Abitur Rheinland-Pfalz Deutsch 2021 · GK · Umgang mit digital vermittelten Sprachnachrichten
Aufgabe Deutsch aus dem IQB-Pool 2021, GK · Umgang mit digital vermittelten Sprachnachrichten: 1 Teilaufgabe mit Lösungen. Mit automatischer Korrektur.
Themen der Aufgabe: Analyse pragmatischer Texte
Aufgabe
1 Aufgabe
Aufgabenstellung
Analysieren Sie den Text von Sara Tomšić und beurteilen Sie dessen Überzeugungskraft. Berücksichtigen Sie dabei den Gedankengang, die sprachlich-stilistische Gestaltung und die Intention.
Material
Sara Tomšić: Das ist geistiger Missbrauch (2018)
1 Mit echter gesprochener Kommunikation ist es wie mit einem Ballspiel. Ein Anruf, eine Frage, der
Anfang eines Gesprächs, das ist ein Angebot. Ich signalisiere: Ja – oder eben Nein. Bei Ja folgt ein
Passspiel, hin und her, du und ich. Echter Austausch eben.
5 Mit Sprachnachrichten auf WhatsApp ist das anders. Da nimmt das Gegenüber den Ball und haut ihn
mir in die Fresse. Danach liegt der Ball in meinem Feld, und ich bin dran. Ob ich will oder nicht.
Sprachnachrichten sind eine Ausgeburt des Egoismus. Ellenlanges Rumgelaber ohne Sinn und
Verstand. Das ist kein Angebot zur Kommunikation, das ist geistiger Missbrauch.
Für alle Glücklichen, die nicht wissen, was eine Sprachnachricht ist: 2013 hat WhatsApp, der
10 bekannteste Messengerdienst für Smartphones, die Möglichkeit eingeführt, neben Texten und Bildern
auch Audiodateien zu verschicken. Im Chatfenster muss man einen Knopf gedrückt halten, labert
drauflos, und beim Loslassen sendet sich die Datei von selbst.
Zumindest war das am Anfang so. Meiner Meinung nach eine Schutzfunktion, damit dem Versender
irgendwann der Daumen abfault und die Nachricht dadurch kürzer bleibt. Heute gibt es eine
15 Zusatzfunktion, die es ermöglicht, dass man freihändig sprechen kann und erst bei einem weiteren
Drücken auf den Knopf die Nachricht versendet. Gut für alle, die sich selbst gerne reden hören. Schlecht
für den Rest vom Fest, der das ertragen muss.
Okay, es gibt eine Ausnahme: Für Menschen mit Behinderungen, die es ihnen erschweren, auf
Handydisplays lange Texte zu schreiben, sind Sprachnachrichten eine gute Sache. Klar! Wobei auch
20 die sich gern vorm Abschicken überlegen können, wie ausführlich sie die Sprachnachricht halten. Für
alle anderen gilt das erst recht.
Die größte Frechheit, die mir dabei je begegnet ist, war 9 Minuten und 43 Sekunden lang. Mit einem
harmlosen „Pling“ kündigte sie sich an, rechts oben auf dem Handy blinkte ein kleines Licht in
Dünnschissorange. Die Aggression rumorte in meinem Kopf: Was zur Hölle will man mir in 9 Minuten
25 und 43 Sekunden sagen? 100 Euro, dass es nur unwichtiges Zeug ist, wettet mein Gehirn mit sich
selbst.
Ich ärgere mich, weil ich weiß: Ich werde sie trotzdem anhören. Warum? Weiß ich nicht. Ich fühle mich
unter Druck. Der Ball liegt in meinem Feld, und ihn liegen lassen, das tun nur Spielverderber. Außerdem
habe ich keine Lust auf eine Diskussion à la „Warum antwortest du nicht, alles okay?“.
30 Dabei ist die große Frage: Wie soll ich denn bitte antworten? Mein Gegenüber hat sich ja selber gegen
ein Telefonat und für diesen Audiomüll entschieden, für ein Format, das keine Zwischenrufe,
Nachfragen, nicht mal „Ach so“ und „Hmmmhmmhs“ zulässt. Meine Kommentare darf ich jetzt post
disputatio 1 anbringen. „Ja, Mensch, klasse. Das, was du bei Minute drei gesagt hast, klingt spannend.“
So?
35 Und abgesehen davon: Was soll ich denn überhaupt antworten? In Sprachnachrichten werden meistens
keine Fragen gestellt. Soll ich das Erzählte einfach anschließend loben, einordnen und kommentieren?
Oder soll ich im Gegenzug auch über meinen Tag sinnieren? Bestimmt nicht. Wenn man ehrlich ist, sind
Sprachnachrichten Kommunikationssackgassen. Eine Runde Märchenstunde. Völlig sinnbefreite
Datenmenge. Sie gehören abgeschafft.
40 Stattdessen drücke ich auf Abspielen. Schnell das Handy ans Ohr, damit nicht alle mithören können.
Wer bis jetzt noch dachte: „Ach, Sprachnachrichten, alles halb so wild“, dem gönne ich folgende
Kostprobe von Herzen.
„Heeeeeeey, ich bin’s, ich wollte dir nur mal’ne Nachricht dalassen.“ Ach echt? „Ich sitze gerade auf der
Couch, eingemummelt in meine Kuscheldecke, und draußen regnet es ganz fürchterlich. Heute ist
45 allgemein so ein grauer Tag. Mann, mann, die Kälte macht mich echt fertig. Und unseren Kater auch,
der will gar nicht mehr richtig raus. Ist es bei euch in Berlin auch so kalt? Na ja, egal.“ Ja, stimmt, egal.
Wen interessiert’s? „Gestern war ich Geschenke kaufen, ich weiß, es ist eigentlich viel zu früh für
Weihnachtsgeschenke, aber die Lebkuchen, die im Laden liegen, machen mich schon ganz nervös.
Haha.“
50 Als Teenager habe ich Tagebuch geschrieben. Genauso wirr und zusammenhanglos. Aber hallo, ich
war 13, und noch dazu habe ich niemanden belästigt. Papier ist geduldig. Ich bin es nicht.
Sprachnachrichten sind die große peinliche Tante von Textnachrichten. Anders als geschriebene
Nachrichten verlangen sie meine volle Aufmerksamkeit. Überfliegen ist nicht. Den ganzen Müll in einer
normalen Textnachricht aufzuschreiben, das würde sich gleichzeitig kein Mensch antun. 9 Minuten und
55 43 Sekunden Laberrhabarber entsprechen, ich habe das mal getestet, ungefähr 15.000 Zeichen Text.
Das ist ziemlich genau die doppelte Länge dieses Artikels.
„Für Philipp habe ich Beats-Kopfhörer besorgt, die schwarzen, die neuen. Waren echt teuer, aber der
Klang soll sehr gut sein. Na ja. Was wollte ich noch sagen? Ähm...“ Ja, genau, was wolltest du eigentlich
sagen? „Ach, genau, am 19. kommt meine Schwester zu Besuch, irgendwie hat ihr Freund Schluss
60 gemacht, und ihr geht’s nicht so gut. Ich habe gesagt, sie kann gerne jederzeit kommen. Sie wollte dann
erst nicht so richtig, aber jetzt kommt sie doch.“ Vier Minuten sind vorbei, und ich fühle mich schmutzig.
Benutzt.
Wann haben Menschen damit angefangen, anderen Menschen einfach ihren gedanklichen Sondermüll
vor die Füße zu kippen? Nicht dass man sich unter Freundinnen nicht alles haarklein erzählen kann,
65 aber dann doch bitte mit irgendeiner Richtung. Entweder man will einen Rat, eine Reaktion oder einfach
nur gemeinsam lachen. Das geht aber nur, wenn man miteinander kommuniziert und nicht eine
Sprachnachricht schickt. Denn wie kann ein Monolog Teil eines Dialogs sein? Richtig, geht nicht. Aus
gutem Grund habe ich keine Mailbox. Wer etwas will, ruft noch mal an.
„...und darum habe ich beschlossen, die Haare wieder wachsen zu lassen. Mir geht die Kurzhaarfrisur
70 auf die Nerven.“ Durchhalten, sagt es in meinem Kopf. Vielleicht kommt am Ende ja doch noch eine
Frage, die ich beantworten muss, oder wider Erwarten noch eine wichtige Info. Die Angst, was zu
verpassen, hält mich bei der Stange.
8 Minuten sind vorbei und meine Hand schläft langsam ein. Von außen betrachtet, sehe ich vermutlich
aus, als würde ich in der längsten Warteschleife der Welt hängen. Handy am Ohr, aber Mund zu. „... ah,
75 habe ich schon erzählt, dass Lisa und Lena umziehen? Nach Hildesheim. Die wollten noch vor
Weihnachten alle Möbel hochfahren, haben sie gesagt. Völliger Irrsinn, ich habe dann gesagt, sie sollen
es im neuen Jahr machen. Lena meinte, okay. Dann können wir ja auch beim Packen helfen. Genau.
Na ja. So. Puh, jetzt habe ich aber lange gequatscht. Haha. Ich freue mich, von dir zu hören, bis baa-
haald.“
80 Das war’s. Keine einzige Frage, nur ein Haufen Gedankensalat. Mein Gehirn schuldet sich selbst 100
Euro. Und meine Freundin schuldet mir 9 Minuten und 43 Sekunden Lebenszeit.
Ich bin erschöpft und sauer und ratlos. Aber wenigstens eine Erkenntnis hat’s gebracht: Meine Freundin
bekommt ein Tagebuch von mir. Sofort nach der Arbeit werde ich eins kaufen. Kriegt sie zu
Weihnachten, die blöde Kuh.
1 post disputatio: hier: nachträglich.
Tomšić, Sara (2018): Das ist geistiger Missbrauch. <http://www.taz.de/!5548955/.> 23.12.2018.
Sara Tomšić (*1992) ist freie Journalistin und für verschiedene überregionale Zeitungen tätig.
Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Textquelle.
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