Aufgabe 1 · Abitur NRW Deutsch GK · Holzer: Die rote Perücke 2025
Thema: Interpretation epischer Texte · Aus der Prüfung GK · Holzer: Die rote Perücke (2025)
Aufgabenstellung
Aufgabenstellung
Interpretieren Sie die Erzählung „Die rote Perücke“ von Marie Holzer. Beziehen Sie dabei Ihre Kenntnisse zu Umbrüchen in der Literatur um 1900 ein.
Material
Marie Holzer (1874–1924): Die rote Perücke (1914)
Sie schaut in das elegante, hellerleuchtete Glasfenster, hinter dem Frisuren stehen in allen Formen und Farben. Auf leuchtenden Wachsbüsten 1 mit rotgeschminkten Wangen und tief umränderten blauen, seelenlosen Augen.
Die rote Perücke möcht' ich haben! Plötzlich lebt der Wunsch auf in der kleinen Studentin, heiß und sengend, wie ein Schmerz, wie ein heilig Gebot. Die rote Perücke mit den tiefen, breiten Wellen, den kleinen, schmiegsamen Ringelchen um die Schläfe und der großen duftigen Lokke 2, die sich wie nach einer zärtlichen Bewegung zufällig losgelöst und einem hinter dem Ohr in den Nacken fällt.
Was sind die blonden, schwarzen, braunen Haare nichtssagend im Gegensatz zu der roten Perücke, die wie Feuer glänzt. Hell ringeln sich die Löckchen zu züngelnden Flammen, dunkel glüht der Scheitel, Sonnen sprühen, Leidenschaft glänzt im Flimmergold jeden Haares.
Ach, wär' die rote Perücke mein! Könnt ich sie einmal tragen eine Nacht hindurch. Auf einem glänzenden Ball. Lichtüberflutete Säle. Herren in Frack und Uniform, Orden auf der Brust, Sterne, Kreuze. Damen in glitzerndem Schmuck und eleganten Toiletten 3, und ich mitten drin mit dem roten Haar, das halbgelöst in den Nacken fällt, dessen kleine Löckchen sich um meine klopfend warmjunge Stirne schmiegen, das Ohr küssen, meine Wangen liebkosen, das Schwarz meiner Augenbrauen betonen, meine Blicke leuchtend vertiefen.
Aller Augen sehen auf mich, hüllen mich ein in Glut und Licht. Und ein ander Leben erwacht in meinem Blut, mein Denken, mein Fühlen wird heißer unter der Feuersbrunst der roten Haare, meine Augen leuchteten anders, meine Blicke würden wärmer, meine Worte trunken von seltsamer Fremdheit.
Stolz wie eine Siegesfahne trüg ich die rote Perücke durch den Saal – durch das Leben dann, und es lacht und lockt, verspricht und schenkt, betört und beseligt... Nicht wie jetzt bei toten Büchern sitzen, bei Worten mit fremdem Klang, bei Längstgestorbenen, deren Atem verweht, deren Gedanken bloß ein seltsam Leben führen, das man erwecken kann oder daran vorübergehen, und ich will nicht mehr, ich will nicht mehr...
Die toten Haare hier auf der kalten Wachsbüste, die will ich zum Leben wecken, sie würden zu reden beginnen, wenn ich darunter lachte. Tausend Wünsche steigen empor und umarmen mich. Gedanken haken sich fest, die mich umgarnen. Rote Sehnsucht rinnt in meinen Adern, Verlangen klopft in den Gliedern, und um mich her, eine mir fremde, kalte Grausamkeit lauert im Herzen, und die Seele horcht, die Seele wächst und wächst...
Gedanken einer Mänade 4 steigen empor aus dem roten Haar, Wünsche einer Circe 5, das Erinnern an tausend Erlebnisse, das Locken einer bleichen Nixe 6 mit dem grünschimmernden Wunderleib. Sirenenlachen 7. Glutvolle Leidenschaft. Die Sehnsucht, die Jahrtausende geklopft in Milliarden Frauenherzen, stünde auf. Lebendig. Riesengroß. Lachend. Märchenhaft tief.
Schön wär' ich und begehrenswert. Eine Siegerin, die lächelnd über zertretene Herzen geht, über kniend betende Seelen.
Ja, sie allein hat mir gefehlt zur Entfaltung meines Selbst, das fühl' ich, das weiß ich. Meines Herzens Lachen, meiner Sinne Flamme, meines Geistes Feuer, sie alle warteten auf die rote Perücke, mit dem Haar aus Feuergold, auf die Vision der roten Perücke.
„Mein Fräulein!“
Ein Herr steht neben ihr mit suchenden Augen und einem leis-verlegenen Lächeln.
„Mein Herr.“ Sie lächelt, das erstemal, daß sie sich nicht empört fortwendet, sondern lächelt, und sie fühlt die Kraft dieses Lächelns.
„Fräulein, was sind die leblosen Haare hier im Gegensatz zu Ihrer blonden Lieblichkeit.“
Sie sieht ihn an.
„Darf ich ein Stückchen mitgehen. Es ist ein so schöner Abend heute, voll dunkler Geheimnisse.“
Entschlossen richtet sie sich auf. „Kaufen Sie mir die rote Perücke.“
„Vielleicht – später“, meint er ausweichend.
Sie lacht höhnisch. „Für mich gibt es nur einen Kaufpreis, und der muß gleich erlegt werden.“
Er wartet und rechnet. Dann sinkt er zusammen. Er hat nicht soviel und wird wohl niemals soviel beisammen haben. Aber er mag nicht fort. Die kaltfunkelnden Augen locken ihn, und er vertraut der Macht seiner jungen, bittend-demütigen Augen. Aber sie sieht über ihn hinweg, bis er fortschleicht.
Ihre Augen umwerben wieder die rote Perücke, und sie weiß, sie wird sie tragen.
1 Wachsbüste: Schaufensterpuppe, die Kopf und Teile des Oberkörpers einer Person zeigt.
2 Lokke: Alte Schreibweise für (Haar-)Locke.
3 Toilette: hier: festliche Damenkleidung einschließlich Accessoires.
4 Mänade: griechische mythologische Figur: ekstatisch-rauschhafte Begleiterin des griechischen Weingottes Dionysos bei kultischen Festen.
5 Circe: griechische mythologische Figur: verführerische Frau, die Männer durch Zauberkräfte betört.
6 Nixe: Wassergeist, Meerjungfrau.
7 Sirene: griechische mythologische Figur: Frauengestalt, die durch betörenden Gesang Männer vom rechten Weg ab und ins Verderben führt.
Vollmer, Hartmut (Hg.): Die rote Perücke. Prosa expressionistischer Dichterinnen. Hamburg: IGEL Verlag Literatur und Wissenschaft ²2010, S. 22–24.
Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Textquelle.

Lösung
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