Abitur Bremen Deutsch 2023 · GK · Strauß: Verlorene Liebesmüh
Aufgabe Deutsch aus dem IQB-Pool 2023, GK · Strauß: Verlorene Liebesmüh: 1 Teilaufgabe mit Lösungen. Themen: Interpretation epischer Texte. Kostenlos.
Themen der Aufgabe: Interpretation epischer Texte
Aufgabe
1 Aufgabe
Aufgabenstellung
Interpretieren Sie die Erzählung „Verlorene Liebesmüh“ von Botho Strauß.
Material
Botho Strauß (*1944): Verlorene Liebesmüh (2006)
1 Ihr Schwiegervater, ein untersetzter runder Mann, saß auf der Ledercouch und zweifelte, ob er nicht besser aufgeben solle. Nicht mehr mitmachen, endlich Schluß mit der verlorenen Liebesmüh. Und wenn er beide Arme genügend weit ausgelegt hatte auf der Rückenlehne, dann sagte er, daß das alles so nicht weitergehen könne. Die Schwiegertochter hörte geduldig zu, empfahl ihm jedoch – sie sprach leise
5 unter seinen Worten hinweg: „Knöpf doch bitte deine Jacke auf!“ Über seinem Bauch spannte das mit einem Knopf zusammengehaltene Jackett. Er dachte aber so heftig ans Aufgeben und Es-sein-Lassen, daß er die Bitte der Schwiegertochter jedesmal überhörte. Sie wurde auch stetig leiser und war nach dem fünften Mal nur noch ein Fingerzeig. Vielleicht schien es ihm auch zu unwesentlich oder einfach unpassend, im Zuge seiner bittersten Eingeständnisse, daß er's nicht geschafft habe, daß seine Zeit
10 vorbei sei, lediglich an seiner Kleidung etwas zu korrigieren. Mit Genuß sich selbst quälend kam er immer wieder auf das Publikum zu sprechen, das sich zu seinen landschaftshistorischen Vorträgen in immer geringerer Zahl einfand.
13 „Ach Gott, die Selbstherrlichkeit dieser Menschen! Dieser Leutchen!... Du weißt doch, die Führungen, die kleinen Veranstaltungen, die Vortragsreihen und was ich nicht alles arrangierte, um Leute in den
15 Park zu locken, aber das alles scheint nicht mehr besonders gefragt zu sein. Nicht innovativ genug für heutige Ansprüche. Schade. Ich weiß nicht, weshalb man aus allem immer ein großes Spektakel machen muß? Doch, doch. Die Menschen wollen durchaus Vorträge hören. Aber nicht meine. Sie verstehen mich nicht. Weil ich reden kann! Weil ich ein Redner bin! Das ist das Ausgestorbene an mir. Ein allgemein ausgestorbenes Talent, das bin ich. Deshalb kommen sie nicht oder nur wenige.“
20 „Knöpf oder knüpf dir doch bitte die Jacke auf.“
21 „Ich kann reden. Frei. Anschaulich. Prägnant. Mitunter witzig. Aber die Menschen ziehen die audiovisuelle Führung vor. Sie wollen lieber einen schlecht vom Blatt lesenden Provinzschauspieler hören. Laut Umfrage. Die möchten abgekapselt sein mit ihrem Apparat. Audiophone oder wie die Dinger heißen.“
25 „Du erinnerst dich vielleicht an Marga“, sagte seine Schwiegertochter, um ihn endlich von seinem nichtswürdigen Jammern abzulenken, „Marga war Ulrichs Lebensgefährtin, bevor es mich gab. Vor kurzem erfahre ich, daß sie ihn um alles in der Welt noch einmal sprechen möchte, denn die Leukämie, die ihr Blut zerfrißt, ist nicht mehr zu heilen. Eine Freundin von ihr rief an und weinte am Telefon, ob er sie nicht wenigstens noch einmal anrufen könne, die Todkranke. Sie weinte auf mein Band. Aber mein
30 Mann, dein Sohn, ruft sie nicht einmal an. Er telefoniert so ungern. Angeblich hat er ihr eine Postkarte geschrieben, als er von ihrer Erkrankung erfuhr. Aber sie wollte ihn doch noch einmal sprechen ! Vielleicht ihm etwas Letztes anvertrauen, ein ganz wichtiges Wort zum Abschied. Nach allem, was sie einmal miteinander hatten... Er läßt sich nicht mehr sprechen. Dein Sohn. Mein Mann. Er hat sich hinter sogenannten extremen Belastungen versteckt, sie schirmen ihn von jedem Anstand, jeder
35 Herzenspflicht ab. Verstehst du das? Er war schließlich – wenn man die Jahre überblickt – der wichtigste Mensch in ihrem kurzen Leben, dein Ulrich, mein Mann. Ich weiß, wie ihr zumute war, ich weiß, was es für sie bedeutet hätte! Am Ende. Ein einfacher Anruf!... Mehr wollte sie nicht. Ich weiß, was ich Marga zumuten mußte damals, es ist verdammt lange her, als ich sie ablöste. Als ich zwischen sie und Ulrich trat. Aber dieser Mann, der für sie immer der einzige blieb, immer der klügste und liebste Mensch ihres
40 Lebens, dieser armselige Ich-kann-jetzt-nicht-Mann, dein Sohn, der sich dem letzten Wunsch einer Sterbenden versagt, ein Unmensch ist so jemand! Er ruft sie nicht einmal an auf ihre letzten Tage!
42 Kannst du dir die maßlose Traurigkeit dieser Frau vorstellen? Kannst du dir vorstellen, wie sehnsüchtig sie auf seinen Anruf wartet, um sich von ihm zu verabschieden? Um ihn noch einmal an irgend etwas zu erinnern. Und kannst du dir das Schrumpfherz deines Sohns vorstellen, erbsengroß, das für diese
45 letzte Sehnsucht einer Sterbenden nicht mehr empfänglich ist? Kein Kind, keine Karriere, nichts, worauf sie hätte stolz sein können, am Ende. Nur die Zeit mit Ulrich, bevor ich kam. Ehe die Krankheit ausbrach, hatte sie allerdings noch geheiratet, einen Industriekaufmann. Ich hoffe, mit ihm konnte sie für ein paar Monate noch glücklich sein, feiern und reisen und darüber zeitweilig die abscheuliche Nummer eins in ihrem Leben vergessen. Deinen Sohn, meinen Mann. Sie war ja eine seltsam weiche und gedämpfte
50 Frau, immer die zweite ungeliebte Tochter ihres Vaters, vom ganzen Typ her eine Zurückgesetzte. Und dann wird sie auch noch mit so viel Elend überschüttet. Wie grausam ist das! Sie, die ihr ganzes Leben im Unglück, in der Niederlage verbrachte – ausgerechnet sie fressen am Ende die weißen Blutkörperchen auf!“
54 „Ja, das ist furchtbar. Na, das wußte ich nicht. Ungeheuerlich ist das. Es gibt eben nur noch uns, die
55 Aussterbenden, und auf der anderen Seite die Rücksichtslosen und Banalen, die uralt werden. Du mußt dir vorstellen, ganze zwanzig Leutchen, wenn ich über Fürst Pückler 1 rede! Zwanzig. Mehr nicht. Ich bin keiner für den kleinen Haufen. Ich liebe, ich bewundere, ich vergöttere, worüber ich rede: ich bin mitreißend! Dazu gehört die Menge, nicht das verschwindend kleine Häufchen.“
58 „Mach doch jetzt ruhig den Knopf auf.“
60 „Mein Gott, Anja! Du weißt, was ich in die Waagschale werfe! Du hast mich oft genug gehört. Du weißt, was ich in die Waagschale zu werfen imstande bin! Sag doch einen Ton: soll ich es wirklich seinlassen?“
Strauß, Botho: Mikado. München und Wien: Carl Hanser Verlag 2006, S. 47–50, mit freundlicher Genehmigung von Carl Hanser Verlag.
Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Textquelle.
1 Fürst Pückler: Hermann Ludwig Heinrich Graf von Pückler-Muskau (1785–1871) gilt als bedeutsamer Parkgestalter.
Du kannst auch nach Themen lernen
Übe ein Thema mit gemischten Teilaufgaben aus den Aufgaben des IQB-Pools aller Jahre.
- Analyse pragmatischer Texte · 31 Teilaufgaben · 35 % Wahrscheinlichkeit
- Erörterung pragmatischer Texte · 30 Teilaufgaben · 35 % Wahrscheinlichkeit
- Interpretation lyrischer Texte · 21 Teilaufgaben · 25 % Wahrscheinlichkeit
- Interpretation epischer Texte · 16 Teilaufgaben · 20 % Wahrscheinlichkeit
- Literarische Erörterung und Pflichtlektüre · 7 Teilaufgaben · 10 % Wahrscheinlichkeit
- Materialgestütztes Verfassen von Texten · 7 Teilaufgaben · 10 % Wahrscheinlichkeit
Andere Aufgaben 2023
GK · „Woyzeck“ als zum Umsturz der gesellschaftlichen Verhältnisse aufrufendes politisches Drama (2023) · GK · Brockes: Ein alter umgeweheter Kirsch-Baum (2023) · GK · gendergerechte Sprachverwendung (2023) · GK · Keun: Gilgi - eine von uns (2023) · GK · Potenzial von Lyrik (2023) · GK · Sinnhaftigkeit und Umsetzungsmöglichkeiten von diskriminierungsfreiem Schimpfen und Fluchen (2023) · LK · Aichinger: Seegeister (2023) · LK · Auftreten und Auswirkungen von Hasssprache (2023) · LK · Auswirkungen des Genderns auf die Kommunikation in privaten und beruflichen Zusammenhängen (2023) · LK · Figur Mia Holl (2023) · LK · Landau/Althaus (2023) · LK · Mörike/Krüger (2023) · LK · Novak/Lenau (2023) · LK · Polgar: Der Eremit (2023) · LK · Potenzial des Streamens von abgefilmten Theateraufführungen (2023) · LK · Seethaler: Der letzte Satz (2023) · LK · Verständnis und Funktionen von Literatur (2023) · LK · Verwendung von Metaphern im öffentlichen Sprachgebrauch (2023) · LK · Zustand des deutschen Sprachsystems (2023)