Aufgabe 2 - Erörterung pragmatischer Texte · Abitur NRW Deutsch GK · gendergerechte Sprachverwendung 2023

Thema: Erörterung pragmatischer Texte · Aus der Prüfung GK · gendergerechte Sprachverwendung (2023)

Aufgabenstellung

1 Aufgabe

Aufgabenstellung

2.

Beurteilen Sie ausgehend von Ihren Ergebnissen die Überzeugungskraft des Textes. ca. 20 %

Material

Maxi Beigang (*1990): Deutschland muss zum Land der Dichter*innen und Denker*innen werden! (2020)

Berlin – Kleine Presseschau des Sommers gefällig? Der neue Duden ist erschienen und will mit Wörtern wie „genderneutral“, „Gendersternchen“ und „inklusiv“ den „jüngsten Entwicklungen im Wortschatz der deutschen Gegenwartssprache in bewährter Weise Rechnung“ tragen. Bravo, willkommen im Jahre 2020!, denke ich mir.

5 Die flottgemachte Fassung des Standardwerks unserer Muttersprache möchte ich natürlich

absolut begrüßen. Gleichzeitig ist es bezeichnend, dass die Duden-Redaktion nicht sehr viel

Mühe investiert, um auf die Dringlichkeit geschlechtsneutraler Sprache hinzuweisen. Auf

gerade mal drei Seiten, also auf insgesamt 0,2 Prozent des Buches, erklärt sie, wie man das

Gendersternchen richtig einsetzt. Offenbar nervt das Gendern den (Altherren-)Verein

10 Deutscher Sprache (VDS) 1. Nur so ist zu erklären, warum dessen Vorsitzender, Professor

Walter Krämer, nach der Veröffentlichung des Werkes verkündet hat, es müsse Schluss

damit sein, „dass Einzelne von oben herab entscheiden wollen, wie sich Sprache zu

entwickeln hat“. Viele glaubten nun, „dass Gendersternchen und ähnliche Konstrukte echte

Bestandteile der deutschen Sprache seien“. Ich frage mich da: Warum so schlecht gelaunt,

15 Herr Krämer?

Die Debatte um diesen „Gender-Kram“ geht in eine neue Runde. „Na endlich!“, denke ich.

Die Diskussion dreht sich schließlich schon seit Jahren im Kreis und am Ende ist und bleibt

doch der immer gleiche Konsens: Die männliche Form, das generische Maskulinum 2, soll

immer dann verwendet werden, wenn „beide“, ja alle, Geschlechter mitgemeint sind. Die

20 Abkehr davon wäre die Akzeptanz einer geschlechtergerechten Sprache, die vielen

Menschen immer noch ein Graus ist.

Möglichkeiten gibt es ja genug, um die Gleichstellung der Geschlechter in der Sprache zu

25 betonen: zum Beispiel die Doppelnennung (Lehrer und Lehrerinnen), das Binnen-I

(LehrerInnen), das Gendersternchen (Lehrer*innen) oder der Gender Gap (Lehrer_innen).

Insbesondere die beiden letztgenannten Varianten zeigen besonders gut die geschlechtliche

Vielfalt unserer Gesellschaft abseits von Mann und Frau. Das wäre dann aber eine

sprachliche „Genderisierung des Alltags“, an der sich insbesondere Männer wie Professor

30 Krämer immer noch stören.

Der VDS rief ganz offiziell zum Widerstand auf. Da frage ich mich: Wird aus dem starken

Mann tatsächlich ein weiches Männlein, wenn Frauen und nicht-binäre Mitbürger*innen nicht

nur mitgedacht, sondern explizit auch angesprochen werden? Ist es nicht ein Armutszeugnis

für unsere Gesellschaft, wenn Gendersternchen als „Verrenkungen der Sprache“ und

35 Formulierungen wie „Kundin“ (statt Kunde allein) für große deutsche Verbände einer

sprachlichen Kamikaze-Tat gleichkommen?

Denn nicht nur der VDS empört sich, sondern auch andere einflussreiche Institutionen – wie

etwa der Deutsche Sparkassen- und Giroverband (DSGV). Seit Jahren führt er gegen die

40 Frauenrechtlerin Marlies Krämer einen kleinkarierten Rechtsstreit. Die Kundin (!) möchte auf

Formularen als Frau erkennbar sein und eben nicht als männlicher „Kunde“ angeschrieben

werden. Kann man es ihr wirklich verübeln? Sie zog deshalb bis vor den

Bundesgerichtshof. Wie bei allen Vorinstanzen wurde aber auch hier ihre Klage 2018

45 abgelehnt. Die offizielle Begründung: Die männliche Ansprache allein verstoße nicht gegen

das Gleichbehandlungsgesetz.

Man stelle sich einmal die Reaktionen in vertauschten Rollen vor: Sparkassenkundin Max

Mustermann muss seinen Kreditantrag als Kundin und nicht als Kunde unterschreiben. Wie

50 groß wäre da die Empörung? Ich frage mich, wie viele Klagen und Beschwerdebriefe den

DSGV in diesem Fall erreicht hätten. Die Argumente der selbsternannten

Sprachbewahrer*innen greifen in die Mottenkiste der Geschichte 3: Das generische

Maskulinum sei geschlechtsneutral, eine „historisch gewachsene Übereinkunft“ und eben

55 keine Diskriminierung. So lautet auch die einhellige Meinung der Amts- und Landesgerichte,

die Krämers Klagen in ersten Instanzen abgewiesen hatten.

So zeigt sich wieder einmal die schreiende Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft. In einer

60 Welt, in der Männer immer noch mehr Macht als Frauen haben, bleibt das Maskuline die

Norm, jede noch so kleine Anpassung wird zum Sonderfall. So bestimmen wieder Männer,

wann Sprache für alle Nicht-Männer diskriminierend ist. Und wann eben nicht. Ich kann das

nicht verstehen. Oder so gesagt: Wo ist das Problem, ein paar Bankformulare zu ändern?

65 Warum will man stattdessen lieber einen jahrelangen Kleinkrieg um ein paar Worte und

Endungen führen? Es bleibt dabei: Deutsche Sprache, Männersprache.

Es wird vergessen, dass Sprache sich fortwährend entwickelt. Sie ist keine

Momentaufnahme einer stillstehenden Gesellschaft. Sprache ist nicht nur historisch

70 gewachsen, sondern vor allem anpassungsfähig. Dieser „Gender-Unfug“, der so viele

Männer (und auch einige Frauen) nervt, ist nichts anderes als das bewusste Augenöffnen

vor der Tatsache, dass es neben der männlichen auch noch andere Normen und

Geschlechter gibt. Geschlechter, die vielleicht anders sind, aber deshalb nicht weniger

75 greifbar oder sichtbar. Dieser „Gender-Unfug“, um den viele Feministinnen und Feministen

jetzt kämpfen, will sichtbar machen, dass es nicht nur eine Norm, sondern viele

nebeneinander existierende Normen gibt. Wer das nicht versteht, versperrt sich vor der

Realität.

Und dann kommt noch ein anderer, viel wichtigerer Aspekt hinzu: Diejenigen, die das

70 Gendern nicht akzeptieren wollen, verstehen und sehen ihre eigenen Privilegien nicht. Oder

ist es reiner Zufall, dass sich ausgerechnet vor allem Männer über die Genderisierung

aufregen? Dass Männer auch hier mal wieder am lautesten brüllen, am besten Bescheid

wissen, am richtigsten recht haben.

Viele Männer ahnen, dass sich die Gesellschaft ändert. Sie haben wohl Angst davor. Was

75 bleibt dem deutschen Bratwurst-Fetischisten, dem testosterongeladenen Alleskönner, dem

teutonischen Manne 4 noch, wenn aus seiner Männersprache eine egalitäre, gerechte Wir-

Sprache wird, die die Pluralität der Gesellschaft – die blanke Realität – abbildet? Wenn

Frauen und non-binäre Mitbürger*innen nicht nur mitgemeint, sondern explizit angesprochen

80 und damit sichtbar werden? Unsere Sprache wäre damit inklusiver, das sichtbare Privileg

weniger Männer würde sich zum Gemeingut der ganzen Gesellschaft entwickeln. Wer sich

daran stört, wen das nervt, der bleibt ein Ewiggestriger, gefangen im eigenen Ego-Denken.

Ein schlichter Schwarz-Weiß-Film neben dem schillernden Instagram-Stream der modernen

80 Welt. Obendrein wird immer wieder vergessen: Auch das generische Maskulinum ist

Gendern. Nur richtet es sich am Prototypen unserer Welt aus: dem Mann.

Zugegeben: Nicht nur Männer verteidigen das generische Maskulinum, auch Frauen tun es,

85 sogar junge. Erst vor kurzem veröffentlichte der Schriftsteller Nele Pollatschek (Anm. der

Red.: Aus Respekt vor Frau Pollatschek sprechen wir im Maskulinum, weil sie selbst nicht

gegendert werden möchte) einen Bericht im Tagesspiegel, in dem sie sich gegen das

Gendern wehrt. Ihre These: Gendergerechte Sprache sei sexistisch, weil sie immer auf die

90 Kategorie Frau, also den Unterschied zwischen Frau und Mann hinweise und damit den

Gleichheitsanspruch sprachlich unterwandere.

Außerdem, so Pollatscheks kontroverse These: Wenn Frauen immer mitgemeint sein

95 wollten, um die Gleichheit aller Menschen voranzutreiben, müsste man auch auf andere

Identitätskategorien verweisen – etwa auf Schwule, Schwarze, Juden und Jüdinnen.

Pollatschek wendet ein: Das würde die Unterschiede größer machen, anstatt sie zu

nivellieren. Gendern sei also in Wahrheit schädlich und diskriminierend. „Wenn es mich nicht

gerade traurig macht, kann ich einen gewissen Humor darin entdecken, wie besessen

Deutschland von Genitalien ist.“

Ein fadenscheiniges Argument. Nele Pollatschek will schlicht nicht wahrhaben, dass es um

100 Differenzierungen geht. Beim Gendern geht es darum, Vielfalt sichtbar zu machen, weil auch

unsere Gesellschaft nun einmal plural und vielfältig ist. Sprache ist Macht. Wenn sich also

die Machtverhältnisse verändern sollen, muss auch die Sprache sich verändern. Für Nele

Pollatschek und den „Verein Deutscher Sprache“ mag der Gendersternchen kein Bestandteil

105 deutscher Sprache sein. Als Platzhalter, um die tatsächliche Vielfalt unserer Gesellschaft

auszudrücken, eignet er sich allemal.

Auch diese Zeitung schreibt nicht geschlechtergerecht und muss sich die Frage stellen,

inwiefern sie damit unsere Gesellschaft abbildet. Kann man überhaupt eine ganze

110 Tageszeitung mit Gendersternchen schreiben? Ich finde, ja. Wer die Gleichstellung der

Geschlechter will, sollte es zumindest einmal versuchen.

Gar keine Frage: Die Formen der Gender-Sprache sind nicht fehlerfrei und führen nicht

automatisch zu mehr Gerechtigkeit in diesem Land. Doch darf das kein Grund sein, am

Status Quo festzuhalten. Wen sprachliche Genderisierung nervt, der ist eben gerade kein*e

115 Bewahrer*in unseres Kulturgutes, sondern steht ihm und seiner Entwicklung im Weg. Aus

der Sprache der Dichter und Denker soll deshalb gern eine Sprache der Dichter*innen und

Denker*innen werden. Dann käme einem statt Goethe und Schiller vielleicht auch Karoline

115 von Günderrode oder Bettina von Arnim in den Sinn. Am Ende ist es doch so: Sprache

schafft Bedeutung und Ewiggestrige bleiben bedeutungslos. Ja, ganz klar, die Zukunft gehört

dem Gendersternchen.

Beigang, Maxi (12.09.2020): Deutschland muss zum Land der Dichter*innen und Denker*innen werden!

<https://www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/nele-pollatschek-gendern-gendern-macht-die-diskriminierung-nur-noch-schlimmer-lasst-deutschland-zum-land-der-dichterinnen-und-denkerinnen-werden-geschlechtergerechte-sprache-li.104117>. 19.02.2021

Maxi Beigang hat Politikwissenschaft, Germanistik und Journalismus studiert und arbeitet als Übersetzerin und Journalistin.

Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Textquelle.

1 Verein Deutscher Sprache (VDS): Der Verein Deutscher Sprache (ursprünglich Verein zur Wahrung der deutschen Sprache (VWDS)) verfolgt das Ziel, die deutsche Sprache als eigenständige Kultursprache zu erhalten und zu fördern. Zu den Leitlinien zählt unter anderem die Bekämpfung von Anglizismen sowie von Gendersprache, die antidemokratisch sei. Es handelt sich um keine rein fachwissenschaftliche Gruppierung.

2 generisches Maskulinum: Generisches Maskulinum bezeichnet eine in der deutschen Sprache übliche Gebrauchsgewohnheit oder Methode, bei der grammatisch männliche (maskuline) Personen- oder Berufsbezeichnungen, die auch eine weibliche (feminine) Wortform haben, in einem verallgemeinernden, generischen Sinne verwendet werden.

3 Mottenkiste der Geschichte: Phrase, die auf veraltete bzw. unzeitgemäße Argumentation verweist.

4 teutonischer Mann: hier: satirisch für „typischer Deutscher“.

Aufgabenstellung: Aufgabe 2 - Erörterung pragmatischer Texte · Abitur NRW Deutsch GK · gendergerechte Sprachverwendung 2023

Lösung

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2. Beurteilen Sie ausgehend von Ihren Ergebnissen die Überzeugungskraft des Textes.

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