Abitur Bayern Deutsch 2024 · GK · Teilhabe an der Kommunikation im öffentlichen Raum
Aufgabe Deutsch aus dem IQB-Pool 2024, GK · Teilhabe an der Kommunikation im öffentlichen Raum: 1 Teilaufgabe mit Lösungen. Mit automatischer Korrektur.
Themen der Aufgabe: Materialgestütztes Verfassen von Texten
Aufgabe 1
An Ihrer Schule findet ein fächerübergreifendes Projekt zum Thema „Teilhabe an der demokratischen Gesellschaft“ statt. Ihr Deutschkurs wird um Beiträge zum Thema der Teilhabe an der Kommunikation in politisch-gesellschaftlichen Zusammenhängen gebeten. Die Beiträge sollen auf der Schulhomepage veröffentlicht werden.
Verfassen Sie deshalb einen argumentierenden Beitrag zu der Frage, ob und inwiefern die Verwendung Leichter Sprache eine umfassende Teilhabe an der Kommunikation im öffentlichen Raum ermöglicht.
Nutzen Sie dazu die folgenden Materialien 1 bis 6 und beziehen Sie unterrichtliches Wissen und eigene Erfahrungen ein.
Formulieren Sie eine geeignete Überschrift.
Verweise auf die Materialien erfolgen unter Angabe des Namens der Autorin bzw. des Autors und ggf. des Titels.
Ihr Beitrag sollte etwa 800 Wörter umfassen.
Material 1: Vielfalt zum Ausdruck bringen! Ein Leitfaden für Mitarbeitende der Berliner Verwaltung (2020)
Leichte Sprache
[…] Leichte Sprache rückt in Deutschland zunehmend ins öffentliche Bewusstsein. Leichte Sprache im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) hat das Ziel, Menschen, die schriftliche sowie mündliche Schwierigkeiten haben, abstrakte Dinge zu verstehen, die Teilhabe an Gesellschaft und Politik zu ermöglichen. Sie folgt bestimmten Regeln, die unter maßgeblicher Mitwirkung des Vereins Mensch zuerst entwickelt wurden, und zeichnet sich unter anderem durch kurze Hauptsätze und den weitgehenden Verzicht auf Nebensätze und die Verwendung von bekannten Wörtern aus. Schwierige Worte werden erklärt. Das Schriftbild ist klar, ohne Schnörkel (Serifen) und ausreichend groß. Nach jedem Satzzeichen sowie bei sinnvollen Satzabschnitten folgt ein Absatz. Die Optik von Bild und Schrift muss übersichtlich sein. Farben sind eher sparsam einzusetzen. Einfache Illustrationen werden bei der Leichten Sprache Fotos vorgezogen, auf denen zu viele Details zu sehen sind.
Einfache Sprache
Anders als bei der Leichten Sprache gibt es für die Einfache Sprache kein Regelwerk. Sie ist durch einen komplexeren Sprachstil gekennzeichnet als die Leichte Sprache. Die Sätze sind länger, Nebensätze sind zulässig und sämtliche im Alltag gebräuchlichen Begriffe werden als bekannt vorausgesetzt. Fremdworte sollten allerdings auch hier nach Möglichkeit vermieden werden, ansonsten sind sie zu erklären. Nach Satzzeichen und Satzabschnitten muss nicht zwingend ein Absatz folgen, solange der Text überschaubar bleibt. Auch das optische Erscheinungsbild von Schrift und Bild ist weniger streng geregelt. Texte in Einfacher Sprache sind für viele Menschen hilfreich, etwa für Menschen mit Lese- und Rechtschreibschwäche, hörbehinderte Menschen mit geringerer Lautsprachkompetenz, Menschen mit geringen Deutschkenntnissen oder auch Personen, die in Berlin Urlaub machen. […]
Senatsverwaltung für Arbeit, Soziales, Gleichstellung, Integration, Vielfalt und Antidiskriminierung (2020): Vielfalt zum Ausdruck bringen! Ein Leitfaden für Mitarbeitende der Berliner Verwaltung. Abschnitte 2.4.1. Leichte Sprache und 2.4.2. Einfache Sprache.
Material 2: Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung e.V.: Für wen ist Leichte Sprache? (2022)
Illustration: Eine Frau liest zustimmend nickend und mit erhobenem Daumen in einem Buch in Leichter Sprache.
Illustration: Eine heterogene Gruppe von Menschen unterschiedlichen Alters, u. a. eine Person im Rollstuhl.
Menschen mit geistiger Behinderung haben Leichte Sprache gefordert. Darum ist Leichte Sprache besonders für diese Menschen. Leichte Sprache hilft auch Menschen, die Probleme beim Lernen haben. Leichte Sprache ist auch gut für viele andere Menschen. Zum Beispiel: Menschen mit Problemen beim Lesen und Schreiben. Menschen, die gerade Deutsch lernen. Alte Menschen. Menschen, die Gebärden-Sprache brauchen. Jugendliche.
Büro für Leichte Sprache. Lebenshilfe Bremen e. V. (2022): Für wen ist Leichte Sprache?
Material 3: Nicola Pridik: 7 Dinge, die Sie über Leichte Sprache wissen sollten (2017)
1. Leichte Sprache ermöglicht gesellschaftliche Teilhabe
[…] Große Teile der Bevölkerung sind nicht in der Lage, standardsprachliche Texte zu lesen und zu verstehen. So gibt es in Deutschland allein rund 7,5 Mio. funktionale Analphabeten (vgl. LEO-Studie 2011). Hinzu kommen Menschen mit geistiger Behinderung, Menschen mit Lernschwierigkeiten (z. B. aufgrund einer Legasthenie), an Demenz Erkrankte, Menschen mit Aphasien (Sprachstörungen), prälingual Gehörlose und Personen mit geringen Deutschkenntnissen. Viele dieser Menschen müssen dauerhaft mit ihrer Leseeinschränkung leben. Das gilt z. B. für Menschen mit geistiger Behinderung und Menschen mit Demenz oder Aphasien. Andere sind potenziell in der Lage, durch entsprechendes Training und/oder Förderangebote das Lesen standardsprachlicher Texte zu lernen. Selbst wenn ein Lernerfolg möglich ist, vergeht jedoch regelmäßig viel Zeit, bis die Betroffenen ihr Ziel erreichen.
Alle genannten Personengruppen haben vorübergehend oder sogar dauerhaft keine Chance, selbstbestimmt Informationen über Texte aufzunehmen. Sie sind deshalb aus der Gesellschaft ausgeschlossen, denn in vielen Bereichen des Lebens sind wir auf schriftliche Informationen und die Beherrschung der Schriftsprache angewiesen. […] Leichte Sprache hilft, die ausgrenzende Sprachbarriere zu überwinden. Denjenigen, die ihr Sprachniveau verbessern können, baut sie darüber hinaus eine Brücke zur Standardsprache. […]
2. Es geht nicht um „schöne“ Sprache
[…] Wer Texte in Standardsprache lesen und verstehen kann, empfindet Leichte-Sprache-Texte zwangsläufig als befremdlich, weil die sprachlichen Möglichkeiten hier erheblich eingeschränkt sind. Das zeigen bereits folgende Regeln auf Satzebene:
Nur Hauptsätze sind erlaubt, keine Nebensätze.
Es gibt keinen Genitiv.
Es gibt kein Imperfekt und kein Futur.
Es gibt keinen Konjunktiv.
Es gibt kein Passiv.
Der Punkt ist: Es hat Gründe, warum diese Regeln existieren. Wer selbst nicht betroffen ist, kann es sich zwar nur schwer vorstellen, aber es gibt Menschen, die können tatsächlich nur eine Information pro Satz aufnehmen, einen Genitiv nicht verarbeiten oder haben Mühe, Formulierungen im Passiv zu verstehen. Nicht jeder hat mit allen Facetten der Sprache Probleme, aber in der Leichten Sprache werden alle berücksichtigt, um Informationen einer möglichst breiten, sehr heterogenen Leserschaft zugänglich zu machen. Den Luxus „schöner“ Sprache kann sich im Kontext von Leichter Sprache niemand leisten. Es geht vielmehr darum, ob Menschen Informationen aufnehmen und verstehen können oder nicht. […]
3. Nicht jeder Text in Leichter Sprache ist ein guter Text
Die ersten wissenschaftlich fundierten Regeln für Leichte Sprache wurden erst 2015 von der Forschungsstelle Leichte Sprache (Universität Hildesheim) veröffentlicht. […] Davor gab es nur sehr allgemein gehaltene Regeln, die zwar wichtige Vorgaben machten, die Leichte-Sprache-Übersetzer:innen aber zugleich mit vielen Fragen zurückließen. […] Diese Regeln wurden von der Forschungsstelle konkretisiert und sprachwissenschaftlich unterfüttert, teilweise aber auch verändert.
Leichte Sprache ist also noch ein sehr junges Sprachkonzept, das erst seit kurzem professionelle Formen annimmt. […] Als Maßstab der Qualität und Verständlichkeit zählte [früher] allein die „Prüfung“ der Texte durch Vertreter der Zielgruppe(n). Heute existieren wissenschaftliche Regeln (deren empirische Überprüfung noch aussteht) und Prüfgruppen nebeneinander. Mithilfe der wissenschaftlichen Regeln werden die Leichte-Sprache-Übersetzungen besser und die Prüfgruppen sind wichtig, weil sie die Zielgruppen in die Entwicklung der Leichten Sprache einbeziehen.
4. Leichte Sprache ist kein falsches Deutsch
Zuweilen wundert man sich über sehr abenteuerliche Schreibweisen von Wörtern in Leichte-Sprache-Texten […]. Die Forschungsstelle sagt ganz klar: Alle Texte in Leichter Sprache müssen grammatikalisch und orthografisch richtig sein. Das ist schon deshalb wichtig, weil es fatal wäre, Menschen falsches Deutsch zu vermitteln, denen die Leichte Sprache nur den Zugang zur Standardsprache ermöglichen soll. […]
Pridik, Nicola (04.04.2017): 7 Dinge, die Sie über Leichte Sprache wissen sollten. Nicola Pridik (*1970) ist Juristin und Inhaberin des Büros für klare Rechtskommunikation in Berlin.
Material 4: Bettina M. Bock: Was macht Sätze leicht verständlich? (2018)
[…] Was Sätze leicht oder schwer verständlich macht, ist nicht nur die Struktur – also die Syntax. Ganz wesentlich ist, wie schon bei den Wörtern, die Bedeutungsebene – also die Semantik. Es geht auf Satzebene also nicht nur um Phänomene wie Nebensätze und Satzkomplexität, sondern z. B. auch um die Reihenfolge von Informationen ( Der Mann betritt den Raum. – Den Raum betritt der Mann.) oder die Vereindeutigung möglicher Lesarten eines Satzes ( Sie probiere das Kleid im Schaufenster an.). Einen Einfluss auf die Verständlichkeit hat auch, ob eine Formulierung in einem bestimmten Zusammenhang besonders erwartbar oder der Leserschaft vertraut ist. […] Es ist selten möglich, einzelne grammatische Phänomene isoliert als generell (zu) schwierig einzustufen. Viel hängt vom sprachlichen Kontext ab, also den umgebenden Sätzen, ebenso vom außersprachlichen Kontext, also dem Verwendungszusammenhang. […]
In […] Regellisten […] werden […] auf Satzebene folgende Verstehenshürden immer wieder genannt:
Satzschachtelungen mit mehreren Nebensätzen
Satzklammer, z. B. bei unfesten Verbzusammensetzungen (z. B. Sie spricht den Kollegen aus der Werkstatt an.)
ungewöhnliche Wortstellung
Nominalisierung (statt Die Forderung nach… z. B. Auflösung in einen Nebensatz wie: Sie fordern, dass…)
lange Sätze
Manches, wie Schachtelsätze und Nominalisierung, lässt sich relativ leicht vermeiden. Sie bereiten in der Regel zweifellos unnötige Verstehensschwierigkeiten. Nebensätze sind unseren Tests zufolge allerdings nicht grundsätzlich schwer verständlich. Die Frage der Satzlänge ist schwierig verallgemeinernd zu beantworten. Manchmal findet man in der Forschung die Angabe, dass ein Satz bei nicht-beeinträchtigten Lesern nicht mehr als 7-8 Wörter haben solle. Solche Angaben orientieren sich an der Spanne des Kurzzeitgedächtnisses, die bei den Adressatenkreisen „Leichter Sprache“ natürlich sehr unterschiedlich sein kann.
In den Regelwerken wird außerdem empfohlen: Ein Gedanke pro Satz. In der Praxis wird das oftmals so interpretiert, dass Sätze rein grafisch „zerlegt“, aber ansonsten unverändert gelassen werden (wie in „Dafür wollen wir einen Plan machen. Und uns für Bildung stark machen.“). Solche elliptischen, also unvollständigen Sätze werden dann in der Öffentlichkeit immer wieder kritisiert. Tatsächlich ist sehr fraglich, inwiefern solch eine rein grafische „Satzzerlegung“ verständniserleichternd wirkt. Die Empfehlung „ein Gedanke pro Satz“ sollte anders verstanden werden: Es geht vor allem um die Bedeutungsebene, genauer: die Informationsdichte. Ein Satz wie
Ich habe ein gut lesbares Buch für Peter, in dem es um Vogelarten in den Alpen geht.
weist eine hohe Informationsdichte auf. Um den Satz inhaltlich zu „entzerren“, könnte man ihn in mehrere Sätze auflösen und so den Inhalt völlig neu formulieren und darstellen:
Peter mag Vögel (= Kontext). Ich habe ein Buch für ihn. Im Buch geht es um Vogel-Arten in den Alpen. Das Buch ist gut lesbar. […]
Bock, Bettina M. (2018): „Leichte Sprache“ – Kein Regelwerk. Sprachwissenschaftliche Ergebnisse und Praxisempfehlungen aus dem LeiSA-Projekt. Leipzig, S. 86 f. Bettina M. Bock (*1982) ist als Sprachwissenschaftlerin an der Universität zu Köln tätig.
Material 5: Adrian Lobe: Leichte Sprache: Nachrichten im Kinderbuch-Stil (2017)
[…] Die Frage ist, ob man Rezipienten mit Leseschwächen erreicht, indem man Nachrichten künstlich boulevardisiert und im vermeintlichen Kinderbuch-Stil erzählt. Gibt es eine Grenze für Komplexitätsreduktion? Ist dem Zielpublikum gedient, wenn man Inhalte über Gebühr simplifiziert? Wäre es nicht besser, die Lesekompetenz zu stärken, statt komplexe Texte zu demontieren?
Die „Augsburger Allgemeine“ schreibt in Leichter Sprache über die Waldbrände in Portugal: „In dem Land Portugal ist etwas Schlimmes passiert. Portugal ist in Europa. Es brennt in den Wäldern von Portugal. Warum brennt es: In Portugal ist gerade Sommer. Überall ist es sehr heiß. In den Wäldern von Portugal ist alles sehr trocken. Zum Beispiel die Bäume und Wiesen. Es gab ein Gewitter ohne Regen. Der Blitz hat eingeschlagen. So fing es in den Wäldern an zu brennen.“
Dies ist ein Beispiel dafür, wie Leichte Sprache nicht funktionieren sollte: Kausalzusammenhänge werden konstruiert, Erklärungen komplexer Phänomene verzerrt. Die Gleichung Sommer gleich Hitze gleich Gewitter gleich Waldbrand ist stark verkürzt. Dass die Eukalyptus-Monokultur die Hauptursache für die Brände ist, kommt in dem Artikel gar nicht vor. Dem Leser werden wesentliche Informationen vorenthalten. Das kann nicht das Ziel Leichter Sprache sein.
Was an dem Vorhaben vor allem stört, ist, dass Sprache als ein Störfaktor desavouiert wird, der Menschen daran hindere, Nachrichten zu erfassen. Dabei ist doch Sprache wesentlich für die Qualität und Güte eines Textes. Komplexe, vermeintlich „schwere“ Sprache erlaubt präzise Unterscheidungen, die von einer simplifizierten Satzstruktur geschleift werden. Traut man der Leserschaft nichts mehr zu?
Der Internetkritiker Hossein Derakhshan schrieb in einem Gastbeitrag für die „Süddeutsche Zeitung“: „Selbstverständlich wird Text nie aussterben, aber die Fähigkeit, über das Alphabet zu kommunizieren, wird in vielen Gesellschaften langsam zum Privileg einer kleinen Elite. Das erinnert an das Mittelalter, als nur Mächtige und Mönche sich mit geschriebenen Worten verständigten. Die restlichen Menschen werden die Analphabeten des 21. Jahrhunderts sein, die hauptsächlich über Bilder und Videos kommunizieren – und natürlich über Emojis.“ Mit Leichter Sprache erweist man jenen Menschen einen Bärendienst, die man eigentlich an die komplexe Sprachwelt heranführen und mit einem breiten Wortschatz ermächtigen muss.
Lobe, Adrian (28.07.2017): Leichte Sprache: Nachrichten im Kinderbuch-Stil. Adrian Lobe (*1988) ist Buchautor und Journalist.
Material 6: Bettina Zurstrassen: Inklusion durch Leichte Sprache? Eine kritische Einschätzung (2015)
[…] Durch die Bereitstellung verständlicher Texte kann in der Tat der Zugang zu gesellschaftlichen und politischen Informationen niederschwelliger ermöglicht werden. Dennoch sind auch Zweifel angebracht:
Sprachwissenschaftlich und soziolinguistisch muss untersucht werden, ob Leichte Sprache mit ihrem eigenen Regelwerk nicht sogar die Ausgrenzung von Menschen mit Lernschwierigkeiten fördern kann, wenn diese auf den zunehmend normierten Schreib- und Sprachstil der „Leichten Sprache“ hin sozialisiert werden.
Des Weiteren muss die Forschung prüfen, ob Leichte Sprache im Vergleich zu Einfacher Sprache aufgrund ihres begrenzenden Regelwerks (z. B. die Regel, Fremdwörter zu vermeiden) die Zielgruppe in ihren sprachlichen und kognitiven Entwicklungschancen nicht sogar einschränkt. Aus politikdidaktischer Perspektive ist Einfache Sprache zu bevorzugen, weil Fremdwörter zwar verwendet, aber erläutert werden und sie daher einen stärker aufklärenden Anspruch hat. […]
Die Einbindung von „Expertinnen und Experten aus der Zielgruppe“ bei der Übersetzung in Leichte Sprache wird vom Netzwerk Leichte Sprache zum Gütekriterium erklärt und bei der Zertifizierung eines übersetzten Textes mit einem Gütesiegel vorausgesetzt. Die Problematik des „positiven Rassismus“, die hinter dieser gutgemeinten Praxis steht, wird nicht reflektiert. Die Zielgruppe wird als einzig legitimer Experte ihrer Lebenswelt definiert und ihr exkludierender Sonderstatus damit verfestigt.
Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass im Zuge der Inklusionsdebatte eine eigene Sprache für Menschen mit Lernschwierigkeiten entwickelt wird. […]
Es gehört in diesem Zusammenhang zur politischen Dramaturgie von Interessengruppen, die Gruppe der „Betroffenen“ möglichst weit zu definieren, um mit dem Verweis auf die gesellschaftliche Relevanz der eigenen Forderung Nachdruck zu verleihen. […]
Im […] Ratgeber des Ministeriums für Arbeit und Soziales heißt es, dass bei der Übersetzung Teile von Texten weggelassen und Beispiele eingefügt werden können, wobei die Expertinnen und Experten aus der Gruppe der Menschen mit Lernschwierigkeiten entscheiden, welche Textpassagen gestrichen werden können. Kriterien, die den Entscheidungsprozess transparent machen, werden jedoch nicht ausgeführt. Problematisch ist zudem, dass bei den in Leichter Sprache verfassten Dokumenten oft nicht deutlich gemacht wird, dass es sich bei ihnen um eine interpretative Übersetzung handelt, in die immer auch normative Deutungen des/der Übersetzenden bzw. der Prüfenden einfließen. Damit birgt Leichte Sprache die Gefahr der politischen Überwältigung, zumal dann, wenn die Rezipienten nicht zu einer textkritisch-distanzierten Haltung sozialisiert werden. […]
Zurstrassen, Bettina (26.11.2015): Inklusion durch Leichte Sprache? Eine kritische Einschätzung. Bettina Zurstrassen ist Professorin für die Didaktik der Sozialwissenschaften an der Universität Bielefeld. Sprachliche Fehler in Textvorlagen wurden entsprechend der geltenden Norm korrigiert.
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