Abitur Hessen Deutsch 2024 · GK · aktuelle sprachliche Tendenzen im Deutschen
Aufgabe Deutsch aus dem IQB-Pool 2024, GK · aktuelle sprachliche Tendenzen im Deutschen: 2 Teilaufgaben mit Lösungen. Themen: Analyse pragmatischer Texte.
Themen der Prüfung: Analyse pragmatischer Texte · Erörterung und Stellungnahme
Aufgabe 1 - Analyse pragmatischer Texte
Material
Theo Sommer: Müssen wir nun den Schwarzwald umbenennen? (2021)
Ein Geständnis, eine Warnung vorab: Ich schreibe diese Kolumne als ein alter weißer Mann, der sich schwarzärgert. Über die überempfindliche, gendergeschlechtliche oder identitätspolitische Verschandelung der deutschen Sprache. Über die Anmaßung von Minderheiten, der Mehrheit vorzuschreiben, was sie denken und wie sie sich ausdrücken darf. Und über die eilfertige Devotheit, mit der sich staatliche Behörden, öffentliche Institutionen und deutsche Fernsehgrößen den modischen Anwandlungen der Sprach- und Denkpanscher unterwerfen.
Auf einen Ausbruch von Schmähungen (wovon man zu sprechen pflegte, ehe der Ausdruck Shitstorm aufkam), bin ich gefasst. Die Zustimmung vieler anderer wird mich darüber hinwegtrösten.
In der Sprache grassiert der Wahn der politischen Korrektheit am übelsten. Das jüngste Beispiel ist die Ankündigung des Hamburger Verkehrsverbunds (HVV), den Begriff „Schwarzfahren“ nicht mehr zu verwenden, sondern in Zukunft von „Fahren ohne gültiges Ticket“ zu sprechen. Andere Städte haben dies vorgemacht, jetzt wolle man sich über die Ablösung des wording 1 Gedanken machen.
Wording, Ticket – was für ein Deutsch unserer beamteten Sprachreiniger! Ticket heißt in unserer Muttersprache Fahrkarte, Fahrschein, Flugschein, übrigens auch Strafzettel, und für wording gibt es Formulierung, Ausdrucksweise, Wortlaut. Aber es muss Englisch sein. Und „Schwarzfahren“ wird aus dem Sprachschatz – jawohl: dem Schatz unserer schönen, bunten, reichhaltigen Sprache – getilgt, weil er von Menschen mit dunkler Hautfarbe als diskriminierend empfunden werden könnte. Es ist allerdings nicht bekannt geworden, dass auch nur ein einziger sich beschwert hätte.
Dabei hat der Begriff keinerlei rassistischen Hintergrund. Er beschreibt Vorgänge, die sich im Dunklen abspielen; vielleicht stammt er auch aus dem Rotwelschen oder dem Jiddischen, wo shvarts arm heißt. In „Wahrigs Deutsches Wörterbuch“ füllt er zwischen „schwarz“ und „Schwarzwurst“ eine eng gedruckte Seite mit 108 Einträgen, darunter Schwarzhandel, Schwarzmarkt, Schwarzbrot, Schwarzbrauerei, Schwarzarbeit, Schwarzes Brett (Anschlagtafel), Schwarzkittel (Wildschwein), Schwarzrock (Geistlicher), Schwarzer Peter (Kartenspiel für Kinder). Müssen wir nun den Schwarzwald umbenennen? Darf man von CDU-Leuten noch als „die Schwarzen“ reden? Sollten wir gar unsere Nationalfarben Schwarz-Rot-Gold ändern, weil Afrikaner und Chinesen daran Anstoß nehmen könnten?
Sorgen bereitet mir auch die Vergenderung der deutschen Sprache. Sie verliert dadurch an innerer Harmonie, Musikalität, Natürlichkeit, Durchsichtigkeit und Einheitlichkeit. Die Annahme, dass sich nur auf diese Weise die politische Wirklichkeit verändern lasse, ist empirisch in keiner Weise zu belegen. Judith Sevinç Basad 2 hat nicht von ungefähr in der NZZ 3 darauf hingewiesen, dass sich Frauen und Queers 4 während der letzten 70 Jahre in rasantem Tempo aus den Fesseln des Patriarchats befreit haben – und dies auch mit dem generischen Maskulinum und ohne Gendersternchen, Unterstriche oder Doppelpunkte.
Dass Sprache sich wandelt, hat schon Wilhelm von Humboldt gesagt. Seine „Schriften zur Sprache“ gehören in die Hand eines jeden, der heute in Behörden und Unternehmen über unsere Schreibweise entscheidet (überhaupt möchte man ja einmal die Abituraufsätze und Deutschnoten unserer Sprachpolizisten sehen; viel Kenntnisreichtum wird man da wohl kaum entdecken). Der Wortvorrat einer Sprache sei keine „fertig daliegende Masse“, sagt Humboldt. Sie lebe „im Munde des Volkes“ als „fortgehendes Erzeugnis und Wiedererzeugnis des wortbildenden Vermögens“. Doch wie Peter Schmachthagen 5, der Sprachpapst des Hamburger Abendblattes, zu Recht sagt: „Im Augenblick wandelt sich die Sprache nicht, sondern sie wird gewandelt, verunstaltet und missbraucht.“ Mit natürlichem Sprachwandel hat die Gendersprache nichts zu tun. Vielmehr soll da eine Weltanschauung von oben durchgesetzt werden, und zwar gegen den Willen der Mehrheit, die zu über 70 Prozent dagegen ist.
Ich bin absolut gegen Rassismus und ebenso entschieden für die rechtliche, finanzielle und gesellschaftliche Gleichstellung der Frauen. Aber ich glaube nicht, dass die Tilgung des Wortes „schwarz“ die Akzeptanz der Nicht-Weißen fördert, und ebenso wenig, dass Vergenderung unserer Schriftsprache nötig ist, um die Verhältnisse zu ändern. Mir ist auch völlig egal, welche sexuellen Einstellungen und Vorstellungen die Menschen pflegen. Ob Hetero oder LGBTQ 6 – ich respektiere es und trete für Optionsfreiheit eines jeden ein. Aber muss man wirklich – wie die Lufthansa – die Anrede „Sehr geehrte Damen und Herren“ abschaffen, aus Rücksicht auf jene wenigen in einer Bevölkerung von 83 Millionen, die sich als „divers“ registriert haben – bis Ende September ganze 394 Erwachsene?
Da lobe ich mir doch Judith Rakers, die den Zuschauern der Tagesschau tapfer weiterhin ihr „Guten Tag, meine Damen und Herren!“ zuruft. Hingegen finde ich den Glottisschlag 7 von Anne Will und Claus Kleber 8 (und vielen kleineren TV-Leuchten), ihren als Doppelpunkt gesprochenen Schluckauf – Bürger:innen und Mitglieder:innen – einfach lächerlich. Ich frage dann jedes Mal: Und was ist mit den Bürgern und Mitgliedern außen?
Hinter alledem steckt ein geradezu konstitutionelles Problem. In seinem magistralen 9 Werk „Über die Demokratie in Amerika“ (1835) warnt Alexis de Tocqueville vor der Tyrannei der Mehrheit. Was ihn in Amerika am meisten abstieß, war nicht die weitgehende Freiheit, die dort herrscht, sondern „die geringe Gewähr, die man dort gegen die Tyrannei“, die „Allmacht der Mehrheit“ findet.
Blickte er heute auf die Bundesrepublik Deutschland, er würde zu einem entgegengesetzten Schluss kommen. Unser Problem ist nicht die Allmacht der Mehrheit, sondern die Tyrannei einer elitären ideologischen Minderheit. Das bleibt von der Lebenswirklichkeit der Menschen weit entfernt. Laut Allensbach 10 verstanden 95 Prozent der Befragten es nicht, warum eine Politikerin sich dafür entschuldigen musste, dass sie als Kind Indianerhäuptling habe werden wollen. 11 Volle 87 Prozent fanden es übertrieben, dass das Gedicht, das die Schwarze Amanda Gorman bei der Amtsübernahme von Joe Biden vortrug, nicht von einer Weißen übersetzt werden durfte. Und eine Mehrheit zeigte sich genervt durch die Zumutung, sich politisch korrekt auszudrücken. Heiner Bremer, Urgestein des deutschen Illustrierten- und Fernsehjournalismus, hat recht: „Es macht die Gesellschaft kaputt, wenn einzelne Gruppen meinen, sie hätten die Wahrheit gepachtet.“ Da lauert allerhand Konfliktpotenzial.
Retten wir also so schlichte Sätze wie „Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“. Lassen wir die Fanatiker nicht an der Literatur herumfummeln („Die person of color hat ihre Schuldigkeit getan“ 12). Und stehen wir dem Schriftsteller Matthias Politycki bei, der jüngst die Unversehrtheit unserer Sprache – Humboldt: „den Odem, die Seele der Nation“ – in einem aufwühlenden FAZ 13 -Aufsatz beschworen hat.
Sommer, Theo (20.07.2021): Müssen wir nun den Schwarzwald umbenennen? <http://www.zeit.de/gesellschaft/2021-07/politisch-korrekte-sprache-gendern-identitaetspolitik-theo-sommer-5vor8/komplettansicht>. 01.03.2023
Theo Sommer (1930–2022) war Journalist und Historiker.
Sprachliche Fehler in der Textvorlage wurden entsprechend der geltenden Norm korrigiert.
1 wording (engl.): Übereinkunft zur Verwendung bestimmter Formulierungen; Sprachregelung.
2 Judith Sevinç Basad: freie Journalistin und Autorin, die überregional publiziert.
3 NZZ: Abkürzung für Neue Zürcher Zeitung.
4 Queers: Sammelbegriff für Menschen, die sich nicht einer heterosexuellen Orientierung und bzw. oder einer bestimmten Geschlechtsidentität zuordnen.
5 Peter Schmachthagen: Germanist und Journalist.
6 LGBTQ: aus dem Englischen übernommene Abkürzung für lesbisch, schwul, bisexuell, transgender und queer.
7 Glottisschlag: Knack- oder Trennlaut innerhalb eines Wortes, der wie eine Pause wirkt.
8 Anne Will und Claus Kleber: bekannte Journalisten des öffentlich-rechtlichen Fernsehens.
9 magistralen: hier: wegweisendes Standardwerk.
10 Allensbach: Institut für Demoskopie (Meinungsforschung) mit Sitz in Allensbach.
11 als Kind Indianerhäuptling habe werden wollen: Bezug zur Äußerung der Grünen-Politikerin Bettina Jarasch im März 2021, wonach sie als Kind Indianerhäuptling werden wollte, was in den sozialen Medien zu einem Sturm der Entrüstung führte.
12 Die person of color hat ihre Schuldigkeit getan: Anlehnung an die Redewendung: „Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen.“ Es handelt sich dabei um ein abgewandeltes Zitat aus einem Drama Friedrich Schillers.
13 FAZ: Abkürzung für Frankfurter Allgemeine Zeitung.
1.
Analysieren Sie den Text „Müssen wir nun den Schwarzwald umbenennen?“ von Theo Sommer. Berücksichtigen Sie dabei den Aufbau der Argumentation, die sprachlich-stilistische Gestaltung und die Intention. ca. 70 %
Aufgabe 2 - Erörterung pragmatischer Texte
Material
Theo Sommer: Müssen wir nun den Schwarzwald umbenennen? (2021)
Ein Geständnis, eine Warnung vorab: Ich schreibe diese Kolumne als ein alter weißer Mann, der sich schwarzärgert. Über die überempfindliche, gendergeschlechtliche oder identitätspolitische Verschandelung der deutschen Sprache. Über die Anmaßung von Minderheiten, der Mehrheit vorzuschreiben, was sie denken und wie sie sich ausdrücken darf. Und über die eilfertige Devotheit, mit der sich staatliche Behörden, öffentliche Institutionen und deutsche Fernsehgrößen den modischen Anwandlungen der Sprach- und Denkpanscher unterwerfen.
Auf einen Ausbruch von Schmähungen (wovon man zu sprechen pflegte, ehe der Ausdruck Shitstorm aufkam), bin ich gefasst. Die Zustimmung vieler anderer wird mich darüber hinwegtrösten.
In der Sprache grassiert der Wahn der politischen Korrektheit am übelsten. Das jüngste Beispiel ist die Ankündigung des Hamburger Verkehrsverbunds (HVV), den Begriff „Schwarzfahren“ nicht mehr zu verwenden, sondern in Zukunft von „Fahren ohne gültiges Ticket“ zu sprechen. Andere Städte haben dies vorgemacht, jetzt wolle man sich über die Ablösung des wording 1 Gedanken machen.
Wording, Ticket – was für ein Deutsch unserer beamteten Sprachreiniger! Ticket heißt in unserer Muttersprache Fahrkarte, Fahrschein, Flugschein, übrigens auch Strafzettel, und für wording gibt es Formulierung, Ausdrucksweise, Wortlaut. Aber es muss Englisch sein. Und „Schwarzfahren“ wird aus dem Sprachschatz – jawohl: dem Schatz unserer schönen, bunten, reichhaltigen Sprache – getilgt, weil er von Menschen mit dunkler Hautfarbe als diskriminierend empfunden werden könnte. Es ist allerdings nicht bekannt geworden, dass auch nur ein einziger sich beschwert hätte.
Dabei hat der Begriff keinerlei rassistischen Hintergrund. Er beschreibt Vorgänge, die sich im Dunklen abspielen; vielleicht stammt er auch aus dem Rotwelschen oder dem Jiddischen, wo shvarts arm heißt. In „Wahrigs Deutsches Wörterbuch“ füllt er zwischen „schwarz“ und „Schwarzwurst“ eine eng gedruckte Seite mit 108 Einträgen, darunter Schwarzhandel, Schwarzmarkt, Schwarzbrot, Schwarzbrauerei, Schwarzarbeit, Schwarzes Brett (Anschlagtafel), Schwarzkittel (Wildschwein), Schwarzrock (Geistlicher), Schwarzer Peter (Kartenspiel für Kinder). Müssen wir nun den Schwarzwald umbenennen? Darf man von CDU-Leuten noch als „die Schwarzen“ reden? Sollten wir gar unsere Nationalfarben Schwarz-Rot-Gold ändern, weil Afrikaner und Chinesen daran Anstoß nehmen könnten?
Sorgen bereitet mir auch die Vergenderung der deutschen Sprache. Sie verliert dadurch an innerer Harmonie, Musikalität, Natürlichkeit, Durchsichtigkeit und Einheitlichkeit. Die Annahme, dass sich nur auf diese Weise die politische Wirklichkeit verändern lasse, ist empirisch in keiner Weise zu belegen. Judith Sevinç Basad 2 hat nicht von ungefähr in der NZZ 3 darauf hingewiesen, dass sich Frauen und Queers 4 während der letzten 70 Jahre in rasantem Tempo aus den Fesseln des Patriarchats befreit haben – und dies auch mit dem generischen Maskulinum und ohne Gendersternchen, Unterstriche oder Doppelpunkte.
Dass Sprache sich wandelt, hat schon Wilhelm von Humboldt gesagt. Seine „Schriften zur Sprache“ gehören in die Hand eines jeden, der heute in Behörden und Unternehmen über unsere Schreibweise entscheidet (überhaupt möchte man ja einmal die Abituraufsätze und Deutschnoten unserer Sprachpolizisten sehen; viel Kenntnisreichtum wird man da wohl kaum entdecken). Der Wortvorrat einer Sprache sei keine „fertig daliegende Masse“, sagt Humboldt. Sie lebe „im Munde des Volkes“ als „fortgehendes Erzeugnis und Wiedererzeugnis des wortbildenden Vermögens“. Doch wie Peter Schmachthagen 5, der Sprachpapst des Hamburger Abendblattes, zu Recht sagt: „Im Augenblick wandelt sich die Sprache nicht, sondern sie wird gewandelt, verunstaltet und missbraucht.“ Mit natürlichem Sprachwandel hat die Gendersprache nichts zu tun. Vielmehr soll da eine Weltanschauung von oben durchgesetzt werden, und zwar gegen den Willen der Mehrheit, die zu über 70 Prozent dagegen ist.
Ich bin absolut gegen Rassismus und ebenso entschieden für die rechtliche, finanzielle und gesellschaftliche Gleichstellung der Frauen. Aber ich glaube nicht, dass die Tilgung des Wortes „schwarz“ die Akzeptanz der Nicht-Weißen fördert, und ebenso wenig, dass Vergenderung unserer Schriftsprache nötig ist, um die Verhältnisse zu ändern. Mir ist auch völlig egal, welche sexuellen Einstellungen und Vorstellungen die Menschen pflegen. Ob Hetero oder LGBTQ 6 – ich respektiere es und trete für Optionsfreiheit eines jeden ein. Aber muss man wirklich – wie die Lufthansa – die Anrede „Sehr geehrte Damen und Herren“ abschaffen, aus Rücksicht auf jene wenigen in einer Bevölkerung von 83 Millionen, die sich als „divers“ registriert haben – bis Ende September ganze 394 Erwachsene?
Da lobe ich mir doch Judith Rakers, die den Zuschauern der Tagesschau tapfer weiterhin ihr „Guten Tag, meine Damen und Herren!“ zuruft. Hingegen finde ich den Glottisschlag 7 von Anne Will und Claus Kleber 8 (und vielen kleineren TV-Leuchten), ihren als Doppelpunkt gesprochenen Schluckauf – Bürger:innen und Mitglieder:innen – einfach lächerlich. Ich frage dann jedes Mal: Und was ist mit den Bürgern und Mitgliedern außen?
Hinter alledem steckt ein geradezu konstitutionelles Problem. In seinem magistralen 9 Werk „Über die Demokratie in Amerika“ (1835) warnt Alexis de Tocqueville vor der Tyrannei der Mehrheit. Was ihn in Amerika am meisten abstieß, war nicht die weitgehende Freiheit, die dort herrscht, sondern „die geringe Gewähr, die man dort gegen die Tyrannei“, die „Allmacht der Mehrheit“ findet.
Blickte er heute auf die Bundesrepublik Deutschland, er würde zu einem entgegengesetzten Schluss kommen. Unser Problem ist nicht die Allmacht der Mehrheit, sondern die Tyrannei einer elitären ideologischen Minderheit. Das bleibt von der Lebenswirklichkeit der Menschen weit entfernt. Laut Allensbach 10 verstanden 95 Prozent der Befragten es nicht, warum eine Politikerin sich dafür entschuldigen musste, dass sie als Kind Indianerhäuptling habe werden wollen. 11 Volle 87 Prozent fanden es übertrieben, dass das Gedicht, das die Schwarze Amanda Gorman bei der Amtsübernahme von Joe Biden vortrug, nicht von einer Weißen übersetzt werden durfte. Und eine Mehrheit zeigte sich genervt durch die Zumutung, sich politisch korrekt auszudrücken. Heiner Bremer, Urgestein des deutschen Illustrierten- und Fernsehjournalismus, hat recht: „Es macht die Gesellschaft kaputt, wenn einzelne Gruppen meinen, sie hätten die Wahrheit gepachtet.“ Da lauert allerhand Konfliktpotenzial.
Retten wir also so schlichte Sätze wie „Fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“. Lassen wir die Fanatiker nicht an der Literatur herumfummeln („Die person of color hat ihre Schuldigkeit getan“ 12). Und stehen wir dem Schriftsteller Matthias Politycki bei, der jüngst die Unversehrtheit unserer Sprache – Humboldt: „den Odem, die Seele der Nation“ – in einem aufwühlenden FAZ 13 -Aufsatz beschworen hat.
Sommer, Theo (20.07.2021): Müssen wir nun den Schwarzwald umbenennen? <http://www.zeit.de/gesellschaft/2021-07/politisch-korrekte-sprache-gendern-identitaetspolitik-theo-sommer-5vor8/komplettansicht>. 01.03.2023
Theo Sommer (1930–2022) war Journalist und Historiker.
Sprachliche Fehler in der Textvorlage wurden entsprechend der geltenden Norm korrigiert.
1 wording (engl.): Übereinkunft zur Verwendung bestimmter Formulierungen; Sprachregelung.
2 Judith Sevinç Basad: freie Journalistin und Autorin, die überregional publiziert.
3 NZZ: Abkürzung für Neue Zürcher Zeitung.
4 Queers: Sammelbegriff für Menschen, die sich nicht einer heterosexuellen Orientierung und bzw. oder einer bestimmten Geschlechtsidentität zuordnen.
5 Peter Schmachthagen: Germanist und Journalist.
6 LGBTQ: aus dem Englischen übernommene Abkürzung für lesbisch, schwul, bisexuell, transgender und queer.
7 Glottisschlag: Knack- oder Trennlaut innerhalb eines Wortes, der wie eine Pause wirkt.
8 Anne Will und Claus Kleber: bekannte Journalisten des öffentlich-rechtlichen Fernsehens.
9 magistralen: hier: wegweisendes Standardwerk.
10 Allensbach: Institut für Demoskopie (Meinungsforschung) mit Sitz in Allensbach.
11 als Kind Indianerhäuptling habe werden wollen: Bezug zur Äußerung der Grünen-Politikerin Bettina Jarasch im März 2021, wonach sie als Kind Indianerhäuptling werden wollte, was in den sozialen Medien zu einem Sturm der Entrüstung führte.
12 Die person of color hat ihre Schuldigkeit getan: Anlehnung an die Redewendung: „Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen.“ Es handelt sich dabei um ein abgewandeltes Zitat aus einem Drama Friedrich Schillers.
13 FAZ: Abkürzung für Frankfurter Allgemeine Zeitung.
2.
Nehmen Sie Stellung zu Theo Sommers Position bezüglich der von ihm angeführten Veränderungstendenzen der deutschen Sprache. Berücksichtigen Sie dabei Ihr unterrichtliches Wissen. ca. 30 %
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