Abitur BW Deutsch 2022 · LK · automatisierte audiovisuelle Kommunikation in sozialen Netzwerken und deren Folgen für Sprache und Denken
Aufgabe Deutsch aus dem IQB-Pool 2022, LK · automatisierte audiovisuelle Kommunikation in sozialen Netzwerken und deren Folgen für Sprache und Denken: 2…
Themen der Aufgabe: Analyse pragmatischer Texte · Erörterung pragmatischer Texte
Aufgabe 1 - Analyse pragmatischer Texte
1 Aufgabe
Aufgabenstellung
1. Stellen Sie den Argumentationsgang und die Intention des Textes dar. ca. 30 %
Material
Roberto Simanowski: Kommunikationsutopien (2017)
[...]
Verstummtes Kommunizieren
Das beschreibungslose Bezeugen des Erlebten verkündete Zuckerberg 1 bereits auf Facebooks Entwicklerkonferenz 2011 unter dem Schlagwort „frictionless sharing“ 2. Konkret heißt dies, dass zum Beispiel der Song, den man auf Spotify hört, und der Film, den man auf Netflix sieht, automatisch den Facebook-Freunden angezeigt wird, wenn man die Funktion 5 dafür aktiviert hat. Man muss die Nachricht nicht mehr begründen und auch nicht mehr formulieren. Man beschreibt seine Aktivitäten nicht mehr nachträglich und bedeutungsvoll wie einst im Brief und Tagebuch als frühere Formen der Selbstdarstellung: „Habe heute ein Buch gelesen, das mich aus folgendem Grund sehr beschäftigt …“. Inzwischen teilen sich die Aktivitäten selbst mit. Die neue Losung heißt nicht etwa „I share therefore I am“ 3, sondern „Es 10 postet, also bin ich“ und hat, weil dem Vorgang das bewusste Zutun fehlt, nicht mehr viel mit Descartes’ 4 Selbsterkenntnisformel zu tun.
Das Verstummen beginnt allerdings schon, wenn man noch selbst den Auslöser drückt, wie bei all den Fotos, mit denen wir spontan und reflexartig unsere Erlebnisse ans Netzwerk melden. Seit Snapchat die Fotos nach dem Ansehen löscht, sagt man noch weniger, was man 15 tut oder wie man sich fühlt, und schickt umso mehr Schnappschüsse: Ich im Gym, ich nach dem Training, ich im Restaurant, ich vor dem Fernseher … Eifrige Snapchatter wissen am Abend zwar kaum noch, was alles sie auf diese Weise während des Tages kommuniziert haben, aber das ist auch egal. Genau darum geht es.
Man kann die Visualisierung der Kommunikation als technische Antwort des 20 21. Jahrhunderts auf die Krise der Repräsentation 5 im 20. Jahrhundert verstehen: Die Unzuverlässigkeit der Sprache wird mit nichtverbalen Mitteln kuriert. Ein Bild sagt nicht nur mehr als tausend Worte, man muss vor allem kein einziges mehr finden. Die Dinge teilen sich selbst mit, wenn sie fotografiert oder automatisch registriert werden. Deswegen nannte Siegfried Kracauer 6 die Fotografie 1927 „das Vabanque-Spiel 7 der Geschichte“: Zum einen 25 befreit die Selbstanzeige der Dinge von menschlicher Verzerrung, zum anderen macht die mechanische Reproduktion der Realität deren bewusste Erfassung überflüssig. In dieser Rolle der Fotografie als „Streikmittel gegen die Erkenntnis“ sah Kracauer das historische Risiko.
Automatische Autobiografie
90 Jahre später erhöht sich der Einsatz durch die Selbstanzeige nicht nur der Dinge, sondern auch des Menschen an dessen Bewusstsein vorbei: Auf Facebook und in anderen sozialen 30 Netzwerken ‚beschreiben‘ wir unser Leben, indem wir es leben, und produzieren so eine Autobiografie, die nie durch unser Hirn ging. Zugleich registrieren die Algorithmen aber sehr genau, was geschieht. Zuckerbergs Angestellte tüfteln derzeit, inspiriert durch Microsofts captionbot 8, an AI-Technologien 9, die alle Gegenstände auf einem Bild erkennen und als Information verarbeiten können. Damit sind nicht nur Zeit und Ort des Fotos klar, sondern 35 auch, was im Restaurant auf dem Teller lag und welcher Film im Fernseher lief. Die zugehörigen Daten zu Nährwert und kulturellem Kapital 10 holt sich der Algorithmus leicht aus dem Internet – und weiß so durch das, was wir übermitteln, schließlich mehr über uns als wir selbst.
In dieser Wissensschere liegt das Problem. Während wir den Algorithmen immer mehr 40 Daten liefern, verarbeiten wir selbst immer weniger davon. Je mehr das Sagen, Benennen, Beschreiben durch das automatische Registrieren und audiovisuelle Kopieren verdrängt wird, umso weniger müssen wir uns reflektierend mit der Welt und unserer Rolle in ihr auseinandersetzen. Sprache ist das Medium, mit dem man Distanz zur Welt einnimmt, um sie klarer zu sehen und zu verstehen. Jeder Versuch, über Sprache hinauszugehen, riskiert 45 zugleich den Verlust an Erkenntnis.
Aus diesem Grund ist der BBC-Slogan 11 „We don’t just report a story, we live it“ 12 recht problematisch – und mehr noch, dass Zuckerberg sich genau so die Zukunft des Journalismus vorstellt: „mehr immersiver Inhalt 13 wie VR“ 14, mehr „rich content“ 15 statt „just text and photos“ 16. „Wir betreten das goldene Zeitalter der Videos“, sagt Zuckerberg im Frühjahr 2016 und ist 50 sicher, dass in fünf Jahren das meiste, was Menschen täglich auf Facebook mitteilen, Videos aus ihrem Alltagsleben sein werden. […] Wir lassen die Objekte sprechen, damit die Leere, die unser Verstummen hinterlässt, gefüllt ist; je detaillierter umso besser.
Die Kommunikationsutopie des Mark Zuckerberg zielt auf die Anwendung dieses Modells auf den Menschen selbst: die Selbstanzeige des Subjekts vorbei am eigenen Bewusstsein. 55 Wie Zuckerberg zum konstatierten Video-Trend betont, es handelt sich nicht um inhaltlich und ästhetisch bearbeitete Filme, sondern um das begehrte „Rohmaterial“ des sozialen Lebens. Das paradoxe Resultat ist eine automatische Autobiografie, die wir ‚schreiben‘, indem wir leben; eine posthumane 17, algorithmische Autobiografie. [...]
Worterläuterungen
Mark Zuckerberg (geb. 1984): Gründer und Vorstandsvorsitzender des Unternehmens Facebook.
frictionless sharing: (engl.) automatisches, nicht kommentiertes und nicht bewusst bewilligtes Teilen von Inhalten in den sozialen Medien, sobald sie aufgerufen werden.
I share therefore I am: (engl.) im Sinne von: „Ich teile, also bin ich“.
René Descartes (1596-1650): französischer Philosoph, Mathematiker und Naturwissenschaftler, der den lateinischen Satz prägte: „Cogito ergo sum.“ (deutsch: „Ich denke, also bin ich.“).
Krise der Repräsentation: Gemeint ist hier die Sprachkrise des ausgehenden 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts, in der sich der Zweifel ausdrückte, dass die Wirklichkeit objektiv erkennbar und mit Hilfe von sprachlichen und literarischen Mitteln darstellbar sei. Die traditionelle Aufgabe der Sprache wurde dadurch fragwürdig.
Siegfried Kracauer (1889-1966): deutscher Journalist, Soziologe, Filmtheoretiker und Geschichtsphilosoph.
Vabanque-Spiel: (frz.) mit hohem Risiko verbundene Vorgehens- bzw. Verhaltensweise.
Captionbot: (engl.) künstliche Intelligenz, die Bildinhalte erkennt und benennt.
AI-Technologien (engl.: artificial intelligence): Technologien, die auf künstlicher Intelligenz basieren.
kulturelles Kapital: nicht-ökonomisches Kapital, die Bildung einer Person betreffend.
BBC-Slogan: (engl.) Werbespruch der British Broadcasting Corporation, einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt in Großbritannien.
We don’t just report a story, we live it: (engl.) Wir berichten keine Geschichte, wir leben sie.
immersiver Inhalt: Inhalt, der auf Immersion (Eintauchen) in eine künstliche Welt beruht.
VR: (engl.) Virtual Reality, durch Computer erzeugte Wirklichkeit.
rich content: (engl.) unterschiedliche Medienformate, die zu gleicher Zeit und am gleichen Ort verwendet werden.
just text and photos: (engl.) nur Text und Fotos.
posthuman: abgeleitet von Posthumanismus: die besondere Stellung des Menschen negierend.
Aufgabe 2 - Erörterung pragmatischer Texte
1 Aufgabe
Aufgabenstellung
2. Erörtern Sie Simanowskis Position zu den Folgen audiovisueller Kommunikation für Sprache und menschliches Selbstverständnis. ca. 70 %
Material
Roberto Simanowski: Kommunikationsutopien (2017)
[...]
Verstummtes Kommunizieren
Das beschreibungslose Bezeugen des Erlebten verkündete Zuckerberg 1 bereits auf Facebooks Entwicklerkonferenz 2011 unter dem Schlagwort „frictionless sharing“ 2. Konkret heißt dies, dass zum Beispiel der Song, den man auf Spotify hört, und der Film, den man auf Netflix sieht, automatisch den Facebook-Freunden angezeigt wird, wenn man die Funktion 5 dafür aktiviert hat. Man muss die Nachricht nicht mehr begründen und auch nicht mehr formulieren. Man beschreibt seine Aktivitäten nicht mehr nachträglich und bedeutungsvoll wie einst im Brief und Tagebuch als frühere Formen der Selbstdarstellung: „Habe heute ein Buch gelesen, das mich aus folgendem Grund sehr beschäftigt …“. Inzwischen teilen sich die Aktivitäten selbst mit. Die neue Losung heißt nicht etwa „I share therefore I am“ 3, sondern „Es 10 postet, also bin ich“ und hat, weil dem Vorgang das bewusste Zutun fehlt, nicht mehr viel mit Descartes’ 4 Selbsterkenntnisformel zu tun.
Das Verstummen beginnt allerdings schon, wenn man noch selbst den Auslöser drückt, wie bei all den Fotos, mit denen wir spontan und reflexartig unsere Erlebnisse ans Netzwerk melden. Seit Snapchat die Fotos nach dem Ansehen löscht, sagt man noch weniger, was man 15 tut oder wie man sich fühlt, und schickt umso mehr Schnappschüsse: Ich im Gym, ich nach dem Training, ich im Restaurant, ich vor dem Fernseher … Eifrige Snapchatter wissen am Abend zwar kaum noch, was alles sie auf diese Weise während des Tages kommuniziert haben, aber das ist auch egal. Genau darum geht es.
Man kann die Visualisierung der Kommunikation als technische Antwort des 20 21. Jahrhunderts auf die Krise der Repräsentation 5 im 20. Jahrhundert verstehen: Die Unzuverlässigkeit der Sprache wird mit nichtverbalen Mitteln kuriert. Ein Bild sagt nicht nur mehr als tausend Worte, man muss vor allem kein einziges mehr finden. Die Dinge teilen sich selbst mit, wenn sie fotografiert oder automatisch registriert werden. Deswegen nannte Siegfried Kracauer 6 die Fotografie 1927 „das Vabanque-Spiel 7 der Geschichte“: Zum einen 25 befreit die Selbstanzeige der Dinge von menschlicher Verzerrung, zum anderen macht die mechanische Reproduktion der Realität deren bewusste Erfassung überflüssig. In dieser Rolle der Fotografie als „Streikmittel gegen die Erkenntnis“ sah Kracauer das historische Risiko.
Automatische Autobiografie
90 Jahre später erhöht sich der Einsatz durch die Selbstanzeige nicht nur der Dinge, sondern auch des Menschen an dessen Bewusstsein vorbei: Auf Facebook und in anderen sozialen 30 Netzwerken ‚beschreiben‘ wir unser Leben, indem wir es leben, und produzieren so eine Autobiografie, die nie durch unser Hirn ging. Zugleich registrieren die Algorithmen aber sehr genau, was geschieht. Zuckerbergs Angestellte tüfteln derzeit, inspiriert durch Microsofts captionbot 8, an AI-Technologien 9, die alle Gegenstände auf einem Bild erkennen und als Information verarbeiten können. Damit sind nicht nur Zeit und Ort des Fotos klar, sondern 35 auch, was im Restaurant auf dem Teller lag und welcher Film im Fernseher lief. Die zugehörigen Daten zu Nährwert und kulturellem Kapital 10 holt sich der Algorithmus leicht aus dem Internet – und weiß so durch das, was wir übermitteln, schließlich mehr über uns als wir selbst.
In dieser Wissensschere liegt das Problem. Während wir den Algorithmen immer mehr 40 Daten liefern, verarbeiten wir selbst immer weniger davon. Je mehr das Sagen, Benennen, Beschreiben durch das automatische Registrieren und audiovisuelle Kopieren verdrängt wird, umso weniger müssen wir uns reflektierend mit der Welt und unserer Rolle in ihr auseinandersetzen. Sprache ist das Medium, mit dem man Distanz zur Welt einnimmt, um sie klarer zu sehen und zu verstehen. Jeder Versuch, über Sprache hinauszugehen, riskiert 45 zugleich den Verlust an Erkenntnis.
Aus diesem Grund ist der BBC-Slogan 11 „We don’t just report a story, we live it“ 12 recht problematisch – und mehr noch, dass Zuckerberg sich genau so die Zukunft des Journalismus vorstellt: „mehr immersiver Inhalt 13 wie VR“ 14, mehr „rich content“ 15 statt „just text and photos“ 16. „Wir betreten das goldene Zeitalter der Videos“, sagt Zuckerberg im Frühjahr 2016 und ist 50 sicher, dass in fünf Jahren das meiste, was Menschen täglich auf Facebook mitteilen, Videos aus ihrem Alltagsleben sein werden. […] Wir lassen die Objekte sprechen, damit die Leere, die unser Verstummen hinterlässt, gefüllt ist; je detaillierter umso besser.
Die Kommunikationsutopie des Mark Zuckerberg zielt auf die Anwendung dieses Modells auf den Menschen selbst: die Selbstanzeige des Subjekts vorbei am eigenen Bewusstsein. 55 Wie Zuckerberg zum konstatierten Video-Trend betont, es handelt sich nicht um inhaltlich und ästhetisch bearbeitete Filme, sondern um das begehrte „Rohmaterial“ des sozialen Lebens. Das paradoxe Resultat ist eine automatische Autobiografie, die wir ‚schreiben‘, indem wir leben; eine posthumane 17, algorithmische Autobiografie. [...]
Worterläuterungen
Mark Zuckerberg (geb. 1984): Gründer und Vorstandsvorsitzender des Unternehmens Facebook.
frictionless sharing: (engl.) automatisches, nicht kommentiertes und nicht bewusst bewilligtes Teilen von Inhalten in den sozialen Medien, sobald sie aufgerufen werden.
I share therefore I am: (engl.) im Sinne von: „Ich teile, also bin ich“.
René Descartes (1596-1650): französischer Philosoph, Mathematiker und Naturwissenschaftler, der den lateinischen Satz prägte: „Cogito ergo sum.“ (deutsch: „Ich denke, also bin ich.“).
Krise der Repräsentation: Gemeint ist hier die Sprachkrise des ausgehenden 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts, in der sich der Zweifel ausdrückte, dass die Wirklichkeit objektiv erkennbar und mit Hilfe von sprachlichen und literarischen Mitteln darstellbar sei. Die traditionelle Aufgabe der Sprache wurde dadurch fragwürdig.
Siegfried Kracauer (1889-1966): deutscher Journalist, Soziologe, Filmtheoretiker und Geschichtsphilosoph.
Vabanque-Spiel: (frz.) mit hohem Risiko verbundene Vorgehens- bzw. Verhaltensweise.
Captionbot: (engl.) künstliche Intelligenz, die Bildinhalte erkennt und benennt.
AI-Technologien (engl.: artificial intelligence): Technologien, die auf künstlicher Intelligenz basieren.
kulturelles Kapital: nicht-ökonomisches Kapital, die Bildung einer Person betreffend.
BBC-Slogan: (engl.) Werbespruch der British Broadcasting Corporation, einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt in Großbritannien.
We don’t just report a story, we live it: (engl.) Wir berichten keine Geschichte, wir leben sie.
immersiver Inhalt: Inhalt, der auf Immersion (Eintauchen) in eine künstliche Welt beruht.
VR: (engl.) Virtual Reality, durch Computer erzeugte Wirklichkeit.
rich content: (engl.) unterschiedliche Medienformate, die zu gleicher Zeit und am gleichen Ort verwendet werden.
just text and photos: (engl.) nur Text und Fotos.
posthuman: abgeleitet von Posthumanismus: die besondere Stellung des Menschen negierend.
Du kannst auch nach Themen lernen
Übe ein Thema mit gemischten Teilaufgaben aus den Aufgaben des IQB-Pools aller Jahre.
- Analyse pragmatischer Texte · 31 Teilaufgaben · 35 % Wahrscheinlichkeit
- Erörterung pragmatischer Texte · 30 Teilaufgaben · 35 % Wahrscheinlichkeit
- Interpretation lyrischer Texte · 21 Teilaufgaben · 25 % Wahrscheinlichkeit
- Interpretation epischer Texte · 16 Teilaufgaben · 20 % Wahrscheinlichkeit
- Literarische Erörterung und Pflichtlektüre · 7 Teilaufgaben · 10 % Wahrscheinlichkeit
- Interpretation dramatischer Texte · 1 Teilaufgabe · 5 % Wahrscheinlichkeit
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