Abitur Hamburg Deutsch 2022 · GK · Jenny: Der Flug des Kondors

Aufgabe Deutsch aus dem IQB-Pool 2022, GK · Jenny: Der Flug des Kondors: 1 Teilaufgabe mit Lösungen. Themen: Interpretation epischer Texte. Kostenlos.

Themen der Aufgabe: Interpretation epischer Texte

Aufgabe 1

1 Aufgabe

Aufgabenstellung

Interpretieren Sie den Text „Der Flug des Kondors“ von Zoë Jenny. Berücksichtigen Sie dabei besonders, wie das Verhältnis der Figuren zueinander erzählerisch dargestellt wird.

Material

Zoë Jenny (*1974): Der Flug des Kondors (2013)

Den ganzen Tag hatte es geregnet. Erst in den letzten Nachmittagsstunden war die Sonne durch die Wolkenmassen gebrochen und stand jetzt leuchtend in einem kleinen blauen Hof am Himmel. Der Käfig stand im Schatten von vier Kastanienbäumen; mit der Zeit war das Gitter rostig geworden, und der Käfig wirkte verwahrlost und wie ein Fremdkörper am Rande des Waldes. 5 Der beißende Geruch schlecht gehaltener Tiere, der vom Käfig ausging, vermischte sich im Sommer mit dem Geruch von Raps und warmer Erde.

Seit Stunden schlief der Kondor in der gedeckten Ecke des Käfigs, während die Papageien, in Gruppen versammelt, lauernd auf den Astbäumen hockten, als warteten sie auf ein Signal. Sobald sich der Kondor aufrichtete, flatterten sie auf und flogen, eine rotgrüngelbe Wolke, laut kreischend durch das 10 Gehege. Einige Papageien verloren dabei Federn, die sich im Gitter verfingen oder auf den Boden segelten. Ruckartig, mit einem hinkenden Bein, steuerte der Kondor den Rest des Kadavers an, der ihm wie jeden Tag von einem Wärter in den Käfig geworfen worden war. Mit dem Schnabel zupfte und riss er daran, bis sein Kopf im offenen rohen Fleisch versank. Nachdem er die Beute verzehrt hatte, erreichte er, mit nur einem Flügelschlag, wieder seinen Ast, und die Papageien rückten gurrend und sich 15 aufplusternd zur Seite. Der Kondor begann sein Gefieder zu putzen, indem er Feder für Feder durch den Schnabel zog; und als er fertig war, blieb er auf dem Ast sitzen, reglos wie träumend.

Der Feldweg, der vom angrenzenden Wald zum Käfig führte, war vom Regen aufgeweicht, und das Paar suchte, den Blick auf den Boden gerichtet, nach trockenen Stellen.

„Warum mussten wir nur herkommen?“, sagte die junge Frau und sprang hinter ihm über eine 20 Wasserlache.

„Wenn ich mich schon von ihm nicht verabschieden kann, will ich wenigstens unseren Ort noch einmal sehen, den Ort, an dem wir uns jahrelang getroffen haben, Elena.“

Das Paar setzte sich auf eine Bank vor dem Gehege. Elena wandte sich vom Käfig ab und blickte, den Kopf auf seine Schulter gelehnt, auf den schmalen Waldstrich zurück, aus dem sie gekommen waren. 25 Hinter den Baumwipfeln ragten die Kamine und Hochhäuser der Stadt empor.

„Hier war unser Versteck“, sagte er und hielt inne. Er fühlte die Last ihres Kopfes auf seiner Schulter und richtete den Blick auf den Kondor, als brauche er zum Reden jemanden, den er ansehen konnte. „Hierher flüchteten wir uns nach der Schule. Wir haben über den Kondor gelacht, weil er immerzu gegen das Gitter flog und von den Papageien angegriffen wurde. Wenn der Kondor schlief, war er unsere 30 Zielscheibe, und wir haben Steinchen nach ihm geworfen. Irgendwann rechneten wir zum Spaß aus, wie viele Quadratmeter Flugraum dem Vogel eigentlich zur Verfügung stehen. Aber er nahm es plötzlich ernst und fand, es sei tödlich wenig. Dann kam er auf die Idee, den Vogel freizulassen. Mit einer Drahtschere wollte er das Gitter aufschneiden. Er war wie besessen davon, den Kondor zu befreien. Erst als er dann dich kennengelernt hat…“ 35

Sie winkte harsch ab. „Phil, wenn wir schon unbedingt hierherkommen mussten, kannst du nicht wenigstens aufhören, von ihm zu reden? Ich habe mit ihm abgeschlossen“, sagte Elena, blickte in Richtung Stadt, sah, wie die Rauchsäulen aus den Kaminen aufstiegen und für Sekunden Schatten an die Hochhäuser warfen, bis der Rauch sich auflöste.

„Wo hast du den Abschiedsbrief eigentlich…“

40 „… gut sichtbar auf den Küchentisch gelegt“, fiel sie ihm ins Wort. Dann schwiegen sie, nur die Papageien stießen von Zeit zu Zeit ihre kurzen schrillen Schreie aus.

„Er wird diesen Brief wochenlang mit sich herumtragen und ihn noch lesen, wenn wir schon längst fort sind. Er wird es nie begreifen können, dass ich mit dir weggegangen bin“, sagte Phil nach einer Weile und zog eine Zigarette aus der Brusttasche. 45

In Gedanken sah Elena den vom vielen Lesen verknitterten, schmutzig gewordenen Briefbogen. „Er wird uns verachten“, erwiderte Elena kühl, „und den Brief überall herumzeigen.“

Phil beobachtete, wie oben auf dem Ast der alte Kondor seinen Kopf unter den Flügel schob. Niemand wird je kommen, den Kondor freizulassen. Er wird hier in diesem Käfig sterben, dachte Phil. Die Klarheit dieser Tatsache erschreckte ihn. 50

„Ich glaube, er hat es geahnt“, sagte Elena plötzlich und sah die Sonne hinter den Wolken verschwinden wie ein sich langsam schließendes Auge.

„Nein. Wie kannst du so etwas sagen. Er hätte nie erwartet, dass du ihn verlassen könntest. Schon gar nicht mit mir“, erwiderte Phil aufgebracht, „außerdem wart ihr so gut wie verheiratet.“ Elenas Kopf fühlte sich plötzlich schwer an auf seiner Schulter, und er wünschte, sie würde ihn hochheben. 55

„Bereust du es?“, fragte er schließlich und schnippte mit Daumen und Zeigefinger den glühenden Zigarettenstummel wie ein Geschoss ins nahe Gebüsch.

Im Käfig pickte ein Papagei mit seinem harten Schnabel auf den zerrupften Kondor ein, der es nicht zu bemerken schien. „Morgen, wenn wir im Flugzeug sind, werde ich glücklich sein“, sagte sie entschlossen, hob den Kopf von seiner Schulter und wandte sich dem Käfig zu. 60

In der Dämmerung bildete das Paar vor dem Gitter eine kleine dunkle Silhouette. Elena sah erschreckt den großen schwarzen Vogel an, dessen Anwesenheit sie erst jetzt bemerkte. Er hatte inzwischen die Schwingen, zwei riesige Arme, ausgebreitet, und an den Flügelspitzen zitterten die Federn wie angespannte gespreizte Finger. Der Kondor streckte seinen dünnen, verletzlich wirkenden Hals in die Höhe. Für Sekunden streifte Elena seinen kahlen, fast menschlichen Blick. Sie fuhr auf, und wie um 65 sich vor einem Angriff zu schützen, machte sie einen Schritt zurück, als der Kondor zu seinem Flug gegen das Gitter startete.

Jenny, Zoë: Spätestens morgen. Erzählungen. © Frankfurter Verlagsanstalt GmbH, Frankfurt am Main 2013, S. 71-74.

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