Abitur BW Deutsch 2024 · LK · Literatur in den Medien

Aufgabe Deutsch aus dem IQB-Pool 2024, LK · Literatur in den Medien: 1 Teilaufgabe mit Lösungen. Themen: Materialgestütztes Verfassen von Texten. Kostenlos.

Themen der Aufgabe: Materialgestütztes Verfassen von Texten

Aufgabe 1 Aufgabe

Literaturtage für die Oberstufe

An Ihrer Schule finden Literaturtage für die Oberstufe statt. Im Rahmen dieser Veranstaltungsreihe setzt sich Ihr Kurs mit dem Thema „Literatur in den Medien" auseinander.

Verfassen Sie für den die Literaturtage begleitenden Blog auf der Homepage Ihrer Schule einen Kommentar, der sich kritisch mit der Frage auseinandersetzt, ob der öffentlich-rechtliche Rundfunk die Anzahl von Buchrezensionen in seinen Programmen reduzieren sollte.

Nutzen Sie dazu die folgenden Materialien 1 bis 5 und beziehen Sie unterrichtliches Wissen sowie eigene Erfahrungen ein.

Formulieren Sie eine geeignete Überschrift.

Verweise auf die Materialien erfolgen unter Angabe des Namens der Autorin bzw. des Autors und ggf. des Titels.

Ihr Kommentar sollte etwa 1200 Wörter umfassen.

Material

Material 1: Dirk Knipphals: Verstehen wollen, verstanden werden (2021)

Die Rezension ist, entgegen manchem Vorurteil, eine sehr freie journalistische Form, die sich in Richtung Buchtipp bescheiden, in Richtung Essay erweitern und alle möglichen Zwischenstufen annehmen kann.

Man kann in einer Rezension „ich" sagen, man kann es sein lassen, das Ichsagen kann peinlich werden oder auch nicht. Man kann sein Expertenwissen heraushängen lassen oder einfließen lassen. Man kann hart urteilen oder Unsicherheiten formulieren.

Es gibt für eine Rezension wenig Regeln. Titel und Autor*in des besprochenen Werkes sollten vorkommen, ein (wenigstens implizites) Urteil auch, am besten mit Begründung, die Rezension sollte gut lesbar sein. Doch das ist es schon. Es kommt nur darauf an, ob es im Einzelfall, im Kontext der Rezension und im Verhältnis zu dem besprochenen Werk funktioniert.

Die Rezension ist außerdem ein herausforderndes Genre. Das liegt daran, dass man sie mit offenem Visier schreibt, sie ist (wenigstens vom Anspruch her, den man in der Praxis oft unterspringt) immer auch mit einem Bekenntnis verbunden, es geht darum, verbindlich zu beschreiben, was man wirklich – wirklich! – von dem rezensierten Buch hält. Irrtümer, Fehleinschätzungen, intellektuelle Unredlichkeiten oder Fehler fallen unmittelbar auf den Rezensenten zurück. Und der Literaturbetrieb hat für solche Fälle ein langes Gedächtnis.

Gleichzeitig kann man nirgendwo so gut wie in einer Rezension die Marketingmaschinerie des Buchmarkts durchbrechen. Man kann mit ihr demonstrieren, wie ernst man den Gegenstand nimmt.

Herausfordernd sind Rezensionen auch formal. Denn es geht in ihnen nicht nur um Inhaltsangabe und Bewertung. Es geht auch um den Aufbau, den Zeitpunkt der Veröffentlichung, das Verhältnis des*der Rezensent*in zum*zur Autor*in, die Mischung von Referat des Gegenstandes und freien Gedanken, den argumentativen Hintergrund und die Tonlage, vor allem auch die Tonlage. […]

Wird ein Lobgesang angestimmt? Wird er auch durchgehalten, oder verkommt er zur Masche? Ist hinter einem ernsten, sachlichen Ton das Angefasstsein durch direkte Betroffenheit spürbar? Wird das Buch routiniert weggesprochen? Oder bahnt sich ein neuer, vielleicht coolerer, vielleicht aber auch wieder spielerischer Blick auf Romane an? So viele mögliche Subtexte.

Insofern gäbe es über Rezensionen viel zu bereden, gerade in der gegenwärtigen Situation, in der der deutschsprachige Literaturbetrieb offener und diverser wird – nicht nur in seinen Autor*innen, sondern auch in seinen Literaturbegriffen.

Wie reagiert man auf die vielen Herkunftsbeschreibungen und Autofiktionen 1 mit literarischen Kriterien? Wie aktiv soll man sich daran beteiligen, den Kanon zu erweitern? Soll man sich hineinwerfen in den Kampf vieler junger Autor*innen um Sichtbarkeit oder sich gerade schiedsrichterartig herausziehen? Das alles sind Fragen.

Es ist jedenfalls dem Schillern dieses Genres gegenüber nicht angemessen, aber für den Kulturbetrieb vielleicht auch bezeichnend, dass über Rezensionen im Allgemeinen nur dann gesprochen wird, wenn sie mal wieder irgendwo abgeschafft werden sollen wie jetzt in den Radioprogrammen des WDR 2. […]

Wie kommt es eigentlich, dass Rezensionen einen so schlechten Ruf haben, dass sie bei Blatt 3 - oder Senderreformen immer als Erstes auf der Abschlussliste stehen? Zu vermuten ist, dass alte Bilder weiterwirken und Rezensionen immer noch entweder mit staubtrockenen Textexegesen oder aber autoritär vorgetragenen Geschmacksurteilen assoziiert werden. […]

Für die Abwertung des Rezensionsgenres ausschlaggebend sind vielleicht auch schlicht organisationslogische Gründe. Wer in den Magazinredaktionen und öffentlich-rechtlichen Sendern als dynamischer Erneuerer auftreten will, für den zahlt es sich aufmerksamkeitsökonomisch eher aus, neue Formate zu etablieren, als – warum kommt eigentlich niemand auf so eine Idee, wenn man offenbar unzufrieden ist? – die bestehenden Formate, etwa die gesendeten Rezensionen, zu verbessern. […]

Der Wille, zu verstehen, hermeneutische Arbeit 4 und sich selbst (und damit die gegenwärtige Zeit, die Lebenswelt, alle anderen Bücher, die man gelesen hat) in Beziehung dazu setzen, das ist das, was eine Rezension vom Buchtipp unterscheidet. Und zugleich ist Verstandenwerden, das Gegenstück also, die harte Währung, um die es im Literaturbetrieb vielen Akteur*innen geht. Verstandenwerden kann beglückend sein. Anerkennung, Sichtbarkeit, das hängt da alles dran. Es kann auch ernüchternd sein, wenn einem Grenzen aufgezeigt werden.

In dieser gedoppelten Figur von Verstehenwollen und Verstandenwerden liegt der Glutkern des Rezensierens […].

1 Autofiktion: Autofiktion bezeichnet in der Literaturwissenschaft einen Text, in dem eine Figur, die eindeutig als der Autor bzw. die Autorin erkennbar ist, in einer offensichtlich als fiktional gekennzeichneten Erzählung auftritt.

2 WDR: Kurzform für die Rundfunkanstalt Westdeutscher Rundfunk.

3 Blatt: Mit dem Wort „Blatt" sind Printmedien gemeint.

4 hermeneutische Arbeit: methodisch geleitete, auf Verstehen abzielende Auseinandersetzung mit einem Text.

Knipphals, Dirk (05.02.2021): Verstehen wollen, verstanden werden. <https://taz.de/Renaissance-der-Rezension/!5747665/>. 10.01.2022

Dirk Knipphals (*1963) studierte Literaturwissenschaft und Philosophie und arbeitet als Literaturredakteur.

Material 2: Insa Wilke: Ist das wichtig oder kann das weg? (2021)

In den vergangenen zwei Wochen gab es erhebliche Aufregung um das Morgenmagazin Mosaik vom WDR3 1 und die Frage, wie dort zukünftig über Literatur berichtet werden soll. Es geht in dieser Sache aber gar nicht um ein einzelnes Programm im WDR, RBB oder NDR 2, nicht um einzelne Stellen in Literaturredaktionen, die beispielsweise bei Deutschlandradio und Deutschlandfunk nicht nachbesetzt, also gestrichen werden. Es geht um das Gesamtheit all dessen, um Entwicklungen in den Literatursparten der öffentlich-rechtlichen Sender, um eine gewisse Wurschtigkeit 3 im Umgang und um solche Fragen: Wird es weiterhin angemessene literaturkritische Formate wie die Rezension geben? Werden weiterhin Fachleute über Literatur sprechen dürfen? Oder wird es zu einer qualitativen (Ver-)Kürzung der Berichterstattung über Literatur und Sachbücher kommen […]?

Der Markt verengt sich mehr und mehr, die Konzentration auf wenige Buchtitel pro Saison nimmt zu, und damit steigen auch die Probleme für Verlage und Schreibende. Diese Verengung des Marktes geht einher mit einer zunehmenden Ausrichtung auf das, was „die" Leserinnen, „die" Hörer, also was „das" Publikum gut findet. Der Trend: Literarische Produkte auf spezifische Zielgruppen zuzuschneiden. Das Menschenbild dahinter heißt: Konsument. […]

Hinzu kommt die sich im Medienwandel fragmentierende Öffentlichkeit. Wie ihr zu begegnen ist, ist die große, noch unbeantwortete Frage von Verlagen, Medien und Literaturenthusiasten. Die Antwort, die derzeit vor allem propagiert wird, heißt: mitmachen; heißt: Bedürfnisse befriedigen; heißt: Zielgruppen bestimmen und beliefern. Doch damit verstärkt man die Fragmentierung, die Blasenbildung, anstatt sie zu unterlaufen.

Bei dem Versuch von Subversion holt man sich leicht eine blutige Nase. Die Frustrationstoleranz muss dafür hoch sein und vielleicht muss man auch fragen: Ist es nicht eine Illusion, zu glauben, das Publikum würde wieder wachsen, wenn man sich nur nach seinen Bedürfnissen richtet? Das sind Gedanken, denen sich Unternehmen wie Buchverlage und Medien stellen müssen, von deren Gewinnmöglichkeiten auch die Bezahlung ihrer Mitarbeitenden abhängt. Die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten wie der WDR sollten davon hingegen halbwegs befreit sein, deswegen wurden sie ja erfunden. Damit wir am Ende nicht nur mit den ultimativen, auf allen Kanälen beworbenen Grill-Meisterschaften in Fußballarenen bespielt werden, weil eine Mehrheit des Publikums signalisiert: Das finden wir gut.

Dabei ist klar, was das Paradox der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten ist: Die Bürgerinnen und Bürger, also wir, bezahlen sie, damit sie etwas machen, was nicht alle, vielleicht sogar nur wenige von uns interessiert. Weil sie aber von allen dafür bezahlt werden, müssen sie sich für das legitimieren, was sie tun. Wenn man diese Legitimation mit der Quote begründen möchte, kann man also nur verlieren. Es ist ein Knoten, den nur die Politik als unser Repräsentant durchschlagen kann. Und zwar mit einem klaren Auftrag, der nicht von zahlengetriebenen Managerinnen, sondern sachlich kompetenten und leidenschaftlich in die jeweiligen Gebiete Involvierten formuliert wird. Und die gibt es ja, auch unter den Chefs und ihren Chefinnen. […]

Nun ist die Frage: Wenn öffentliche Institutionen, die bezahlt werden, damit sie sich nicht den Marktgesetzen unterwerfen müssen, sondern ihrem Kultur- und Bildungsauftrag, wenn selbst die nicht mehr bereit sind, auch Programme für Publikumsminderheiten zu machen – und zwar zur besten Sendezeit und auf dem prominentesten Podcastplatz – wo findet dieses Minderheitenprogramm dann noch statt? […]

Für mich ist die Rezension aber vor allem die Königsdisziplin der Literaturkritik und Grundlage jeder dialogischen Form von Kritik, weil sie denen, die Bücher schreiben, halbwegs auf Augenhöhe begegnet: Wer sich nie dem Schreibprozess unterworfen hat, wer sich nie abmühte, für einen Gedanken die treffende Formulierung zu finden, also so auch sein Denken zu schärfen, sollte sich auch mündlich nicht als Kritikerin gerieren. […]

1 WDR3: das Kulturradio des Westdeutschen Rundfunks.

2 RBB oder NDR: Kurzformen für die Rundfunkanstalten Rundfunk Berlin-Brandenburg, Norddeutscher Rundfunk.

3 Wurschtigkeit: ugs. für Gleichgültigkeit, Trägheit.

Wilke, Insa (12.02.2021): Ist das wichtig oder kann das weg? <https://www.zeit.de/kultur/literatur/2021-02/literatur-kritik-berichtererstattung-wdr3-morgenmagazin-mosaik-oeffentlich-rechtlicher-rundfunk?utm_referrer=https%3A%2F%2Fmeine.zeit.de%2F>. 10.01.2022

Insa Wilke (*1978) ist Literaturkritikerin.

Material 3: Deutscher Bundestag – Wissenschaftliche Dienste: Gesetzliche Regelungen zum Kultur- und Bildungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks (2006)

[…] Mit der Einführung des privaten Rundfunks in Deutschland und der somit seit den achtziger Jahren bestehenden dualen Rundfunkordnung bedurfte der Grundversorgungsauftrag einer neuen Konkretisierung. Dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk obliegt seither die „unerlässliche Grundversorgung". Diese umfasst, so das Bundesverfassungsgericht, die „essentiellen Funktionen des Rundfunks für die demokratische Ordnung ebenso wie für das kulturelle Leben in der Bundesrepublik". Diese dienenden Funktionen werden zumeist mit der Aufgabentrias „Information, Bildung und Unterhaltung" umschrieben, in jüngerer Zeit kommt zunehmend noch das Merkmal „Beratung" hinzu. Solange die Wahrnehmung dieser Aufgaben durch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk wirksam gesichert sei, könnten seitens des Gesetzgebers an das Programmangebot und die Vielfaltsicherung im Privatrundfunk weniger hohe Anforderungen gestellt werden, da dieser zu seiner Finanzierung nahezu ausschließlich auf Werbeeinnahmen angewiesen und somit gezwungen sei, massenattraktives Programm zu verbreiten. „Anspruchsvolle kulturelle Sendungen" müssten folglich, um die Meinungsvielfalt zu sichern, vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk ausgestrahlt werden. Das Gericht kommt somit zu einer „kulturellen Verantwortung" der öffentlich-rechtlichen Anstalten, die neben ihrem „klassischen" Auftrag (Meinungs- und politischen Willensbildung, Unterhaltung, weitergehende Information) erfüllt werden muss. […]

Deutscher Bundestag – Wissenschaftliche Dienste (24.08.2006): Gesetzliche Regelungen zum Kultur- und Bildungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Auszug aus der Ausarbeitung der Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages „Der Kultur- und Bildungsauftrag der öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunkanstalten", WD 10/051-06 (24.08.2006), S. 5 f. <https://www.bundestag.de/resource/blob/413902/5a79f1d6f30c0bdab421ab774d383750/wd-10-051-06-pdf-data.pdf>. 20.09.2022

Material 4: Deutschlandfunk Kultur: Warum Blogger die Literaturkritik bereichern (2020)

Für diesen Text wurde das Nutzungsrecht nicht eingeräumt; einer Verlinkung wurde zugestimmt.

<https://www.deutschlandfunkkultur.de/entgegnung-auf-sigrid-loeffler-warum-blogger-die-100.html>

Nicole Seifert (*1972): Literaturwissenschaftlerin, Autorin und Übersetzerin.

Deutschlandfunk Kultur (20.07.2020): Warum Blogger die Literaturkritik bereichern. <https://www.deutschlandfunkkultur.de/entgegnung-auf-sigrid-loeffler-warum-blogger-die-100.html>. 10.01.2022

Deutschlandfunk Kultur ist ein öffentlich-rechtliches Hörfunkprogramm des Deutschlandradios.

Material 5: Deutschlandfunk: Popkritik auf TikTok (2021)

Für diesen Text wurde das Nutzungsrecht nicht eingeräumt; einer Verlinkung wurde zugestimmt.

<https://www.deutschlandfunk.de/kulturdebatten-abseits-der-feuilletons-popkritik-auf-tiktok-100.html>

1 Gatekeeper: (engl.) Ein Gatekeeper (Pförtner, Türhüter) entscheidet im Bereich des Journalismus darüber, welche Informationen zu den Lesern, Zuschauern, Hörern durchgelassen werden. Der Begriff „Gatekeeper" beschreibt in der Nachrichtenforschung somit die Funktion von Medien bzw. Journalisten, aus der Fülle der täglichen Ereignisse die wichtigsten auszuwählen und dem Publikum zu präsentieren.

2 Bösch: Marcus Bösch (*1976) studierte Politik sowie Spieleentwicklung und -forschung. Er arbeitet als Journalist, Dozent und Berater. Er veröffentlicht den wöchentlichen Newsletter „Understanding TikTok".

3 Young Adult Fiction: (engl.) Jugendroman.

Deutschlandfunk Kultur (26.02.2021): Popkritik auf TikTok. <https://www.deutschlandfunk.de/kulturdebatten-abseits-der-feuilletons-popkritik-auf-tiktok-100.html>. 10.01.2022

Deutschlandfunk ist ein öffentlich-rechtliches Hörfunkprogramm des Deutschlandradios mit den Schwerpunkten Information und Kultur.

Sprachliche Fehler in Textvorlagen wurden entsprechend der geltenden Norm korrigiert.

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