Abitur Bayern Französisch 2026 · LK · Steinmeier, F.-W.: Ein Dienst zur Stärkung unserer Demokratie
Aufgabe Französisch aus dem IQB-Pool 2026, LK · Steinmeier, F.-W.: Ein Dienst zur Stärkung unserer Demokratie: 1 Teilaufgabe mit Lösungen. Kostenlos.
Themen der Aufgabe: Sprachmittlung Deutsch → Französisch (Médiation)
Aufgabe 1
Aufgabenstellung
Votre correspondant/e français/e est en train d'effectuer un service civique. Il/Elle aimerait savoir si un tel service existe en Allemagne. À partir de l'article ci-dessous, vous lui écrivez un e-mail dans lequel vous présentez les caractéristiques et les effets attendus d'un service civique tel que le président de la République fédérale, Frank-Walter Steinmeier, le propose.
Rédigez cet e-mail.
Material
Die soziale Pflichtzeit
Von Frank-Walter Steinmeier
1 Warum muss es eine Pflicht sein? Es gibt ja die Freiwilligendienste und das freiwillige Engagement. In der Tat kümmern sich Millionen in unserem Land jeden Tag um Menschen, die Hilfe brauchen. Sie sind für andere da, oft neben ihrem Beruf. Ich bin dankbar für die Verantwortung, Hilfsbereitschaft und Tatkraft, die in unserer Gesellschaft steckt. Zur Wahrheit gehört
5 aber auch, dass das Engagement in vielen Vereinen, Notdiensten, Hilfsorganisationen an Nachwuchsmangel leidet. Wahr ist auch, dass an vielen Orten immer dieselben Personen das Ehrenamt tragen. Viele Strukturen der Solidarität werden in der modernen Gesellschaft brüchig. Es fehlt ihnen zunehmend an Breite, Dauer und Verlässlichkeit.
9 Eine Pflicht ist nicht einfach nur Zwang. Denken wir einen Moment darüber nach. Wenn alle
10 angesprochen sind und sich alle beteiligen, dann erfahren sich auch alle als gleiche Bürgerinnen und Bürger. Mit der Pflicht sagt der demokratische Staat: „Du zählst, du trägst Verantwortung, und du bist Teil dieser Demokratie! Du wirst gebraucht!“ Und zwar für eine gerechtere, eine menschliche und nachhaltige Gesellschaft. Die Pflichtzeit ist praktischer Einsatz für die Demokratie und für eine lebenswerte Zukunft.
15 Wir geben mit der sozialen Pflichtzeit eine Antwort auf die destruktiven Auswirkungen sozialer Zersplitterung. Ich mache mir Sorgen, dass die Abwendung der Menschen voneinander früher oder später die Grundlage unserer Demokratie aushöhlt. Wer sich nur noch von seiner Gruppe bestätigen lässt, wer nur noch denkt und fühlt, was in der eigenen Blase gedacht und gefühlt wird, der verliert sein Mitgefühl mit anderen und oft auch den Respekt vor ihnen. Eine allge-
20 meine Pflichtzeit führt zur Begegnung mit Leuten, denen wir sonst wenig oder nie begegnen oder die wir nur im Vorbeigehen in ihrer beruflichen Funktion erleben, aber nicht in ihrer Menschlichkeit. Indem wir ihnen näherkommen, lernen wir auch etwas über das Leben anderer. „Ambiguitätstoleranz“ nennt es die Sozialphilosophie. Gemeint ist die Fähigkeit, sich nicht so leicht befremden und ängstigen zu lassen, wenn ein Mitmensch ganz anders tickt als man
25 selbst.
26 Ich bin überzeugt, dass eine soziale Pflichtzeit eine verbindende Erfahrung in einer Gesellschaft der verschiedenen Lebenswege ermöglicht. Sie kann gegeneinander abgeschottete Lebenswelten öffnen – reich und arm, Abiturienten und Hauptschüler, jung und alt, Stadt und Land, Ost und West, Nord und Süd, diese oder jene Religion, Kultur, Herkunft, Orientierung,
30 Identität. Das ist kein Widerruf der individuellen Entfaltung, die zur Stärke der modernen freien Gesellschaften zählt. Wir wachsen in der Auseinandersetzung mit anderen Milieus. Es geht darum, dass selbstbewusste Individuen an Orten zusammenfinden, an denen sie gemeinsam etwas bewirken. Freiheit als Gesellschaftsentwurf geht nicht in einer isolierten Ich-Perspektive
34 auf. Sie benötigt lebendige Beziehungen zu anderen Menschen, in denen sich eine verantwor-
35 tungsbewusste Persönlichkeit entwickeln kann. Hilfe geben und Hilfe empfangen, die eigene Stärke als nützlich und gewinnbringend für Mitmenschen erleben, mit denen wir nicht verwandt sind, die nicht unserem Freundeskreis, ja nicht einmal der eigenen Generation angehören, in Kooperation mit anderen Menschen Probleme lösen – dies sind Dimensionen unseres Lebens, mit denen wir nicht nur durch Worte, sondern durch Taten alles stärken, was uns verbindet.
40 [...]
41 Mein Wunsch wäre es, dass die soziale Pflichtzeit länger dauert als eine Hospitation oder ein Praktikum. Sechs Monate sollten es schon sein, aber auch nicht mehr als ein Jahr. Sie sollte in unterschiedlichen Phasen des Lebens absolviert werden können: Die Zeit nach dem Schulabschluss oder der Berufsausbildung liegt nahe, als Moment der Orientierung und des Neu-
45 anfangs im Leben. Aber auch später, als Auszeit im Beruf, kann ein solcher Dienst besonders sein. Jeder und jede sollte die Wahl haben.
47 [...]
48 Die Pflichtzeit kommt, wenn wir Bürgerinnen und Bürger sie wollen. Ich werbe dafür. Denn sie wäre ein Gewinn für die innere Festigkeit unserer demokratischen Lebensweise in unsicheren
50 Zeiten.
593 Wörter
Steinmeier, F.-W. (2023, 26. Mai). Die soziale Pflichtzeit. Frankfurter Allgemeine Zeitung, S. 8.
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