Aufgabe 4 - Teilaufgabe 1 · Abitur NRW Katholische Religion GK · Haupttermin 2021

Thema: Texterschließung: Thema, Gedankengang und Intention · Aus der Prüfung GK · Haupttermin (2021)

Aufgabenstellung

Materialgrundlage

Fulbert Steffensky: Heimathöhle Religion. Ein Gastrecht für widersprüchliche Gedanken. Stuttgart 2015, S. 84 – 88 (Auszug)

Eine Erzählung des Respekts und der Furcht vor Gott im 3. Kapitel des Buches Exodus: Mose,

der das Volk Israel aus ägyptischer Knechtschaft führen soll, hütet in der Steppe die Schafe

seines Schwiegervaters Jitro. Er sieht den Dornbusch in Flammen, der aber nicht verbrennt.

Er will hingehen und die wunderbare Erscheinung erforschen. Die Stimme Gottes warnt ihn:

5 „Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von den Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heili-

ges Land.“ Mose verhüllt sein Angesicht, „denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen“. Es gibt

ähnliche Geschichten im Alten Testament, die uns erzählen: Wer in die Nähe der Heiligkeit

Gottes kommt, gerät in Todesgefahr.

Nun, das ist Altes Testament, sagen die Christen leichtfertig. Diese Geschichte wollen wir

10 zwar nicht aus der Bibel streichen, aber sie ist nicht mehr maßgebend für uns. Denn die große

Trennung zwischen Gott und Mensch ist aufgehoben; diese falsche Sakralität 1 haben wir hin-

ter uns, und wir können Gott sogar mit dem vertrauten Namen Väterchen – Abba – anreden.

Was verlieren wir, wenn wir diese geheimnisvolle Dornbuschgeschichte aus unserem Erzähl-

schatz streichen oder wenn sie nicht mehr maßgeblich ist für unsere religiöse Haltung? Was

15 geschieht mit uns, wenn wir nichts mehr wissen wollen von dem „unzugänglichen Licht“

(1 Timotheus 6,16), in dem Gott wohnt?

Ich überlege, wo ich den Verlust des Respekts oder gar des Schreckens vor Gott feststelle, den

Verlust der Gottesfurcht, die doch „aller Weisheit Anfang“ ist (Psalm 111,10). Ich schaue mir

die neuen Lieder, Gebete, Segenstexte an und glaube gelegentlich, eine Art Verhaustierung

20 Gottes festzustellen. Gott ist harmlos geworden. Es braucht niemand vor ihm zu zittern, die

Schuhe auszuziehen und das Gesicht zu verhüllen. Er hat seinen Schrecken verloren. Unsere

Lieder, Gebete, Theologien sind fast von einstimmiger Vertrautheit ihm gegenüber. Er ist der

gute Vater, die nährende Mutter, der mitreisende Bruder; er versteht uns, er liebt uns, er ver-

gibt uns, er atmet uns, er ist die pure Zärtlichkeit. Dies alles ist ja gut und richtig. Aber diese

25 religiöse Welt ist mir zu geglättet. Das Ganze ist mir zu süß und zu widerspruchsfrei gewor-

den; zu harmonistisch und zu geheimnislos. [...] Ja, es ist gut, dass wir die alten falschen

Ängste vor Gott verloren haben. Aber er ist in dieser ganzen Positivität auch ein bisschen

onkelhaft geworden, gezähmt und absehbar. Vor ihm braucht man keine Schuhe mehr auszu-

ziehen. Man verbrennt sich an ihm keine Füße und keine Hände mehr.

30 Wo sind eigentlich die alten, uns verstörenden Bilder und Geschichten geblieben, die über

ihn erzählt wurden? Die Geschichten vom Gericht Gottes, von der Tragik der Schuld, von der

verstörenden Unbegreiflichkeit Gottes, von der Nichtigkeit des Menschen? Ja, natürlich, wir

reden von der Schuld des Menschen. Wir bekennen sie in jedem Gottesdienst. Aber wir beken-

nen sie sozusagen augenzwinkernd. Kaum haben wir die Wörter Schuld und Sünde genannt,

35 so sind sie schon eingewickelt in die allseits verfügbare Vergebung. [...] Wir nehmen uns

nicht ernst als Autoren dieser Welt und unserer Handlungen, wenn wir aus der theologischen

Zaubertüte, kaum dass die Sünde genannt ist, die Vergebung zaubern. Wir nehmen uns nicht

ernst mit den albernen und alles entschuldigenden Sätzen, dass der Mensch „immer schon“

ein Sünder sei. Ein solcher Satz ist der beste Schutz vor aller Bekehrung und Veränderung

40 des Lebens. Wir ersparen uns den Schmerz über ein verspieltes Leben, und damit ersparen

wir uns, wirklich zu wissen, was Gnade und Vergebung ist.

Aber, so wende ich gegen mich ein: Kann die Alltäglichkeit des Glaubens, der Gebete, der

Gottesdienste und der Predigten die Existenzialität, den Ernst und die Tiefe haben, die ihnen

angemessen sind? Ich will, dass es keinen Gottesdienst gibt, ohne dass eine Gemeinde ihre

45 Schuld bekennt. Ich will es, weil es zur Würde und zum Reichtum des Menschen gehört, sich

selber nicht auszuweichen. [...]

Respektlos und trostlos finde ich, dass der Gedanke verblasst, dass Gott anders ist als wir

selbst. Ich finde den Gedanken komisch, dass ich nur in mich selbst hinabsteigen muss, um

Gott zu finden und zu fühlen [...]. Welcher Trost ist es, dass da eine Größe ist, die größer und

50 unerforschlicher ist als meine eigene kleine Größe! Welcher Reichtum, dass das Herz der Welt

reicher ist als wir alle zusammen! Wir haben lange unter der Annahme gelitten, dass Gottes

Größe in seiner herrschaftlichen Überlegenheit besteht; eine Größe, die hauptsächlich dadurch

entsteht, dass wir Menschen uns klein und erbärmlich machen. Es gibt eine andere Größe, die

Größe der Liebe, die alles Begreifen übersteigt. [...]

55 Nein, ich möchte nicht zurück zu dem Gott, den ich in meiner Kindheit gelernt habe; zu dem

Buchhaltergott, der so sehr mit Wiegen, Notieren und Sortieren beschäftigt war. Wir haben

in den letzten Jahrzehnten wohl etwas mehr von der Güte Gottes geschmeckt. Aber auch in

dieser neuen Erkenntnis können wir uns nicht einrichten. Wir müssen weiter, vielleicht durch

viele Gottesfinsternisse hindurch, bis wir in die Nähe jenes Geheimnisses kommen, das uns

60 verbrennt und uns hütet.

1 sakral: heilig.

* Fulbert Steffensky, geb. 1933, studierte katholische und evangelische Theologie und war bis 1998 Professor für Religionspädagogik an der Universität Hamburg.

1. Erarbeiten Sie, welches Thema der Text behandelt, wie sein Gedankengang aufgebaut ist und welche Intention darin erkennbar wird. [26 Punkte]

Aufgabenstellung: Aufgabe 4 - Teilaufgabe 1 · Abitur NRW Katholische Religion GK · Haupttermin 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Erarbeiten Sie, welches Thema der Text behandelt, wie sein Gedankengang aufgebaut ist und welche Intention darin erkennbar wird.

Lösung: Thema, Gedankengang und Intention des Textes von Fulbert Steffensky gemäß den Vorgaben der Prüfungsarbeit darstellen.

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