Abitur Hamburg Deutsch 2025 · LK · Sprachgebrauch im gesellschaftspolitischen Kontext

Aufgabe Deutsch aus dem IQB-Pool 2025, LK · Sprachgebrauch im gesellschaftspolitischen Kontext: 2 Teilaufgaben mit Lösungen. Mit automatischer Korrektur.

Themen der Aufgabe: Analyse pragmatischer Texte · Erörterung pragmatischer Texte

Aufgabe 1 - Analyse pragmatischer Texte

Aufgabenstellung

Material

Helmut Berschin: Sehr geehrte Persönlichkeiten! (2022)

Eigentlich könnten die rund 90 Millionen Muttersprachler des Deutschen mit ihrer Sprache

zufrieden sein: Sie funktioniert als Kommunikationsmittel für alle Sprecher, unabhängig von

deren Herkunft, Geschlecht, Alter, Religion und den politischen Umständen. Auch in den 40

Jahren der politischen Teilung Deutschlands blieb die Nation sprachlich geeint. Zunehmend

5 macht sich aber Unmut über den Sprachgebrauch staatlicher Stellen und des

gebührenfinanzierten Fernsehens breit: Leserbriefe kritisieren „die unnötige Verkomplizierung

der deutschen Sprache“, ihre „Verhunzung“ und ihren „Missbrauch für eine

gesellschaftspolitisch und ideologisch motivierte Agenda“.

Eine Sprache braucht an sich keinen Staat, sie funktioniert von allein. Umgekehrt gilt aber: Der

10 Staat braucht die Sprache; denn Staaten sind Kommunikationsgemeinschaften, und

politisches Handeln läuft über die Sprache: Revolutionäre wie Robespierre 1 in Frankreich,

Lenin 2 in Russland, Fidel Castro 3 in Kuba haben vor allem „geredet“: in ihrer Sprache, die sie

perfekt benutzten. Sie wären aber nie auf die Idee gekommen, die Grammatik des

Französischen, Russischen oder Spanischen zu ändern.

15 Schon die alten Römer wussten: Caesar non est supra grammaticos, auch der Kaiser steht

nicht über den Grammatikern – oder moderner übersetzt: „Der Staat kann der Grammatik

nichts befehlen.“ Genau dies weiß der deutsche Staat heute nicht mehr und fördert unter dem

Namen „geschlechtergerechte (geschlechtersensible) Sprache“ eine Grammatikänderung, die

als „Gendern“ bezeichnet wird.

20 Dabei geht es um das grammatische Geschlecht (Genus) von Personenbezeichnungen. Im

Deutschen gilt hierzu die Faustregel: Männliche Personen stehen grammatisch im

Maskulinum, weibliche im Femininum. In zahlreichen Fällen ist die Personenbezeichnung

allerdings geschlechtsneutral: der Star, der Säugling (und sonstige Bezeichnungen auf -ling),

die Geisel, die Persönlichkeit, das Opfer, das Kind.

25 Nun ist das biologische Geschlecht (Sexus) einer Person, über die gesprochen wird, häufig

unbekannt: Wer sagt: „Der Nächste bitte!“ oder in einem Notfall fragt: „Ist ein Arzt an Bord?“,

weiß noch nicht, ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelt. Die

Geschlechtszugehörigkeit ist hier auch sachlich uninteressant, genauso wie bei größeren

Personengruppen, die ja meistens geschlechtergemischt sind: Im Satz „München hat rund 1,5

30 Millionen Einwohner“ bezieht sich das Maskulinum Einwohner nicht nur auf Männer, sondern

auf Männer und Frauen.

Grammatisch bezeichnet man diese Funktion als allgemeines oder „generisches“ Maskulinum.

Dieses generische Maskulinum soll aus der grammatischen Struktur des Deutschen

verschwinden, und zwar durch Gendern, was zu „geschlechtergerechten“ Formulierungen

35 führt wie: „Der oder die Nächste bitte!“, „Ist ein Arzt oder eine Ärztin an Bord?“, „München hat

rund 1,5 Millionen Einwohnende“ (die Stadt Köln verwendet bereits diese Bezeichnung). Aber

kann sich eine solche Grammatikänderung in der Sprachpraxis durchsetzen?

Richtiges Gendern ist kompliziert: Es genügt nicht, einfach an die Personenbezeichnung ein

-in oder -innen anzuhängen (was zu Fehlbildungen wie Mitgliederinnen oder

40 Krankenschwesterin führen kann), man muss zum Beispiel auch die pronominalen Bezüge

beachten: Das geflügelte Wort „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die

Wahrheit spricht“ lautet auf Genderdeutsch: „Wer einmal lügt, dem oder der glaubt man nicht,

und wenn er oder sie auch die Wahrheit spricht.“

Wer nicht sprachwissenschaftlich vorgebildet ist, muss Gendern lernen – und das kostet Zeit:

45 Der 2021 erschienene Ratgeber „Richtiges Gendern für Dummies (Anfänger)“ hat 160 Seiten

und das „Handbuch geschlechtergerechter Sprache“ (2022) 272 Seiten. Befolgt man alle

Genderregeln solcher Ratgeber, ist das generische Maskulinum aus einem Text aber

keineswegs verschwunden: Bei direkten, anredefähigen Personenbezeichnungen wird es

zwar ersetzt (die Bürger werden zu Bürgerinnen und Bürger), aber in Wortableitungen (bürger-

50 lich, Bürger-tum) bleibt es durchaus erhalten, ebenso als Erstglied von

Wortzusammensetzungen: Bürger-beteiligung, Bürger-dialog, bürger-freundlich, Bürger-geld,

Bürger-rechte.

Der Umfang dieses Wortschatzes ist enorm – allein zu Bürger gibt es im Rechtschreibduden

mehr als 50 einschlägige Wortbildungen. Die Gender-Ratgeber empfehlen deshalb, diese

55 Wörter gar nicht zu gendern, womit ihr Ziel, das generische Maskulinum abzuschaffen,

illusorisch wird: Ein Wort wie Lehrermangel müsste ja nach der Genderlehre bedeuten, dass

nur männliche Lehrer fehlen, und deshalb durch Lehrer- und Lehrerinnenmangel ersetzt

werden.

Aber auch die Beschränkung des Genderns auf direkte Personenbezeichnungen führt in der

60 Sprachpraxis nicht dazu, dass „richtig“ und, vor allem, systematisch gegendert wird. Meistens

bleiben viele generische Maskulinformen ungegendert.

Nehmen wir als Beispiel den Koalitionsvertrag von 2021 zwischen SPD, Grünen und FDP –

ein Text, der von der politischen Führungselite des Landes formuliert wurde. Der 177 Seiten

umfassende Vertrag enthält korrekt gegenderte Paarformeln wie „Anglerinnen und Angler“,

65 „Bürgerinnen und Bürger“, „Landwirtinnen und Landwirte“. Andererseits werden

Personengruppen wie „Teilnehmer“ (an Meisterkursen), „Waldbesitzer“, „Verfassungsfeinde“

im generischen Maskulin genannt. Und schließlich kommt dieselbe Personenbezeichnung

gegendert und ungegendert vor: Es gibt „Nutzerinnen und Nutzer“ neben „Nutzer“, „ein oder

eine Tierschutzbeauftragte“ neben „einem (geplanten) Meeresbeauftragten“, „Akteurinnen und

70 Akteure“ neben „Akteuren“.

Kurzum: ein sprachliches Durcheinander, bei dem sich die Frage stellt, ob die Verfasser

gendern nicht können oder nicht ernst nehmen. Jedenfalls ist „richtiges Gendern“ für die hohe

Politik Nebensache; es geht nur darum, sprachsymbolisch ab und zu ein Gendersignal zu

senden, um seine positive Einstellung zu zeigen.

75 Dieses selektive Gendern hat gegenüber dem systematischen Gendern kommunikativ drei

Vorteile: Man kann erstens dabei sprachlich kaum Fehler machen, weil es sich auf einige

Floskeln wie „Bürgerinnen und Bürger“ beschränkt. Zweitens wird das Publikum, das bei

penetrantem Gendern erfahrungsgemäß „abschaltet“, nicht gelangweilt. Drittens hat der Autor

bei einem nicht oder wenig gegenderten Text mehr Formulierungsmöglichkeiten als bei einem

80 systematisch gegenderten. Es gibt deshalb bisher keinen Schriftsteller, der auf Genderdeutsch

schreibt.

Die Genderquote – das Verhältnis gegenderter zu genderbaren Personenbezeichnungen – ist

beim selektiven Gendern relativ niedrig: In ZDF-Nachrichtensendungen und bei genderwilligen

Zeitungen liegt sie bei etwa zehn Prozent (mehr gendern würde die Texte aufblähen und

85 stilistisch holprig machen).

Gendern fällt also sprachlich auf, und das soll es ja: Es dient als politisches Bekenntnissymbol.

Aber wofür? Irgendwie für „modern“, „weltoffen“, „Vielfalt“, „Fortschritt“, „Gleichberechtigung“.

Gendern soll zeigen, dass jemand die richtige Haltung und Gesinnung hat, es ist eine Frage

der Moral, wobei die deutsche Sprache nur als „Aufhänger“ dient. Einen sachlichen

90 Informationswert hat das Gendern nicht: Die Schlagzeile „EU erschwert Einreise für Russinnen

und Russen“ sagt nicht mehr aus als „EU erschwert Einreise für Russen“.

Mit dem Sprachfeminismus, der in den 1980er-Jahren entstand, und in der „Männersprache

Deutsch“ die Frauen „sichtbar“ machen wollte, hat die heutige Debatte um das Gendern als

Zeichen sprachlicher „Geschlechtergerechtigkeit“ nichts mehr zu tun. Der Sprachfeminismus

95 ging von zwei Geschlechtern aus: „männlich“ und „weiblich“. Aber diese „binäre“

Geschlechterordnung ist seit dem 10. Oktober 2017 nicht mehr zeitgemäß, als das

Bundesverfassungsgericht ein „drittes Geschlecht“ anerkannte, das im Personenstands-

register nun als „divers“ oder „ohne Angabe“ erscheint.

Für dieses dritte Geschlecht – die Anzahl der Betroffenen schätzte das Bundesverfassungs-

100 gericht auf 160 000, standesamtlich registriert sind weniger als 10 000 – reichte die beim

Gendern übliche Paarformel (Bürgerinnen und Bürger) nicht mehr aus. So entstanden

künstliche Wortbildungen, in denen die Diversen grafisch durch ein Sonderzeichen dargestellt

werden: Genderstern (Bürger*innen), Unterstrich (Bürger_innen), Doppelpunkt (Bürger:innen).

Am verbreitetsten ist heute der Genderstern, den die Universität Bielefeld ihren Studenten

105 2019 so erklärte: „Symbolisch stehen die Strahlen des Sternchens, die in verschiedene

Richtungen zeigen, für die unterschiedlichen Geschlechtsidentitäten. Das Gendersternchen

bildet Vielfalt ab.“ Aber wie soll man das Sternchen aussprechen? Indem zwischen Wortstamm

und Endung eine kurze Pause (+) gemacht wird: Bürger + innen. Im Rundfunk wird diese

Aussprache ausprobiert, allerdings verstehen die Zuhörer meistens Bürgerinnen, also

110 „weibliche Bürger“.

Mit dem dritten Geschlecht stellt sich übrigens das Problem der geschlechtergerechten

Anrede: „Meine Damen und Herren!“ geht nicht mehr, weil es nur zwei Geschlechter anspricht.

Die Politik ist hier mit einer Änderung noch zurückhaltend – im Bundestag lautet die

Standardanrede weiter „Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren!“ –, aber die Universität

115 Regensburg hat schon einen Vorschlag gemacht: „Sehr geehrte Persönlichkeiten!“

Was hat das Gendern gebracht? Für die Deutschsprecher nichts, außer einer gewissen

Verunsicherung im öffentlichen Sprachgebrauch: Darf man noch „Studenten“ sagen,

„Ausländer“ und „Demonstranten“ – oder muss es heißen: „Studierende, Menschen mit

ausländischem Pass, Demonstrierende“?

120 Positiv wirkt sich das Gendern für dessen Protagonisten aus: Sie können mit Planstellen in

staatlichen Einrichtungen rechnen, vor allem an Universitäten, wo die Genderwissenschaften

aufblühen und eine „wissenschaftliche“ Begründung für das Gendern liefern. Hauptargument:

Frauen fühlen sich durch das generische Maskulinum nicht angesprochen.

[...]

Für die Politik ist Gendern ein nützliches Mittel, um Sachfragen in Sprachfragen aufzulösen,

125 wie die faktische Benachteiligung von Frauen: Die Durchschnittsrente von Frauen betrug 2020

in Westdeutschland 730 Euro, für Männer 1210 Euro. Altersarmut trifft also in erster Linie

Frauen – daran ändert auch nichts, dass sie in der Floskel „Rentnerinnen und Rentner“

politisch hervorgehoben werden.

„Nun sag, wie hast du's mit der Religion?“, fragt in Goethes „Faust“ Margarete. Diese

130 „Gretchenfrage“ stellt sich heute für Viele beim Gendern: Wer es tut, bekennt sich aktiv oder

als Mitläufer zu einer quasireligiösen „Bewegung“. Gendern ist zwar schlechter Stil und seine

Begründung sprachwissenschaftlich falsch, aber politisch ein Ausdruck von Meinungsfreiheit

– die jedoch da endet, wo man anderen vorschreibt zu gendern.

1 Maximilien de Robespierre (1758–1794): französischer Rechtsanwalt, Revolutionär und führender Politiker.

2 Wladimir Iljitsch Lenin (1870–1924): russischer Politiker und Revolutionär, Gründer der Sowjetunion.

3 Fidel Alejandro Castro Ruz (1926–2016): kubanischer Revolutionär, kommunistischer Regierungschef Kubas von 1976–2008.

Berschin, Helmut: Sehr geehrte Persönlichkeiten! In: Nürnberger Zeitung (22.09.2022), S. 16.

Helmut Berschin (*1940) ist Sprachwissenschaftler und emeritierter Professor für Romanistik.

Sprachliche Fehler in der Textvorlage wurden entsprechend der geltenden Norm korrigiert.

1.

Stellen Sie den Argumentationsgang des Textes von Helmut Berschin dar und erläutern Sie die Intention des Textes. [ca. 40 %]

Aufgabe 2 - Erörterung pragmatischer Texte

Aufgabenstellung

Material

Helmut Berschin: Sehr geehrte Persönlichkeiten! (2022)

Eigentlich könnten die rund 90 Millionen Muttersprachler des Deutschen mit ihrer Sprache

zufrieden sein: Sie funktioniert als Kommunikationsmittel für alle Sprecher, unabhängig von

deren Herkunft, Geschlecht, Alter, Religion und den politischen Umständen. Auch in den 40

Jahren der politischen Teilung Deutschlands blieb die Nation sprachlich geeint. Zunehmend

5 macht sich aber Unmut über den Sprachgebrauch staatlicher Stellen und des

gebührenfinanzierten Fernsehens breit: Leserbriefe kritisieren „die unnötige Verkomplizierung

der deutschen Sprache“, ihre „Verhunzung“ und ihren „Missbrauch für eine

gesellschaftspolitisch und ideologisch motivierte Agenda“.

Eine Sprache braucht an sich keinen Staat, sie funktioniert von allein. Umgekehrt gilt aber: Der

10 Staat braucht die Sprache; denn Staaten sind Kommunikationsgemeinschaften, und

politisches Handeln läuft über die Sprache: Revolutionäre wie Robespierre 1 in Frankreich,

Lenin 2 in Russland, Fidel Castro 3 in Kuba haben vor allem „geredet“: in ihrer Sprache, die sie

perfekt benutzten. Sie wären aber nie auf die Idee gekommen, die Grammatik des

Französischen, Russischen oder Spanischen zu ändern.

15 Schon die alten Römer wussten: Caesar non est supra grammaticos, auch der Kaiser steht

nicht über den Grammatikern – oder moderner übersetzt: „Der Staat kann der Grammatik

nichts befehlen.“ Genau dies weiß der deutsche Staat heute nicht mehr und fördert unter dem

Namen „geschlechtergerechte (geschlechtersensible) Sprache“ eine Grammatikänderung, die

als „Gendern“ bezeichnet wird.

20 Dabei geht es um das grammatische Geschlecht (Genus) von Personenbezeichnungen. Im

Deutschen gilt hierzu die Faustregel: Männliche Personen stehen grammatisch im

Maskulinum, weibliche im Femininum. In zahlreichen Fällen ist die Personenbezeichnung

allerdings geschlechtsneutral: der Star, der Säugling (und sonstige Bezeichnungen auf -ling),

die Geisel, die Persönlichkeit, das Opfer, das Kind.

25 Nun ist das biologische Geschlecht (Sexus) einer Person, über die gesprochen wird, häufig

unbekannt: Wer sagt: „Der Nächste bitte!“ oder in einem Notfall fragt: „Ist ein Arzt an Bord?“,

weiß noch nicht, ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelt. Die

Geschlechtszugehörigkeit ist hier auch sachlich uninteressant, genauso wie bei größeren

Personengruppen, die ja meistens geschlechtergemischt sind: Im Satz „München hat rund 1,5

30 Millionen Einwohner“ bezieht sich das Maskulinum Einwohner nicht nur auf Männer, sondern

auf Männer und Frauen.

Grammatisch bezeichnet man diese Funktion als allgemeines oder „generisches“ Maskulinum.

Dieses generische Maskulinum soll aus der grammatischen Struktur des Deutschen

verschwinden, und zwar durch Gendern, was zu „geschlechtergerechten“ Formulierungen

35 führt wie: „Der oder die Nächste bitte!“, „Ist ein Arzt oder eine Ärztin an Bord?“, „München hat

rund 1,5 Millionen Einwohnende“ (die Stadt Köln verwendet bereits diese Bezeichnung). Aber

kann sich eine solche Grammatikänderung in der Sprachpraxis durchsetzen?

Richtiges Gendern ist kompliziert: Es genügt nicht, einfach an die Personenbezeichnung ein

-in oder -innen anzuhängen (was zu Fehlbildungen wie Mitgliederinnen oder

40 Krankenschwesterin führen kann), man muss zum Beispiel auch die pronominalen Bezüge

beachten: Das geflügelte Wort „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die

Wahrheit spricht“ lautet auf Genderdeutsch: „Wer einmal lügt, dem oder der glaubt man nicht,

und wenn er oder sie auch die Wahrheit spricht.“

Wer nicht sprachwissenschaftlich vorgebildet ist, muss Gendern lernen – und das kostet Zeit:

45 Der 2021 erschienene Ratgeber „Richtiges Gendern für Dummies (Anfänger)“ hat 160 Seiten

und das „Handbuch geschlechtergerechter Sprache“ (2022) 272 Seiten. Befolgt man alle

Genderregeln solcher Ratgeber, ist das generische Maskulinum aus einem Text aber

keineswegs verschwunden: Bei direkten, anredefähigen Personenbezeichnungen wird es

zwar ersetzt (die Bürger werden zu Bürgerinnen und Bürger), aber in Wortableitungen (bürger-

50 lich, Bürger-tum) bleibt es durchaus erhalten, ebenso als Erstglied von

Wortzusammensetzungen: Bürger-beteiligung, Bürger-dialog, bürger-freundlich, Bürger-geld,

Bürger-rechte.

Der Umfang dieses Wortschatzes ist enorm – allein zu Bürger gibt es im Rechtschreibduden

mehr als 50 einschlägige Wortbildungen. Die Gender-Ratgeber empfehlen deshalb, diese

55 Wörter gar nicht zu gendern, womit ihr Ziel, das generische Maskulinum abzuschaffen,

illusorisch wird: Ein Wort wie Lehrermangel müsste ja nach der Genderlehre bedeuten, dass

nur männliche Lehrer fehlen, und deshalb durch Lehrer- und Lehrerinnenmangel ersetzt

werden.

Aber auch die Beschränkung des Genderns auf direkte Personenbezeichnungen führt in der

60 Sprachpraxis nicht dazu, dass „richtig“ und, vor allem, systematisch gegendert wird. Meistens

bleiben viele generische Maskulinformen ungegendert.

Nehmen wir als Beispiel den Koalitionsvertrag von 2021 zwischen SPD, Grünen und FDP –

ein Text, der von der politischen Führungselite des Landes formuliert wurde. Der 177 Seiten

umfassende Vertrag enthält korrekt gegenderte Paarformeln wie „Anglerinnen und Angler“,

65 „Bürgerinnen und Bürger“, „Landwirtinnen und Landwirte“. Andererseits werden

Personengruppen wie „Teilnehmer“ (an Meisterkursen), „Waldbesitzer“, „Verfassungsfeinde“

im generischen Maskulin genannt. Und schließlich kommt dieselbe Personenbezeichnung

gegendert und ungegendert vor: Es gibt „Nutzerinnen und Nutzer“ neben „Nutzer“, „ein oder

eine Tierschutzbeauftragte“ neben „einem (geplanten) Meeresbeauftragten“, „Akteurinnen und

70 Akteure“ neben „Akteuren“.

Kurzum: ein sprachliches Durcheinander, bei dem sich die Frage stellt, ob die Verfasser

gendern nicht können oder nicht ernst nehmen. Jedenfalls ist „richtiges Gendern“ für die hohe

Politik Nebensache; es geht nur darum, sprachsymbolisch ab und zu ein Gendersignal zu

senden, um seine positive Einstellung zu zeigen.

75 Dieses selektive Gendern hat gegenüber dem systematischen Gendern kommunikativ drei

Vorteile: Man kann erstens dabei sprachlich kaum Fehler machen, weil es sich auf einige

Floskeln wie „Bürgerinnen und Bürger“ beschränkt. Zweitens wird das Publikum, das bei

penetrantem Gendern erfahrungsgemäß „abschaltet“, nicht gelangweilt. Drittens hat der Autor

bei einem nicht oder wenig gegenderten Text mehr Formulierungsmöglichkeiten als bei einem

80 systematisch gegenderten. Es gibt deshalb bisher keinen Schriftsteller, der auf Genderdeutsch

schreibt.

Die Genderquote – das Verhältnis gegenderter zu genderbaren Personenbezeichnungen – ist

beim selektiven Gendern relativ niedrig: In ZDF-Nachrichtensendungen und bei genderwilligen

Zeitungen liegt sie bei etwa zehn Prozent (mehr gendern würde die Texte aufblähen und

85 stilistisch holprig machen).

Gendern fällt also sprachlich auf, und das soll es ja: Es dient als politisches Bekenntnissymbol.

Aber wofür? Irgendwie für „modern“, „weltoffen“, „Vielfalt“, „Fortschritt“, „Gleichberechtigung“.

Gendern soll zeigen, dass jemand die richtige Haltung und Gesinnung hat, es ist eine Frage

der Moral, wobei die deutsche Sprache nur als „Aufhänger“ dient. Einen sachlichen

90 Informationswert hat das Gendern nicht: Die Schlagzeile „EU erschwert Einreise für Russinnen

und Russen“ sagt nicht mehr aus als „EU erschwert Einreise für Russen“.

Mit dem Sprachfeminismus, der in den 1980er-Jahren entstand, und in der „Männersprache

Deutsch“ die Frauen „sichtbar“ machen wollte, hat die heutige Debatte um das Gendern als

Zeichen sprachlicher „Geschlechtergerechtigkeit“ nichts mehr zu tun. Der Sprachfeminismus

95 ging von zwei Geschlechtern aus: „männlich“ und „weiblich“. Aber diese „binäre“

Geschlechterordnung ist seit dem 10. Oktober 2017 nicht mehr zeitgemäß, als das

Bundesverfassungsgericht ein „drittes Geschlecht“ anerkannte, das im Personenstands-

register nun als „divers“ oder „ohne Angabe“ erscheint.

Für dieses dritte Geschlecht – die Anzahl der Betroffenen schätzte das Bundesverfassungs-

100 gericht auf 160 000, standesamtlich registriert sind weniger als 10 000 – reichte die beim

Gendern übliche Paarformel (Bürgerinnen und Bürger) nicht mehr aus. So entstanden

künstliche Wortbildungen, in denen die Diversen grafisch durch ein Sonderzeichen dargestellt

werden: Genderstern (Bürger*innen), Unterstrich (Bürger_innen), Doppelpunkt (Bürger:innen).

Am verbreitetsten ist heute der Genderstern, den die Universität Bielefeld ihren Studenten

105 2019 so erklärte: „Symbolisch stehen die Strahlen des Sternchens, die in verschiedene

Richtungen zeigen, für die unterschiedlichen Geschlechtsidentitäten. Das Gendersternchen

bildet Vielfalt ab.“ Aber wie soll man das Sternchen aussprechen? Indem zwischen Wortstamm

und Endung eine kurze Pause (+) gemacht wird: Bürger + innen. Im Rundfunk wird diese

Aussprache ausprobiert, allerdings verstehen die Zuhörer meistens Bürgerinnen, also

110 „weibliche Bürger“.

Mit dem dritten Geschlecht stellt sich übrigens das Problem der geschlechtergerechten

Anrede: „Meine Damen und Herren!“ geht nicht mehr, weil es nur zwei Geschlechter anspricht.

Die Politik ist hier mit einer Änderung noch zurückhaltend – im Bundestag lautet die

Standardanrede weiter „Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren!“ –, aber die Universität

115 Regensburg hat schon einen Vorschlag gemacht: „Sehr geehrte Persönlichkeiten!“

Was hat das Gendern gebracht? Für die Deutschsprecher nichts, außer einer gewissen

Verunsicherung im öffentlichen Sprachgebrauch: Darf man noch „Studenten“ sagen,

„Ausländer“ und „Demonstranten“ – oder muss es heißen: „Studierende, Menschen mit

ausländischem Pass, Demonstrierende“?

120 Positiv wirkt sich das Gendern für dessen Protagonisten aus: Sie können mit Planstellen in

staatlichen Einrichtungen rechnen, vor allem an Universitäten, wo die Genderwissenschaften

aufblühen und eine „wissenschaftliche“ Begründung für das Gendern liefern. Hauptargument:

Frauen fühlen sich durch das generische Maskulinum nicht angesprochen.

[...]

Für die Politik ist Gendern ein nützliches Mittel, um Sachfragen in Sprachfragen aufzulösen,

125 wie die faktische Benachteiligung von Frauen: Die Durchschnittsrente von Frauen betrug 2020

in Westdeutschland 730 Euro, für Männer 1210 Euro. Altersarmut trifft also in erster Linie

Frauen – daran ändert auch nichts, dass sie in der Floskel „Rentnerinnen und Rentner“

politisch hervorgehoben werden.

„Nun sag, wie hast du's mit der Religion?“, fragt in Goethes „Faust“ Margarete. Diese

130 „Gretchenfrage“ stellt sich heute für Viele beim Gendern: Wer es tut, bekennt sich aktiv oder

als Mitläufer zu einer quasireligiösen „Bewegung“. Gendern ist zwar schlechter Stil und seine

Begründung sprachwissenschaftlich falsch, aber politisch ein Ausdruck von Meinungsfreiheit

– die jedoch da endet, wo man anderen vorschreibt zu gendern.

1 Maximilien de Robespierre (1758–1794): französischer Rechtsanwalt, Revolutionär und führender Politiker.

2 Wladimir Iljitsch Lenin (1870–1924): russischer Politiker und Revolutionär, Gründer der Sowjetunion.

3 Fidel Alejandro Castro Ruz (1926–2016): kubanischer Revolutionär, kommunistischer Regierungschef Kubas von 1976–2008.

Berschin, Helmut: Sehr geehrte Persönlichkeiten! In: Nürnberger Zeitung (22.09.2022), S. 16.

Helmut Berschin (*1940) ist Sprachwissenschaftler und emeritierter Professor für Romanistik.

Sprachliche Fehler in der Textvorlage wurden entsprechend der geltenden Norm korrigiert.

2.

Erörtern Sie die Position des Autors unter Berücksichtigung Ihrer unterrichtlichen Kenntnisse zu Sprache in politisch-gesellschaftlichen Verwendungszusammenhängen. [ca. 60 %]

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