Abitur Bayern Deutsch 2023 · GK · gendergerechte Sprachverwendung
Aufgabe Deutsch aus dem IQB-Pool 2023, GK · gendergerechte Sprachverwendung: 2 Teilaufgaben mit Lösungen. Themen: Analyse pragmatischer Texte. Kostenlos.
Themen der Aufgabe: Analyse pragmatischer Texte · Erörterung pragmatischer Texte
Aufgabe 1 - Analyse pragmatischer Texte
1 Aufgabe
Aufgabenstellung
1.
Analysieren Sie den vorliegenden Text von Maxi Beigang. Berücksichtigen Sie dabei den Argumentationsgang, die sprachlich-stilistische Gestaltung und die Intention des Textes. ca. 80 %
Material
Maxi Beigang (*1990): Deutschland muss zum Land der Dichter*innen und Denker*innen werden! (2020)
Berlin – Kleine Presseschau des Sommers gefällig? Der neue Duden ist erschienen und will mit Wörtern wie „genderneutral“, „Gendersternchen“ und „inklusiv“ den „jüngsten Entwicklungen im Wortschatz der deutschen Gegenwartssprache in bewährter Weise Rechnung“ tragen. Bravo, willkommen im Jahre 2020!, denke ich mir.
5 Die flottgemachte Fassung des Standardwerks unserer Muttersprache möchte ich natürlich
absolut begrüßen. Gleichzeitig ist es bezeichnend, dass die Duden-Redaktion nicht sehr viel
Mühe investiert, um auf die Dringlichkeit geschlechtsneutraler Sprache hinzuweisen. Auf
gerade mal drei Seiten, also auf insgesamt 0,2 Prozent des Buches, erklärt sie, wie man das
Gendersternchen richtig einsetzt. Offenbar nervt das Gendern den (Altherren-)Verein
10 Deutscher Sprache (VDS) 1. Nur so ist zu erklären, warum dessen Vorsitzender, Professor
Walter Krämer, nach der Veröffentlichung des Werkes verkündet hat, es müsse Schluss
damit sein, „dass Einzelne von oben herab entscheiden wollen, wie sich Sprache zu
entwickeln hat“. Viele glaubten nun, „dass Gendersternchen und ähnliche Konstrukte echte
Bestandteile der deutschen Sprache seien“. Ich frage mich da: Warum so schlecht gelaunt,
15 Herr Krämer?
Die Debatte um diesen „Gender-Kram“ geht in eine neue Runde. „Na endlich!“, denke ich.
Die Diskussion dreht sich schließlich schon seit Jahren im Kreis und am Ende ist und bleibt
doch der immer gleiche Konsens: Die männliche Form, das generische Maskulinum 2, soll
immer dann verwendet werden, wenn „beide“, ja alle, Geschlechter mitgemeint sind. Die
20 Abkehr davon wäre die Akzeptanz einer geschlechtergerechten Sprache, die vielen
Menschen immer noch ein Graus ist.
Möglichkeiten gibt es ja genug, um die Gleichstellung der Geschlechter in der Sprache zu
25 betonen: zum Beispiel die Doppelnennung (Lehrer und Lehrerinnen), das Binnen-I
(LehrerInnen), das Gendersternchen (Lehrer*innen) oder der Gender Gap (Lehrer_innen).
Insbesondere die beiden letztgenannten Varianten zeigen besonders gut die geschlechtliche
Vielfalt unserer Gesellschaft abseits von Mann und Frau. Das wäre dann aber eine
sprachliche „Genderisierung des Alltags“, an der sich insbesondere Männer wie Professor
30 Krämer immer noch stören.
Der VDS rief ganz offiziell zum Widerstand auf. Da frage ich mich: Wird aus dem starken
Mann tatsächlich ein weiches Männlein, wenn Frauen und nicht-binäre Mitbürger*innen nicht
nur mitgedacht, sondern explizit auch angesprochen werden? Ist es nicht ein Armutszeugnis
für unsere Gesellschaft, wenn Gendersternchen als „Verrenkungen der Sprache“ und
35 Formulierungen wie „Kundin“ (statt Kunde allein) für große deutsche Verbände einer
sprachlichen Kamikaze-Tat gleichkommen?
Denn nicht nur der VDS empört sich, sondern auch andere einflussreiche Institutionen – wie
etwa der Deutsche Sparkassen- und Giroverband (DSGV). Seit Jahren führt er gegen die
40 Frauenrechtlerin Marlies Krämer einen kleinkarierten Rechtsstreit. Die Kundin (!) möchte auf
Formularen als Frau erkennbar sein und eben nicht als männlicher „Kunde“ angeschrieben
werden. Kann man es ihr wirklich verübeln? Sie zog deshalb bis vor den
Bundesgerichtshof. Wie bei allen Vorinstanzen wurde aber auch hier ihre Klage 2018
45 abgelehnt. Die offizielle Begründung: Die männliche Ansprache allein verstoße nicht gegen
das Gleichbehandlungsgesetz.
Man stelle sich einmal die Reaktionen in vertauschten Rollen vor: Sparkassenkundin Max
Mustermann muss seinen Kreditantrag als Kundin und nicht als Kunde unterschreiben. Wie
50 groß wäre da die Empörung? Ich frage mich, wie viele Klagen und Beschwerdebriefe den
DSGV in diesem Fall erreicht hätten. Die Argumente der selbsternannten
Sprachbewahrer*innen greifen in die Mottenkiste der Geschichte 3: Das generische
Maskulinum sei geschlechtsneutral, eine „historisch gewachsene Übereinkunft“ und eben
55 keine Diskriminierung. So lautet auch die einhellige Meinung der Amts- und Landesgerichte,
die Krämers Klagen in ersten Instanzen abgewiesen hatten.
So zeigt sich wieder einmal die schreiende Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft. In einer
60 Welt, in der Männer immer noch mehr Macht als Frauen haben, bleibt das Maskuline die
Norm, jede noch so kleine Anpassung wird zum Sonderfall. So bestimmen wieder Männer,
wann Sprache für alle Nicht-Männer diskriminierend ist. Und wann eben nicht. Ich kann das
nicht verstehen. Oder so gesagt: Wo ist das Problem, ein paar Bankformulare zu ändern?
65 Warum will man stattdessen lieber einen jahrelangen Kleinkrieg um ein paar Worte und
Endungen führen? Es bleibt dabei: Deutsche Sprache, Männersprache.
Es wird vergessen, dass Sprache sich fortwährend entwickelt. Sie ist keine
Momentaufnahme einer stillstehenden Gesellschaft. Sprache ist nicht nur historisch
70 gewachsen, sondern vor allem anpassungsfähig. Dieser „Gender-Unfug“, der so viele
Männer (und auch einige Frauen) nervt, ist nichts anderes als das bewusste Augenöffnen
vor der Tatsache, dass es neben der männlichen auch noch andere Normen und
Geschlechter gibt. Geschlechter, die vielleicht anders sind, aber deshalb nicht weniger
75 greifbar oder sichtbar. Dieser „Gender-Unfug“, um den viele Feministinnen und Feministen
jetzt kämpfen, will sichtbar machen, dass es nicht nur eine Norm, sondern viele
nebeneinander existierende Normen gibt. Wer das nicht versteht, versperrt sich vor der
Realität.
Und dann kommt noch ein anderer, viel wichtigerer Aspekt hinzu: Diejenigen, die das
70 Gendern nicht akzeptieren wollen, verstehen und sehen ihre eigenen Privilegien nicht. Oder
ist es reiner Zufall, dass sich ausgerechnet vor allem Männer über die Genderisierung
aufregen? Dass Männer auch hier mal wieder am lautesten brüllen, am besten Bescheid
wissen, am richtigsten recht haben.
Viele Männer ahnen, dass sich die Gesellschaft ändert. Sie haben wohl Angst davor. Was
75 bleibt dem deutschen Bratwurst-Fetischisten, dem testosterongeladenen Alleskönner, dem
teutonischen Manne 4 noch, wenn aus seiner Männersprache eine egalitäre, gerechte Wir-
Sprache wird, die die Pluralität der Gesellschaft – die blanke Realität – abbildet? Wenn
Frauen und non-binäre Mitbürger*innen nicht nur mitgemeint, sondern explizit angesprochen
80 und damit sichtbar werden? Unsere Sprache wäre damit inklusiver, das sichtbare Privileg
weniger Männer würde sich zum Gemeingut der ganzen Gesellschaft entwickeln. Wer sich
daran stört, wen das nervt, der bleibt ein Ewiggestriger, gefangen im eigenen Ego-Denken.
Ein schlichter Schwarz-Weiß-Film neben dem schillernden Instagram-Stream der modernen
80 Welt. Obendrein wird immer wieder vergessen: Auch das generische Maskulinum ist
Gendern. Nur richtet es sich am Prototypen unserer Welt aus: dem Mann.
Zugegeben: Nicht nur Männer verteidigen das generische Maskulinum, auch Frauen tun es,
85 sogar junge. Erst vor kurzem veröffentlichte der Schriftsteller Nele Pollatschek (Anm. der
Red.: Aus Respekt vor Frau Pollatschek sprechen wir im Maskulinum, weil sie selbst nicht
gegendert werden möchte) einen Bericht im Tagesspiegel, in dem sie sich gegen das
Gendern wehrt. Ihre These: Gendergerechte Sprache sei sexistisch, weil sie immer auf die
90 Kategorie Frau, also den Unterschied zwischen Frau und Mann hinweise und damit den
Gleichheitsanspruch sprachlich unterwandere.
Außerdem, so Pollatscheks kontroverse These: Wenn Frauen immer mitgemeint sein
95 wollten, um die Gleichheit aller Menschen voranzutreiben, müsste man auch auf andere
Identitätskategorien verweisen – etwa auf Schwule, Schwarze, Juden und Jüdinnen.
Pollatschek wendet ein: Das würde die Unterschiede größer machen, anstatt sie zu
nivellieren. Gendern sei also in Wahrheit schädlich und diskriminierend. „Wenn es mich nicht
gerade traurig macht, kann ich einen gewissen Humor darin entdecken, wie besessen
Deutschland von Genitalien ist.“
Ein fadenscheiniges Argument. Nele Pollatschek will schlicht nicht wahrhaben, dass es um
100 Differenzierungen geht. Beim Gendern geht es darum, Vielfalt sichtbar zu machen, weil auch
unsere Gesellschaft nun einmal plural und vielfältig ist. Sprache ist Macht. Wenn sich also
die Machtverhältnisse verändern sollen, muss auch die Sprache sich verändern. Für Nele
Pollatschek und den „Verein Deutscher Sprache“ mag der Gendersternchen kein Bestandteil
105 deutscher Sprache sein. Als Platzhalter, um die tatsächliche Vielfalt unserer Gesellschaft
auszudrücken, eignet er sich allemal.
Auch diese Zeitung schreibt nicht geschlechtergerecht und muss sich die Frage stellen,
inwiefern sie damit unsere Gesellschaft abbildet. Kann man überhaupt eine ganze
110 Tageszeitung mit Gendersternchen schreiben? Ich finde, ja. Wer die Gleichstellung der
Geschlechter will, sollte es zumindest einmal versuchen.
Gar keine Frage: Die Formen der Gender-Sprache sind nicht fehlerfrei und führen nicht
automatisch zu mehr Gerechtigkeit in diesem Land. Doch darf das kein Grund sein, am
Status Quo festzuhalten. Wen sprachliche Genderisierung nervt, der ist eben gerade kein*e
115 Bewahrer*in unseres Kulturgutes, sondern steht ihm und seiner Entwicklung im Weg. Aus
der Sprache der Dichter und Denker soll deshalb gern eine Sprache der Dichter*innen und
Denker*innen werden. Dann käme einem statt Goethe und Schiller vielleicht auch Karoline
115 von Günderrode oder Bettina von Arnim in den Sinn. Am Ende ist es doch so: Sprache
schafft Bedeutung und Ewiggestrige bleiben bedeutungslos. Ja, ganz klar, die Zukunft gehört
dem Gendersternchen.
Beigang, Maxi (12.09.2020): Deutschland muss zum Land der Dichter*innen und Denker*innen werden!
<https://www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/nele-pollatschek-gendern-gendern-macht-die-diskriminierung-nur-noch-schlimmer-lasst-deutschland-zum-land-der-dichterinnen-und-denkerinnen-werden-geschlechtergerechte-sprache-li.104117>. 19.02.2021
Maxi Beigang hat Politikwissenschaft, Germanistik und Journalismus studiert und arbeitet als Übersetzerin und Journalistin.
Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Textquelle.
1 Verein Deutscher Sprache (VDS): Der Verein Deutscher Sprache (ursprünglich Verein zur Wahrung der deutschen Sprache (VWDS)) verfolgt das Ziel, die deutsche Sprache als eigenständige Kultursprache zu erhalten und zu fördern. Zu den Leitlinien zählt unter anderem die Bekämpfung von Anglizismen sowie von Gendersprache, die antidemokratisch sei. Es handelt sich um keine rein fachwissenschaftliche Gruppierung.
2 generisches Maskulinum: Generisches Maskulinum bezeichnet eine in der deutschen Sprache übliche Gebrauchsgewohnheit oder Methode, bei der grammatisch männliche (maskuline) Personen- oder Berufsbezeichnungen, die auch eine weibliche (feminine) Wortform haben, in einem verallgemeinernden, generischen Sinne verwendet werden.
3 Mottenkiste der Geschichte: Phrase, die auf veraltete bzw. unzeitgemäße Argumentation verweist.
4 teutonischer Mann: hier: satirisch für „typischer Deutscher“.
Aufgabe 2 - Erörterung pragmatischer Texte
1 Aufgabe
Aufgabenstellung
2.
Beurteilen Sie ausgehend von Ihren Ergebnissen die Überzeugungskraft des Textes. ca. 20 %
Material
Maxi Beigang (*1990): Deutschland muss zum Land der Dichter*innen und Denker*innen werden! (2020)
Berlin – Kleine Presseschau des Sommers gefällig? Der neue Duden ist erschienen und will mit Wörtern wie „genderneutral“, „Gendersternchen“ und „inklusiv“ den „jüngsten Entwicklungen im Wortschatz der deutschen Gegenwartssprache in bewährter Weise Rechnung“ tragen. Bravo, willkommen im Jahre 2020!, denke ich mir.
5 Die flottgemachte Fassung des Standardwerks unserer Muttersprache möchte ich natürlich
absolut begrüßen. Gleichzeitig ist es bezeichnend, dass die Duden-Redaktion nicht sehr viel
Mühe investiert, um auf die Dringlichkeit geschlechtsneutraler Sprache hinzuweisen. Auf
gerade mal drei Seiten, also auf insgesamt 0,2 Prozent des Buches, erklärt sie, wie man das
Gendersternchen richtig einsetzt. Offenbar nervt das Gendern den (Altherren-)Verein
10 Deutscher Sprache (VDS) 1. Nur so ist zu erklären, warum dessen Vorsitzender, Professor
Walter Krämer, nach der Veröffentlichung des Werkes verkündet hat, es müsse Schluss
damit sein, „dass Einzelne von oben herab entscheiden wollen, wie sich Sprache zu
entwickeln hat“. Viele glaubten nun, „dass Gendersternchen und ähnliche Konstrukte echte
Bestandteile der deutschen Sprache seien“. Ich frage mich da: Warum so schlecht gelaunt,
15 Herr Krämer?
Die Debatte um diesen „Gender-Kram“ geht in eine neue Runde. „Na endlich!“, denke ich.
Die Diskussion dreht sich schließlich schon seit Jahren im Kreis und am Ende ist und bleibt
doch der immer gleiche Konsens: Die männliche Form, das generische Maskulinum 2, soll
immer dann verwendet werden, wenn „beide“, ja alle, Geschlechter mitgemeint sind. Die
20 Abkehr davon wäre die Akzeptanz einer geschlechtergerechten Sprache, die vielen
Menschen immer noch ein Graus ist.
Möglichkeiten gibt es ja genug, um die Gleichstellung der Geschlechter in der Sprache zu
25 betonen: zum Beispiel die Doppelnennung (Lehrer und Lehrerinnen), das Binnen-I
(LehrerInnen), das Gendersternchen (Lehrer*innen) oder der Gender Gap (Lehrer_innen).
Insbesondere die beiden letztgenannten Varianten zeigen besonders gut die geschlechtliche
Vielfalt unserer Gesellschaft abseits von Mann und Frau. Das wäre dann aber eine
sprachliche „Genderisierung des Alltags“, an der sich insbesondere Männer wie Professor
30 Krämer immer noch stören.
Der VDS rief ganz offiziell zum Widerstand auf. Da frage ich mich: Wird aus dem starken
Mann tatsächlich ein weiches Männlein, wenn Frauen und nicht-binäre Mitbürger*innen nicht
nur mitgedacht, sondern explizit auch angesprochen werden? Ist es nicht ein Armutszeugnis
für unsere Gesellschaft, wenn Gendersternchen als „Verrenkungen der Sprache“ und
35 Formulierungen wie „Kundin“ (statt Kunde allein) für große deutsche Verbände einer
sprachlichen Kamikaze-Tat gleichkommen?
Denn nicht nur der VDS empört sich, sondern auch andere einflussreiche Institutionen – wie
etwa der Deutsche Sparkassen- und Giroverband (DSGV). Seit Jahren führt er gegen die
40 Frauenrechtlerin Marlies Krämer einen kleinkarierten Rechtsstreit. Die Kundin (!) möchte auf
Formularen als Frau erkennbar sein und eben nicht als männlicher „Kunde“ angeschrieben
werden. Kann man es ihr wirklich verübeln? Sie zog deshalb bis vor den
Bundesgerichtshof. Wie bei allen Vorinstanzen wurde aber auch hier ihre Klage 2018
45 abgelehnt. Die offizielle Begründung: Die männliche Ansprache allein verstoße nicht gegen
das Gleichbehandlungsgesetz.
Man stelle sich einmal die Reaktionen in vertauschten Rollen vor: Sparkassenkundin Max
Mustermann muss seinen Kreditantrag als Kundin und nicht als Kunde unterschreiben. Wie
50 groß wäre da die Empörung? Ich frage mich, wie viele Klagen und Beschwerdebriefe den
DSGV in diesem Fall erreicht hätten. Die Argumente der selbsternannten
Sprachbewahrer*innen greifen in die Mottenkiste der Geschichte 3: Das generische
Maskulinum sei geschlechtsneutral, eine „historisch gewachsene Übereinkunft“ und eben
55 keine Diskriminierung. So lautet auch die einhellige Meinung der Amts- und Landesgerichte,
die Krämers Klagen in ersten Instanzen abgewiesen hatten.
So zeigt sich wieder einmal die schreiende Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft. In einer
60 Welt, in der Männer immer noch mehr Macht als Frauen haben, bleibt das Maskuline die
Norm, jede noch so kleine Anpassung wird zum Sonderfall. So bestimmen wieder Männer,
wann Sprache für alle Nicht-Männer diskriminierend ist. Und wann eben nicht. Ich kann das
nicht verstehen. Oder so gesagt: Wo ist das Problem, ein paar Bankformulare zu ändern?
65 Warum will man stattdessen lieber einen jahrelangen Kleinkrieg um ein paar Worte und
Endungen führen? Es bleibt dabei: Deutsche Sprache, Männersprache.
Es wird vergessen, dass Sprache sich fortwährend entwickelt. Sie ist keine
Momentaufnahme einer stillstehenden Gesellschaft. Sprache ist nicht nur historisch
70 gewachsen, sondern vor allem anpassungsfähig. Dieser „Gender-Unfug“, der so viele
Männer (und auch einige Frauen) nervt, ist nichts anderes als das bewusste Augenöffnen
vor der Tatsache, dass es neben der männlichen auch noch andere Normen und
Geschlechter gibt. Geschlechter, die vielleicht anders sind, aber deshalb nicht weniger
75 greifbar oder sichtbar. Dieser „Gender-Unfug“, um den viele Feministinnen und Feministen
jetzt kämpfen, will sichtbar machen, dass es nicht nur eine Norm, sondern viele
nebeneinander existierende Normen gibt. Wer das nicht versteht, versperrt sich vor der
Realität.
Und dann kommt noch ein anderer, viel wichtigerer Aspekt hinzu: Diejenigen, die das
70 Gendern nicht akzeptieren wollen, verstehen und sehen ihre eigenen Privilegien nicht. Oder
ist es reiner Zufall, dass sich ausgerechnet vor allem Männer über die Genderisierung
aufregen? Dass Männer auch hier mal wieder am lautesten brüllen, am besten Bescheid
wissen, am richtigsten recht haben.
Viele Männer ahnen, dass sich die Gesellschaft ändert. Sie haben wohl Angst davor. Was
75 bleibt dem deutschen Bratwurst-Fetischisten, dem testosterongeladenen Alleskönner, dem
teutonischen Manne 4 noch, wenn aus seiner Männersprache eine egalitäre, gerechte Wir-
Sprache wird, die die Pluralität der Gesellschaft – die blanke Realität – abbildet? Wenn
Frauen und non-binäre Mitbürger*innen nicht nur mitgemeint, sondern explizit angesprochen
80 und damit sichtbar werden? Unsere Sprache wäre damit inklusiver, das sichtbare Privileg
weniger Männer würde sich zum Gemeingut der ganzen Gesellschaft entwickeln. Wer sich
daran stört, wen das nervt, der bleibt ein Ewiggestriger, gefangen im eigenen Ego-Denken.
Ein schlichter Schwarz-Weiß-Film neben dem schillernden Instagram-Stream der modernen
80 Welt. Obendrein wird immer wieder vergessen: Auch das generische Maskulinum ist
Gendern. Nur richtet es sich am Prototypen unserer Welt aus: dem Mann.
Zugegeben: Nicht nur Männer verteidigen das generische Maskulinum, auch Frauen tun es,
85 sogar junge. Erst vor kurzem veröffentlichte der Schriftsteller Nele Pollatschek (Anm. der
Red.: Aus Respekt vor Frau Pollatschek sprechen wir im Maskulinum, weil sie selbst nicht
gegendert werden möchte) einen Bericht im Tagesspiegel, in dem sie sich gegen das
Gendern wehrt. Ihre These: Gendergerechte Sprache sei sexistisch, weil sie immer auf die
90 Kategorie Frau, also den Unterschied zwischen Frau und Mann hinweise und damit den
Gleichheitsanspruch sprachlich unterwandere.
Außerdem, so Pollatscheks kontroverse These: Wenn Frauen immer mitgemeint sein
95 wollten, um die Gleichheit aller Menschen voranzutreiben, müsste man auch auf andere
Identitätskategorien verweisen – etwa auf Schwule, Schwarze, Juden und Jüdinnen.
Pollatschek wendet ein: Das würde die Unterschiede größer machen, anstatt sie zu
nivellieren. Gendern sei also in Wahrheit schädlich und diskriminierend. „Wenn es mich nicht
gerade traurig macht, kann ich einen gewissen Humor darin entdecken, wie besessen
Deutschland von Genitalien ist.“
Ein fadenscheiniges Argument. Nele Pollatschek will schlicht nicht wahrhaben, dass es um
100 Differenzierungen geht. Beim Gendern geht es darum, Vielfalt sichtbar zu machen, weil auch
unsere Gesellschaft nun einmal plural und vielfältig ist. Sprache ist Macht. Wenn sich also
die Machtverhältnisse verändern sollen, muss auch die Sprache sich verändern. Für Nele
Pollatschek und den „Verein Deutscher Sprache“ mag der Gendersternchen kein Bestandteil
105 deutscher Sprache sein. Als Platzhalter, um die tatsächliche Vielfalt unserer Gesellschaft
auszudrücken, eignet er sich allemal.
Auch diese Zeitung schreibt nicht geschlechtergerecht und muss sich die Frage stellen,
inwiefern sie damit unsere Gesellschaft abbildet. Kann man überhaupt eine ganze
110 Tageszeitung mit Gendersternchen schreiben? Ich finde, ja. Wer die Gleichstellung der
Geschlechter will, sollte es zumindest einmal versuchen.
Gar keine Frage: Die Formen der Gender-Sprache sind nicht fehlerfrei und führen nicht
automatisch zu mehr Gerechtigkeit in diesem Land. Doch darf das kein Grund sein, am
Status Quo festzuhalten. Wen sprachliche Genderisierung nervt, der ist eben gerade kein*e
115 Bewahrer*in unseres Kulturgutes, sondern steht ihm und seiner Entwicklung im Weg. Aus
der Sprache der Dichter und Denker soll deshalb gern eine Sprache der Dichter*innen und
Denker*innen werden. Dann käme einem statt Goethe und Schiller vielleicht auch Karoline
115 von Günderrode oder Bettina von Arnim in den Sinn. Am Ende ist es doch so: Sprache
schafft Bedeutung und Ewiggestrige bleiben bedeutungslos. Ja, ganz klar, die Zukunft gehört
dem Gendersternchen.
Beigang, Maxi (12.09.2020): Deutschland muss zum Land der Dichter*innen und Denker*innen werden!
<https://www.berliner-zeitung.de/kultur-vergnuegen/nele-pollatschek-gendern-gendern-macht-die-diskriminierung-nur-noch-schlimmer-lasst-deutschland-zum-land-der-dichterinnen-und-denkerinnen-werden-geschlechtergerechte-sprache-li.104117>. 19.02.2021
Maxi Beigang hat Politikwissenschaft, Germanistik und Journalismus studiert und arbeitet als Übersetzerin und Journalistin.
Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Textquelle.
1 Verein Deutscher Sprache (VDS): Der Verein Deutscher Sprache (ursprünglich Verein zur Wahrung der deutschen Sprache (VWDS)) verfolgt das Ziel, die deutsche Sprache als eigenständige Kultursprache zu erhalten und zu fördern. Zu den Leitlinien zählt unter anderem die Bekämpfung von Anglizismen sowie von Gendersprache, die antidemokratisch sei. Es handelt sich um keine rein fachwissenschaftliche Gruppierung.
2 generisches Maskulinum: Generisches Maskulinum bezeichnet eine in der deutschen Sprache übliche Gebrauchsgewohnheit oder Methode, bei der grammatisch männliche (maskuline) Personen- oder Berufsbezeichnungen, die auch eine weibliche (feminine) Wortform haben, in einem verallgemeinernden, generischen Sinne verwendet werden.
3 Mottenkiste der Geschichte: Phrase, die auf veraltete bzw. unzeitgemäße Argumentation verweist.
4 teutonischer Mann: hier: satirisch für „typischer Deutscher“.
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