Abitur Rheinland-Pfalz Deutsch 2022 · LK · zukünftige digital bzw. durch intelligente Maschinen bedingte Ursachen und Formen des Sprachwandels
Aufgabe Deutsch aus dem IQB-Pool 2022, LK · zukünftige digital bzw. durch intelligente Maschinen bedingte Ursachen und Formen des Sprachwandels: 2…
Themen der Aufgabe: Analyse pragmatischer Texte · Erörterung pragmatischer Texte
Aufgabe 1 - Analyse pragmatischer Texte
Aufgabenstellung
Henning Lobin: Sprachwandel durch intelligente Maschinen? (2017)
In dieser Woche ist der neue Rechtschreibduden erschienen. 1 Einen Tag zuvor war der Verkaufsstart von Google Home 2, dem „intelligenten Lautsprecher“ mit Sprachfunktion. Zwei Ereignisse ohne Zusammenhang? Nein. Beide haben etwas mit Sprachwandel zu tun – dem realen, heutigen, und dem virtuellen, zukünftigen.
Sprachwandel kann viele Ursachen haben: kulturelle Einflüsse, Migration, Sprachkontakt,
Medien, Bildungsprozesse oder sprachsystembedingte Faktoren etwa. Der Duden
dokumentiert diesen Wandel für den Wortbestand des Deutschen. Die gerade erschienene 27.
Auflage dieses Wörterbuchs, dessen Verlag „Bibliografisches Institut“ inzwischen zur
5 Cornelsen-Gruppe gehört, hat eine große Welle in den Medien nach sich gezogen mit den
5.000 Wörtern, die neu aufgenommen wurden. Gleichzeitig sind auch viele Wörter gegenüber
der 26. Auflage verschwunden, „Jahr-2000-fähig“ etwa. Bei manchen Wörtern ändern sich
auch die Angaben zur Deklination oder Konjugation, zum Kasus, den ein Wort von einem
anderen fordert, oder zur Bedeutung. All das lässt den kontinuierlichen Wandel, dem jede
10 Sprache unterliegt, erkennbar werden, zumindest den Teil des Sprachwandels, der sich im
Wortgebrauch manifestiert. Wandel im Bereich der Grammatik und der Sprachverwendung ist
schwerer und vor allem nur langfristiger beizukommen. Aber auch diesen gibt es heute – die
Diskussion um das „Kiezdeutsch“, das die Potsdamer Germanistin Heike Wiese in ihrem
gleichnamigen Buch beschrieben hat („Machst du rote Ampel!“), hat sich um diese Ebenen
15 des Sprachsystems gedreht.
Bislang war der Sprachwandel immer von Menschen herbeigeführt worden, manchmal
bewusst durch Sprachkritiker oder Grammatiker, zumeist jedoch unbewusst infolge unzähliger
Kommunikationsereignisse in einer Sprachgemeinschaft und im Kontakt mit anderen
Sprachgemeinschaften. Erstmals jedoch wird seit einigen Jahren die menschliche Sprache
20 auch von Maschinen genutzt, Google Home ist dafür ebenso ein Beispiel wie das Gerät Echo
von Amazon, Microsofts Cortana oder die vielen anderen mündlichen und schriftlichen
Sprachautomaten, die es inzwischen gibt. Der Informationsphilosoph Luciano Floridi ist der
Meinung, dass mit der Digitalisierung eine vierte kulturelle Revolution einhergeht, die das
Selbstverständnis des Menschen so grundlegend wandeln wird wie schon die drei
25 Revolutionen zuvor: die Kopernikanische Revolution, nach der sich der Mensch auf seiner
Erde nicht mehr im Zentrum des Universums sehen kann; die Darwin-Revolution, die dem
Menschen auch seine Sonderstellung in der Natur genommen hat; und die Revolution, die sich
mit Freud, der Verhaltenspsychologie und den Neurowissenschaften verbindet. Mit dieser
Revolution ist dem Menschen auch die Hoffnung genommen worden, zumindest die Herrschaft
30 im eigenen Oberstübchen innezuhaben, seine Psyche und seine Handlungen also vollständig
durch Introspektion verstehen zu können. Nach der vierten Revolution schließlich, der der
intelligenten Maschinen, wird dem Menschen nun auch noch das letzte Bisschen seines
humanen Selbstverständnisses genommen, seine Intelligenz, und mit ihr die verschiedenen
Ausprägungen intelligenten Verhaltens, etwa das Kommunizieren in natürlicher Sprache.
35 Wenn nun also nicht mehr nur Menschen in natürlicher Sprache kommunizieren, sondern auch
Maschinen mit dem Menschen und womöglich sogar Maschinen untereinander, stellt sich die
Frage, wie sich dies langfristig auf den Sprachwandel auswirken mag. Ich meine, dass es vier
verschiedene Konstellationen zu beachten gilt:
1. Unterstützte menschliche Kommunikation:
40 Dies ist schon heute beim Schreiben auf Smartphones weit verbreitet. Der Rechner macht
Wortvorschläge, entweder zur Vervollständigung einer Zeichensequenz oder für das
nächste Wort im Text. Damit wird ein Bias 3 zur Verwendung bestimmter Wörter erzeugt
und zur Nicht-Verwendung anderer. Wörter, die nicht im Smartphone-Wörterbuch
enthalten sind, werden möglicherweise tendenziell vermieden, genauso wie
45 grammatische Konstruktionen, die von einem System nicht durch Wortvorschläge
unterstützt werden.
Was wir bislang beim Tippen auf Smartphones erleben, dürfte beim unterstützten
Schreiben erst der Anfang sein. Microsoft etwa arbeitet an Systemen, die das Schreiben
in einer Fremdsprache unterstützen oder Umformulierungen vorschlagen. Ist so etwas
50 erst einmal in Word & Co. integriert, dürfte eine Auswirkung auf die Schriftsprache
offensichtlich werden. Schon heute sind gewisse Folgen der computervermittelten
Kommunikation festzustellen, wie etwa Christa Dürscheid 4 und Karina Frick 5 in ihrem
Buch „Schreiben digital“ zeigen.
2. Kommunikation mit virtuellen Systemen:
55 Damit sind Systeme wie das neue Google Home, Amazon Echo oder Microsoft Cortana
gemeint. Derartige Systeme verfügen bislang über eine Sprachkompetenz, die nicht
situationsbezogen ist. Dies betrifft sowohl die wahrnehmbare Situation, in der
kommuniziert wird (was einen gerade umgibt), als auch die diskursive Situation (was
bereits vorher gesagt worden ist). Trotzdem prägen auch diese Systeme die
60 Kommunikation mit dem Menschen, und zwar im umgekehrten Sinne: Bauen wir nämlich
Erfahrung darin auf, was solche Systeme verstehen (im lexikalischen und grammatischen
Sinne), dann stellen wir uns nach und nach darauf ein – so sind wir Menschen nun einmal
gestrickt. Bestimmte Wörter und Konstruktionen meiden wir, andere benutzen wir
bevorzugt. Dadurch wird beim Menschen eine kognitive Verstärkung bewirkt, die man
65 Entrenchment 6 nennt. Und diese wiederum bewirkt längerfristig einen sprachlichen
Wandel. Zwar dürfte all das noch keine Rolle spielen mit den paar sprachfähigen Geräten,
die uns demnächst umgeben werden. Wenn man aber bedenkt, dass vor gerade einmal
zehn Jahren das iPhone als erstes Smartphone im heutigen Sinne auf den Markt
gekommen ist, vermag ich mir nicht vorzustellen, was mit virtuellen sprachlichen
70 Systemen in zehn Jahren alles möglich sein wird.
3. Kommunikation mit intelligenten Robotern:
Auch wenn dies immer noch besonders futuristisch erscheint, so handelt es sich dabei
doch um eine Computerlinguistik-Anwendung, an der seit mehr als 40 Jahren gearbeitet
wird. Schon bei den ersten halbwegs intelligenten Robotern, ob real oder simuliert (etwa
75 Shakey oder SHRDLU 7), war eine natürlichsprachliche Schnittstelle integraler Bestandteil.
Ganz anders als bei virtuellen Systemen sind Roboter in eine reale Situation eingebettet,
müssen sehen und agieren können, was sich auch in der Sprachnutzung niederschlägt.
Idealerweise sollten intelligente Roboter auf kurze Hinweise und Anweisungen reagieren
können, was die Sprachnutzung im Handlungszusammenhang beeinflusst. Sind wir erst
80 einmal von Servicerobotern im Alltag umgeben, dürfte daraus ein spezifischer
sprachlicher Anweisungsstil, womöglich ein moderner „Sklavenhalterstil“ hervorgehen,
wie ihn Menschen untereinander (hoffentlich) nicht verwenden würden. Auch dies dürfte
einen Impuls für einen zumindest partiellen Sprachwandel darstellen.
4. Kommunikation intelligenter Systeme untereinander:
85 Auch für diesen Fall gibt es bereits Erkenntnisse: Vor kurzem ging ein Forschungsbericht
durch die Wissenschaftsmedien, in dem es um zwei Software-Agenten der Facebook-
Forschung ging, die in natürlicher Sprache miteinander verhandeln können. Eigentlich
sollten diese Agenten mit Menschen in Chats interagieren, sie wurden aber testweise
auch auf ihresgleichen losgelassen. Da es von den Programmierern versäumt worden
90 war, die Verwendung von wohlgeformtem Englisch bei den sprachlichen Äußerungen zu
fixieren, bildeten diese Verhandlungschatbots 8 nach und nach ihre eigene Sprache aus,
ohne sich weiter um Grammatik und Lexik der englischen Sprache zu scheren. Aussagen
wie „i i can i i i everything else“ erhielten dabei eine klare Funktion und Bedeutung, die
sich aufgrund des inzwischen erfolgten Abstimmungs- und Lernprozesses der Systeme
95 selbst kaum von ihren Programmierern entschlüsseln ließ.
Ähnliches hatte bereits vor einigen Jahren der belgische KI-Forscher Luc Steels erreicht.
In seinem „Talking Heads“-Experiment entwickelten Roboter durch verschiedene
Sprachspiele ihr eigenes Vokabular und ihre eigene Grammatik. Steels wollte damit auch
einen Beitrag leisten zum Verständnis der Sprachentwicklung überhaupt, insbesondere
100 zu der klassischen Frage, wie sprachliche Symbole ihre intersubjektive Bedeutung
erhalten haben. Dass die Kommunikation intelligenter Systeme untereinander einmal
einen Einfluss auf den Sprachwandel menschlicher Sprachen haben wird, bezweifle ich.
Die Betrachtung dieser Art des Sprachwandels aber bildet eine wichtige Quelle zum
Verständnis des Sprachwandels in menschlichen Gemeinschaften.
105 Sprachwandel ist nach einem halben Jahrhundert Abstinenz wieder zu einem großen Thema
der Sprachwissenschaft geworden. Anders als früher wird dieser heute anhand großer digitaler
Korpora untersucht. Für viele Bereiche der computervermittelten oder computerbeeinflussten
Sprachverwendung existieren allerdings noch keine Referenzkorpora. Es steht zu erwarten,
dass wir das Signal der Digitalisierung in den Daten bald deutlicher werden erkennen können.
Lobin, Henning (10.08.2017): Sprachwandel durch intelligente Maschinen? spektrum.de; <https://scilogs.spektrum.de/engelbart-galaxis/sprachwandel-durch-intelligente-maschinen/> 15.05.2020
Nutzung genehmigt, Spektrum der Wissenschaft Verlags GmbH
Henning Lobin (*1964) ist Direktor des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim und Professor für Germanistische Linguistik an der Universität Mannheim.
Anmerkungen
1 Im Jahr 2020 erschien „Duden – Die deutsche Rechtschreibung“ in der 28., völlig neu bearbeiteten und erweiterten Auflage. Der Artikel bezieht sich auf die 27. Auflage, die im August 2017 erschien.
2 Im Jahr 2019 wurde das Produkt „Google Home“ umbenannt in „Google Nest“.
3 Bias: etwa: verfälschende Beeinflussung.
4 Christa Dürscheid ist Professorin für Deutsche Sprache mit Schwerpunkt Gegenwartssprache an der Universität Zürich.
5 Karina Frick lehrt und forscht als Sprachwissenschaftlerin in Zürich.
6 Entrenchment: etwa: Verankerung.
7 Shakey: ein 1969 entwickelter Roboter, der Sprachbefehle analysieren und Handlungen daraus ableiten konnte. SHRDLU: ein 1970 entwickeltes Computerprogramm, das Sprachverständnis und die Simulation planvoller Tätigkeiten miteinander verband.
8 Chatbots: elektronische Dialogsysteme, die natürliche Chatteilnehmer imitieren.
1.
Analysieren Sie den Text „Sprachwandel durch intelligente Maschinen?“ von Henning Lobin. Berücksichtigen Sie dabei den Gedankengang, die sprachlich-stilistische Gestaltung und die Intention. ca. 70 %
Aufgabe 2 - Erörterung pragmatischer Texte
Aufgabenstellung
Henning Lobin: Sprachwandel durch intelligente Maschinen? (2017)
In dieser Woche ist der neue Rechtschreibduden erschienen. 1 Einen Tag zuvor war der Verkaufsstart von Google Home 2, dem „intelligenten Lautsprecher“ mit Sprachfunktion. Zwei Ereignisse ohne Zusammenhang? Nein. Beide haben etwas mit Sprachwandel zu tun – dem realen, heutigen, und dem virtuellen, zukünftigen.
Sprachwandel kann viele Ursachen haben: kulturelle Einflüsse, Migration, Sprachkontakt,
Medien, Bildungsprozesse oder sprachsystembedingte Faktoren etwa. Der Duden
dokumentiert diesen Wandel für den Wortbestand des Deutschen. Die gerade erschienene 27.
Auflage dieses Wörterbuchs, dessen Verlag „Bibliografisches Institut“ inzwischen zur
5 Cornelsen-Gruppe gehört, hat eine große Welle in den Medien nach sich gezogen mit den
5.000 Wörtern, die neu aufgenommen wurden. Gleichzeitig sind auch viele Wörter gegenüber
der 26. Auflage verschwunden, „Jahr-2000-fähig“ etwa. Bei manchen Wörtern ändern sich
auch die Angaben zur Deklination oder Konjugation, zum Kasus, den ein Wort von einem
anderen fordert, oder zur Bedeutung. All das lässt den kontinuierlichen Wandel, dem jede
10 Sprache unterliegt, erkennbar werden, zumindest den Teil des Sprachwandels, der sich im
Wortgebrauch manifestiert. Wandel im Bereich der Grammatik und der Sprachverwendung ist
schwerer und vor allem nur langfristiger beizukommen. Aber auch diesen gibt es heute – die
Diskussion um das „Kiezdeutsch“, das die Potsdamer Germanistin Heike Wiese in ihrem
gleichnamigen Buch beschrieben hat („Machst du rote Ampel!“), hat sich um diese Ebenen
15 des Sprachsystems gedreht.
Bislang war der Sprachwandel immer von Menschen herbeigeführt worden, manchmal
bewusst durch Sprachkritiker oder Grammatiker, zumeist jedoch unbewusst infolge unzähliger
Kommunikationsereignisse in einer Sprachgemeinschaft und im Kontakt mit anderen
Sprachgemeinschaften. Erstmals jedoch wird seit einigen Jahren die menschliche Sprache
20 auch von Maschinen genutzt, Google Home ist dafür ebenso ein Beispiel wie das Gerät Echo
von Amazon, Microsofts Cortana oder die vielen anderen mündlichen und schriftlichen
Sprachautomaten, die es inzwischen gibt. Der Informationsphilosoph Luciano Floridi ist der
Meinung, dass mit der Digitalisierung eine vierte kulturelle Revolution einhergeht, die das
Selbstverständnis des Menschen so grundlegend wandeln wird wie schon die drei
25 Revolutionen zuvor: die Kopernikanische Revolution, nach der sich der Mensch auf seiner
Erde nicht mehr im Zentrum des Universums sehen kann; die Darwin-Revolution, die dem
Menschen auch seine Sonderstellung in der Natur genommen hat; und die Revolution, die sich
mit Freud, der Verhaltenspsychologie und den Neurowissenschaften verbindet. Mit dieser
Revolution ist dem Menschen auch die Hoffnung genommen worden, zumindest die Herrschaft
30 im eigenen Oberstübchen innezuhaben, seine Psyche und seine Handlungen also vollständig
durch Introspektion verstehen zu können. Nach der vierten Revolution schließlich, der der
intelligenten Maschinen, wird dem Menschen nun auch noch das letzte Bisschen seines
humanen Selbstverständnisses genommen, seine Intelligenz, und mit ihr die verschiedenen
Ausprägungen intelligenten Verhaltens, etwa das Kommunizieren in natürlicher Sprache.
35 Wenn nun also nicht mehr nur Menschen in natürlicher Sprache kommunizieren, sondern auch
Maschinen mit dem Menschen und womöglich sogar Maschinen untereinander, stellt sich die
Frage, wie sich dies langfristig auf den Sprachwandel auswirken mag. Ich meine, dass es vier
verschiedene Konstellationen zu beachten gilt:
1. Unterstützte menschliche Kommunikation:
40 Dies ist schon heute beim Schreiben auf Smartphones weit verbreitet. Der Rechner macht
Wortvorschläge, entweder zur Vervollständigung einer Zeichensequenz oder für das
nächste Wort im Text. Damit wird ein Bias 3 zur Verwendung bestimmter Wörter erzeugt
und zur Nicht-Verwendung anderer. Wörter, die nicht im Smartphone-Wörterbuch
enthalten sind, werden möglicherweise tendenziell vermieden, genauso wie
45 grammatische Konstruktionen, die von einem System nicht durch Wortvorschläge
unterstützt werden.
Was wir bislang beim Tippen auf Smartphones erleben, dürfte beim unterstützten
Schreiben erst der Anfang sein. Microsoft etwa arbeitet an Systemen, die das Schreiben
in einer Fremdsprache unterstützen oder Umformulierungen vorschlagen. Ist so etwas
50 erst einmal in Word & Co. integriert, dürfte eine Auswirkung auf die Schriftsprache
offensichtlich werden. Schon heute sind gewisse Folgen der computervermittelten
Kommunikation festzustellen, wie etwa Christa Dürscheid 4 und Karina Frick 5 in ihrem
Buch „Schreiben digital“ zeigen.
2. Kommunikation mit virtuellen Systemen:
55 Damit sind Systeme wie das neue Google Home, Amazon Echo oder Microsoft Cortana
gemeint. Derartige Systeme verfügen bislang über eine Sprachkompetenz, die nicht
situationsbezogen ist. Dies betrifft sowohl die wahrnehmbare Situation, in der
kommuniziert wird (was einen gerade umgibt), als auch die diskursive Situation (was
bereits vorher gesagt worden ist). Trotzdem prägen auch diese Systeme die
60 Kommunikation mit dem Menschen, und zwar im umgekehrten Sinne: Bauen wir nämlich
Erfahrung darin auf, was solche Systeme verstehen (im lexikalischen und grammatischen
Sinne), dann stellen wir uns nach und nach darauf ein – so sind wir Menschen nun einmal
gestrickt. Bestimmte Wörter und Konstruktionen meiden wir, andere benutzen wir
bevorzugt. Dadurch wird beim Menschen eine kognitive Verstärkung bewirkt, die man
65 Entrenchment 6 nennt. Und diese wiederum bewirkt längerfristig einen sprachlichen
Wandel. Zwar dürfte all das noch keine Rolle spielen mit den paar sprachfähigen Geräten,
die uns demnächst umgeben werden. Wenn man aber bedenkt, dass vor gerade einmal
zehn Jahren das iPhone als erstes Smartphone im heutigen Sinne auf den Markt
gekommen ist, vermag ich mir nicht vorzustellen, was mit virtuellen sprachlichen
70 Systemen in zehn Jahren alles möglich sein wird.
3. Kommunikation mit intelligenten Robotern:
Auch wenn dies immer noch besonders futuristisch erscheint, so handelt es sich dabei
doch um eine Computerlinguistik-Anwendung, an der seit mehr als 40 Jahren gearbeitet
wird. Schon bei den ersten halbwegs intelligenten Robotern, ob real oder simuliert (etwa
75 Shakey oder SHRDLU 7), war eine natürlichsprachliche Schnittstelle integraler Bestandteil.
Ganz anders als bei virtuellen Systemen sind Roboter in eine reale Situation eingebettet,
müssen sehen und agieren können, was sich auch in der Sprachnutzung niederschlägt.
Idealerweise sollten intelligente Roboter auf kurze Hinweise und Anweisungen reagieren
können, was die Sprachnutzung im Handlungszusammenhang beeinflusst. Sind wir erst
80 einmal von Servicerobotern im Alltag umgeben, dürfte daraus ein spezifischer
sprachlicher Anweisungsstil, womöglich ein moderner „Sklavenhalterstil“ hervorgehen,
wie ihn Menschen untereinander (hoffentlich) nicht verwenden würden. Auch dies dürfte
einen Impuls für einen zumindest partiellen Sprachwandel darstellen.
4. Kommunikation intelligenter Systeme untereinander:
85 Auch für diesen Fall gibt es bereits Erkenntnisse: Vor kurzem ging ein Forschungsbericht
durch die Wissenschaftsmedien, in dem es um zwei Software-Agenten der Facebook-
Forschung ging, die in natürlicher Sprache miteinander verhandeln können. Eigentlich
sollten diese Agenten mit Menschen in Chats interagieren, sie wurden aber testweise
auch auf ihresgleichen losgelassen. Da es von den Programmierern versäumt worden
90 war, die Verwendung von wohlgeformtem Englisch bei den sprachlichen Äußerungen zu
fixieren, bildeten diese Verhandlungschatbots 8 nach und nach ihre eigene Sprache aus,
ohne sich weiter um Grammatik und Lexik der englischen Sprache zu scheren. Aussagen
wie „i i can i i i everything else“ erhielten dabei eine klare Funktion und Bedeutung, die
sich aufgrund des inzwischen erfolgten Abstimmungs- und Lernprozesses der Systeme
95 selbst kaum von ihren Programmierern entschlüsseln ließ.
Ähnliches hatte bereits vor einigen Jahren der belgische KI-Forscher Luc Steels erreicht.
In seinem „Talking Heads“-Experiment entwickelten Roboter durch verschiedene
Sprachspiele ihr eigenes Vokabular und ihre eigene Grammatik. Steels wollte damit auch
einen Beitrag leisten zum Verständnis der Sprachentwicklung überhaupt, insbesondere
100 zu der klassischen Frage, wie sprachliche Symbole ihre intersubjektive Bedeutung
erhalten haben. Dass die Kommunikation intelligenter Systeme untereinander einmal
einen Einfluss auf den Sprachwandel menschlicher Sprachen haben wird, bezweifle ich.
Die Betrachtung dieser Art des Sprachwandels aber bildet eine wichtige Quelle zum
Verständnis des Sprachwandels in menschlichen Gemeinschaften.
105 Sprachwandel ist nach einem halben Jahrhundert Abstinenz wieder zu einem großen Thema
der Sprachwissenschaft geworden. Anders als früher wird dieser heute anhand großer digitaler
Korpora untersucht. Für viele Bereiche der computervermittelten oder computerbeeinflussten
Sprachverwendung existieren allerdings noch keine Referenzkorpora. Es steht zu erwarten,
dass wir das Signal der Digitalisierung in den Daten bald deutlicher werden erkennen können.
Lobin, Henning (10.08.2017): Sprachwandel durch intelligente Maschinen? spektrum.de; <https://scilogs.spektrum.de/engelbart-galaxis/sprachwandel-durch-intelligente-maschinen/> 15.05.2020
Nutzung genehmigt, Spektrum der Wissenschaft Verlags GmbH
Henning Lobin (*1964) ist Direktor des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim und Professor für Germanistische Linguistik an der Universität Mannheim.
Anmerkungen
1 Im Jahr 2020 erschien „Duden – Die deutsche Rechtschreibung“ in der 28., völlig neu bearbeiteten und erweiterten Auflage. Der Artikel bezieht sich auf die 27. Auflage, die im August 2017 erschien.
2 Im Jahr 2019 wurde das Produkt „Google Home“ umbenannt in „Google Nest“.
3 Bias: etwa: verfälschende Beeinflussung.
4 Christa Dürscheid ist Professorin für Deutsche Sprache mit Schwerpunkt Gegenwartssprache an der Universität Zürich.
5 Karina Frick lehrt und forscht als Sprachwissenschaftlerin in Zürich.
6 Entrenchment: etwa: Verankerung.
7 Shakey: ein 1969 entwickelter Roboter, der Sprachbefehle analysieren und Handlungen daraus ableiten konnte. SHRDLU: ein 1970 entwickeltes Computerprogramm, das Sprachverständnis und die Simulation planvoller Tätigkeiten miteinander verband.
8 Chatbots: elektronische Dialogsysteme, die natürliche Chatteilnehmer imitieren.
2.
Setzen Sie sich auf der Grundlage Ihres Wissens über Sprachwandel mit der Frage auseinander, inwiefern intelligente Maschinen den Sprachwandel vorantreiben. ca. 30 %
Du kannst auch nach Themen lernen
Übe ein Thema mit gemischten Teilaufgaben aus den Aufgaben des IQB-Pools aller Jahre.
- Analyse pragmatischer Texte · 31 Teilaufgaben · 35 % Wahrscheinlichkeit
- Erörterung pragmatischer Texte · 30 Teilaufgaben · 35 % Wahrscheinlichkeit
- Interpretation lyrischer Texte · 21 Teilaufgaben · 25 % Wahrscheinlichkeit
- Interpretation epischer Texte · 16 Teilaufgaben · 20 % Wahrscheinlichkeit
- Literarische Erörterung und Pflichtlektüre · 7 Teilaufgaben · 10 % Wahrscheinlichkeit
- Interpretation dramatischer Texte · 1 Teilaufgabe · 5 % Wahrscheinlichkeit
Andere Aufgaben 2022
GK · Becher/Poschmann (2022) · GK · Jenny: Der Flug des Kondors (2022) · GK · kritische Auseinandersetzung mit der Aufwertung des Soziolekts Kiezdeutsch (2022) · GK · negative Auswirkungen der Digitalisierung auf Gesellschaft und Individuum (2022) · LK · automatisierte audiovisuelle Kommunikation in sozialen Netzwerken und deren Folgen für Sprache und Denken (2022) · LK · Bachmann: [Die Welt ist weit] (2022) · LK · Entwicklung textproduzierender Programme und ihre Bedeutung für die Literatur (2022) · LK · Erwartungshaltung und Fiktionalisierungsverständnis bei der Rezeption erzählender Literatur (2022) · LK · Funktion von Sprache für Integration und Identifikation (2022) · LK · Hebbel: Maria Magdalena (2022) · LK · Hölderlin: Abendphantasie (2022) · LK · Nietzsche/Rilke (2022) · LK · Ransmayr: Sternenpflücker (2022) · LK · soziologischer bzw. sozialgeschichtlicher Interpretationsansatz (2022) · LK · Trakl/Hofmannsthal (2022)