Abitur Rheinland-Pfalz Deutsch 2023 · GK · Keun: Gilgi - eine von uns

Aufgabe Deutsch aus dem IQB-Pool 2023, GK · Keun: Gilgi - eine von uns: 1 Teilaufgabe mit Lösungen. Themen: Interpretation epischer Texte. Kostenlos.

Themen der Aufgabe: Interpretation epischer Texte

Aufgabe 1

Aufgabenstellung

Interpretieren Sie den Anfang des Großstadtromans „Gilgi – eine von uns“ von Irmgard Keun im Hinblick auf die Darstellung der Protagonistin Gilgi. Berücksichtigen Sie dabei insbesondere die sprachliche Gestaltung und die Erzählweise.

Material

Irmgard Keun (1905–1982): Gilgi – eine von uns (1931)

Irmgard Keuns erster, in Köln und Berlin spielender Roman „Gilgi – eine von uns“ schildert die Erlebnisse einer jungen, ehrgeizigen Büroschreibkraft, die hart arbeitet, um ihren Traum von einem besseren Leben zu verwirklichen.

Sie hält es fest in der Hand, ihr kleines Leben, das Mädchen Gilgi. Gilgi nennt sie sich, Gisela heißt sie. Zu schlanken Beinen und kinderschmalen Hüften, zu winzigen Modekäppchen, die auf dem äußersten Ende des Kopfes geheimnisvollen Halt finden, paßt ein Name mit zwei i. Wenn sie fünfundzwanzig ist, wird sie sich Gisela nennen. Vorläufig ist es noch nicht so weit.

5 Halbsieben Uhr morgens. Das Mädchen Gilgi ist aufgestanden. Steht im winterkalten Zimmer, reckt sich, dehnt sich, reibt sich den Schlaf aus den blanken Augen. Turnt vor dem weitgeöffneten Fenster. Rumpfbeuge: auf – nieder, auf – nieder. Die Fingerspitzen berühren den Boden, die Knie bleiben gestreckt. So ist es richtig. Auf – nieder, auf – nieder.

10 Das Mädchen Gilgi macht die letzte Kniebeuge. Streift den Pyjama ab, wirft sich ein Frottiertuch um die Schultern und rennt zum Badezimmer. Begegnet auf dem dunklen Flur einer morgendlich unordentlichen Stimme: „Aber Jilgi, mit nackten Füßen aufem eisijen Linoljum 1 ! Wirst dir noch 'en Tod holen.“

„Morgen, Mutter“, ruft Gilgi und überlegt, ob sie heute ausnahmsweise erst warm und dann 15 kalt brausen soll. Fort mit der Versuchung. Ausnahmen gelten nicht. Gilgi läßt sich das eiskalte Wasser auf die mageren Schultern, den kleinen konvexen Bauch, die dünnen, muskelharten Glieder prasseln. Sie preßt die Lippen zu einem schmalen, festen Strich zusammen und zählt in Gedanken bis dreißig.

Eins – zwei – drei – vier. Nicht so schnell zählen. Langsam, ganz langsam: fünfzehn – 20 sechzehn – siebzehn. Sie zittert ein bißchen und ist wie allmorgendlich ein bißchen stolz auf ihre bescheidene Tapferkeit und Selbstüberwindung. Tagesplan einhalten. Nicht abweichen vom System. Nicht schlapp machen. In der kleinsten Kleinigkeit nicht.

Das Mädchen Gilgi steht vor dem Spiegel. Zieht einen schwarzen Wildledergürtel über dem dicken, grauen Wolljumper 2 fest zusammen, summt einen melancholischen Schlagertext, ein Zeichen guter Laune, und betrachtet sich mit sachlichem Wohlgefallen.

25 Reich mir zum Abschied noch einmal die Hände 3 – good nihight, good nihight … Bißchen Niveacreme auf die Brauen schmieren, daß sie schön glänzen, ein Stäubchen Puder auf die Nasenspitze. Schluß. Schminken gibt's nicht am Vormittag, Rouge und Lippenstift bleiben für den Abend reserviert.

30 Reich mir zum Abschied noch einmal … Hat was Sympathisches so'n Spiegel, wenn man zwanzig Jahre ist und ein faltenloses, klares Gesicht hat. Ein gepflegtes Gesicht. Gepflegt ist mehr als hübsch, es ist eignes Verdienst.

Tieta – tatieta 4 … Überlegender Blick in das nüchtern unpersönliche Zimmer. Weißlackierte 35 Bettstelle, weißer Wäscheschrank, ein Tisch, zwei Stühle, friedvolle Blümchentapete und ein harmlos umrahmtes Genrebildchen 5 – das, blaß und reizlos wie ein verlassenes Mädchen – endgültig verzichtet hat, aufzufallen. Man hätte ihn schon längst entfernen sollen, diesen sentimentalen Farbfleck. Gilgi hebt angriffslustig den Arm. Läßt ihn wieder sinken. Ach, wozu? 40 Mutter hat's ihr mal geschenkt, das Ding. Die würde gekränkt sein, wenn man's fortschmisse. Soll's hängen bleiben. Stört ja nicht weiter. Geht einen nichts an, das ganze Zimmer. Man wohnt ja nicht hier, schläft nur in diesem weißen Jungfrauenbett. Reich mir zum Abschied noch einmal die Hän… Drei Paar Waschlederhandschuhe, zwei Kragen, eine Hemdbluse waschen. 45 Gilgi rafft die Sachen unter den Arm, will ins Badezimmer. Die Tür ist verschlossen. „Einen Augenblick, Jilgi, kannst jleich rein“, tönt eine rauhe Stammtischmännerstimme von innen. Gilgi wandert im Flur auf und ab. Und nur weil sie jetzt im Augenblick gar nichts anderes zu tun hat, denkt sie an Olgas Bruder. Netter Junge. Wie war noch sein Vorname? Weiß sie nicht.

Geküßt hat er sie gestern im Auto. Heute reist er wieder ab. Schade? Ach wo. Aber nett war es gestern mit ihm. Lange hatte sie nicht mehr geküßt. Es gefällt einem so selten einer. Die Jahre der Wahllosigkeit zwischen siebzehn und neunzehn sind vorbei. Der Junge war nett. Der Kuß war nett. Nicht mehr. Er brennt nicht nach. Gut so. […]

Keun, Irmgard: Gilgi – eine von uns. Berlin: © 1979 Claassen Verlag in der Ullstein Buchverlage GmbH.

Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Textquelle.

1 aufem eisijen Linoljum: mundartlich für „auf dem eisigen Linoleum“. Linoleum ist ein aus Leinöl und Fasern bestehender Kunststoffboden.

2 Wolljumper: Kleidungsstück, ähnelt einem Pullover.

3 Reich mir zum Abschied noch einmal die Hände: Liedzeile aus der Operette „Viktoria und ihr Husar“ (1930) von Paul Abraham (Musik) sowie Alfred Gründwald und Fritz Löhner-Beda (Text). Der Titel des Liedes heißt „Good Night“. Seit 1931 gab es Tonaufnahmen, die auch im Rundfunk gesendet wurden.

4 Tieta – tatieta: bezieht sich auf ein von Gilgi mitgesungenes, nicht zuzuordnendes Lied.

5 Genrebildchen: bildliche Darstellung von Sitten und Gebräuchen verschiedener Standes- und Berufsgruppen.

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