Aufgabe HT 1 - Aufgabe 2 · Abitur NRW Katholische Religion GK · Haupttermin 2023

Thema: Religionskritik: Feuerbach und moderner Atheismus · Aus der Prüfung GK · Haupttermin (2023)

Aufgabenstellung

Textgrundlage

Andreas Knapp: Vom Segen der Zerbrechlichkeit. Grundworte der Eucharistie (Auszug)

Es gibt eine Weise der Beziehung zur Welt, in der ich jedermann und alles, mich selbst ein-

geschlossen, zu meinem Besitz machen will. Unsere Welt des Konsums lebt vom Urbedürf-

nis des Säuglings, der immer nach der Flasche schreit und die ganze Welt verschlingen will.

Dahinter steckt ein unstillbarer Hunger nach Sicherheit. Denn jeder Mensch ahnt im Tiefsten,

5 wie zerbrechlich und vergänglich sein Leben ist. Diese Angst ruft nach Absicherung. Der

Mensch sucht einen Halt, indem er alles Mögliche festhält. Er will etwas Greifbares in der

Hand haben, über das er verfügt. Wie ein trockener Schwamm saugt er alles auf, was ihm

Halt und Sicherheit zu geben scheint.

Dies kann dazu führen, dass Menschen sich immer mehr von dem her definieren, was sie

10 haben und festhalten können: Haus und Auto, Job und gesellschaftliche Stellung, Geld und

Macht, Beziehung zu anderen Menschen oder sonst ein „Götze“. [...]

Auch unsere menschlichen Beziehungen können die Form des Habens annehmen: Ich liebe

den anderen wie ein Objekt, das ich gefangen nehme und kontrolliere. Ich erhebe einen An-

spruch auf den Geliebten wie ein Besitzrecht, das ich einklagen kann. [...]

15 Selbst der religiöse Glaube kann in der Weise eines „Habens“ gelebt werden. Man hat dann

seinen Gott oder ein Dogma in der Tasche. Der Mensch klammert sich an feste Vorstellungen

von Gott; er macht sich von Gott ein fixes Bild, durch das er Gott selbst zu besitzen meint.

Der Glaube wird zu einer Sammlung von Begriffen, durch die man Gott in den Griff be-

kommt. Und mit einem Gott, den ich für mich gepachtet habe, kann ich auch meine Geschäfte

20 machen. Ich biete ihm fromme Übungen an und erwarte dafür auch seinen Schutz und seine

Hilfe. In der Religion der alten Römer kannte man die Form: „Do ut des“ – Gib, damit du

empfängst. Die Religion verkommt zum Krämerladen. Eine lebendige Beziehung mit Gott

aber sieht anders aus.

Der Prophet Jeremia findet dafür ein Bild 1: Die Beziehung zu Gott ist wie eine Quelle, die

25 jeden Augenblick neu aufsprudeln will [...], die von Augenblick zu Augenblick neu ent-

springt. [...] Wenn den Menschen jedoch die Angst beschleicht, dass Gott ihm seine Zuwen-

dung wieder entziehen könnte, will er auf Nummer sicher gehen und den lebendigen Fluss in

Becken auffangen und aufstauen.

Hinter dem Bedürfnis nach Besitz und der Habsucht wohnen Ängste oder der Wunsch nach

30 Macht. Die Besitzenden meinen, sie könnten sich in Sicherheit wiegen. [...] Doch hier liegt

ein großer Irrtum vor: Denn die Besitzenden verwechseln das, was sie haben, mit dem, was

sie sind. [...] Die Grundhaltung des Habens lässt keine lebendige Beziehung zu zwischen mir

und dem, was ich habe. Vielmehr haben und besetzen die Dinge mich. Und wenn mein Iden-

titätsgefühl vom Besitz abhängt, dann stellt sich die Frage: Was wird aus mir, wenn ich mein

35 Hab und Gut verliere? Weil Menschen spüren, wie brüchig und vergänglich jeder Besitz ist,

mühen sie sich immer mehr darum, ihre Habe zu sichern und zu versichern – in einer Spirale,

die sie zunehmend besetzt.

Was kann uns Menschen einen inneren Halt geben? Identität finden wir vor allem, wenn wir

spüren, dass wir uns einer großen Liebe verdanken: Ich bin jemand, weil ein anderer mich

40 mag und wertschätzt. Wenn ich einer solchen Liebe Glauben schenken kann, muss ich mir

mein Ich nicht durch anderes absichern, sondern erlebe mich selbst als wertvoll. Das in mir

spürbare Selbstwertgefühl wird als innere Quelle erfahren, aus der Selbstvertrauen und Be-

ziehungsfähigkeit fließen. [...]

Wer glauben kann, dass er von Gott gewollt und geliebt ist, braucht kein äußeres Korsett, das

45 seine Identität stützen muss. Denn diese ist ihm zuinnerst geschenkt: „Ich bin jemand, weil

Gott mich liebt.“ Es bleibt die große Herausforderung, dieses Geschenk in seiner Dynamik

zu leben und nie in einen statischen Besitz zu verwandeln. Das heißt, mich selbst immer

wieder loslassen, um mich neu zu empfangen. [...] Wer aus Angst, dass Gottes Liebe versie-

gen könnte, versuchen wollte, Gottes habhaft zu werden und seine Liebe vertraglich abzusi-

50 chern, zerstört die Beziehung. Denn eine solche bleibt nur dann lebendig, wenn die Partner

sich in einer freilassenden Weise beschenken. Es braucht das Vertrauen, dass sich die Liebe

jeden Augenblick erneuert. [...]

Die biblische Botschaft lädt ein, aus der Haltung des Habens auszuziehen und mehr aus dem

Beschenkt-Sein zu leben. [...] Das heißt, nicht aus Vorräten, die man besitzt, sondern aus der

55 Hoffnung, dass die Hand stets neu gefüllt werden kann, wenn ich sie leer und vertrauensvoll

Gott hinhalte. Dagegen ist der Wunsch, möglichst viel zu bunkern, ein Zeichen für fehlendes

Vertrauen. Liebe lässt sich nicht einwecken 2 oder aufsparen. Sie schenkt sich immer nur von

Augenblick zu Augenblick. Sie lebt vom Vertrauen, dass die andere Person mir treu bleiben

und mich auch morgen wieder beschenken wird. [...]

60 Weil Jesus daran glaubt, dass Gott es gut mit ihm meint und für ihn sorgen wird, erliegt er

nicht den Versuchungen, sein Leben durch Besitz oder Macht abzusichern. Eindrücklich warnt

er vor falschem Prestigedenken und dem Festhalten und Horten von nichtigen Reichtümern:

Sammelt euch keine Schätze, die verrosten und verrotten. Denn wer sich eiserne Reserven

anlegt, legt sich selbst in Eisen. Oft und oft betont Jesus: Klammert euch nicht an Äußerlich-

65 keiten und baut keine Vorratsscheunen als Altersvorsorge! Nehmt euch lieber die Vögel zum

Vorbild, die nicht säen und nicht ernten und keine Reserven anlegen (vgl. Mt 6,25–27).

Ganz auf dieser Linie schickt Jesus seine Jünger ohne Habseligkeiten auf die Reise. Denn

nicht das Haben macht selig. Vielmehr sollen sie vertrauensselig an fremde Türen klopfen.

So lernen sie, dass leere Hände das Herz anderer öffnen können. [...]

70 Jesu Botschaft vom Reich Gottes, dass also Gott selbst der einzig erfüllende Reichtum des

Menschen ist, schenkt Gelassenheit. Der Mensch darf sein ängstliches Sorgen loslassen und

mehr in der Gegenwart leben. Er darf im Heute leben, weil Gott für das Morgen sorgen wird.

Der Mensch soll das Hier und Jetzt als Geschenk annehmen, ohne es in Besitz zu nehmen.

Diese Grundhaltung lässt die Beziehung zu Gott und damit den Menschen selbst lebendig

75 bleiben. Denn Gottes Liebe fließt unaufhörlich und erneuert sich wie der Wasserstrahl eines

Brunnens, der aus der Tiefe gespeist wird.

1 Das in diesem Absatz genannte Bild von Gott als Quelle lebendigen Wassers wird in Jer 2,13 benannt und in Jer 17,13 wieder aufgenommen.

2 Einwecken: haltbar machen, Vorrat anlegen.

2. Entfalten Sie Ludwig Feuerbachs religionskritischen Ansatz und untersuchen Sie im Anschluss daran, inwiefern sich Knapps Text als eine Antwort auf diesen Ansatz verstehen lässt. [24 Punkte]

Aufgabenstellung: Aufgabe HT 1 - Aufgabe 2 · Abitur NRW Katholische Religion GK · Haupttermin 2023

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

2. Entfalten Sie Ludwig Feuerbachs religionskritischen Ansatz und untersuchen Sie im Anschluss daran, inwiefern sich Knapps Text als eine Antwort auf diesen Ansatz verstehen lässt.

Lösung: Entfaltung nach den amtlichen Bewertungskriterien: 1. Entfaltung von Feuerbachs religionskritischer Position (12 Punkte): - Für Feuerbach ist Gott eine bloße Projektion des Menschen. - Der Mensch projiziert seine Wünsche (z. B. nach Unsterblichkeit, Vollkommenheit, ewigem Glück und Gerechtigkeit) auf ein als Gott bezeichnetes Wesen. - Sich selbst nimmt er demgegenüber als defizitäres Wesen wahr, das im Gegensatz zu Gott endlich und unvollkommen ist. - Religion führt damit zur Selbstentzweiung bzw. Entfremdung des Menschen von sich selbst. - Um die Entfremdung aufzuheben, muss Gott abgeschafft und die projizierte Göttlichkeit dem Menschen zurückgegeben werden („homo homini deus est“). So gelangt der Mensch zur Erkenntnis seines wahren Wesens. - Dieses wahre Wesen des Menschen besteht nach Feuerbach darin, eine Liebe zum Diesseits zu entfalten und Engagement für die Gestaltung des menschlichen Lebens zu entwickeln. - Feuerbach fordert, dass die Theologie zur Anthropologie werden muss. 2. Untersuchung, in welcher Weise Knapp als Antwort auf diese Position gelesen werden kann (12 Punkte): - *Gemeinsamkeit/Kritik des Missbrauchs:* Wie Feuerbach disqualifiziert Knapp einen Glauben, der Gott zu seinem „Besitz machen will“ (Z. 2). Knapp betont jedoch, dass Religion, wie Feuerbach sie versteht und wie sie in der Weise des „Habens“ gelebt wird, einem „Krämerladen“ (Z. 22) gleicht und mit dem „echten“ Glauben, der aus einer „lebendige[n] Beziehung mit Gott“ (Z. 22) heraus entspringt, nichts gemein hat. - *Entfremdung:* Feuerbachs Gedanke, dass Glaube, der die eigenen Bedürfnisse und Wünsche auf Gott projiziert, zur Selbstentfremdung führt, lässt sich bei Knapp wiederfinden: Nach Feuerbach geschieht dies, weil Religion das Verhalten zu sich selbst als einem anderen Wesen ist; nach Knapp geschieht dies, weil der religiöse Glaube in der Form des „Habens“ und die damit verbundene Inbesitznahme Gottes den Menschen blind macht für göttliche Liebe und die aus ihr entspringende menschliche Identität. - *Identitätsgewinn statt Defizit:* Während Feuerbach kritisiert, dass der religiöse Mensch sich als defizitär wahrnehmen muss und Religion negative Folgen für die Identität hat, setzt Knapp dem entgegen, dass erst ein religiöses Leben aus der Haltung des „Beschenkt-Sein[s]“ (Z. 54) heraus dazu führt, dass der Mensch erfüllt leben kann. - *Gottesexistenz:* Da ein Glaube, der sich „von Gott ein fixes Bild“ (Z. 17) macht, nach Knapp einer fehlgeleiteten Beziehungsgestaltung entspringt, muss Knapp nicht – wie Feuerbach – aus dieser Erkenntnis die Frage nach der Existenz Gottes verneinen, sondern stellt dem die Existenz eines Gottes entgegen, der keine „Sammlung von Begriffen“ (Z. 18) oder Projektion von Sehnsüchten ist, sondern der „einzig erfüllende Reichtum des Menschen“ (Z. 70 f.). - *Diesseitsorientierung:* Den Gedanken Feuerbachs, dass es dem Wesen des Menschen entspricht, sich aktiv dem Diesseits zuzuwenden, teilt Knapp („darf im Heute leben“, Z. 72). Während jedoch Feuerbach die Religion als hinderlich für das soziale Engagement erachtet, erkennt Knapp im Vertrauen auf Gottes Liebe die Voraussetzung dafür, frei von Sorgen um das eigene Wohl in Beziehung zu den Mitmenschen treten zu können.

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