturen verursacht werden.

3 Emma: feministische deutschsprachige Zweimonatszeitschrift.

4 taz: Abkürzung für die überregionale Zeitung „die tageszeitung“.

5 Millennials: Bezeichnung für die um die Jahrtausendwende geborene Generation.

Fromme, Claudia: Ja und? Lann Hornscheidt will weder Frau noch Mann sein und die deutsche Sprache neutralisieren. Vielen ist das zu viel. In: Süddeutsche Zeitung 179 (5./6.8.2017), S. 43.

Claudia Fromme (*1972) ist Redakteurin bei der überregionalen Tageszeitung „Süddeutsche Zeitung“.

Aufgabenstellung

2. Erörtern Sie ausgehend von Claudia Frommes Text, ob die Einführung und konsequente Umsetzung einer genderneutralen Sprache wünschenswert ist. Beziehen Sie dabei Ihre im Unterricht erworbenen Kenntnisse zum Sprachwandel und zur gendergerechten Sprache ein. ca. 70 %

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